Die Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der schätzungsweise 6-8 % aller Männer und 12-17 % aller Frauen betroffen sind. Sie äußert sich durch anfallsartige, starke, häufig einseitige und pulsierend-pochende Kopfschmerzen, die sich durch körperliche Aktivität verschlimmern. Oft treten während einer Migräneattacke Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit auf. Die Diagnose stützt sich auf die Erhebung der Anamnese und eine klinisch-neurologische Untersuchung. Apparative Zusatzuntersuchungen sind für die Diagnosestellung nicht notwendig.
Akute Migräneattacken werden mit Analgetika oder nichtsteroidalen Antirheumatika behandelt. Sind diese nicht wirksam, kommen Triptane zum Einsatz. Bei häufigen Migräneattacken müssen eine nichtmedikamentöse und eine medikamentöse Migräneprophylaxe eingeleitet werden. Eine prophylaktische Therapie dient dazu, die Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken zu reduzieren.
Für die medikamentöse Prophylaxe standen bisher die Betablocker Propranolol und Metoprolol, Flunarizin, Amitriptylin und die beiden Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat zur Verfügung. Zur Behandlung der chronischen Migräne besteht ein Wirksamkeitsnachweis für Topiramat und OnabotulinumtoxinA. Darüber hinaus gibt es wissenschaftliche Evidenz für weitere Substanzen (z. B. Candesartan), denen aber die Zulassung für die Indikation Migräneprophylaxe fehlt.
Eine wichtige Ergänzung der bisherigen Medikamente zur Migräneprophylaxe sind die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben Leitlinien zur Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne mit monoklonalen Antikörpern gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor publiziert, die wichtige Empfehlungen enthalten.
Was sind Migräne-Spritzen?
Als Migräne-Spritzen werden Migränemedikamente bezeichnet, die in Form von Fertigpens zur Verfügung stehen. Diese Einwegspritzen sind bereits mit der Injektionslösung befüllt. Derzeit sind in Deutschland vier Wirkstoffe zugelassen:
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- Erenumab (Handelsname Aimovig®): Ein Antikörper, der am CGRP-Rezeptor angreift.
- Fremanezumab (Handelsname Ajovy®): Ein Antikörper, der das CGRP-Molekül selbst blockiert.
- Galcanezumab (Handelsname Emgality®): Ebenfalls ein Antikörper, der das CGRP-Molekül selbst blockiert.
- Eptinezumab (Handelsname Vyepti®): Ein weiterer Antikörper, der das CGRP-Molekül selbst blockiert. Eptinezumab ist seit Januar 2022 in Deutschland zur Vorbeugung von Migräne zugelassen und kommt für Erwachsene infrage, die mindestens vier Tage im Monat Migräne haben.
Diese monoklonalen Antikörper sind hochspezifisch und zeigen eine im Vergleich zu den etablierten Prophylaxen sehr gute Verträglichkeit. Aufgrund ihrer langen Halbwertszeit muss die Behandlung nur einmal monatlich oder alle 3 Monate erfolgen. Die Applikation erfolgt entweder subkutan (Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab) oder intravenös (Eptinezumab).
Wie wirken Migräne-Spritzen?
Die in den Migräne-Spritzen enthaltenen monoklonalen Antikörper wirken, indem sie an den Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor binden und diese Bindungsstellen inaktivieren. Aufgrund ihrer spezifischen Wirkung werden sie als CGRP-Antikörper bezeichnet.
CGRP ist ein Polypeptid, das eine wichtige Rolle in Neuronen des zentralen und peripheren Nervensystems spielt. Die Substanz ist darüber hinaus ein potenter Vasodilatator und hat physiologische Bedeutung in der Neuroimmunologie, im Gastrointestinaltrakt und bei der Wundheilung. Goadsby und Edvinsson entdeckten vor mehr als 30 Jahren, dass CGRP während akuter Migräneattacken ausgeschüttet wird.
CGRP spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne-Anfällen, da es gefäßerweiternd und entzündungsfördernd wirkt. Viele Menschen, die unter Migräne leiden, produzieren diesen Botenstoff im Überschuss. Die monoklonalen Antikörper unterbrechen den Signalweg an einer bestimmten Stelle und verhindern so das Auftreten einer Migräne-Attacke.
