In einer Zeit, in der die Anforderungen an unser Gehirn stetig steigen, stellt sich die Frage, warum wir uns oft geistig erschöpft fühlen. Der Arzt und Molekulargenetiker Dr. med. Michael Nehls hat sich in seinem Buch "Das erschöpfte Gehirn" dieser Frage gewidmet und liefert aufschlussreiche Antworten. Er zeigt auf, dass die Kapazität unseres Gehirns begrenzt ist und dass unsere moderne Lebensweise dazu führt, dass diese Kapazität immer weiter abnimmt.
Die Entdeckung des "Frontalhirn-Akkus"
Dr. Nehls begibt sich auf die Suche nach der Quelle unserer mentalen Energie und wird fündig. Er entdeckt den "Frontalhirn-Akku", der sich im Hippocampus befindet. Dieser Hirnbereich spielt eine entscheidende Rolle für unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Gedächtnis. Der Hippocampus ist für die Speicherung von Informationen und die Bildung des Langzeitgedächtnisses zuständig. Ohne einen funktionierenden Hippocampus wären wir nicht in der Lage, Neues zu lernen, uns an wichtige Ereignisse zu erinnern oder auch nur den Weg nach Hause zu finden.
Der Hippocampus versorgt das Frontalhirn mit Informationen, die für rationales Denken und Entscheidungsfindung unerlässlich sind. Laut Dr. Nehls ist seine Kapazität jedoch begrenzt. Schon nach wenigen Stunden erreicht er sein Maximum und kann keine neuen Daten mehr aufnehmen. Sobald der Hippocampus erschöpft ist, kann auch die Denkleistung des Frontalhirns stark beeinträchtigt werden.
System I und System II: Zwei unterschiedliche Denksysteme
Unsere Entscheidungsprozesse basieren auf zwei unterschiedlichen Denksystemen: System I und System II. System I ist unser automatisches, intuitives Denken, das für alltägliche Routinen und einfache Entscheidungen verantwortlich ist. Es ist schnell und erfordert wenig geistige Anstrengung. System II hingegen tritt in Aktion, wenn wir mit komplexen, neuen oder anspruchsvollen Aufgaben konfrontiert werden. Es ist ein bewusstes, analytisches Denken, das deutlich mehr geistige Energie erfordert.
Das Problem in unserer modernen hektischen Welt ist, dass die mentalen Energiespeicher begrenzt sind. Wenn wir zu viele schwierige Situationen bewältigen oder komplexe Entscheidungen treffen müssen, kann sich unser Gehirn erschöpfen. Die Erschöpfung dieser mentalen Energiespeicher wird als "Ego Depletion" bezeichnet. In diesem Zustand ist man nicht mehr in der Lage, komplexe Probleme mit dem System II zu lösen. Das Gehirn ist einfach zu müde, um anspruchsvolle rationale Entscheidungen zu treffen.
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Die Folgen eines erschöpften Gehirns
Mit dem Kapazitätsverlust des Frontalhirn-Akkus sinkt unsere psychische Resilienz, und wir entwickeln eine regelrechte Angst vor neuen Erfahrungen. Alles Unbekannte wirkt bedrohlicher, als es sein müsste. Wir sind gefangen in stereotypen Denk- und Verhaltensmustern beziehungsweise alltäglichen Routinen.
Ein erschöpftes Gehirn kann auch zu vorschnellen Entscheidungen, impulsivem Handeln und dem Denken in Stereotypen und Vorurteilen führen. Wir verschließen uns vor neuen Erfahrungen und sind weniger bereit, über den Tellerrand zu schauen und alternative Betrachtungen anzustellen, selbst wenn es dringend nötig wäre.
Ursachen für die Erschöpfung des Gehirns
Laut Dr. Nehls liegen die wesentlichen Ursachen für die Erschöpfung des Gehirns in unserer modernen Lebensweise. Bewegungsmangel, falsche Ernährung, schädliche Stoffe in der Umwelt, fehlende oder schädliche soziale Interaktion und digitale Dauerbeschallung führen dazu, dass die Leistung unseres Gehirns immer weiter abnimmt.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Stress. Zeitmangel bei der Erledigung von Aufgaben kann Stress verursachen. Dieser Stress führt zur Ausschüttung von Stresshormonen, die das Wachstum des Hippocampus hemmen. Dies verringert unsere Fähigkeit, mit Stress umzugehen, und kann zu einem Teufelskreis führen, der als Burnout bekannt ist.
Wege zur Regeneration des Gehirns
Um den Frontalhirn-Akku aufzuladen, genügt ein guter Schlaf. Doch um seine Kapazität lebenslang zu erhalten, reicht dieser alleine nicht aus. Um sein Wachstum anzuregen, müssen wir einige hormonelle Botenstoffe aktivieren. Diese werden freigesetzt, beispielsweise wenn wir körperlich oder sozial aktiv sind.
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Um täglich neue Nervenzellen bilden zu können, benötigt der Hippocampus Hirnbausteine. Diese stecken in aquatischen Omega-3-Fettsäuren. Optimal wären daher täglich etwa 150 Gramm fetter Seefisch. Eine gesunde Alternative ist Algenöl. Darüber hinaus betont Dr. Nehls auch die ausreichende Versorgung mit Vitamin D als essenziellen Mikronährstoff für die Neurogenese.
Weitere wichtige Faktoren für die Regeneration des Gehirns sind:
- Bewegung: Bewegung ist ein entscheidender Faktor zum Stressabbau und gehört neben gesunder Ernährung und ausreichendem Schlaf zu den Dimensionen eines artgerechten Lebensstils.
- Soziale Interaktion: Unser soziales Leben erhöht unsere psychische Resilienz und sorgt dafür, dass wir immer einen Halt spüren.
- Sinn im Leben: Die Fähigkeit, Freude und Sinnerfüllung in dem zu finden, was wir tun, ist entscheidend dafür, wie sich unser Gehirn entwickelt.
Die Bedeutung der Neurogenese
Um große Informationsmengen zu bewältigen, müssen wir das Wachstum von Hippocampus maximieren. Schließlich kann der Hippocampus lebenslang wachsen, indem täglich tausende neue Hirnzellen produziert werden. Die neuen Zellen schaffen täglich Platz für neue Erfahrungen - und das unabhängig vom Alter.
Die Aktivierung des hippocampalen „Kapazitätssteigerungsprogramms“ beruht auf evolutionsgeschichtlicher Logik. Unter den Lebensbedingungen in der sehr langen altsteinzeitlichen Phase als Fischer und Sammler entwickelte das Gehirn des Homo sapiens seine vermutlich höchste Leistungsfähigkeit. Hoher sozialer Selektionsdruck, kombiniert mit einer für das Hirnwachstum optimalen Ernährung, erwirkte letztendlich eine genetische Anpassung an diese geistfördernden Lebensumstände.
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