Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der mehr als 10 % der Weltbevölkerung betroffen sind. Sie führt zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag der Betroffenen, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit und sozialer Isolation. Stress ist ein bekannter Auslöser für Migräneattacken, weshalb nicht-pharmakologische Methoden wie Stressmanagement, Entspannungstechniken und Lebensstiländerungen eine wichtige Rolle in der Behandlung und Prävention spielen. Eine dieser Methoden ist die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), die Elemente von Yoga und Meditation kombiniert.
Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) bei Migräne: Eine randomisierte Studie
Eine randomisierte Studie unter der Leitung von Rebecca Erwin Wells von der Wake Forest School of Medicine in Winston Salem/ North Carolina untersuchte, ob Yoga und Meditationen, die in der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion enthalten sind, Stress-Trigger vermeiden und dadurch die Anzahl der Kopfschmerzattacken senken können. Die Ergebnisse der Studie wurden in JAMA Internal Medicine (2020) veröffentlicht.
Studiendesign und Teilnehmer
An der Studie nahmen 89 Patienten im Alter von durchschnittlich 43,9 Jahren teil, die im Vormonat an durchschnittlich 7,3 Tagen unter starken Kopfschmerzen litten. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen randomisiert:
- MBSR-Gruppe: Teilnahme an einem Kurs zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion, der an acht wöchentlichen Sitzungen von jeweils zwei Stunden Dauer unterrichtet wurde. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Übungen täglich zuhause zu wiederholen. Die Technik wurde an 8 wöchentlichen Sitzungen von jeweils 2 Stunden Dauer erläutert und geübt. Sie bestand aus Yoga und Mediationen. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Übungen täglich zuhause zu wiederholen.
- Schulungsgruppe: Teilnahme an einer Kopfschmerzschulung während der gleichen Zeit.
Ergebnisse der Studie
Primärer Endpunkt der Studie war die Anzahl der Kopfschmerztage über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Wider Erwarten zeigten beide Interventionen eine Wirksamkeit. Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion senkte die Kopfschmerzfrequenz um 1,6 Migränetage im Monat, während die Schulungsgruppe einen Rückgang um 2,0 Tage pro Monat verzeichnete. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war minimal und nicht signifikant.
Beide Interventionen reduzierten die Anzahl der Schmerztage im Vergleich zur Zeit vor Studienbeginn signifikant. Dies deutet darauf hin, dass auch die Schulung der Patienten eine günstige Wirkung haben kann, möglicherweise durch das Erlernen der Vermeidung von Triggern.
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Vorteile von MBSR hinsichtlich Schmerzempfinden und Lebensqualität
Ein Vorteil von Yoga und Meditationen könnte in den günstigen Auswirkungen auf Schmerzempfinden und Lebensqualität bestehen. Die Patienten fühlten sich nach der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion weniger durch ihre Krankheit im Alltag beeinträchtigt (Differenz von 5,9 Punkten im „Migraine Disability Assessment“-Test), sie gaben eine insgesamt bessere Lebensqualität an (Differenz 5,1 Punkte im „Migraine Specific Quality of Life“-Fragebogen), sie empfanden die Schmerzen als weniger katastrophal (Differenz 5,8 Punkte in der „Pain Catastrophizing Scale“) und sie litten seltener unter Depressionen (Differenz 1,6 Punkte im „Patient Health Questionnaire 9 Depression“). Wells stuft die Effektgrößen als „mäßig bis groß“ ein. Der Behandlungserfolg hatte zudem über das Ende des Kurses (aber unter Fortsetzung der Übungen durch die Patienten) hinaus Bestand.
Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion hatte zudem eine Auswirkung auf die Schmerzempfindung, die mittels quantitativer sensorischer Testung ermittelt wurde. Hier kam es im Verlauf der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion zu einem Rückgang der Schmerzintensität um 36,3 % und der Unannehmlichkeit um 30,4 % gegenüber einem Rückgang nach der Schulung um 13,5 und 11,2 %.
