Kunsttherapie bei Parkinson: Eine kreative Strategie zur Verbesserung der Lebensqualität

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch ein Defizit des Neurotransmitters Dopamin verursacht wird. Die Erkrankung führt zu Steifheit und Muskelzittern und beeinträchtigt Gang, Sprache und Gesichtsmimik. Die Koordination von Bewegungen ist gestört. Kunsttherapie bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Linderung der Symptome und zur Verbesserung der Lebensqualität von Parkinson-Patienten.

Was ist Kunsttherapie?

In der Kunsttherapie wird die Kunst als Hilfsmittel und Übermittler eingesetzt. Das rationale Denken wird durch die kreative gestalterische Tätigkeit in den Hintergrund verschoben, Blockaden gelöst und Gefühle offengelegt. Kunsttherapie ist insbesondere gut für Menschen, die sprachlich nicht alles in Worte fassen können oder möchten. Über die Kunst können Stimmungen und Gefühle ausgedrückt werden.

Die Rolle des Unterbewusstseins

In unserem Unterbewusstsein sind ganz viele Empfindungen und Gefühle. Dort haben wir meist alles nötige Wissen, um schwierige Aufgaben in unserem Leben zu bewältigen. Oft sind wir aber durch unsere Ängste und Sorgen blockiert. Durch unsere Bilder und Collagen können wir gut an unsere Blockaden und auch an unsere Ressourcen herankommen. Durch das Erleben im Gestalten ist das rationale Denken in den Hintergrund gerückt und wir kommen besser an das eigentliche Gefühl heran. Wir entdecken Gefühle, die wir sofort abwimmeln würden. Im Gestalten lassen wir mehr zu als mit dem Verstand. Es passiert einfach. Dies kann durch gezielte Fragen (der Therapeutin) unterstützt werden.

Wie Kunst das Gehirn beeinflusst

Visuelle Verarbeitung und Neuroästhetik

Unser visuelles System spielt eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung und Bewertung von Kunst. Etwa 80 % der Sinneseindrücke eines Menschen basieren auf visuellen Reizen, und unser Gehirn hat mehr Bereiche für die Verarbeitung visueller Informationen vorgesehen als für andere Sinne. Der visuelle Kortex, der sich im Okzipitallappen befindet, ist für die Verarbeitung dieser Informationen verantwortlich. Die Wahrnehmung eines Kunstwerks beginnt mit der Aufnahme von Licht durch das Auge, das dann durch den Sehnerv an den visuellen Kortex weitergeleitet wird.

Mithilfe moderner bildgebender Verfahren untersucht das Forschungsfeld der Neuroästhetik, wie das Gehirn auf ästhetische Erlebnisse und das Erschaffen von „Schönheit“ reagiert. Dieses Fachgebiet nutzt das Konzept der ästhetischen Triade, das aus drei neuronalen Systemen besteht. Das sensorisch-motorische System wird aktiviert, wenn wir etwas betrachten oder Bewegung in Bildern sehen. Das Emotions-Bewertungssystem entscheidet, ob wir die ästhetische Erfahrung als angenehm empfinden, während das Bedeutungs-Wissens-System unsere aktuelle Erfahrung mit früherem Wissen und Erlebnissen verknüpft.

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Emotionale und kognitive Reaktionen

Wenn wir Kunst auf uns Wirken lassen, kann dies starke emotionale Reaktionen hervorrufen, die durch die Aktivierung des limbischen Systems, einschließlich der Amygdala und des Hippocampus, vermittelt werden. Diese Hirnregionen sind für die Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen zuständig. Studien haben gezeigt, dass das Betrachten von Kunstwerken ähnliche Hirnregionen aktiviert wie das Erleben von realen Emotionen, was die tiefe Verbindung zwischen Kunst und emotionaler Erfahrung unterstreicht.

Und auch selbst künstlerisch tätig zu werden erfordert wiederum eine hohe Beteiligung verschiedener kognitiver Prozesse. Beim Malen oder Zeichnen muss der Künstler verschiedene Möglichkeiten visualisieren, Informationen aus visuellen und emotionalen Bereichen integrieren und diese Informationen in das Werk einfließen lassen. Diese Prozesse fordern und fördern die exekutiven Funktionen des Gehirns, die für die Planung, Entscheidungsfindung und Selbstüberwachung zuständig sind.

