Moderne Ansätze in der Migränebehandlung: Ein umfassender Überblick

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die Millionen von Menschen weltweit betrifft. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden ist daher von großer Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet moderne Ansätze in der Migränebehandlung, von medikamentösen Therapien über alternative Methoden bis hin zu digitalen Innovationen.

Verständnis von Migräne

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Medikamentöse Behandlung von Migräne

Die medikamentöse Behandlung von Migräne umfasst sowohl akute als auch vorbeugende Ansätze.

  • Akute Behandlung: Ziel der akuten Behandlung ist es, die Symptome einer Migräneattacke zu lindern. Hierzu werden häufig Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Triptane eingesetzt. Triptane sind speziell für die Migränebehandlung entwickelte Medikamente, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren.
  • Vorbeugende Behandlung: Die vorbeugende Behandlung zielt darauf ab, die Häufigkeit und Schwere von Migräneattacken zu reduzieren. Hierzu werden verschiedene Medikamente eingesetzt, darunter Betablocker, Antidepressiva und Antiepileptika. In den letzten Jahren sind auch neue Medikamente wie CGRP-Antikörper hinzugekommen, die gezielt gegen ein Protein wirken, das bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.

Alternative Behandlungsmethoden

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es eine Reihe von alternativen Behandlungsmethoden, die bei Migräne eingesetzt werden können.

  • Hypnose: Hypnose ist eine Entspannungstechnik, bei der der Patient in einen tranceähnlichen Zustand versetzt wird. In diesem Zustand ist der Patient empfänglicher für Suggestionen, die dazu beitragen können, Schmerzen zu lindern und Stress abzubauen. Eine Forschungsgruppe an der Universität Jena hat untersucht, wie sich die Reizverarbeitung unter Hypnose verändert. Dabei zeigte sich, dass das Gehirn Reize zwar aufnimmt, sie aber wesentlich langsamer weiterleitet.
  • Akupunktur: Akupunktur ist eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gestochen werden. Es wird angenommen, dass Akupunktur die Freisetzung von Endorphinen fördert, die schmerzlindernd wirken können.
  • Daith-Piercing: Das Daith-Piercing ist ein Piercing durch die Knorpelfalte über dem Gehörgang. In den sozialen Medien gibt es Berichte über positive Erfahrungen mit Daith-Piercings zur Migränebehandlung. Die deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. rät jedoch derzeit von Piercings gegen Migräne ab, da die Gefahr von Entzündungen des Ohrknorpels besteht und derzeit noch keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit vorliegen. Das ZI sucht aktuell Menschen zwischen 18 und 65 Jahren für eine Studie, die untersucht, ob Ohrpiercings die Häufigkeit, Dauer und Stärke von Migräneattacken verringern und die Lebensqualität und Stimmung verbessern können.

Digitale Therapeutika

Mit der Markteinführung von "Nerivio" in Deutschland ist Dr. Reddy’s erstmals im Bereich digitaler Therapeutika in Europa aktiv. "Nerivio" ist ein von der FDA zugelassenes und CE-zertifiziertes Neuromodulations-Armband, das Remote Electrical Neuromodulation (REN) zur akuten und vorbeugenden Migränebehandlung einsetzt.

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  • Funktionsweise: "Nerivio" wird am Oberarm getragen und über eine Smartphone-App gesteuert. Es nutzt den Mechanismus der Remote Electrical Neuromodulation (REN), um die körpereigene konditionierte Schmerzmodulation (CPM) zu aktivieren. Das geschieht durch die Stimulierung nozizeptiver Nervenrezeptoren am Oberarm, welche die natürliche Schmerzlinderung im Hirnstamm aktivieren.
  • Vorteile: "Nerivio" ist ein medikamentenfreies Gerät, das gut verträglich ist und keine systemischen Nebenwirkungen oder Bedenken hinsichtlich eines Medikamentenübergebrauchs bestehen. Es eignet sich für ein breites Spektrum von Migränepatienten, insbesondere für diejenigen, die eine individuelle Behandlungsmöglichkeit suchen, die ihre Migräne nicht mit Medikamenten lindern können, die Medikamente schlecht vertragen oder Kontraindikationen aufweisen. Darüber hinaus können auch besonders empfindliche Patientengruppen - etwa Jugendliche, Frauen mit Kinderwunsch oder Patienten mit Kopfschmerz-Risiko durch Medikamentenübergebrauch - von "Nerivio" profitieren. Studien zeigen, dass "Nerivio" nicht nur hochwirksam gegen Kopfschmerzen ist, sondern auch Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit lindert.

