Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Viele Menschen leiden unter Migräne, und es ist wichtig, die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten zu verstehen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Migräne, einschließlich der Rolle von Übelkeit und Erbrechen, und gibt Einblicke in die verschiedenen Therapieansätze.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, meist einseitige und pulsierende Kopfschmerzen auszeichnet. Von 100 Erwachsenen haben hierzulande etwa 70 bis 90 mindestens einmal im Leben Kopfschmerzen. Am häufigsten (86 %) handelt es sich um Spannungskopfschmerzen. Auf Platz zwei, mit rund 16 %, folgt dann gleich die Migräne. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: Rund 15 von 100 Frauen leiden unter Migräne, während es bei Männern etwa 6 von 100 sind. Laut Robert Koch Institut (RKI) in Berlin besteht bei weiteren 13,7 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer der Verdacht, dass bei ihnen ebenfalls eine Migräne vorliegt. Am häufigsten tritt Migräne in der Altersgruppe der 35- bis 45-Jährigen auf.
Der Ausdruck Migräne geht ursprünglich auf das altgriechische Wort hēmikranía zurück, das sich aus zwei Teilen zusammensetzt: hēmi bedeutet „halb“, kranion heißt „Schädel“ oder „Kopf“. Die Übersetzung von hēmikranía lautet also sinngemäß „Halbkopfschmerz“ oder „Schmerz in einer Kopfhälfte“ - was sehr typisch für Migräne ist.
Typische Symptome einer Migräneattacke
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Pochender, oft halbseitiger Kopfschmerz
- Übelkeit (bei ca. 80 % der Betroffenen)
- Erbrechen (bei 40-50 % der Betroffenen)
- Lichtscheu
- Lärmempfindlichkeit
- Gegebenenfalls Aura (z. B. Sehstörungen)
Die Dauer einer Migräneattacke beträgt in der Regel 4 bis 72 Stunden, teils mit Nachwirkungen. Sind die Kopfschmerzen einseitig, können sie zudem innerhalb einer Attacke oder von Attacke zu Attacke die Seite wechseln. Auch die Heftigkeit der Attacken kann von Attacke zu Attacke stark variieren.
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Die Rolle von Übelkeit und Erbrechen bei Migräne
Übelkeit gehört zu den Leitsymptomen der Migräne. Im Englischen wurde sie daher früher auch sick headache, also „von Übelkeit begleiteter Kopfschmerz“ genannt. Die genauen neurobiologischen Abläufe, die zu Übelkeit und Erbrechen führen, sind komplex. Während einer Migräne-Attacke kommt es oft zu einer verzögerten Magenentleerung und zu Darmträgheit. Diese gestörte Magen-Darm-Aktivität trägt zur Übelkeit bei: Der Körper fühlt sich „vergiftet“ und reagiert mit Brechreiz. Gleichzeitig werden oral (über den Mund) eingenommene Schmerzmittel schlechter aufgenommen, weil sich der Weitertransport in den Darm verzögert. Das ist der Grund, warum Erbrechen die Migräne oft noch verschlimmert oder verlängert. Einerseits verliert der Körper beim Erbrechen Flüssigkeit und gerät dadurch noch mehr in Stress. Andererseits werden Arzneimittel nur unzureichend aufgenommen.