Synaptische Plastizität und Kreativität

Obwohl das menschliche Gehirn nach der frühen Kindheit nur in wenigen Hirnregionen neue Neuronen bildet, bleibt es durch Neuroplastizität bemerkenswert anpassungsfähig. Neuroplastizität beschreibt, wie sich Verbindungen zwischen Neuronen durch Aktivität und Erfahrung verändern. Diese Fähigkeit ist entscheidend für unser Lernen, Gedächtnis und die Heilung nach Verletzungen. Ein Aspekt dessen ist die synaptische Plastizität. Sie beschreibt die Veränderung der Stärke von Synapsen, die durch wiederholte Nutzung verstärkt oder durch Inaktivität geschwächt werden. Diese dynamische Anpassungsfähigkeit ist grundlegend für die kontinuierliche Anpassung unseres Gehirns. Kreative Aktivitäten fördern neue, gesunde neuronale Verbindungen und beeinflussen das Gehirn so positiv.

Wiederholte Aktivitäten formen und festigen die neuronalen Netzwerke. Kunsttherapie nutzt diese Prinzipien, um psychologische Veränderungen zu fördern. Der Ansatz der Art Therapy Relational Neuroscience (ATR-N) integriert diese neuronale Wissen mit der Praxis der Kunsttherapie und zielt darauf ab, negative zwischenmenschliche Verbindungen durch positive zu ersetzen.

Kunsttherapie bei Parkinson: Spezifische Vorteile

Jede Form der künstlerischen Beschäftigung ist bei der Parkinsonkrankheit förderlich. Ich arbeite beim Malen und Plastizieren mit Parkinson Patienten mit starken Form- und Fließelementen, die sich auf die Bewegungsfähigkeit positiv auswirken. Das Bewegungszeichnen bietet viele Übungen, die das Gleichgewichtsempfinden schulen.

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Verbesserung der Motorik und Feinmotorik

Die Parkinsonsche Erkrankung, von der in Deutschland etwa 400.000 Menschen betroffen sind, führt zu Beeinträchtigungen des Bewegungsvermögens, vor allem der Feinmotorik. Kunsttherapie ist eine besondere Form der Ergotherapie, die die Betroffenen anleitet und ermuntert, ihr Bewegungsvermögen durch künstlerischen Ausdruck zurückzuerobern. Wir erleben bei den Patienten nicht nur eine Besserung der Feinmotorik, sondern auch eine Zunahme des Selbstbewusstseins: Manchmal gelingt es auch, einen Weg für zu Hause aufzuzeigen, der zur Bewältigung der Erkrankung beiträgt.

Förderung der Wahrnehmung und Sinne

Das Ziel der Kunsttherapie ist, durch kreative Schaffensprozesse die Wahrnehmung und Sinne zu schulen. Kunsttherapie kann die visuell-perzeptiven Fähigkeiten und die Augenbewegungen der Patienten verbessern, was auf eine erhöhte funktionelle Konnektivität im Gehirn hinweist.

Schulung der Grob- und Feinmotorik

Durch die Arbeit mit verschiedenen Materialien wie Farben, Ton oder Holz können Parkinson-Patienten ihre Grob- und Feinmotorik verbessern. Das Malen und Zeichnen fördert die Hand-Augen-Koordination und die Muskelkontrolle.

Kommunikation und Reflexion

Kunsttherapie bietet einen Rahmen für Kommunikation und Reflexion. Patienten können ihre Gefühle und Gedanken durch ihre Kunstwerke ausdrücken und diese mit dem Therapeuten und anderen Patienten teilen.

Eröffnung von Ressourcen

Kunsttherapie hilft, Ressourcen zu eröffnen, die im Alltag oft verborgen bleiben. Patienten entdecken neue Fähigkeiten und Stärken, die ihnen helfen, mit der Krankheit umzugehen.

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Erfahrungen aus dem Helios Klinikum Bad Saarow

Seit Januar 2022 arbeitet Kunsttherapeutin Anja Laux immer samstags mit den stationären Parkinsonpatient:innen im Bad Saarower Klinikum. Bei der Kunsttherapie im Rahmen der Parkinsonkomplexbehandlung stellt Anja Laux den Patient:innen verschiedene Gestaltungsmaterialien zur Verfügung, welche individuell ausgewählt werden können. Um sich auf sich selbst fokussieren zu können, beginnt jede Therapieeinheit mit einer kurzen Aufwärm- oder Einfühlübung. Daran schließt sich dann das Gestalten.

