Die Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, pulsierende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm. In Deutschland sind schätzungsweise 10-15 % der Bevölkerung betroffen, wobei Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die höchste Erkrankungsrate der Migräneattacken tritt zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr auf, wobei die Erkrankung am häufigsten zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr beginnt. Angesichts der erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag und des Risikos einer Chronifizierung ist eine adäquate Therapie von entscheidender Bedeutung. In manchen Fällen kann eine stationäre Behandlung notwendig sein, um Betroffenen eine umfassende und effektive Versorgung zu bieten.
Ursachen und Formen von Kopfschmerzen
Kopfschmerzen gehören laut den Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den am häufigsten anzutreffenden Schmerzen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen.
- Primäre Kopfschmerzen: Diese sind ein eigenständiges Krankheitsbild, zu denen Migräne, Spannungskopfschmerzen und Clusterkopfschmerzen gehören.
- Sekundäre Kopfschmerzen: Diese sind die Folge einer anderen Erkrankung, wie z.B. einer Erkältung oder der Menstruation.
Die Internationale Kopfschmerz Gesellschaft (International Headache Society, IHS) hat im Jahr 2004 die zweite Klassifikation der Kopfschmerzerkrankungen herausgegeben, in der über 220 verschiedene primäre und sekundäre Kopfschmerzsyndrome beschrieben werden.
Spannungskopfschmerzen
Spannungskopfschmerz ist die häufigste Form von Kopfschmerz. Rund 90 Prozent der Deutschen haben einen Spannungskopfschmerz schon einmal am eigenen Körper erfahren. Ein Spannungskopfschmerz ist von leichter bis moderater Intensität, meist wie ein Ring um den Kopf, als Druck auf der Schädeldecke oder anhaltender Hinterkopfschmerz beschrieben. Gewöhnlich tritt er ohne Begleitsymptome auf, wenngleich z. B. eine leichte Geräuschempfindlichkeit möglich ist. Treten die Schmerzen häufiger als an 15 Tagen im Monat auf, gelten sie als chronisch. Zu den Ursachen der Spannungskopfschmerzen zählen vor allem Muskelverspannungen. Diese können im Bereich von Schultern und Nacken, aber auch an den Augen- und Gesichtsmuskeln auftreten. Langes Arbeiten am Schreibtisch und vorm Computer kann diese Verspannungen und somit Kopfschmerzen auslösen. Auch Stress erhöht das Risiko für Spannungskopfschmerzen.
Migräne
Die Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt, die von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke - vornehmlich halbseitig auf der Stirn, der Schläfe bis zum Hinterkopf und Nacken - wahrgenommen werden. Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen. Dem Kopfschmerz gehen bei einigen Patientinnen oder Patienten bereits an Tagen zuvor Symptome wie Heißhunger, depressive Verstimmung, gesteigerter Antrieb voran. Diese sind zu unterscheiden von der typischen Migräneaura unmittelbar vor oder seltener während der Kopfschmerzen. Hierbei handelt es sich um einseitige wandernde Lichtblitze oder sich bewegende farbige Bilder vor den Augen bis hin zu Sprachstörungen, Taubheit des Gesichtes bzw.
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Episodische und chronische Migräne
Wir unterscheiden aufgrund der Häufigkeit von Attacken/Anfällen zwischen episodischer und chronischer Migräne. Letztere besteht dann, wenn an 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen bestehen und davon mindestens 8 Tage einer Migräne entsprechen.
Cluster-Kopfschmerz
Cluster Kopfschmerz (ca. 100 000 Patientinnen oder Patienten in Deutschland) besteht aus strikt halbseitigen Schmerzen um bzw. hinter einem Auge, der Stirn, der Schläfe bis in den Oberkiefer von stechendem, bohrendem bis ziehenden Charakter. Die Stärke ist schwer bis unerträglich. Zusätzlich zum Kopfschmerz können halbseitige Gesichtsschwitzen, Gesichtsrötung, Augentränen und/oder laufende/verstopfte Nase auftreten. Die Schmerzattacken treten häufig nachts zur gleichen Zeit auf und dauern von 15 - 180 Minuten an. Bewegungsunruhe ist typisch für die Schmerzattacken und diese sind tageszeitlich und jahreszeitlich "geclustert", d. h. treten zur selben Tages-/Jahreszeit auf. Es gibt eine chronische (komplette Schmerzfreiheit weniger als 1 Monat pro Jahr) und eine episodische Form des Cluster Kopfschmerzes.
Indikationen für eine stationäre Behandlung
Eine stationäre Behandlung der Migräne kann in verschiedenen Situationen indiziert sein, insbesondere wenn:
- Chronifizierung der Symptomatik: Die Migräne ist chronisch geworden, d.h. sie tritt an 15 oder mehr Tagen im Monat auf.