Anwendung und Dosierung
Die Anwendung der Migräne-Spritze hängt vom jeweiligen Präparat ab. Ihr Arzt zeigt Ihnen die korrekte Handhabung. Außerdem wird er den Behandlungserfolg regelmäßig überprüfen und gemeinsam mit Ihnen besprechen.
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- Erenumab: Spritzen Sie eine Einzeldosis Erenumab alle vier Wochen unter die Haut. Die empfohlene Dosis beträgt 70 mg alle vier Wochen. Manche Patienten können von einer Dosis mit 140 mg alle vier Wochen profitieren, welche in Form von zwei subkutanen Injektionen mit jeweils 70 mg verabreicht wird. Injizieren Sie Erenumab in den Bauch oder Oberschenkel. Wenn Ihnen eine andere Person Erenumab verabreicht, kann das Medikament auch in die Außenseite des Oberarms gespritzt werden.
- Galcanezumab: Die Behandlung mit Galcanezumab beginnt mit einer Anfangsdosis von 240 Milligramm. Anschließend werden alle vier Wochen 120 Milligramm unter die Haut gespritzt. Sie können Galcanezumab in den Bauch oder den Oberschenkel injizieren. Wenn Ihnen eine andere Person die Spritze verabreicht, ist dies auch an der Außenseite des Oberarms oder im Gesäßbereich möglich.
- Fremanezumab: Fremanezumab ist in zwei Dosierungen erhältlich: Erfolgt die Injektion monatlich, erhalten Betroffene 225 Milligramm. Bei Anwendung alle drei Monate werden 675 Milligramm (aufgeteilt in drei Pens / Spritzen) verabreicht. Fremanezumab soll in den Bauch, Oberschenkel oder Oberarm gespritzt werden.
- Eptinezumab: Eptinezumab muss - im Gegensatz zu den drei anderen CGRP-Antikörpern - von medizinischem Fachpersonal verabreicht werden. Der Wirkstoff wird nicht in das Unterhautfettgewebe gespritzt, sondern als intravenöse Infusion verabreicht. Normalerweise werden 100 Milligramm Eptinezumab als intravenöse Infusion alle 12 Wochen gegeben. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann diese Dosis bei Bedarf auf 300 Milligramm steigern. Eine Infusion dauert ungefähr 30 Minuten.
Wechseln Sie bei allen Präparaten zur Selbstinjektion regelmäßig die Einstichstelle. Wenn Sie eine Injektion vergessen, holen Sie diese möglichst rasch nach. Spritzen Sie in keine geröteten oder verhärteten Hautareale.
Das Ansprechen auf die Therapie kann sich bereits in den ersten zwei Behandlungswochen abzeichnen. Bei Patienten, die nach drei Monaten noch kein Ansprechen zeigen, sollte die Behandlung nicht weitergeführt werden. Die Behandlung sollte kontinuierlich evaluiert werden. Zur Verlaufs- und Erfolgskontrolle eignet sich die Migräne-App (kostenlos für iOS und Android erhältlich), die eine genaue quantitative Evaluation der Vorbeugung und der Akuttherapie ermöglicht.
Was ist nach der Injektion zu beachten?
Nach der Injektion der Migräne-Spritze gibt es einige wichtige Punkte zu beachten, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen und eventuelle Nebenwirkungen zu minimieren:
- Beobachtung der Einstichstelle: Achten Sie auf Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der Einstichstelle. Diese Reaktionen sind meist mild und klingen nach einigen Tagen von selbst ab. Bei starken Reaktionen sollten Sie jedoch Ihren Arzt informieren.
- Umgang mit Nebenwirkungen: Informieren Sie sich über mögliche Nebenwirkungen des jeweiligen Medikaments und achten Sie auf deren Auftreten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Schmerzen an der Injektionsstelle, Verstopfung, Muskelspasmen und Pruritus. Die meisten dieser Nebenwirkungen sind von leichter oder mittlerer Schwere. Erenumab kann in seltenen Fällen zu einer schweren Obstipation führen, sodass Patienten auf diese Nebenwirkung hingewiesen werden müssen.
- Dokumentation von Migräneattacken: Führen Sie weiterhin ein Migränetagebuch, um die Häufigkeit, Intensität und Dauer Ihrer Migräneattacken zu dokumentieren. Dies hilft Ihrem Arzt, den Behandlungserfolg zu beurteilen und die Therapie gegebenenfalls anzupassen.
