Einführung
Scharfes Essen, insbesondere Chili, erfreut sich großer Beliebtheit. Doch der Konsum kann neben dem angenehmen Schärfegefühl auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Ein möglicher, wenn auch seltener Effekt ist Migräne. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge zwischen Chili-Konsum und dem Auftreten von Migräne.
Was macht Chili so scharf?
Die Schärfe von Chili wird hauptsächlich durch das Alkaloid Capsaicin verursacht, das vor allem im Fruchtfleisch der Schoten vorkommt. Die Kerne selbst enthalten kein Capsaicin, jedoch die Plazenta, die feine hellrote Haut, an der die Kerne sitzen, enthält den größten Anteil. Capsaicin ist gut löslich in Ethanol und Fetten, aber unlöslich in Wasser. Das erklärt, warum Milchprodukte die Schärfe im Mund besser neutralisieren als Wasser. Neben Capsaicinoiden enthalten Chili-Schoten auch Carotinoide, Flavonoide, Steroidsaponine sowie fettes Öl.
Wie wirkt Capsaicin im Körper?
Nach dem Verzehr von scharfen Chili-Speisen werden im Mund- und Rachenbereich Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) vom Typ TRPV1 aktiviert, die auch für die Hitzeempfindung verantwortlich sind. Der Schmerzimpuls wird durch die Ausschüttung von Substanz P an das Gehirn weitergeleitet, welches dann Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung einleitet. Neben Stresshormonen werden auch Glückshormone ausgeschüttet, was bei manchen Menschen ein „Pepper High“ auslösen kann. Capsaicin wirkt zudem durchblutungsfördernd und regt die Verdauung an.
Akute Symptome nach Chili-Konsum
Der Verzehr von Chili kann verschiedene akute Symptome auslösen:
- Leichte Symptome:
- Hautreizung mit Brennen und Rötung
- Schmerzen in Mund, Nase und Rachen
- Reizungen an anderen Schleimhäuten (z. B. Brennen beim Stuhlgang)
- Gesteigerter Speichelfluss
- Vermehrtes Schwitzen
- Starke Symptome (bei Überschreitung der individuellen "Scharf-Grenze"):
- Magenschmerzen
- Durchfall
- Sodbrennen
- Übelkeit und Erbrechen
- Bluthochdruck bis hin zu Blutdruckkrisen
- Hitzewallungen und Schweißausbrüche
- Sehr selten: Donnerschlagkopfschmerz
Chronische Erscheinungen nach regelmäßigem Chili-Konsum
Regelmäßiger Chili-Konsum kann zu folgenden chronischen Erscheinungen führen:
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
- Gewöhnungseffekt bezüglich des individuellen Schärfe-Grades
- Desensibilisierung der feinen Nervenfasern
- Verminderte Schmerzweiterleitung und Verarmung an Substanz P
Donnerschlagkopfschmerz nach Chili-Verzehr
Ein besonders drastisches Beispiel für Kopfschmerzen nach Chili-Konsum ist der sogenannte Donnerschlagkopfschmerz. Ein Fallbericht aus dem Jahr 2018 beschreibt einen Mann, der nach dem Verzehr der schärfsten Chili-Schote der Welt, der "Carolina Reaper", in der Notaufnahme landete. Bei ihm wurde ein Reversibles Cerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) diagnostiziert, bei dem sich bestimmte Arterienbereiche im Gehirn verengen. Dies ist zwar ein sehr seltener Fall, zeigt aber, dass Chili in extremen Fällen neurologische Komplikationen auslösen kann.
Reversibles Cerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS)
Das RCVS ist eine seltene Erkrankung, bei der sich die Blutgefäße im Gehirn vorübergehend verengen. Dies kann zu plötzlichen, heftigen Kopfschmerzen führen, die als Donnerschlagkopfschmerz bezeichnet werden. Weitere Symptome können Nackenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und neurologische Ausfälle sein. Das RCVS kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter Medikamente, Drogen und in seltenen Fällen auch scharfe Speisen wie Chili.
Individuelle Verträglichkeit von Capsaicin
Die Verträglichkeit von Capsaicin ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Faktoren wie Schmerzwahrnehmung, Häufigkeit des Verzehrs und regionale Unterschiede spielen eine Rolle. Kinder reagieren besonders empfindlich auf scharfe Speisen. Das wurde auch bei der "Hot Chip Challenge" 2023 deutlich, bei der es aufgrund schwerer Nebenwirkungen sogar zu einem Verkaufsverbot kam.
