Die Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. Fast 8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Migräne, was die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigt. Typischerweise äußert sich eine Migräne durch periodisch wiederkehrende, pulsierende und meist halbseitige Kopfschmerzen, die von Symptomen wie Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Erbrechen, Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können. Bei körperlicher Anstrengung verstärkt sich der Schmerz. In der Regel dauert eine Migräneattacke zwischen 4 und 72 Stunden. Teilweise kann ein Migräneanfall auch mit einer Aura einhergehen (etwa 20 % der Migränepatienten). Diese äußert sich vor allem durch optische, sensible sowie sprachliche Störungen und dauert in der Regel bis zu 60 Minuten an.
Die Ernährung spielt eine umstrittene Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen. Obwohl es keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten gibt, deuten aktuelle Studien auf mögliche Mechanismen hin, die die kopfschmerzauslösende Wirkung der Ernährung erklären könnten. Diese Mechanismen beziehen sich insbesondere auf die Auswirkung bestimmter Nahrungsbestandteile und Substanzen auf Neuropeptide, Ionenkanäle und Rezeptoren sowie auf die Freisetzung von Stickstoffmonoxid, die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Gefäßerweiterungen und Veränderungen im zerebralen Glukosestoffwechsel.
Vitamin B12 und seine Bedeutung für den Körper
Vitamin B12, auch Cobalamin genannt, ist ein essentielles Vitamin, das der Körper für den Energiestoffwechsel, zur Bildung von Blutzellen und zum Aufbau der Nervenhüllen benötigt. Es unterstützt Blutbildung, Zellteilung und Nervensystem. Es ist ein Teil vieler verschiedener Enzyme, die chemische Prozesse wie Zellteilung, Blutbildung, aber auch die Arbeit des Nervensystems unterstützen. Als sogenannter Cofaktor verschiedener Enzyme nimmt Vitamin B12 an den Stoffwechselwegen der Fettsäuren, Aminosäuren und Nukleinsäuren teil. Demensprechend ist Vitamin B12 für Hämatopoiese (Blutbildung), Myelinsynthese (wichtig für die Arbeit des Nervensystems) und Synthese epithelialer Gewebearten (Bestandteil der Haut und Schleimhäuten) von großer Bedeutung.
Der Körper kann Vitamin B12 nicht selbst herstellen und nimmt es vor allem durch tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Eier und Milcherzeugnisse auf. Im Körper wird das Vitamin B12 dann durch Magensäure und Verdauungsenzyme freigesetzt. Das Protein "Intrinsic Factor" transportiert das Vitamin daraufhin zu den Dünndarmzellen, von wo aus es ins Blut und zu den Nerven gelangt.
Ursachen für Vitamin B12-Mangel
Ein Mangel an Vitamin B12 kann entstehen, wenn über einen längeren Zeitraum weniger davon zugeführt oder aufgenommen wird als der Körper benötigt. Die wichtigsten Ursachen für einen Vitamin B12-Mangel sind:
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- Strenge vegane Ernährung: Da Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt, haben Veganer ein erhöhtes Risiko für einen Mangel.
- Mangel an Intrinsic Factor: Dieses Protein ist für die Aufnahme von Vitamin B12 im Darm notwendig. Ein Mangel kann durch (Teil-)Entfernung des Magens oder bei chronischer Magenschleimhautentzündung auftreten.
- Bestimmte Medikamente: Omeprazol und Metformin können die Aufnahme von Vitamin B12 stören.
- Gestörte Aufnahme im Darm: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie oder Teilentfernung des Darms können die Aufnahme beeinträchtigen.
- Verlust oder erhöhter Verbrauch: Chronische Nieren- oder Lebererkrankungen sowie ein Befall mit dem Fischbandwurm können zu einem erhöhten Verbrauch führen.
- Erhöhter Bedarf: Schwangerschaft und Stillzeit erhöhen den Bedarf an Vitamin B12.
- Starker Alkoholkonsum
- Magersucht
Der Körper kann eine Unterversorgung mit Vitamin B12 zweitweise ausgleichen, indem er auf das gespeicherte Vitamin B zurückgreift. Aus diesem Grund äußert sich ein Mangel oft erst nach Jahren. Die Mangelsymptome treten schneller auf, wenn eine Person von vornherein über ein sehr geringes Vitamin-B12-Depot verfügt, wie z. B. gestillte Säuglinge, deren Mütter sich vegan ernähren.
Mit zunehmendem Alter sinkt außerdem die Leistungsfähigkeit des Magen-Darm-Trakts. Die richtige Ernährung kann einen Mangel an Vitamin B12 verhindern. Vor allem bei älteren Menschen sollten Fleisch, Milch und Eier auf dem Speiseplan stehen.
Symptome eines Vitamin B12-Mangels
Die Symptome eines Vitamin-B12-Mangels sind vielfältig und oftmals nicht leicht zu diagnostizieren. Typische Symptome einer Unterversorgung mit Vitamin B12 können sein:
- Allgemeine Symptome: Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Verwirrtheit, Gedächtnisschwäche, Anstieg der Konzentration einer Aminosäure namens Homocystein im Blut, Kopfschmerzen, Migräne, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien.
