Krebserkrankungen können vielfältige neurologische Ausfälle verursachen. Diese können direkt durch den Tumor selbst, durch Metastasen im Gehirn oder durch die Auswirkungen der Krebsbehandlung entstehen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen neurologischer Ausfälle bei Krebs, die typischen Symptome, Diagnoseverfahren und die aktuellen Behandlungsansätze.
Einführung
Das Gehirn ist ein hoch spezialisiertes Organ, das eine Vielzahl von Körperfunktionen steuert, darunter Sinneswahrnehmung, Gedächtnis, Bewegung, Sprache und Emotionen. Erkrankungen, die die Gehirnmasse verändern, wie z. B. Tumore oder Metastasen, können den Druck im Schädelinneren erhöhen und zu neurologischen Ausfällen führen. Jedes Jahr erkranken in Deutschland laut Robert Koch-Institut 7.330 Menschen neu an Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS), das heißt an Tumoren des Gehirns oder des Rückenmarks.
Ursachen neurologischer Ausfälle bei Krebs
Neurologische Ausfälle bei Krebspatienten können verschiedene Ursachen haben:
- Hirnmetastasen: Tochtergeschwülste von Krebserkrankungen anderer Organe, die sich im Gehirn ansiedeln.
- Primäre Hirntumoren: Tumore, die direkt im Gehirn entstehen, wie Gliome, Meningeome oder Neurinome.
- Paraneoplastische Syndrome: Seltene neurologische Störungen, die durch die Immunreaktion des Körpers auf den Tumor verursacht werden.
- Nebenwirkungen der Krebsbehandlung: Chemotherapie, Strahlentherapie oder Operationen können das Nervensystem schädigen und zu neurologischen Ausfällen führen.
Hirnmetastasen
Hirnmetastasen sind die häufigsten Neubildungen im zentralen Nervensystem und treten bei etwa 30 Prozent der Tumoren im Gehirn auf. Sie entstehen, wenn sich Krebszellen von einem Primärtumor in einem anderen Organ lösen und über die Blutgefäße oder Lymphbahnen ins Gehirn gelangen. Dort können sie sich festsetzen und zu Tochtergeschwülsten heranwachsen.
Besonders häufig kommen Hirnmetastasen bei folgenden Krebsarten vor:
- Lungenkrebs (Bronchialkarzinom): Lungenkrebs ist für 40 bis 60 Prozent aller Hirnmetastasen verantwortlich. Bei Patientinnen und Patienten mit Lungenkrebs, bei denen beispielsweise eine ALK- oder ROS1-Mutation vorliegt, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Hirnmetastasen.
- Brustkrebs (Mammakarzinom): Brustkrebs ist für 15 bis 20 Prozent aller Hirnmetastasen verantwortlich. Bei Brustkrebs konnten Forschende einen Zusammenhang zwischen bestimmten Eigenschaften des Primärtumors und Hirnmetastasen herstellen. Ist der ursprüngliche Tumor Hormonrezeptor-negativ, HER2-positiv oder triple-negativ (TNBC), steigt das Risiko für Hirnmetastasen.
- Schwarzer Hautkrebs (malignes Melanom)
- Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs)
- Bösartige Tumoren im Verdauungstrakt
- Bösartige Tumoren im Harntrakt
Warum sich einige Krebsarten im Gehirn ausbreiten und andere nicht, ist bisher noch nicht vollständig erforscht. Bestimmte Genmutationen, die zu einem aggressiven Tumorwachstum führen, erhöhen auch das Risiko für Hirnmetastasen.
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Primäre Hirntumoren
Primäre Hirntumoren entstehen direkt im Gehirn und können von verschiedenen Zelltypen ausgehen. Die häufigsten primären Hirntumoren sind Gliome, die sich von den Gliazellen ableiten.
Zu den verschiedenen Arten von Gliomen gehören:
- Astrozytome: Entstehen aus den sternförmigen Stützzellen des Gehirns (Astrozyten).
- Oligodendrogliome: Entstehen aus den Stützzellen, welche die Markscheiden bilden (Oligodendrozyten).
- Ependymome: Entwickeln sich aus der Wand der Gehirnkammern.