Differenzierung: Migräne vs. Spannungskopfschmerz vs. Clusterkopfschmerz
Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten zu unterscheiden, um eine angemessene Behandlung zu gewährleisten. Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über die Hauptunterschiede zwischen Migräne, Spannungskopfschmerz und Clusterkopfschmerz:
| Merkmal | Migräne | Spannungskopfschmerz | Clusterkopfschmerz |
|---|---|---|---|
| Schmerzcharakter | Pulsierend, pochend | Dumpf, drückend | Stechend, bohrend |
| Lokalisation | Meist einseitig, kann die Seite wechseln | Beidseitig, wie ein Band um den Kopf | Einseitig, meist hinter einem Auge |
| Dauer | 4 bis 72 Stunden | 30 Minuten bis mehrere Tage | 15 Minuten bis 3 Stunden, oft nachts |
| Begleitsymptome | Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, ggf. Aura | Selten leichte Übelkeit, keine Sinnesüberempfindlichkeit | Tränenfluss, Nasenlaufen, Unruhe |
| Typische Auslöser | Stress, Hormonschwankungen, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel, Reize | Stress, Muskelverspannung, Fehlhaltung | Alkohol, Schlafmangel, Tageszeit, Jahreszeit |
| Häufigkeit | 1-10x pro Monat (episodisch), >15x (chronisch) | Unregelmäßig bis häufig, teils chronisch | Clusterphasen: Attacken über Wochen hinweg täglich |
| Reaktion auf Ruhe | Ruhe und Dunkelheit helfen | Oft durch Bewegung linderbar | Unruhe - Patient:innen sind rastlos |
| Behandlung | Triptane, NSAR, Antiemetika, ggf. | Analgetika | Sauerstoff, Triptane |
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die Ursachen der Migräne sind komplex und noch nicht vollständig erforscht. Es wird angenommen, dass eine komplexe Fehlregulation im Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Bestimmte Nervenfasern, Ausläufer des fünften Hirnnervs, schütten spezielle Botenstoffe aus - u.a. CGRP (engl. Calcitonin Gene-Related Peptide), ein wichtiger Ansatzpunkt für bestimmte Migräne-Medikamente - , die an den Blutgefäßen der Hirnhäute eine Entzündungsreaktion auslösen. Die Blutgefäße dehnen sich daraufhin aus (med. Dilatation) und beginnen, zu pulsieren. Auch genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Etwa zwei Drittel der Patient:innen haben nahe Verwandte, die auch betroffen sind. Forscher:innen gehen daher davon aus, dass bestimmte Erbanlagen bei den Betroffenen dazu führen, dass sich ein „Migräne-Gehirn“ entwickelt, das besonders empfindlich auf äußere und innere Reize reagiert.
Viele Betroffene können bestimmte Auslösefaktoren (Trigger) für ihre Migräne klar benennen. Zu den häufigsten Triggern gehören:
- Stress
- Hormonelle Schwankungen (z.B. während des Menstruationszyklus)
- Schlafmangel
- Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. reifer Käse, Salami, Geschmacksverstärker wie Glutamat)
- Wetterveränderungen
- Sinnesreize (z.B. helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche)
Es ist wichtig zu beachten, dass Triggerfaktoren nicht die Ursache der Migräne sind, sondern lediglich Auslöser einer Attacke. Die Ursache liegt in einer wahrscheinlich erblich bedingten Überempfindlichkeit des Gehirns.
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Migräne-Tagebuch: Den individuellen Triggern auf der Spur
Um die persönlichen Triggerfaktoren zu identifizieren, empfiehlt es sich, ein Kopfschmerz- oder Migräne-Tagebuch zu führen, z.B. mit einer dafür geeigneten Smartphone-App. Darin sollten nicht nur die Migräne-Attacken genau beschrieben werden (Intensität, Lokalisation, Dauer, Symptome, Medikamente usw.), sondern auch festgehalten werden, was die Attacken jeweils provoziert haben könnte (Stress, Schlafmangel, Lebensmittel usw.).
Formen der Migräne
Die Migräne gibt es nicht. Dennoch existieren einige wichtige Merkmale, die dabei helfen, verschiedene Formen der Migräne zu unterscheiden:
- Episodische Migräne: Migräne-Attacken treten gelegentlich, also nur an wenigen Tagen im Monat auf.
- Chronische Migräne: Migräne-Attacken treten nahezu täglich auf und beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Das heißt konkret: Jemand hat mindestens 15 oder mehr Kopfschmerztage pro Monat und das schon länger als drei Monate. An mindestens 8 Tagen im Monat entwickeln sich typische Migräne-Symptomen. Die chronische Migräne kann sich aus einer episodischen Migräne entwickeln.