Ingeborg Flögel aus Groß Köris und Kathleen Lieske aus Spreenhagen sind zum sechsten Mal zur Parkinsonkomplexbehandlung im Helios Klinikum Bad Saarow. Beide Frauen sind vom Angebot der Kunsttherapie begeistert. „Die Therapie hilft mir sehr, an meinem Schriftbild zu arbeiten und es zu verbessern“, sagt Kathleen Lieske, deren Finger durch die Erkrankung oft sehr steif sind. Frau Flögel berichtet, dass sie durch das Malen ruhiger und entspannter wird.

Ansätze der neurologischen Kunsttherapie

Die Formen der neurologischen Kunsttherapie werden in der Regel von speziell ausgebildeten Kunsttherapeuten durchgeführt, die Ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten berücksichtigen und Sie in Ihrem künstlerischen Prozess unterstützen. Der genaue Ansatz und die gewählten Methoden variieren je nach Krankheitsbild, individuellen Zielen und Ihrer allgemeinen Situation.

Maltherapie

Malen wird angewendet, um den Ausdruck von Emotionen zu fördern und die kreative Selbstentfaltung zu unterstützen. Dabei können verschiedene Materialien wie Pinsel, Farben und Papier verwendet werden.

Musiktherapie

Durch das Spielen von Musikinstrumenten oder das Hören und Reflektieren von Musik werden verschiedene kognitive, motorische und emotionale Funktionen stimuliert. Die Musiktherapie kann auch dazu beitragen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern.

Tanz- und Bewegungstherapie

Diese Form der neurologischen Kunsttherapie beinhaltet Bewegungsübungen, die speziell auf Ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Sie kann dazu beitragen, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und das Körperbewusstsein zu stärken.

Dramatherapie

Durch Rollenspiele, Improvisation und andere theaterbasierte Techniken können Sie Ihre Emotionen ausdrücken und Ihre sozialen Fähigkeiten verbessern. Die Dramatherapie wird auch zur Förderung der Kommunikation und zur Bewältigung von Ängsten eingesetzt.

Bildhauerei und Plastizieren

Das Arbeiten mit verschiedenen Materialien wie Ton oder Holz kann dazu beitragen, die Feinmotorik und die Handgeschicklichkeit zu verbessern.

Die Rolle von Bildern in der Wahrnehmung von Krankheit

Wenn wir über eine Krankheit wie „Morbus Parkinson“ sprechen, wählen wir einen Begriff, der diese spezifische Krankheit adressiert und verschiedene Symptome nach einem Klassifikationssystem zu einem Krankheitsbild zusammenfasst. Das ist das, was der Arzt James Parkinson vor gut 200 Jahren in seinem berühmten Aufsatz über die sog. Schüttellähmung unter dem Titel „An Essay on the Shaking Palsy“ gemacht hat: Er hat verschiedene Symptome wie den Tremor, die Muskelsteifheit oder den gebeugten Gang in dem Begriff Schüttellähmung zusammengeführt und nicht mehr als getrennte Phänomene verstanden. Er hat sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild gemacht aufgrund von 6 Einzelfällen, die er beschrieb - dabei handelte es sich in 3 Fällen um eigene Patient*innen, 3 weitere hatte er mehr oder minder nur aus der Ferne wahrgenommen.

In der Kunsttherapie werden in der Regel wahrscheinlich keine MRT-Aufnahmen als Zeichenvorlagen verwendet - aber wir können uns, wenn wir uns künstlerisch mit Bildern beschäftigen, Bilder herstellen oder Bilder, denen wir ausgesetzt sind, dekonstruieren. Damit tritt das in der Vordergrund, was gewöhnlich in Form von Normen, Glaubenssätzen oder Wertvorstellungen im Hintergrund diagnostischer Einschätzungen verbleibt. In der Kunst ist es genau anders herum: das, was wir ausdrücken, vermittelt nicht nur eine Tatsache, der wir dann ausgeliefert sind, sondern es erzählt eine Geschichte über sie. Während wir dem Leiden, dass mit einer Krankheit einhergehen kann, mehr oder weniger ausgeliefert sein können, machen wir es in der Kunst zu unserem Gegenstand und betten es ein in unsere Vorstellungen von der Welt.

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