Weitere primäre Hirntumoren sind:
- Meningeome: Entwickeln sich aus Zellen der Hirnhäute.
- Neurinome: Bilden sich aus den die markscheidenbildenden Schwann-Zellen der Hirn- und Rückenmarknerven.
- Lymphome des Gehirns: Tumoren aus Lymphzellen, die an der körpereigenen Abwehr beteiligt sind.
- Hypophysenadenome: Entstehen im Bereich der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und können sich gegen den Sehnerv sowie Anteile der Gehirnbasis ausdehnen.
Paraneoplastische Syndrome
Paraneoplastische Syndrome sind seltene neurologische Störungen, die durch die Immunreaktion des Körpers auf den Tumor verursacht werden. Dabei produziert der Tumor Eiweiße, die normalerweise nur im Nervensystem vorkommen. Durch die normale Immunreaktion gegen Tumorgewebe kommt es zur Bildung von zytotoxischen Immunzellen sowie Autoantikörpern. Diese greifen nicht nur den Tumor an, sondern reagieren auch gegen das natürlich im Nervensystem vorkommende Eiweiß und können dadurch Nervenzellen zerstören.
Typische paraneoplastische Syndrome sind:
- Limbische Enzephalitis: Führt zu Störungen des Gedächtnisses, Konzentration und Wesensänderungen, häufig auch zu psychiatrischen Auffälligkeiten und epileptischen Anfällen.
- Paraneoplastische Kleinhirndegeneration: Stehen Ataxie, Gangstörungen und Veränderungen der Augenbeweglichkeit im Vordergrund.
- Subakute sensorische Neuronopathie: Dominiert ein Ausfall des Lagesinns mit schwerer Beeinträchtigung von Gehfähigkeit und Motorik.
Ursächlich sind verschiedene Tumoren, vor allem Bronchialkarzinom, Mammakarzinom, Lymphome oder Keimzelltumoren.
Nebenwirkungen der Krebsbehandlung
Chemotherapie, Strahlentherapie und Operationen können das Nervensystem schädigen und zu neurologischen Ausfällen führen.
Chemotherapie: Einige Chemotherapeutika können Nervenzellen schädigen und zu einer Polyneuropathie führen. Besonders Nerven an Händen sowie Füßen, die für das Tastempfinden, die Schmerzweiterleitung und das Temperaturempfinden zuständig sind, sind von der nervenschädigenden Wirkung der Krebstherapien betroffen. Verantwortlich für Symptome wie Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche oder Schmerzen in den Fußsohlen oder Fingerspitzen sind meist Chemotherapie-Medikamente. Diese zerstören Nervenenden, Nervenzellen oder auch die isolierende Hülle um die Nervenzellfortsätze herum und behindern den Stoff- und Informationsaustausch zwischen Nervenzellen und Gewebe.
Strahlentherapie: Die Strahlentherapie kann das Gehirn schädigen und zu kognitiven Beeinträchtigungen, Müdigkeit und anderen neurologischen Problemen führen.
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Operationen: Operationen im Gehirn oder Rückenmark können Nervenbahnen verletzen und zu neurologischen Ausfällen führen.
Symptome neurologischer Ausfälle bei Krebs
Die Symptome neurologischer Ausfälle bei Krebs sind vielfältig und hängen von der Ursache, der Lage und der Größe des Tumors oder der Metastasen ab.
Typische Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Treten typischerweise während der Nacht oder in den frühen Morgenstunden auf und bessern sich zunächst im Lauf des Tages.
- Neurologische Funktionsstörungen: Wie Lähmungen von Armen oder Beinen, Gefühlsstörungen, Sprachstörungen oder Veränderungen beim Sehen, Riechen, Hören oder beim Tasten.
- Kognitive Störungen: Wie Erinnerungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen oder Persönlichkeitsveränderungen.
- Epileptische Anfälle: Können fokale oder generalisierte Anfälle sein und sich durch unwillkürliche Zuckungen von Armen, Beinen oder einer ganzen Körperhälfte äußern.
- Hirndruckzeichen: Wie Übelkeit, Erbrechen oder Bewusstseinsstörungen.