Chili vs. Cayenne-Pfeffer
Obwohl beide scharf sind, gibt es Unterschiede:
- Chili: Oberbegriff für zahlreiche Paprika-Sorten (z. B. Jalapeño, Habanero), die frisch, getrocknet oder pulverisiert verwendet werden. Der Schärfegrad variiert.
- Cayenne-Pfeffer: Eine spezielle Chili-Sorte ("Capsicum annuum") mit einem besonders hohen Schärfegrad (30.000-50.000 Scoville). Er wird hauptsächlich pulverisiert als Gewürz verwendet und dient als Ausgangsstoff für die Gewinnung von Capsaicin für therapeutische Zwecke.
Die Scoville-Skala
Die Scoville-Skala dient zur Bestimmung des Schärfegrades von Chili-Produkten. Der Wert ergibt sich anhand des Verdünnungsgrades, der erforderlich ist, damit das Produkt nicht mehr scharf schmeckt. Reines Capsaicin hat einen Scoville-Grad von 15.000.000. Zum Vergleich: Eine Gemüsepaprika hat 0 SHU, eine Jalapeño etwa 15.000 SHU und die Carolina Reaper 2.200.000 SHU.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Empfohlene Obergrenze für Capsaicin-Konsum
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt für den alltäglichen Konsum eine Obergrenze von 5 mg Capsaicin pro Kilogramm Körpergewicht innerhalb einer Mahlzeit. Für eine Person mit 75 kg Körpergewicht entspricht das 375 mg Capsaicin (= 6.000 SHU).
Kopfschmerzen durch Ernährung: Weitere Auslöser
Nicht nur Chili, sondern auch andere Nahrungsmittel und Inhaltsstoffe können Kopfschmerzen auslösen. Dazu gehören:
- Glutamat: Der Geschmacksverstärker kann bei empfindlichen Personen Kopfschmerzen, Schläfendruck, Engegefühl im Brustkorb und Stresssymptome verursachen.
- Aspartam: Der künstliche Süßstoff in Light- und Diätprodukten kann ebenfalls Kopfschmerzen auslösen.
- Histamin: Histaminreiche Lebensmittel wie Hartkäse und Wein können bei Histaminintoleranz Kopfschmerzen, Hautrötungen, Ausschlag, Müdigkeit, Schwindel, Kreislauf- oder Verdauungsprobleme verursachen.
- Alkohol: Der Abbau von Methanol, einem Stoff im Alkohol, kann zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtscheu führen (Kater).
Ernährungstagebuch zur Identifizierung von Triggern
Um herauszufinden, welche Nahrungsmittel Kopfschmerzen auslösen, kann ein Ernährungstagebuch hilfreich sein. Darin werden alle Mahlzeiten, Getränke, Begleitumstände und Kopfschmerzepisoden dokumentiert. Nach einigen Wochen lassen sich Zusammenhänge zwischen bestimmten Lebensmitteln und dem Auftreten von Kopfschmerzen erkennen.
Vorbeugung von Kopfschmerzen durch Ernährung
Neben dem Meiden von bekannten Triggern können folgende Maßnahmen helfen, Kopfschmerzen vorzubeugen:
- Regelmäßige Mahlzeiten (drei Mahlzeiten pro Tag, davon eine warm)
- Ausreichend trinken (mindestens 1,5 Liter pro Tag)
- In Ruhe essen
- Vorsicht mit Histaminen in der Ernährung
Capsaicin in der Schmerztherapie
Obwohl Chili Kopfschmerzen auslösen kann, wird Capsaicin auch in der Schmerztherapie eingesetzt. Capsaicin-Pflaster oder -Salben können bei Nervenschmerzen (z. B. nach Gürtelrose) eingesetzt werden, da Capsaicin die Ausschüttung der Substanz P blockiert und so die Schmerzweiterleitung reduziert.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Die Wirkung von Capsaicin auf den Körper: Mehr als nur Schärfe
Capsaicin wirkt auf die Hitze-Rezeptoren im Körper, was zu einer Reihe von Reaktionen führt, einschließlich der Freisetzung von Endorphinen. Es kann auch die Schleimbildung in den Atemwegen fördern, was bei Atemwegserkrankungen hilfreich sein kann. Entgegen der landläufigen Meinung erhitzt Chili den Körper nicht, sondern kann durch die Erweiterung der Blutgefäße und die Anregung des Schwitzens sogar zur Kühlung beitragen.
Studien zu den gesundheitlichen Effekten von Chili
Zahlreiche Studien haben die gesundheitlichen Vorteile von Capsaicin dokumentiert. Einige Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen hohem Chili-Verzehr und einem niedrigeren Risiko für Herztod hin.