- Hämatologische Symptome: Blutarmut (Anämie) und damit einhergehend Blässe, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, schwacher und schneller Puls oder Kurzatmigkeit.
- Neurologische Symptome: Empfindungsstörungen in Füßen und Händen (Kribbeln, Schmerzen in den Beinen), Inkontinenzen oder Erektionsstörungen, Demyelinisierung (Zerstörung der schützenden Hülle unserer Nerven, was die Weiterleitung von Reizen beeinträchtigt.), bei älteren Menschen können die Empfindungsstörungen und Bewegungseinschränkungen zu einem erhöhten Sturzrisiko führen.
- Weitere Symptome: Hautveränderungen wie bspw. Einrisse in den Mundwinkeln, verdoppeltes Risiko eine Alzheimer-Demenz bei älteren Personen, Haarausfall.
- Bei Säuglingen: (schwere) Entwicklungsstörungen, Muskelschwäche, Lethargie (Abnormale Trägheit/Schläfrigkeit), Probleme beim Essen, Tremor (Muskelzittern), Blutarmut.
- Weniger typische Symptome: Entzündete, angeschwollene Zunge (Glossitis), Verdauungsstörungen mit verminderter Aufnahme von Nährstoffen (Malabsorption), Thrombose im Schädelbereich (Sinusthrombose), Braunfärbung der Haut (Hyperpigmentierung), Verlust der Sehschärfe.
Diagnose eines Vitamin B12-Mangels
Um einen Vitamin B12-Mangel festzustellen, stehen mehrere Methoden zur Auswahl:
- Holo-TC (Holotranscobalamin): Die Holo-TC-Untersuchung bestimmt, wie viel Vitamin B12 den Körperzellen tatsächlich zur Verfügung steht. So können leere Vitamin B12-Speicher frühzeitig verlässlich erkannt werden. Holo-TC gilt als Frühmarker und zeigt den Status des tatsächlich aktiven Vitamins an. Man kann diesen Wert direkt bestimmen lassen oder im Stufenverfahren, wenn der gesamte B12-Wert unter 400 ng/l liegt.
- Methylmalonsäure (MMA): Methylmalonsäure entsteht vermehrt, sobald in den Zellen zu wenig Vitamin B12 zur Verfügung steht. In der Folge sind erhöhte MMA-Werte in Blut und Urin festzustellen. Diese Werte geben also den frühesten messbaren Hinweis auf einen Vitamin B12-Mangel. Die Bestimmung von MMA ist sinnvoll, wenn grenzwertiges oder erniedrigtes Holo-TC gefunden wird.
- Vitamin B12 Gehalt im Gehirn: In bestimmten Fällen wird der Vitamin B12 Gehalt im Gehirn untersucht, um herauszufinden, wie viel davon im Gehirn, wo es dringend benötigt wird, ankommt. Auf diese Weise können Ärzte eine Aufnahmestörung des Vitamins ausschließen.
- Klassische Blutwerte: Häufig wird dafür zunächst der gesamte B12-Serumspiegel gemessen.
Sollte tatsächlich ein Mangel vorliegen, sind weitergehende Untersuchungen empfehlenswert, um die Ursache abzuklären. Nur so kann der Mangel auch erfolgreich behandelt werden. Eine Eigentherapie mit Nahrungsergänzungsmitteln, ohne ärztliche Absprache, ist nicht empfehlenswert, da es dabei zu Nebenwirkungen kommen kann.
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Behandlung eines Vitamin B12-Mangels
Um schwerwiegende Folgen wie Blutarmut oder Nervenschäden zu vermeiden, sollte ein Vitamin-B12-Mangel immer ärztlich behandelt werden. Das kann mittels oraler oder auch parenteraler Therapie erfolgen.
- Orale Therapie: In den ersten drei bis vier Wochen werden durch Tabletten täglich etwa 1000 Mikrogramm (μg) pro Tag verabreicht.
- Parenterale Therapie: Vitamin B12 wird über Spritzen (manchmal auch Infusionen) in den Gesäßmuskel injiziert. Dabei werden in den ersten zwei Wochen je zwei- bis dreimal 1000 μg verabreicht. Je nachdem, wie schnell sich der Zustand bessert, wird der Rhythmus dann an eine monatliche Größenordnung angepasst.
- Sanierung des Magen/Darm-Trakts: Patienten, die an einer Aufnahmestörung leiden, können auch durch eine Sanierung des Magen/Darm-Traktes, durch probiotische Unterstützung des Darms oder auch durch basische Ernährung behandelt werden. Ggf. müssen die Medikamente in diesen Fällen auch ein Leben lang verabreicht werden.
Besteht der Vitamin-B12-Mangel aufgrund der Ernährung (v. a. bei veganer Ernährung) können Vitamin-B12-Präparate vorbeugend eingenommen werden. Nehmen Sie regelmäßige Blutbildkontrollen wahr, damit Ihr Arzt den Erfolg der Therapie überprüfen kann.