- Müdigkeit: Kann bis hin zu Bewusstseinsstörungen führen.
Bei einer Meningeosis carcinomatosa können die Liquorwege verstopfen, was den Hirndruck erhöht.## Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome von Hirnmetastasen oft unspezifisch sind und auch andere Ursachen haben können. Bei neu auftretenden oder sich verschlimmernden neurologischen Symptomen sollte daher immer ein Arzt aufgesucht werden.
Diagnose neurologischer Ausfälle bei Krebs
Die Diagnose neurologischer Ausfälle bei Krebs umfasst in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Untersuchungen:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine neurologische Untersuchung durch, um neurologische Defizite festzustellen.
- Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) sind die wichtigsten bildgebenden Verfahren zur Diagnose von Hirntumoren und Hirnmetastasen.
- Liquoruntersuchung: Bei einigen Hirntumoren (etwa dem Medulloblastom) können sich Tumorzellen ablösen und über den Liquorraum im Rückenmarkkanal verteilen. Bei der Liquorpunktion oder Lumbalpunktion wird im Bereich der Lendenwirbelsäule der Rückenmarkkanal punktiert, um Nervenwasser zu entnehmen und auf Tumorzellen zu untersuchen.
- Biopsie: Eine Gewebeprobe des Tumors wird entnommen und unter dem Mikroskop untersucht, um die Art des Tumors zu bestimmen.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, andere Ursachen für die neurologischen Ausfälle auszuschließen und Tumormarker zu bestimmen.
Zusätzliche Blut- und Hirnwasseruntersuchungen geben Aufschluss über bestimmte Substanzen, die Tumorzellen absondern (Tumormarker).## Außerdem führt der Arzt sogenannte molekularpathologische Untersuchungen durch, über die sich detaillierte Aussagen darüber treffen lassen, was genau im Inneren der Zellen gestört ist. Diese Untersuchungen sind sehr hilfreich, um eine Prognose zu stellen und den Behandlungsplan möglichst optimal darauf auszurichten.
Behandlung neurologischer Ausfälle bei Krebs
Die Behandlung neurologischer Ausfälle bei Krebs hängt von der Ursache, der Art des Tumors, dem Ausmaß der Erkrankung und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten ab.
Die wichtigsten Behandlungsansätze sind:
- Operation: Hirntumoren und Hirnmetastasen können operativ entfernt werden, um den Druck im Schädelinneren zu verringern und neurologische Ausfälle zu verbessern.
- Strahlentherapie: Die Strahlentherapie kann eingesetzt werden, um Tumorzellen abzutöten und das Wachstum von Tumoren und Metastasen zu verlangsamen.
- Chemotherapie: Die Chemotherapie kann eingesetzt werden, um Tumorzellen im ganzen Körper zu bekämpfen.
- Zielgerichtete Therapien: Zielgerichtete Therapien sind Medikamente, die spezifische Moleküle in Tumorzellen angreifen und deren Wachstum hemmen.
- Immuntherapie: Die Immuntherapie aktiviert das Immunsystem des Körpers, um Tumorzellen zu bekämpfen.
- Symptomatische Behandlung: Medikamente und andere Maßnahmen können eingesetzt werden, um die Symptome neurologischer Ausfälle zu lindern, wie z. B. Schmerzen, Übelkeit oder epileptische Anfälle.
Überwindung der Blut-Hirn-Schranke
Ein spezieller Schutzmechanismus unseres Gehirns erschwert die Behandlung von Hirnmetastasen: die Blut-Hirn-Schranke (BHS). Die BHS ist eine dicht gepackte Zellschicht, die das Gehirn vor schädlichen Substanzen schützt. Allerdings verhindert die BHS auch, dass viele Krebsmedikamente ins Gehirn gelangen und Hirnmetastasen effektiv behandeln können.
