Migräne der Zukunft: Forschungsergebnisse und neue Therapieansätze

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt und erhebliche wirtschaftliche Kosten verursacht. Viele Patienten verzweifeln an ihren Migräne-Attacken, da eingesetzte Mittel oft nur kurzzeitig wirken oder aufgrund anderer Erkrankungen nicht eingesetzt werden können. Die Forschung arbeitet intensiv an neuen Therapieformen, die Betroffenen Hoffnung auf eine Zukunft ohne oder mit weniger Migräneattacken geben.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Migräne

Eine im "Journal of Headache and Pain" veröffentlichte Studie untersuchte die wirtschaftlichen Folgen von Migräne. Die Forschenden werteten Gesundheits- und Wirtschaftsdaten aus, um die direkten Kosten für Behandlungen und Medikamente sowie die indirekten Verluste durch reduzierte Arbeitsleistung zu berechnen. Die Ergebnisse zeigen, dass Migräne sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft stark belastet. Solche Studien machen deutlich, wie wichtig bessere Prävention und Behandlung für Betroffene sind.

Aktuelle Behandlungsmöglichkeiten und ihre Grenzen

Obwohl es aktuell schon wirksame Medikamente und Prophylaxe-Möglichkeiten gibt, stoßen viele Patienten an ihre Grenzen und müssen versuchen, mit ihren quälenden Schmerzen im Alltag zurecht zu kommen. Lange Zeit mussten Patient:innen auf prophylaktische Medikamente zurückgreifen, die eigentlich zur Therapie anderer Erkrankungen entwickelt wurden, beispielsweise gegen Depression, Epilepsie oder Bluthochdruck, da es keine spezifischen Migränemittel gab. Dann kamen Triptane auf den Markt, eine Akutmedikation, die vielen gut hilft.

Annika Sandre, die eine Selbsthilfegruppe in Hamburg leitet, nimmt unter anderem Triptane ein. Triptane sind, anders als zum Beispiel Aspirin, keine generellen Medikamente gegen Schmerz. Bei Triptanen seien erstaunlich wenig Nebenwirkungen zu beobachten, sagt Prof. Dr. Arne May, Facharzt für Neurologie und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf: "Manche klagen über ein Engegefühl in der Brust."

Seit ein paar Jahren gibt es auch Prophylaxemittel, zum Beispiel CGRP-Antikörper. CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide, ein Molekül, dass an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Spritzt man Patienten Antikörper, wirken diese gegen das CGRP und machen es unschädlich. So entstehen die Migräneattacken erst gar nicht. Auch Annika Sandre nahm die Antikörper ein. "Ein paar Zyklen lang hat das wirklich total gut geholfen. Die Attacken-Frequenz und vor allem der Schmerz waren stärker reduziert." Ihre 25 Schmerztage konnte sie so auf 15 Tage senken.

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Neue Therapieansätze und Medikamente in der Pipeline

Betroffene erwarten daher schon lange die Freigabe neuer Medikamente: 2025 ist es so weit. Bald gibt es eine weitere Behandlungsmöglichkeit: die Gepante. Sie sollen verhindern, dass die CGRP-Proteine wirken können. Der Vorteil: Diese Art der Behandlung soll nicht nur prophylaktisch wirken, sondern auch bei akuten Attacken Schmerzen lindern. Annika Sandre hat große Hoffnungen: "Wenn das bei mir indiziert ist, dann würde ich es gern ausprobieren."

Arne May vom Universitätsklinikum Eppendorf rechnet damit, dass entsprechende Arzneimittel ab Februar kommenden Jahres den ersten Patienten verschrieben werden können: "Es ist einfach ein neuer Wirkansatz. Wir haben Menschen, die eher auf den Ansatz mit dem Calcitonin-Gene-Peptid und dessen Hemmung reagieren." Ein weiterer Vorteil: Gepante kann man auch in der Therapie bei Menschen einsetzen, die herkömmliche Medikamente wie Triptane aufgrund von Herzkreislauferkrankungen nicht einnehmen können. Die Nebenwirkungen der Gepante sind mit Übelkeit und Gesichtsschwellungen aus Sicht von Experten verkraftbar, vor allem im Vergleich mit den Schmerzen einer Migräne-Attacke. Gepante erweitern also den Werkzeugkasten, um Menschen mit Migräne zu helfen.