Traumatherapie bei Migräne

Traumatische Erlebnisse können eine Rolle bei der Entstehung oder Verstärkung von Migräne spielen. In solchen Fällen kann eine Traumatherapie sinnvoll sein. Eine vielversprechende Methode ist EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing).

  • EMDR: EMDR ist eine psychotherapeutische Methode, die speziell zur Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt wurde. Sie basiert auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen im Gehirn nicht richtig verarbeitet werden und zu einer Blockade des Informationsflusses führen können. Durch die bilaterale Stimulation (z.B. Augenbewegungen) soll diese Blockade gelöst und die Verarbeitung der traumatischen Erfahrung ermöglicht werden.

    • Phasen der EMDR-Therapie:
      1. Anamnese und Behandlungsplanung: Der Therapeut erfasst die Krankengeschichte des Patienten und entwickelt einen individuellen Behandlungsplan.
      2. Vorbereitung des Patienten: Der Patient wird über den Behandlungsplan und die Methode aufgeklärt. Um den Klienten zu stabilisieren, wendet der Therapeut gegebenenfalls vorher Entspannungs- oder imaginative Verfahren an. Je nach Bedarf werden ihm auch Medikamente von einem Arzt verabreicht.
      3. Bewertung der Erinnerung: In dieser Phase geht es darum, die besonders belastenden Erinnerungen durch Sinnesreize, Gemütserregungen und auch kognitiv schrittweise so anzusprechen, dass der Klient sie in das gesamte traumatische Geschehen integrieren kann.
      4. Reprozessierung: Der Klient erinnert sich an bestimmte markante Bilder, an sinnliche Eindrücke und negative Gedankenmuster, die im Zusammenhang mit dem schrecklichen Ereignis stehen. Während sich der Klient auf seine Erinnerungen fokussiert, wird er gleichzeitig vom Therapeuten durch Sinnesreize angeregt.
      5. Verankerung: Nachdem die Belastung durch die Erinnerung ausreichend abgenommen hat, wird eine positive Kognition in Erinnerung gerufen und überprüft.
      6. Körper-Test: Im anschließenden Körper-Test sucht man nach eventuell andauernden sinnlich wahrnehmbaren Erinnerungsfragmenten.
      7. Abschluss: Abschließend wird besprochen, welche Wirkung diese Erfahrung auf den Patienten hatte. Der Therapeut vereinbart mit dem Klienten Interventionsregeln für die Zeit zwischen den Sitzungen.
      8. Nachbefragung: Diese letzte Phase findet am Beginn der nächsten Stunde statt. Ausgelöst von der vorherigen EMDR-Sitzung erlebt der Patient zwischen den Sitzungen meist Erinnerungssplitter oder Träume, die zu Beginn der nächsten Sitzung erneut bearbeitet werden, bevor der Therapeut einen Schritt weitergeht.

Multimodale Schmerztherapie

Bei chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne kann eine multimodale Schmerztherapie sinnvoll sein. Diese kombiniert verschiedene Behandlungsansätze, um die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

  • Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel: Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzen an. Die Klinik verfolgt einen multimodalen Ansatz, der medikamentöse Behandlung, Physiotherapie, psychologische Betreuung und Entspannungstechniken umfasst.

Die Rolle des Patienten

Eine erfolgreiche Migränebehandlung erfordert die aktive Beteiligung des Patienten. Dazu gehört, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um Auslöser und Muster zu erkennen, sowie die Bereitschaft, verschiedene Behandlungsansätze auszuprobieren und den Lebensstil anzupassen.

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