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Intensive Forschung zur Überwindung der Blut-Hirn-Schranke
Therapien, die diese Barrieren überwinden und im ZNS ihre Wirkung entfalten können, werden intensiv erforscht. Bereits heute gibt es Wirkstoffe, mit denen einerseits der Primärtumor gut behandelt werden kann, die aber andererseits auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden und effektiv gegen Metastasen im Zentralen Nervensystem wirken können. Dank der Fortschritte in der Entwicklung von zielgerichteten Therapien ist es mittlerweile auch möglich, Hirnmetastasen medikamentös zu behandeln und nicht nur per Operation oder Bestrahlung. Zielgerichtete Therapien, Immuntherapien und Antihormontherapien konnten in Studien das Überleben von bestimmten Patientengruppen deutlich verlängern. Zudem forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv an der Entwicklung neuer Krebsmedikamente, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Und bereits heute gibt es Wirkstoffe, die z. B. effektiv Lungenkrebs und gleichzeitig Hirnmetastasen behandeln können. Weitere Mechanismen zur Überwindung der BHS sind in der Erforschung, beispielsweise das Verpacken von Wirkstoffen in sogenannten Nanopartikeln.
Behandlung der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN)
Die Behandlung von geschädigten peripheren Nerven infolge einer Krebstherapie ist momentan nur bedingt möglich. Ob eine medikamentöse Behandlung möglich ist, hängt davon ab, welche Beschwerden bei den Betroffenen im Vordergrund stehen. Krebspatient*innen mit Taubheitsgefühlen an Füßen und Händen können mithilfe von Physiotherapie, Ergotherapie und Elektrotherapie oder Bädern behandelt werden. Besonders wichtig ist ausreichende Bewegung, wobei das Gewebe wird unterschiedlichen Reizen ausgesetzt wird, sodass sich die Nervenfunktion in den Gliedern erholen kann. Das so genannte Funktionstraining, welches Balanceübungen, sensomotorisches Training, Koordinationstraining, Vibrationstraining und auch Feinmotorikertraining umfasst, hat sich Studien zwecks Symptomlinderung positiv hervorgetan. Medikamente, die zur Behandlung von Chemotherapie-bedingten neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden sind u.
Weitere Maßnahmen:
- Kälte vermeiden: Patient*innen, die Probleme mit Kältereizen haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten, ohne sich entsprechend zu schützen.
- Für einen guten Stand sorgen: Um sich sicher fortzubewegen, sollten Vorkehrungen wie festes Schuhwerk oder eine Gehhilfe getroffen werden.
- Verletzungen und Infektionen vorbeugen: Verletzungen, wie Schnittwunden oder Verbrennungen an Händen und Füßen werden später oder gar nicht wahrgenommen, wenn das Empfinden an diesen Stellen stark eingeschränkt ist.
- Ohrgeräusche minimieren: Wer bei lauten Geräuschen an Tinnitus leidet, sollte laute Umgebungen meiden.
Prognose neurologischer Ausfälle bei Krebs
Die Prognose neurologischer Ausfälle bei Krebs hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache, die Art des Tumors, das Ausmaß der Erkrankung, der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten und die Wirksamkeit der Behandlung.
Generell gilt: Je früher Hirnmetastasen diagnostiziert werden und je besser der Gesundheitszustand des Betroffenen ist, desto besser ist die Prognose. Bei multiplen Hirnmetastasen ist die Prognose in der Regel schlechter als bei einer einzelnen Tochtergeschwulst.
Insgesamt beträgt die Lebenserwartung bei Patienten mit Hirnmetastasen nur drei bis sechs Monate. Etwa zehn Prozent der Betroffenen überleben die ersten zwölf Monate nach der Diagnose, nur einzelne Patienten leben noch mehrere Jahre mit ihrer Erkrankung. Bei einer Meningeosis carcinomatosa ist die Prognose noch schlechter.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Prognose von Patient zu Patient unterschiedlich ist und von vielen Faktoren abhängt.
Vorbeugung neurologischer Ausfälle bei Krebs
Der Entstehung von Hirnmetastasen lässt sich kaum bis gar nicht vorbeugen. In einigen Fällen, in denen noch keine Hirnmetastasen festzustellen sind, empfehlen Ärzte, vorbeugend den Kopf zu bestrahlen. Grundsätzlich hilft eine gesunde Lebensweise, das Risiko für eine Krebserkrankung zu senken.
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