- Migräne mit Aura: Etwa 15-20 % der Patient:innen haben eine Migräne mit Aura. Am häufigsten sind Sehstörungen: Betroffene sehen z.B. flimmernde Zickzacklinien, Lichtblitze oder blinde Flecken (med. Flimmerskotom). Auch Sprachstörungen (Wortfindungsstörung, verwaschene Sprache) können Teil einer Aura sein. Manche Betroffene beschreiben zudem Gesichtsfeldausfälle in Form eines „Tunnelblicks” oder schwarzer Flecken. Eine Migräne-Aura entwickelt sich meist allmählich über mehrere Minuten und hält in der Regel 15-60 Minuten an. In dieser Zeit bilden sich die Symptome vollständig zurück. Die Kopfschmerzen setzen bei Aura-Migräne meist während der Aura oder innerhalb einer Stunde nach Ende der Aura ein.
- Migräne ohne Aura: Bei einer Migräne ohne Aura zeigen sich keine neurologischen Vorboten. Der Kopfschmerz beginnt plötzlich (oft aus dem Schlaf heraus oder im Tagesverlauf).
- Vestibuläre Migräne: Bei dieser speziellen Form der Migräne treten zusätzlich zum Kopfschmerz Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Ohrgeräusche und Sehstörungen auf. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr kann ebenfalls beeinträchtigt sein.
Behandlung von Migräne
Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, akute Anfälle möglichst schnell zu lindern und künftigen Attacken zuverlässig und nachhaltig vorzubeugen. Dafür stehen sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren zur Verfügung.
Akutbehandlung
Medikamente sollten so früh wie möglich eingenommen werden. Betroffene sollten also nicht abwarten, ob die Kopfschmerzen noch schlimmer werden oder versuchen, die Kopfschmerzen irgendwie auszuhalten. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Wirksamkeit der Medikamente zur Therapie akuter Migräne-Attacken höher ist, wenn diese früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden.
- Schmerzmittel (Analgetika) und nicht steroidale Antirheumatika (NSAR): Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Kombi-Präparate (ASS + Paracetamol + Koffein) können bei leichten bis mittelstarken Migräne-Attacken eingesetzt werden.
- Triptane: Sumatriptan, Eletriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Almotriptan, Naratriptan, Frovatriptan sind bei mittelschweren bis schweren Migräne-Attacken und/oder ausbleibender Linderung durch Schmerzmittel (NSAR) geeignet. Fall ein Triptan allein nicht ausreicht, kann es mit einem NSAR kombiniert werden. Wichtig: Werden Triptane bereits während der Aura eingenommen, solange noch keine Kopfschmerzen bestehen, sind sie nicht wirksam.
- Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit (Antiemetika) wie Dimenhydrinat (z.B. in Vomex A), Metoclopramid (MCP) oder Domperidon sind meist fester Bestandteil der Therapie, da Übelkeit und Erbrechen häufige Begleiterscheinungen der Migräne sind. Antiemetika beeinflussen spezielle Andockstellen (Rezeptoren) für bestimmte Botenstoffe (Dopamin, Histamin) im sogenannten „Brechzentrum“ des Gehirns. Dadurch können Übelkeit sowie Erbrechen deutlich reduziert und die Wirkung von Schmerzmitteln verbessert werden.
Vorbeugung
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein stabiler Schlafrhythmus kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Techniken wie progressive Muskelentspannung oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräne vorzubeugen.
- Ausreichend trinken: Dehydration kann Migräne auslösen. Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Geregelte Mahlzeiten: Unregelmäßige Mahlzeiten können den Blutzuckerspiegel beeinflussen und Migräne triggern.
- Ausdauersport: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Migräne-Tagebuch führen: Das Führen eines Tagebuchs kann helfen, individuelle Triggerfaktoren zu identifizieren und zu vermeiden.