- Anhaltende Funktionsstörungen: Die Migräne beeinträchtigt die Lebensqualität und die Fähigkeit, alltäglichen Aktivitäten nachzugehen, erheblich.
- Chronische Fixierung auf die Schmerzsymptomatik: Der Patient ist stark auf den Schmerz fixiert, was die Bewältigung der Erkrankung erschwert.
- Psychische Begleiterkrankungen: Es liegen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen vor, die die Migräne verstärken oder die Behandlung erschweren.
- Schwierigkeiten in der Krankheitsverarbeitung: Der Patient hat Schwierigkeiten, die Erkrankung zu akzeptieren und damit umzugehen.
- Deutliche Auswirkung des Leidens auf die berufliche Leistungsfähigkeit: Die Migräne führt zu Arbeitsunfähigkeit oder erheblichen Einschränkungen im Berufsleben.
- Übergebrauch von Medikamenten: Eine besondere Gefährdung liegt bei PatientInnen mit sehr häufigen Migräneattacken vor. Bei diesen kann der ständige Gebrauch von Schmerz- und Migränemitteln selbst Kopfschmerzen hervorrufen (sog. Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch). Patienten mit einem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz bieten wir eine Entzugsbehandlung im Rahmen einer multimodalen stationären Behandlung.
- Akute Verschlechterung bei Clusterkopfschmerz: Wir betrachten Clusterkopfschmerzpatienten mit einer akuten Verschlechterung als einen medizinischen Notfall.
Ziele der stationären Behandlung
Die stationäre Behandlung der Migräne zielt darauf ab:
- Schmerzlinderung: Reduktion der Häufigkeit, Intensität und Dauer von Migräneattacken.
- Verbesserung der Lebensqualität: Steigerung des Wohlbefindens und der Fähigkeit, alltäglichen Aktivitäten nachzugehen.
- Reduktion des Medikamentengebrauchs: Verringerung des Bedarfs an Akutmedikation und Vorbeugung eines Medikamentenübergebrauchs.
- Förderung der Krankheitsbewältigung: Erlernen von Strategien zur Akzeptanz und zum Umgang mit der Erkrankung.
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Linderung psychischer und körperlicher Begleiterkrankungen.
- Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit: Ermöglichung der Rückkehr ins Berufsleben.
Therapieansätze in der stationären Behandlung
Die stationäre Behandlung der Migräne umfasst in der Regel ein multimodales Therapiekonzept, das verschiedene Behandlungsansätze kombiniert:
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Medikamentöse Therapie
- Akutmedikation: Einsatz von Schmerzmitteln (z.B. Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol) und Triptanen zur Behandlung akuter Migräneattacken. Auch Mittel gegen die Übelkeit sind bei der Therapie anzuraten.
- Prophylaktische Medikamente: Einsatz von Medikamenten zur Vorbeugung von Migräneattacken (z.B. Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika, CGRP-Antikörper).
- BOTOX-Therapie: Für die Diagnostik und Therapie von chronischer Migräne wenden wir unter anderem auch die BOTOX-Therapie an.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Verhaltensmedizinische Therapie: Es liegen zahlreiche empirische Studien zur Effektivität der Verhaltenstherapie bei chronischen Kopfschmerzen vor. So zeigen wissenschaftliche Studien, dass die Verhaltenspsychotherapie bei episodischen und chronischen Kopfschmerzen einen erheblichen positiven Einfluss haben kann. Dieser wird verstärkt, wenn zusätzlich Entspannungsverfahren angewendet werden.
- Entspannungsverfahren: Unter alleiniger Anwendung von Entspannungsverfahren oder Biofeedback werden in entsprechenden Analysen bei Migräne Besserungsraten von 40 % mitgeteilt, unter Kombination der beiden Verfahren nähern sich die Resultate der 50 % Marke. Nachdem derartige Entspannungstechniken hier vorgestellt und geübt wurden, kann die Patientin/der Patient diese auch zu Hause weiter anwenden und davon profitieren.
- Biofeedback: Das Biofeedback, d.h. die computer-unterstützte Rückkopplung von Anspannung und Entspannung per Bildschirm, kann die Entspannungsfähigkeit verdeutlichen und begünstigen. Wird neben der medikamentösen Migräneprophylaxe zusätzlich Biofeedback durchgeführt, steigt die therapeutische Effektivität auf bis zu 74 % Besserungsrate für Migräne und 76 % für Kombinationskopfschmerz.
- Stressbewältigungstraining: Ein spezifisches Training zur Stressbewältigung wirkt unterstützend beim Stressabbau und der Stressverarbeitung. Analoges gilt für das Stressbewältigungstraining und die kognitive Verhaltenstherapie. Im Rahmen dieser besonderen Behandlung lernen Sie einen hilfreichen Umgang mit Kopfschmerztriggern, sowie vorbeugende medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) kennen.