- Regelmäßige Arzttermine: Nehmen Sie regelmäßige Kontrolltermine bei Ihrem Arzt wahr, um den Verlauf der Behandlung zu besprechen und eventuelle Fragen oder Bedenken zu klären.
- Nichtmedikamentöse Maßnahmen: Setzen Sie weiterhin auf nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe, wie z.B. regelmäßigen Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung, einen regelmäßigen Tagesrhythmus und die Identifikation/das Management von Triggerfaktoren.
- Akutmedikation: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, welche Akutmedikation Sie bei Bedarf weiterhin einnehmen können. Die Migräne-Spritze dient der Vorbeugung, kann aber akute Attacken nicht immer vollständig verhindern.
- Meldung von Nebenwirkungen: Da es sich um eine neue Wirkstoffgruppe handelt, zu der bislang nur begrenzt klinische Erfahrungen vorliegen, sollten Nebenwirkungen konsequent an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet werden, um etwaige Risiken frühzeitig zu erfassen.
Für wen sind Migräne-Spritzen geeignet?
Zugelassen ist die Antikörpertherapie für Erwachsene mit Migräne ab vier Schmerztagen im Monat. Üblicherweise wird erst auf andere Weise versucht, den Migräneanfällen vorzubeugen. Wirken die üblichen Mittel nicht, oder werden nicht vertragen, kommt eventuell die Migräne-Spritze in Betracht. Betroffene klären das am besten zunächst in ihrer hausärztlichen Praxis, gegebenenfalls werden sie zu einer Neurologin oder einem Neurologen überwiesen.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Therapiekosten bei Patienten mit episodischer Migräne vor, wenn mindestens die folgenden 5 zugelassenen medikamentösen Prophylaktika Betablocker (Metoprolol oder Propranolol), Flunarizin, Topiramat, Valproinsäure und Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder wenn gegen deren Einnahme Kontraindikationen oder Warnhinweise bestehen. Bei Patienten mit chronischer Migräne wird als zusätzliches Kriterium empfohlen, dass diese nicht auf eine Therapie mit OnabotulinumtoxinA angesprochen haben.
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Gegenanzeigen und Vorsichtsmaßnahmen
Migräne-Spritzen darf man im Allgemeinen nicht anwenden, wenn man überempfindlich oder allergisch auf den Wirkstoff oder einen anderen Bestandteil des Medikaments reagiert. Auch Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere und Stillende sollen nicht mit Migräne-Spritzen behandelt werden.
Da CGRP ein potenter Vasodilatator ist, sollten die Antikörper bei Patienten mit schwerwiegenden kardiovaskulären Erkrankungen oder einem hohen Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse nicht eingesetzt werden. Die Risikogruppe umfasst Patienten mit koronarer Herzerkrankung, ischämischem Schlaganfall, TIA einer Subarachnoidalblutung, einer peripheren Arterienverschlusskrankheit und dem Morbus Raynaud. Bis weitere Sicherheitsdaten vorliegen, sollten auch Patienten mit einer COPD oder pulmonalen Hypertonie nicht behandelt werden. Dies gilt auch für Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen und Wundheilungsstörungen.
Alternativen zur Migräne-Spritze
Die monoklonalen Antikörper gelten als Meilenstein in der Migräne-Behandlung. Vor ihrer Zulassung gab es zur Vorbeugung der schmerzhaften Attacken nur Medikamente, die ursprünglich für andere Krankheiten entwickelt worden waren und sich im Nebeneffekt auch positiv auf Migräne auswirkten. Diese Standard-Therapien sind nach wie vor wichtig.
Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfallsprophylaxe ist Ausdauersport. Auch Kraftsport, Entspannungsübungen, ein gesunder Takt bei Schlaf und Mahlzeiten sowie Methoden der Stressbewältigung könnten helfen, Migräneattacken zu vermeiden. Die Einnahme eines Medikaments scheint bequemer, insbesondere, wenn es gut vertragen wird.
Weitere Optionen zur Migräneprophylaxe sind:
- Betablocker: Propranolol und Metoprolol
- Calciumantagonisten: Flunarizin
- Antidepressiva: Amitriptylin
- Antikonvulsiva: Valproinsäure und Topiramat
- Botulinumtoxin: Bei chronischer Migräne