Kritische Betrachtung von Gehirnschmerzen: Ursachen, Fehldiagnosen und Lösungsansätze

Schmerzen sind ein komplexes Phänomen, das weit mehr als nur eine körperliche Ursache hat. Oftmals spielen psychische und soziale Faktoren eine entscheidende Rolle, insbesondere bei chronischen Schmerzen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen von Gehirnschmerzen, geht auf das Problem des "Medical Gaslighting" ein, bei dem Symptome von Ärzten nicht ernst genommen werden, und zeigt Lösungsansätze zur Schmerzbewältigung auf.

Medical Gaslighting: Wenn Ärzte Symptome ignorieren

Ein wachsendes Problem im Gesundheitswesen ist das sogenannte "Medical Gaslighting". Hierbei werden die Symptome von Patienten von Ärzten als eingebildet, übertrieben oder hysterisch abgetan. Dies führt dazu, dass eine professionelle Diagnose ausbleibt und Betroffene unnötig leiden. Symptome wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder neurologische Beschwerden werden nicht ernst genommen und stattdessen auf Stress oder psychosomatische Ursachen zurückgeführt.

Die Patientin Ira S. erlebte dies am eigenen Leib. Über zwei Jahre suchte sie nach der richtigen Diagnose, litt unter Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung und Müdigkeit. Ein HNO-Arzt wies ihren Schwindel mit den Worten zurück: "Ihnen kann nicht schwindlig sein!" Erst nach unzähligen Arztbesuchen fand sie eine Rheumatologin, die ihre Beschwerden ernst nahm und schließlich Morbus Lupus diagnostizierte, eine chronische Autoimmunerkrankung.

Studien zeigen, dass Frauen häufiger von Medical Gaslighting betroffen sind als Männer. Ihre Symptome werden schneller als psychosomatisch abgetan, was zu einer längeren Wartezeit auf die richtige Diagnose führt. Dies trägt zum sogenannten "Gender-Health-Gap" bei, der Ungleichbehandlung von Frauen im Gesundheitssystem. Beispiele hierfür sind unerkannt bleibende Endometriose bei zyklischen Unterleibsschmerzen oder die Benachteiligung von Frauen bei der Diagnose und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da sie andere Symptome als Männer zeigen.

Ursachen für Medical Gaslighting

Ein Grund für Medical Gaslighting könnte in der unterschiedlichen Kommunikation der Geschlechter liegen. Frauen und Männer schildern Beschwerden unterschiedlich. Zudem mangelt es in der deutschen Sprache an differenzierten Begriffen für Schmerzen. Frauen empfinden beispielsweise einen starken Druck möglicherweise nicht als Schmerz, weshalb eine differenzierte Anamnese (Austausch über Krankengeschichte und Lebensumstände) entscheidend ist, um die Beschwerdesymptomatik der Patientin zu verstehen.

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Veränderungen im Gehirn bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen, wie sie beispielsweise bei Fibromyalgie auftreten, können zu Veränderungen im Gehirn führen. Eine Studie der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum konnte anhand von Kernspindaten belegen, dass die Gehirnbereiche, die mit der Verarbeitung und emotionalen Bewertung von Schmerz zu tun haben, bei Patientinnen verändert sind. Dies betrifft sowohl das Volumen der grauen Substanz (Nervenzellen) als auch der weißen Substanz (Faserverbindungen zwischen den Nervenzellen).

Veränderungen in der grauen Substanz

Die Forscher fanden eine Verringerung der grauen Substanz in Regionen des Schmerznetzwerks, die für die Hemmung von Schmerz zuständig sind. Dies deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, Schmerzen zu unterdrücken, bei Patientinnen mit Fibromyalgie beeinträchtigt ist.

Veränderungen in der weißen Substanz

Im Thalamus, einem wichtigen Knotenpunkt der neuronalen Schmerzverarbeitung, wurden Veränderungen in der weißen Substanz gefunden. Diese Abweichungen weisen auf eine veränderte Reizleitung von Schmerzsignalen bei Fibromyalgie hin.

Zusammenhang mit Wahrnehmung und Verhalten

Die Forscher stellten fest, dass das Volumen einer Reihe relevanter Gehirnregionen geringer ist, je stärker die Patientinnen ihre Schmerzen wahrnehmen. Zudem korrelierte das Volumen der Gehirnregion des Putamens negativ mit der Ausprägung depressiver Symptome und positiv mit dem Aktivitätsniveau der Teilnehmerinnen. Dies zeigt, dass Depressionen und Inaktivität mit Veränderungen im Gehirnvolumen zusammenhängen können.

Reversibilität der Veränderungen

Die gute Nachricht ist, dass die Forscher davon ausgehen, dass die Veränderungen im Gehirn nicht endgültig sind, sondern sich beeinflussen lassen, also reversibel sein könnten, zum Beispiel durch eine aktive Alltagsgestaltung.

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Die Komplexität der Schmerzwahrnehmung

Schmerz ist eine subjektive Erfahrung, die nicht immer mit der Schwere der Ursache korreliert. Die Erforschung von Schmerzen am Menschen ist daher komplex und hat ihre Grenzen. Forschung an Zellen und Tieren kann zwar molekulare Mechanismen aufdecken, aber nicht das subjektive Empfinden ergründen.

Klinische und Laborforschung

Klinische und Laborforschung sind eng miteinander verzahnt. Beobachtungen aus der Klinik führen zur Überprüfung von Hypothesen im Labor. Von dort geht es zurück in die Klinik, um die Bedeutung der Laborergebnisse für das Schmerzempfinden zu untersuchen.