- Medikamentöse Prophylaxe: Bei häufigen oder schweren Migräneattacken können Medikamente wie Betablocker, Kalziumkanalblocker oder Antidepressiva zur Vorbeugung eingesetzt werden. Auch CGRP-Antikörper können zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
Nicht-medikamentöse Behandlungen
- Osteopathie: Die Osteopathie kann ein sanfter, natürlicher Heilungsweg sein, als wirksame Alternative zu medikamentöser Behandlung. Die Osteopathie setzt darauf, durch Ertasten bestimmter Verspannungen und Fehlstellungen im Körper sowie deren Lösen durch sanfte Handbewegungen langfristig eine Schmerzlinderung oder gar -beseitigung zu bewirken.
- Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Die chinesische Diätetik kommt bei Kopfschmerzen und Migräne in erster Linie zur konstitutionellen Stabilisierung in Betracht. Insbesondere sollte auf schleimbildende Süßigkeiten, Trinkmilch, Quark, Farb- und Konservierungsstoffe sowie schmerztriggernde Geschmacksverstärker wie Glutamat und Emulgatoren wie Carrageen (E407) verzichtet werden, da sie die Kohlenhydratverdauung („Milz“) belasten.
Was tun bei Übelkeit und Erbrechen?
Wenn Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Migräneattacke auftreten, gibt es verschiedene Maßnahmen, die helfen können:
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- Medikamente: Antiemetika wie Dimenhydrinat können Übelkeit und Erbrechen reduzieren.
- Hausmittel:
- Tee: Wohltemperierter Kräuter-Tee kann das richtige Hausmittel gegen Übelkeit sein, denn einige Teesorten enthalten Heilkräuter die verdauungsfördernd und krampflösend wirken. Insbesondere Anis, Kümmel und Fenchel sind empfehlenswert. Auch Kamillen- und Ingwertee können lästigen Muskelkrämpfen im Magen-Darm-Trakt entgegenwirken. Auch stilles Wasser, mit einigen Tropfen Zitronensaft angereichert, gilt als Hausmittel bei Übelkeit.
- Melissenblätter kauen: Frische Melissenblätter können sorgfältig gekaut werden, und zwar so lange, bis der typische Melissen-Geschmack nachlässt.
- Schonkost: Wenn sich der Magen angegriffen zeigt, ist Schonkost angesagt. Das Hausmittel gegen Erbrechen hilft insofern, dass der Bauch nicht durch große Portionen oder schwere Kost überfordert ist. Zwieback kann helfen, den kleinen Hunger zu stillen und ist gut verträglich. Gemüsebrühe liefert nicht nur Flüssigkeit, sondern auch notwendige Elektrolyte. Die Schonkost sollte nach und nach gesteigert werden.
- Flüssigkeitszufuhr: Trinken ist bei häufigem Erbrechen wichtig. Die verlorene Flüssigkeit muss dem Körper wieder zugeführt werden. Bei starkem Erbrechen muss auch der Salzverlust (Elektrolytverlust) wieder aufgefüllt werden. In der Apotheke gibt es dafür auch spezielle Brausetabletten.
- Ruhe: Nach dem Erbrechen sollte der Magen ein bis zwei Stunden ruhen dürfen. Dann ist es angenehm, sich hinzulegen. Hausmittel wie eine Wärmflasche oder ein warmes Körnerkissen entspannen den Bauch.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
- Die Kopfschmerzen plötzlich und sehr stark auftreten.
- Die Kopfschmerzen von neurologischen Ausfällen begleitet werden (z.B. Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen).
- Das Erbrechen häufig auftritt oder von anderen Symptomen begleitet wird (z.B. Fieber, Bauchschmerzen).
- Das Erbrochene Blut enthält.
- Die Kopfschmerzen und Begleitsymptome die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Vermeidung von Missverständnissen und Klischees
Es ist wichtig, einige gängige Missverständnisse und Klischees über Migräne auszuräumen:
- Migräne ist keine „eingebildete“ Krankheit oder „nur“ ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung.
- Migräne wird nicht durch ein stressiges Leben verursacht, auch wenn Stress ein Auslöser sein kann.
- Betroffene sind weder arbeitsunwillig noch psychisch krank.
- Migräne ist keine Allergie oder Vergiftung, die durch Diäten oder Entschlackungskuren behandelt werden kann.