Liquor Carbonis Detergens Anwendung: Ein umfassender Überblick

Steinkohlenteer und seine Derivate, insbesondere Liquor Carbonis Detergens (LCD), sind seit langem etablierte Bestandteile in der Behandlung verschiedener Hauterkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Liquor Carbonis Detergens, seine Eigenschaften, Wirkungsweise und die damit verbundenen Aspekte der Rezepturherstellung und Sicherheit.

Was ist Liquor Carbonis Detergens?

Steinkohlenteer ist ein komplexes Stoffgemisch, das bei der Verarbeitung von Steinkohle gewonnen wird. Steinkohlenteer DAC, auch Pix Lithanthracis genannt, präsentiert sich als eine zähflüssige, schwarz-braune Masse. Liquor Carbonis Detergens (LCD) ist eine Steinkohlenteerlösung, also ein Steinkohlenteerextrakt, der Tenside enthält und somit oberflächenaktiv ist.

Eigenschaften und Wirkungsweise

Steinkohlenteer und seine Extrakte, wie Liquor Carbonis Detergens, besitzen ein breites Spektrum an therapeutischen Eigenschaften:

  • Antiphlogistisch: Entzündungshemmend
  • Antiproliferativ: Hemmt die übermäßige Zellteilung
  • Antiseptisch: Wirkt gegen Bakterien
  • Keratolytisch: Fördert die Abschuppung der Haut
  • Antipruriginös: Juckreizstillend

Die genaue Wirkungsweise ist noch nicht vollständig geklärt, aber es sind bereits etwa 400 der rund 10.000 Inhaltsstoffe charakterisiert. Es wird angenommen, dass die Substanzen im Teer die übertriebene Zellteilung und Verhornung hemmen, Entzündungen reduzieren und Juckreiz lindern.

Anwendungsgebiete

Am häufigsten findet Steinkohlenteer Anwendung bei der Behandlung von:

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  • Schuppenflechte (Psoriasis vulgaris): Charakteristisch sind abgegrenzte rote, schuppige Hautareale. Etwa 50 bis 80 Prozent der Psoriasis-Patienten leiden an Kopfhautsymptomen wie Rötung, Infiltrat und Schuppung.
  • Seborrhoischen Ekzemen: Hierbei bilden sich abgegrenzte rote oder rotbraune Flecken mit Hauterhebungen.
  • Andere chronisch entzündliche Hautkrankheiten: Steinkohlenteerpräparate können auch bei anderen chronischen Hauterkrankungen verordnet werden.

Rezepturherstellung und Besonderheiten

Die Verarbeitung von Steinkohlenteer in Rezepturen erfordert aufgrund seiner potenziellen Kanzerogenität besondere Vorsicht und Arbeitsschutzmaßnahmen. Schutzbrille, Atemschutz und Handschuhe sind unerlässlich, um jeden Kontakt mit dem Steinkohlenteer zu vermeiden. Das DAC/NRF enthält Monographien für steinkohlenteerhaltige Präparate und Rezeptursubstanzen wie:

  • Steinkohlenteer DAC
  • Steinkohlenteerlösung DAC (Liquor Carbonis Detergens)
  • Steinkohlenteerspiritus DAC (Spiritus Picis Lithranthracis)

Steinkohlenteerdestillat erhielt eine Negativmonographie und darf daher nicht eingesetzt werden.

Bei der Verarbeitung sind einige Punkte zu beachten:

  • Steinkohlenteer DAC ist in Wasser, flüssigen Paraffinen und Glycerol praktisch unlöslich und schwer einzuarbeiten. Er lässt sich gut mit Fetten oder fetten Ölen mischen.
  • Steinkohlenteerlösung und -spiritus DAC sind tensidhaltige Steinkohlenteerextrakte, die Wechselwirkungen und Inkompatibilitäten verursachen können. Der pH-Wert der Rezeptur muss für beide Lösungen zwischen pH 2 und 8 liegen.
  • Bei der Herstellung von Shampoos mit Steinkohlenteerlösung ist zu beachten, dass diese nicht mit Kühlsalbe kompatibel ist, da diese O/W-Emulgatoren enthält.