Gelernter Schmerz

Eine wichtige Erkenntnis aus der Klinik ist, dass der Chronifizierung von Schmerzen Lernprozesse zugrunde liegen. Wer eine Schmerztablette einnimmt, bekämpft damit meist nur das Schmerzempfinden, nicht die Schmerzursache. Der Körper lernt, dass das Medikament die Beschwerden lindert, und nimmt es weiter. Aber die Ursache verschwindet nicht, nur weil man sie nicht mehr spürt. Also reagiert das System plastisch und passt die Signalstärke an. Der Schmerz wird stärker. Wird seine Wahrnehmung weiterhin ausgestellt, können die ursächlichen Prozesse ungestört ihr Werk tun und über einen Zeitraum von mehreren Wochen die Schmerzschwelle dauerhaft verstellen. Dann ist aus dem akuten Schmerz ein chronischer geworden.

Emotionale Komponente

Schmerz ist mehr als nur Sinnesempfindung. Damit der Organismus das Warnsignal garantiert nicht überhört, ist es an eine (negative) Emotion gekoppelt. Durch die emotionale Komponente wird aus der Sinnesempfindung ein unüberhörbares Warnsignal. Allerdings stellt diese Subjektivität Forscher vor ein weiteres Problem: Der Gemütszustand beeinflusst nicht nur kurzfristig unsere Schmerzwahrnehmung, sondern kann sie auch langfristig verändern.

Neue Therapieansätze

Die Erkenntnis, dass der Chronifizierung von Schmerzen Lernprozesse zugrunde liegen, hat zu neuen Behandlungen geführt, wie der Verhaltenstherapie für chronische Schmerzpatienten. Neue Ansätze nutzen virtuelle Realität und Neurofeedback, um durch einen Umlernprozess chronische Schmerzen zu behandeln.

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Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie zielt darauf ab, symptomverstärkende Verhaltensmuster zu verändern. Der Fokus der Patienten wird vom Schmerz weggeführt und der Teufelskreis aus Schmerz, Angst davor und Gedanken daran wird durchbrochen.

Virtuelle Realität und Neurofeedback

Virtuelle Verfahren oder Neuro-Feedback-Methoden können ebenfalls effektiv sein. Diese Verfahren benötigen jedoch eine relativ aufwändige Ausrüstung und vor allem darin geschultes Personal, weshalb sie noch keine breite Anwendung finden.

Chronischer Schmerz als eigenständige Erkrankung

Chronischer Schmerz ist nicht einfach nur ein Symptom einer anderen Erkrankung, sondern eine eigenständige Erkrankung. Die alleinige Suche nach der ursprünglichen Ursache bleibt daher oft erfolglos. Die Behandlung muss sich deshalb auch auf die Bedingungen der Schmerzkrankheit beziehen. Die oft vielfältigen Faktoren, die diese unterhalten, müssen aufgedeckt und fachübergreifend gezielt behandelt werden. Der Schmerz wird dabei nicht einfach betäubt oder überdeckt, es sollen ihm die Grundlagen entzogen werden.

Multimodale Schmerztherapie

Die multimodale Schmerztherapie ist ein integrativer Ansatz, der verschiedene Fachdisziplinen einbezieht. In der Klinik für Schmerztherapie des Klinikums Dortmund arbeiten beispielsweise Fachärzte für Anästhesie und Schmerzmedizin, Krankengymnastinnen, Ergotherapeutinnen, Krankenpfleger und -schwestern sowie Psychologen in einem Team mit dem Patienten zusammen an individuellen Lösungen zur Schmerzreduktion.

Was Patienten tun können

Patienten können selbst aktiv zur Schmerzbewältigung beitragen. Expertinnen wie Prof. Dr. Ute Seeland und Betroffene wie Ira S. empfehlen ein selbstbewusstes und vorbereitetes Auftreten im Gesundheitssystem.

Dokumentation von Symptomen

Es ist hilfreich, die Häufigkeit von Symptomen zu dokumentieren: Zu welchen Tageszeiten und in welchen Situationen treten Symptome auf?

Akzeptanz und Achtsamkeit

Ein erster wichtiger Schritt ist, dass der Patient die Existenz des Schmerzes akzeptiert und nicht krampfhaft dagegen ankämpft. Akzeptieren bedeutet jedoch nicht resignieren. Es geht mehr darum, achtsam mit sich und dem Schmerz umzugehen, seine Lebensziele dem Schmerz gegebenenfalls anzupassen und diese engagiert zu verfolgen.

Aufmerksamkeit lenken

Eine Lenkung der Aufmerksamkeit auf andere Sinnesempfindungen als Schmerz, die (Wieder)Aufnahme insbesondere sozialer, genussfördernder und sportlicher Aktivitäten, eine Veränderung schmerzverstärkender Gedanken sowie gezielte Entspannungstherapien sind Strategien, diese „Schmerzroutinen" zu unterbrechen.

Bewegung und Sport

Schmerzmediziner raten ihren Patientinnen und Patienten, sich so viel wie möglich zu bewegen. Krankengymnastik, aber auch moderater Ausdauersport wie Walking oder Fahrradfahren helfen, schmerzverstärkende Schonhaltungen auszugleichen. Zudem ist es besser, dem Schmerz Paroli zu bieten, als sich ihm ganz und gar auszuliefern.

Psychologische Unterstützung

Eine psychologische Schmerztherapie kann helfen, aus den Routinen des Schmerzempfindens auszubrechen und dem Gehirn beizubringen, dass dieser Schmerz keine Warnfunktion mehr hat.

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