Schon bald könnten zudem auch in Deutschland Medikamente aus der Wirkstoffklasse der Gepante auf den Markt kommen, sagt Maihöfner. Diese kleinen Moleküle werden oral verabreicht, blockieren den CRGP-Rezeptor - und stellen eine weitere Option im immer individuelleren Arsenal der Migränetherapien dar.

CGRP-Antikörper und Gepante: Ein neuer Ansatz in der Migräneprophylaxe

Wir Kopfschmerzfachleute waren fasziniert von den Erkenntnissen der grossen Migräneforscher: Migräne hat keine vaskulären oder psychosomatischen Ursachen, wie man bis in die 1990er-Jahre vermutete, sondern das «calcitonin gene-related peptide» (CGRP) spielt eine entscheidende Rolle. CGRP-Antikörper und Gepante (CGRP-Blocker) wurden zur Prophylaxe ab 2018 erstmals in den USA und dann auch in der Schweiz zugelassen. Wir hatten bis dahin zur Prophylaxe nur Betablocker, Flunarizin, Valproinsäure, Topiramat und Amitriptylin. Heute stehen mit CGRP-basierten Medikamenten in der Schweiz sechs weitere zur Verfügung, sodass mehr Patienten geholfen werden kann.

Ubrogepant: Linderung in der Prodromalphase

Ein neuer Wirkstoff namens Ubrogepant lindert schon diese Beschwerden und sorgt dafür, dass die Kopfschmerzen ausbleiben. Die Erkenntnisse könnten vielen Migränepatienten tagelanges Leiden ersparen. Ubrogepant ist bisher nur in den USA zur Akutbehandlung von Migräne zugelassen.

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Ein Forschungsteam hat sich die Zulassungsstudie für Ubrogepant in den USA noch einmal genauer angesehen und dabei entdeckt, dass der neue Wirkstoff auch die ganz frühen Symptome einer Migräne lindern kann. Diese Prodromalphase setzt schon Stunden bis Tage vor der eigentlichen Migräneattacke ein und verursacht mitunter starke Beschwerden. Spezielle Behandlungsmöglichkeiten fehlen bisher.

In der Zulassungsstudie nahmen die Teilnehmenden bei Verdacht auf eine Migräneattacke 100 Milligramm Ubrogepant oder Placebo ein. Bei rund 500 Probanden konzentrierten sich die Forschenden darauf, ob der Wirkstoff auch Vorboten der Migräne lindern konnte. Nach zwei Stunden ließ in der Verumgruppe die Lichtempfindlichkeit um 19,5 Prozent nach, in der Placebogruppe um 12,5 Prozent. Auch die starke Müdigkeit linderte Ubrogepant signifikant besser als Placebo (27 Prozent versus 17 Prozent), ebenso wie Nackenschmerzen (29 Prozent versus 19 Prozent) und Geräuschempfindlichkeit (51 Prozent versus knapp 36 Prozent).

Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Fürth, nennt das „klinisch bedeutsame Effekte“: Die Studie sei gut durchdacht und sehr gründlich. Es handele sich um eine der ersten guten Studien, die eine Besserung der Prodromalphase zeige. Der Wirkstoff Ubrogepant (Ubrelvy®) gehört zu den Migränetherapeutika aus der Klasse der Gepante und ist in den USA seit 2019 zur Akutbehandlung zugelassen. In Deutschland kommt seit Kurzem der verwandte Wirkstoff Atogepant (Aquipta®) sowohl für die Akutbehandlung als auch zur Prophylaxe zum Einsatz. Rimogepant (Vydura®) ist seit 2022 zugelassen.

Alle Substanzen sind Antagonisten am Rezeptor des Calcitonin gene related peptide (CGRP). Dieses entzündungsfördernde Neuropeptid wird aus den Nervenfasern des Trigeminusnervs freigesetzt und spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne. Gelingt es, zum Beispiel mit Ubrogepant, die Migräneattacke in der Prodromalphase zu stoppen, kann das Betroffenen also mehrere Tage dauernde Beschwerden ersparen. Um eine Migräne zu behandeln, macht eine frühzeitige Einnahme der Medikamente immer Sinn. Als nächstes werden weitere Studien gebraucht, um sicher zu sein, dass Ubrogepant Migräne bereits in der Prodromalphase stoppen kann. Dann könnte man zukünftig Migräne nicht erst in der Akutphase behandeln, wie es weitgehend üblich ist.