Fazit der Studie
Die Studie zeigte, dass die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) die Migränefrequenz nicht stärker senken konnte als eine Kopfschmerzschulung. Allerdings erzielte die MBSR bessere Ergebnisse hinsichtlich des Krankheitsbildes. Die Teilnehmer der MBSR-Gruppe empfanden sich weniger beeinträchtigt und selbstwirksamer als die Absolventen der Kopfschmerzschulung. Zudem wurden in der MBSR-Gruppe bessere Werte für Lebensqualität, Schmerzkatastrophisierung und Depressionen erzielt. Darüber hinaus nahm die gefühlte Intensität von induziertem Schmerz bei der MBSR ab, was die Autoren als veränderte Schmerzbewertung interpretieren.
Weitere Studien zur Achtsamkeit bei Migräne
Italienische Wissenschaftler veröffentlichten in der Fachzeitschrift „The Journal of Headache and Pain“ die Ergebnisse ihrer Untersuchung zur Effizienz von Achtsamkeitstrainings bei der Behandlung von Menschen mit chronischer Migräne, die übermäßig stark Schmerzmittel einnehmen. Patienten eines Spezialzentrums für Kopfschmerzen durchliefen für die Studie zusätzlich zur Standardtherapie ein Achtsamkeitstraining. Sie konnten, so die Messung der Wissenschaftler nach 12 Monaten, ihre Kopfschmerzfrequenz signifikant verringern und benötigten dabei weniger Schmerzmittel als die Vergleichsgruppe. Außerdem wurde bei einem deutlich höheren Anteil von ihnen Verbesserungen hinsichtlich der Lebensqualität und weniger Behinderungen und Produktivitätsverlust gemessen.
Studiendesign und Teilnehmer
Alle Patienten durchliefen als stationäre Patienten oder Tagespatienten ein intensives 5- bis 8-tägiges Medikamentenentzugsprotokoll. Nach der Entlassung erhielten sie individuell zugeschnittene prophylaktische Medikamente und wurden über Medikamenteneinnahme, Ernährung, Bewegung, Schlafhygiene und damit verbundene Gesundheitsthemen aufgeklärt. Patienten der Achtsamkeitsgruppe nahmen außerdem an sechs wöchentlichen 90-minütigen Gruppen-Achtsamkeitstrainingssitzungen teil. Jede Sitzung beinhaltete Achtsamkeitsmeditationsübungen (Die Dauer reichte von 5 Minuten in der ersten Sitzung bis zu 25 Minuten in der fünften und sechsten Sitzung).
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Ergebnisse der Studie
DGP - Zusammenfassend zeigte diese Studie, dass Patienten mit chronischer Migräne mit Medikamentenübergebrauch im Anschluss an einen Medikamentenentzug sowohl mit Medikamenten zur Migräneprophylaxe als auch fast gleichwertig mit dem alternativen Ansatz der Achtsamkeitsmeditation behandelt werden könnten.
Achtsamkeitstraining bei chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch
Eine weitere Studie untersuchte den Einfluss von Achtsamkeitstraining bei Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch. 44 Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch (nach Punkt 1.3 und 8.2 der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen) nahmen an einem Schmerzmittelentzugsprogramm in einer Tagesklinik teil. Im Anschluss an den Entzug wurden die Patienten entweder mit einem Medikament zur Vorbeugung von Migräneattacken behandelt (Med-Gruppe) oder nahmen an einem Achtsamkeitsmeditationstraining (englisch mindfulness-based training, MT-Gruppe) teil. Das Training bestand aus 6 wöchentlichen Sitzungen mit angeleiteter Meditation. Die Patienten wurden zusätzlich dazu ermuntert, täglich 7 - 10 min zu üben.