Rezepturbeispiele

Das DAC/NRF führt Rezepturen für verschiedene Zubereitungen mit Steinkohlenteerlösung auf, sowohl lipophile als auch hydrophile Präparate mit unterschiedlichen Grundlagen und Wirkstoffkombinationen. Ein Beispiel ist die NRF-Rezeptur 11.143 für Psoriasispatienten mit juckender, roter und schuppiger Kopfhaut.

Anwendungshinweise und Vorsichtsmaßnahmen

  • Anwendungsdauer: Die Behandlungsdauer sollte in der Regel auf vier und maximal auf acht Wochen begrenzt werden.
  • UV-Strahlung: Teere machen die Haut empfindlich für UV-Strahlen. Intensive Sonnenbestrahlung oder künstliches UV-Licht sollten während der Behandlung vermieden werden, um Sonnenbrand und Blasenbildung zu verhindern. In den USA wird Steinkohle-Teer einer UVB-Therapie vorgeschaltet ("Goeckermann-Schema").
  • Kontraindikationen: Teerhaltige Präparate dürfen nicht bei feucht-entzündlicher bzw. einer pustulöser Psoriasis und nicht auf großen Hautflächen eingesetzt werden. Vorsicht ist in Körperregionen geboten, die den Wirkstoff vermehrt aufnehmen (Gesicht, Hautfalten, Leistenbeuge, Hodensack, After).
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Teerhaltige Produkte dürfen nicht während der Schwangerschaft und Stillzeit verwendet werden.
  • Anwendung bei Kindern: Bei Kindern und schwangeren und stillenden Frauen sollte der Wirkstoff nicht angewendet werden.
  • Geruch: Viele Anwender empfinden den intensiven Geruch von Teer als störend. Moderne Zubereitungen synthetischer Teere sind jedoch hinsichtlich Farbe und Geruch oft akzeptabler.

Nutzen-Risiko-Abwägung und Sicherheit

Steinkohlenteer steht aufgrund enthaltener polyzyklischer Kohlenwasserstoffe, von denen einige als krebserregend eingestuft sind, in der Kritik. Die Kanzerogenität hängt jedoch maßgeblich von der Anwendungsdauer ab. Aus diesem Grund ist Steinkohlenteer verschreibungspflichtig und der Einsatz in Kosmetika verboten.

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Die aktuelle AWMF-S3-Leitlinie zur Therapie der Psoriasis vulgaris befürwortet die topische Initialbehandlung mit Steinkohlenteer, nicht aber die Langzeit- beziehungsweise Erhaltungstherapie. Die Behandlung darf nur nach sorgfältiger Abwägung des therapeutischen Nutzens unter Berücksichtigung risikoärmerer Alternativen und mit zahlreichen Anwendungsbeschränkungen erfolgen.

Alternativen

Aufgrund der Bedenken hinsichtlich der Kanzerogenität von Steinkohlenteer werden oft Alternativen in Betracht gezogen. Dazu gehören:

  • Sulfoniertes Schieferöl (Ammonium-Bitumino-Sulfonat): Es wird oft mit teerhaltigen Präparaten gleichgestellt, hat aber laut Herstellerangaben andere Eigenschaften und weniger Nebenwirkungen.
  • Kortikosteroide: Können Entzündungen reduzieren, haben aber bei längerer Anwendung Nebenwirkungen.
  • Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus): Wirken entzündungshemmend und sind eine Alternative zu Kortikosteroiden, insbesondere im Gesichtsbereich.
  • Vitamin-D-Analoga (Calcipotriol): Hemmen die Zellteilung und fördern die Differenzierung der Hautzellen.
  • Dithranol: Wirkt antiproliferativ und entzündungshemmend.
  • Phototherapie (UVB, PUVA): Kann bei Psoriasis und anderen Hauterkrankungen eingesetzt werden.

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