Migräne im Fokus der Wissenschaft: Die Neuesten Forschungsergebnisse

Die Migräne, eine komplexe neurologische Erkrankung, hat in den letzten Jahren verstärkt die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern auf sich gezogen. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Migräne haben nicht nur unser Verständnis der Erkrankung erweitert, sondern auch die Tür zu vielversprechenden Therapieansätzen geöffnet.

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Nicht-medikamentöse Therapieansätze

Zur Prophylaxe sowie zur Therapie akuter Migräne-Attacken werden darüber hinaus auch nicht-medikamentöse Optionen in der neuen Leitlinie empfohlen. "Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfalls-Prophylaxe ist Ausdauersport", betont Peter Berlit, Professor für Neurologie und Generalsekretär der Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Das Problem: Oftmals werden diese Empfehlungen leider nicht umgesetzt. "Die Einnahme eines Medikaments scheint bequemer, insbesondere, wenn es gut vertragen wird", stellt Berlit fest. "Was aber dabei nicht bedacht wird, ist, dass durch die Kombination von nicht-medikamentösen und medikamentösen Verfahren ein besserer Therapie-Effekt erreicht wird als mit einem allein. Daneben geben es auch noch weitere Optionen, wie etwa die sogenannte Remote Electrical Neuromodulation (REN) oder die externe transkutane Stimulation des Hirnervs Nervus trigeminus.

Bevor Prophylaxe-Medikamente genommen würden, sollten allerdings nichtmedikamentöse Optionen versucht werden. „Hier spielen Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung eine wichtige Rolle, aber auch Meditation und Achtsamkeit“, zählt Maihöfner auf. Ebenso könne Ausdauersport in Form von Schwimmen, Joggen oder Nordic Walking helfen. Goßrau unterstreicht die Wichtigkeit eines regelmäßigen Tagesablaufs: „Zur gleichen Zeit essen, zur gleichen Zeit und ausreichend schlafen, den Alltag nicht zu voll packen: Gerade bei wiederkehrender Migräne ist das wichtig.“

Migräneärzten aus Deutschland ist es gelungen, die Wirksamkeit einer 3er Kombination aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10 bei Migräne nachzuweisen. Die international publizierte Studie* zeigt, dass die einzigartige Mikronährstoff-Kombination die Migränesymptome deutlich und signifikant reduziert, bei signifikanter Verbesserung der Lebensqualität. An der placebo-kontrollierten Doppelblindstudie nahmen 130 Patienten im Alter zwischen 18 bis 65 Jahren teil. Sie erhielten täglich über drei Monate entweder ein Scheinpräparat (Placebo) oder 2×2 Kapseln des Wirkstoffs. Die Studie zeigt, dass eine Behandlung mit hochdosiertem Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 die Ausprägung von Migränesymptomen gegenüber Placebo deutlich und signifikant senkt und damit die Lebensqualität erhöht. Der Vorteil dieser Kombination ist neben der natürlichen Zusammensetzung die gute Verträglichkeit, Gegenanzeigen bestehen nicht. Somit ist die Wirkstoffkombination eine interessante Therapiemöglichkeit für Patienten, die primär eine natürliche Migräneprophylaxe einsetzen möchten, so das Fazit des Studienleiters Dr. med. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein.

Bedeutung der Diagnose und Behandlung

Gerade weil die Mehrheit der Betroffenen einer Erwerbstätigkeit nachgeht, ist es wichtig, eine Migräne rasch zu erkennen und zu behandeln. Wenn man häufig Kopfschmerzen hat, sollte man diese auf jeden Fall ärztlich abklären lassen. Die Diagnose einer Migräne kann hauptsächlich über die Anamnese gestellt werden. Häufig werden aber apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen zu erfassen bzw. auszuschließen. Theoretisch kann der oder die Hausärzt:in eine Migräne diagnostizieren.

Migräne ist keine „Frauenkrankheit“

Männer sind bei der Erkrankung oft unterbehandelt - nicht zuletzt, weil Migräne als Frauenkrankheit gelte - und zudem werde das Auftreten in jungen Jahren vernachlässigt. Tatsächlich sind laut DMKG fast zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen.

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