Messung der Ergebnisse
Um die Wirkungen dieser Behandlungsmethoden auf die Kopfschmerzen zu überprüfen, führten die Patienten ein Kopfschmerztagebuch und führten verschiedene Tests durch: zur Einschätzung der Beeinträchtigung durch den Kopfschmerz (headache impact test, HIT-6), wie stark die Migräne die Patienten im Leben behinderte (migraine disability assessment, MIDAS), ein Fragebogen zu Angstgefühlen (STAI Y1-Y2) sowie zu Symptomen der Depression (Beck depression inventory, BDI).
Ergebnisse der Studie
Die 44 Teilnehmer waren im Mittel 44,5 Jahre alt, hatten im Durchschnitt zu Beginn der Studie an 20,5 Tagen pro Monat Kopfschmerzen und nahmen dafür monatlich im Schnitt 18,4 Tabletten ein. Für beide Behandlungsgruppen zeigten die Messwerte vergleichbare Verbesserungen der Kopfschmerzhäufigkeit (etwa 6-8 Tage weniger), des Medikamentengebrauchs (etwa 7 Einnahmen weniger) sowie in den Behinderungswerten (MIDAS) und dem Depressionswert BDI. In der Beeinträchtigungsskala HIT-6 zeigte sich lediglich für die MED-Gruppe eine Verbesserung. Es wurden keine Änderungen hinsichtlich der Angstgefühle gemessen. Beide Gruppen zeigten deutliche Verbesserungen in einem klassischen Wirkziel der Migräneforschung: der 50%igen Verringerung von Kopfschmerzattacken im Vergleich zur Grundlinie vor der Behandlung.
Schlussfolgerung der Studie
Zusammenfassend zeigte diese Studie, dass Patienten mit chronischer Migräne mit Medikamentenübergebrauch im Anschluss an einen Medikamentenentzug sowohl mit Medikamenten zur Migräneprophylaxe als auch fast gleichwertig mit dem alternativen Ansatz der Achtsamkeitsmeditation behandelt werden könnten. Der langfristige Effekt der alternativen Methode erlaubt es damit womöglich, genauso wie die pharmakologische Therapie, die Kopfschmerzhäufigkeit so sehr zu reduzieren, dass die Patienten nicht nur weniger beeinträchtigt sind, sondern sogar von der chronischen Form der Migräne befreit werden könnten. Wer eine funktionierende Prophylaxe hat, sollte sie sicher nicht spontan durch Meditation ersetzen.
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MBSR zur Reduktion von Migräneattacken und Schmerzdauer
Eine weitere randomisierte Studie in Headache (2014) untersuchte die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) und kam zu dem Ergebnis, dass bei Migränepatienten die Zahl der monatlichen Attacken gesenkt und die Schmerzdauer vermindert werden konnte.
Studiendesign und Ergebnisse
Die Studie hatte nur 19 Teilnehmer, von denen zehn insgesamt acht Unterrichtsstunden in der MBSR erhielten, während die übrigen neun Patienten der Kontrollgruppe die übliche medizinische Betreuung erfuhren. Nach den Kursen sollten die MBSR-Teilnehmer die Meditationen für 45 Minuten am Tag an fünf Tagen der Woche durchführen. Die Teilnehmer gaben später an, dass sie im Durchschnitt 35 Minuten am Tag meditieren, was aus Sicht von Studienleiterin Rebecca Erwin Wells eine exzellente Adhärenz ist.
Der „Fleiß“ der Teilnehmer wurde durch eine Senkung der Migränerate um 1,4 Attacken pro Monat belohnt. Die Attacken waren um 2,9 Stunden kürzer und der Schweregrad der Schmerzen war auf einer Skala von 0 bis 10 um 1,3 Punkte niedriger. Die Teilnehmer gaben eine verminderte Beeinträchtigung durch die Migräne (im Migraine Disability Assessment and Headache Impact Test) an. Die Werte zur „Selbstwirksamkeitserwartung“ und „Achtsamkeit“ waren angestiegen. Auch wenn die Ergebnisse insgesamt positiv waren, kann die Studie die Wirksamkeit nicht beweisen. In den meisten Endpunkten wurde keine statistische Signifikanz erreicht, was aber bei einer Studie an gerade einmal 19 Personen auch nicht zu erwarten war.