Vorbeugung eines Vitamin B12-Mangels
Vitamin B12 gelangt fast ausschließlich über tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte in den Körper. Aus diesem Grund haben vor allem Veganer ein erhöhtes Risiko, einen Mangel zu entwickeln. Sie sollten vorbeugend Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen - circa 500 Mikrogramm (μg) am Tag. Vegetarier können ihren Bedarf in aller Regel durch Eier und Milchprodukte decken, weshalb eine Substitution nicht zwingend erforderlich ist.
Vitamin B12-Mangel und Migräne: Ein möglicher Zusammenhang
Eine brasilianische Studie hat einen Zusammenhang zwischen Vitamin-B12-Mangel und Migräne aufgezeigt. Insbesondere wurde festgestellt, dass ein Mangel an Vitamin B12 in Verbindung mit einem Überschuss an Homocystein im Blut zu einer Schädigung der Zellen führen kann, aus denen die Wände der Blutgefäße bestehen, wodurch sich der Gehalt an freien Radikalen erhöht, was mit dem Auftreten von Migräneanfällen in Verbindung gebracht werden kann.
Es wurde festgestellt, dass Menschen mit chronischer Migräne, die unter häufigen und starken Kopfschmerzen leiden, einen niedrigeren Vitamin-B12-Spiegel aufweisen als diejenigen, die weniger häufige und stärkere Anfälle haben. Insgesamt geht man davon aus, dass dies auch durch die vermehrte Einnahme von Schmerzmitteln verursacht werden kann, die die Vitamin-B12-Aufnahme verringern können.
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Die Forscher nehmen an, dass Vitamin-B12-Mangel und die damit verbundene Ansammlung des Stoffwechselprodukts Homocystein im Blut Schäden an Endothelzellen verursachen. Die Autoren schlagen vor, dass eine mögliche Ursache für einen Vitaminmangel bei chronischer Migräne der häufige Gebrauch von Analgetika ist. Diese Schmerzmittel könnten die Aufnahme von Vitaminen stören. Sie halten auch zusätzliche randomisierte kontrollierte Studien in Bezug auf Migräne ohne Aura für nötig, in welche Richtung sich die Häufigkeit und Intensität der Schmerzen entwickeln wird, wenn Vitamin B12 ersetzt wird.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Bedeutung der Ernährung in der Entstehung und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen umstritten ist. Nach derzeitigem Wissensstand lassen sich jedoch keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten begründen.
Weitere Mikronährstoffe bei Migräne
Diverse Studien zeigen, dass Migräne-Patienten oft ein Defizit an wichtigen Botenstoffen haben, die für einen funktionierenden Energiestoffwechsel von Bedeutung sind. So haben Migränepatienten häufig erniedrigte Spiegel im Blut an Magnesium, Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin D und Coenzym Q10. Vitamin B2, B6, B12, Niacin, Coenzym Q10 und Magnesium haben eine wichtige Funktion bei der Energiebereitstellung und unterstützen so z. B. den Energiestoffwechsel im Gehirn. Da bei Migräne wahrscheinlich der Energiestoffwechsel der Mitochondrien verändert ist, führt eine ausreichende Versorgung der Mikronährstoffe zu einem verbesserten Wohlbefinden. Eine Studie von Boehnke et al. (2004) zeigt zudem, dass sich eine Vitamin B2-Supplementation positiv auf Kopfschmerzen auswirken kann und es somit eine gute Migräneprophylaxe darstellen könnte. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei und fördert zudem die Serotoninausschüttung.
Ernährungsempfehlungen und mögliche Trigger
Obwohl es keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen gibt, können bestimmte Ernährungsweisen und Triggerfaktoren bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen oder verstärken.
- Fasten: Migräne-Attacken können durch Fastenperioden ausgelöst oder auch verstärkt werden.
- Ketogene Diät: Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirken kann.
- Oligoantigene Diät: Diese Diät hat sich in einigen Studien als hilfreicher Behandlungsansatz in der Therapie von Migräne, ADHS und Epilepsie erwiesen.
- Fettarme Diät: In einer Studie mit 54 Migränepatienten wurde gezeigt, dass sich die Häufigkeit, die Intensität sowie die Dauer der Attacken im Rahmen einer 12-wöchigen fettarmen Diät signifikant verbesserten.
- Mögliche Triggerfaktoren: Eine Reihe von Inhaltsstoffen können bei empfindlichen Patienten eine Migräneattacke begünstigen, darunter künstliche Süßstoffe (z.B. Aspartam), biogene Amine (z.B. Histamin in Schokolade, Milch und Milchprodukten), fetthaltige Lebensmittel, Nitrate und Nitrite (in verarbeiteten Fleischwaren), Koffein (bei unregelmäßiger Zufuhr oder Entzug) und Alkohol.
Es ist wichtig, individuelle Triggerfaktoren zu identifizieren und zu vermeiden. Ein Kopfschmerztagebuch kann dabei helfen, Zusammenhänge zwischen Ernährung und Migräneattacken zu erkennen.