- Psychotherapie: Psycholog:innen betreuen sie im Rahmen dieses Programms sowohl in der Einzel- als auch Gruppentherapie.
- Physiotherapie: Weitere auf die Vertiefung der Körperwahrnehmung zielende Bewegungstherapien wie Feldenkrais und Qigong sowie sporttherapeutische Maßnahmen ergänzen das Therapieprogramm. Physiotherapeut:innen beurteilen ihren Bewegungsapparat - im Besonderen die Hals- und Nackenbeweglichkeit - und zeigen Ihnen auf, wie Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen erlernt werden kann.
- Sporttherapie: Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen.
- Ernährungsberatung: Identifizierung und Vermeidung von Triggerfaktoren in der Ernährung.
Multimodale Schmerztherapie
Für Patient:innen mit chronischer Migräne und anderen chronischen Kopfschmerzen (z. B. chronischer Spannungskopfschmerzen) bieten wir ein intensives ambulantes Behandlungsprogramm an (IV Kopfschmerz Spezial). Hierbei werden die Patient:innen von Neurolog:innen gemeinsam mit Psycholog:innen, Krankengymnast:innen, Sportwissenschaftler:innen und in Kopfschmerz geschultem Pflegepersonal behandelt. Diese als multimodal und multiprofessionell bezeichnete Behandlungsform wird nur an wenigen Einrichtungen mit Schwerpunkt Kopfschmerzen in Deutschland angeboten.
Ablauf der stationären Behandlung
- Aufnahmeformalitäten: Ihr behandelnder Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus. Bitten Sie Ihren Arzt, die Aufnahme-Checkliste auszufüllen. Füllen Sie den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus. Senden Sie alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. an die angegebene Anschrift.
- Diagnostik: Umfassende neurologische Untersuchung, Anamnese und ggf. weitere diagnostische Maßnahmen (z.B. bildgebende Verfahren, Blutuntersuchung), um andere Ursachen für den Kopfschmerz auszuschließen.
- Therapieplanung: Erstellung eines individuellen Therapieplans auf Grundlage der Diagnose und der Bedürfnisse des Patienten.
- Durchführung der Therapie: Umsetzung des Therapieplans durch ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und anderen Therapeuten.
- Regelmäßige Visiten und Anpassung der Therapie: Überwachung des Therapieverlaufs und Anpassung der Behandlung bei Bedarf.
- Entlassungsplanung: Vorbereitung auf die Zeit nach dem stationären Aufenthalt, einschließlich Empfehlungen für die ambulante Weiterbehandlung und Selbsthilfestrategien.
Spezialisierte Einrichtungen und Ansprechpartner
In Deutschland gibt es zahlreiche Kliniken und Kopfschmerzzentren, die sich auf die stationäre Behandlung von Migräne spezialisiert haben. Zu den renommierten Einrichtungen gehören:
- Kopfschmerzzentrum der Charité: Versorgt jährlich über 2.000 Patient:innen mit Kopf- und Gesichtsschmerzen.
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel: Bietet spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen. Ärztliche Leitung Prof. Dr. Hartmut Göbel.
- Klinik für Neurologie am Klinikum Köln-Merheim: Die Diagnostik und Therapie von Kopfschmerzerkrankungen, aber auch anderen Schmerzerkrankungen, ist ein Schwerpunktgebiet der Klinik.
Weitere Ansprechpartner:
- Prof. Dr. med. Torsten Passie M.A.
- Dr. med. Mira Pauline Fitzek
- Dr. med. Carolin Höhne
- Dr. med. Kristin Sophie Lange
- PD Dr. Bianca Raffaelli
- Prof. Dr. Uwe Reuter
- Yones Salim
- PD Dr. (Gastwissenschaftler)
Forschung und Innovation
Als universitäres Kopfschmerzzentrum ist die Forschung ein zentrales Anliegen. Zur Evaluation innovativer prophylaktischer und akut-medikamentöser Behandlungsmethoden führen wir klinische Studien zu neuen Substanzklassen durch. Hierbei wird das Prüfpräparat mit einem Placebo (Phase II und Phase III Studien) oder einer bestehenden Regelversorgung (Phase IV Studien) verglichen und hinsichtlich Effektivität sowie Sicherheit beurteilt. Neben den klassischen Medikamentenstudien beschäftigen wir uns in mehreren klinischen Studien mit der Untersuchung von klinischen (z.B. Kopfschmerztage, Begleitsymptome, erfolgte Therapien) und paraklinischen Parametern (z.B. Laborparameter und bildgebende Untersuchungen) unterschiedlicher primärer sowie sekundärer Kopfschmerzerkrankungen. Das Studiendesign ist dabei variabel und kann von einer einmaligen Untersuchung/Befragung hin zu einer längeren Beobachtungsperiode mit mehreren Studienvisiten reichen.
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