Persönliche Erfahrungen mit Meditation bei Migräne
Viele Menschen mit Migräne berichten von positiven Erfahrungen mit Meditation. Es wird als Hilfsmittel gesehen, um Stress und Angst zu bekämpfen, die mit Migräneanfällen einhergehen. Meditation kann helfen, den Geist und Körper zu beruhigen und ein Gefühl der persönlichen Kontrolle über die Migräne zu erlangen.
Tipps für die Meditation bei Migräne
- Zeit und Umgebung: Nehmen Sie sich Zeit und finden Sie eine Umgebung, in der Sie meditieren können.
- Entspannung: Entspannen Sie sich und lösen Sie die Muskelverspannungen, die durch Migräneanfälle entstehen.
- Ablenkung: Lenken Sie Ihre Gedanken vom Schmerz weg in eine Zeit, in der Sie keine Schmerzen hatten.
- Verschiedene Stile: Finden Sie den richtigen Meditationsstil, der für Sie funktioniert.
- Digitale Angebote: Nutzen Sie digitale Angebote wie Apps mit verschiedenen Meditationsstilen und Optionen.
- Regelmäßigkeit: Versuchen Sie, Meditation in Ihre tägliche Routine zu integrieren.
- Seien Sie geduldig: Es braucht Zeit und Mühe, bis man Ergebnisse sieht.
- Keine Perfektion: Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, Ort oder eine bestimmte Zeit, dies zu tun.
Meditation, Stress und Migräne: Ein Wirkmechanismus
Ein wesentlicher Triggerfaktor zur Anfallsauslösung bei der Migräneerkrankung ist Stress. Dieser bewirkt bei Migränepatienten über zentrale Mechanismen eine im Vergleich zu gesunden Menschen verminderte Stressverarbeitung sowie eine erhöhte kortikale Aufmerksamkeitsaktivierung. Die Literatur zeigt, dass sich Meditation positiv auf Stress, die Stressverarbeitung und auf die Migränesymptomatik auswirkt.
Zielsetzung einer Studie zur Stressverarbeitung und kortikalen Aktivierung
Das Hauptziel einer Studie war es zu untersuchen, ob sich Migränepatienten, Probanden mit Meditationserfahrung und gesunde Kontrollprobanden bezüglich ihrer Stressverarbeitung und der kortikalen Aktivierung unterscheiden. Dadurch sollte geprüft werden, ob ein Wirkmechanismus der Meditation über die Beeinflussung der Stress- und der kortikalen Reizverarbeitung auf die Migränesymptomatik angenommen werden kann.
Ergebnisse der Studie
Es konnte gezeigt werden, dass die Reiz- und Stressverarbeitung meditationserfahrener Menschen im Vergleich zu Migränepatienten verbessert ist. Insbesondere die Anwendung der negativen Stressverarbeitungsstrategie „Gedankliche Weiterbeschäftigung“ scheint eine erhöhte kortikale Aktivierung zu bewirken und bei Migräneleidenden die Migräneanfälle auszulösen. Die Beschäftigung mit Gedanken und die kortikale Aktivierung waren bei den meditationserfahrenen Probanden am niedrigsten ausgeprägt im Vergleich zu den Migränikern und den gesunden Kontrollprobanden. Daher wird ein Wirkmechanismus der Meditation über die Stressverarbeitung und die kortikale Aktivierung vorgeschlagen, der zu einem selteneren Überschreiten der Migräneschwelle und zu einer verbesserten Migränesymptomatik führt.
Ausblick
Das Ergebnis dieser Arbeit soll zu einer weiteren Aufklärung über die spezifischen Wirkmechanismen von Meditation bei Migräne beitragen, durch die nachfolgende Interventionsstudien im Bereich der präventiven beziehungsweise multimodalen Behandlung der Migräneerkrankung profitieren können.
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