Migräne und Kreislauf: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die oft mit intensiven Kopfschmerzen einhergeht. Doch Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Migräne und verschiedenen Begleiterkrankungen, insbesondere solchen des Herz-Kreislauf-Systems. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Migräne und dem Kreislauf, die verschiedenen Formen der Migräne und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Herzgesundheit.

Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen

Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die sich bei jedem Betroffenen anders äußern kann. Sie ist oft eine ständige Begleitung, die den Alltag und das Wohlbefinden erheblich beeinflusst. Für viele Menschen mit Migräne kommen noch Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, hinzu. Diese zu kennen und zu verstehen ist sehr wichtig, denn sie können sich darauf auswirken, welche Medikamente am besten geeignet sind - sowohl zur Behandlung akuter Migräneattacken als auch zur prophylaktischen Migränetherapie.

Die verschiedenen Gesichter der Migräne

Migräne äußert sich nicht bei allen Betroffenen gleich. Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen Migräne mit und ohne Aura.

  • Migräne mit Aura: Etwa ein Drittel der Migränepatienten erlebt zusätzlich zur Kopfschmerzphase neurologische Symptome, die als Aura bezeichnet werden. Dazu gehören vorübergehende Sehstörungen, Taubheitsgefühle im Gesicht, an den Armen oder Händen sowie Sprachstörungen.
  • Migräne ohne Aura: Diese Form der Migräne tritt ohne die genannten neurologischen Begleiterscheinungen auf.
  • Vestibuläre Migräne: Diese Sonderform der Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, geht mit plötzlichen Drehschwindel-Attacken einher. Der Schwindel kann im Vorfeld des Kopfschmerzes bei Migräne auftreten, parallel zum Schmerz oder auch danach. Bei einigen Betroffenen kommen Schwindel und Kopfschmerzen nie zusammen vor.

Migräne und vaskuläre Risikofaktoren

Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Migräne, insbesondere die Form mit Aura, mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein kann.

Erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen

Menschen mit Migräne besitzen ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen. Zwei große aktuelle Studien aus den USA und aus Dänemark zeigen, dass Migränepatienten etwas häufiger Herzinfarkte, Schlaganfälle und venöse Thrombosen erleiden. Die Gesamtsterblichkeit dieser Patienten war um 20 Prozent erhöht.

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Migräne mit Aura als besonderer Risikofaktor

Migräne mit Aura ist besonders gefährlich. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie tragen Betroffene ein besonders hohes Risiko für einen Schlaganfall. Bei ihnen ist der Risikofaktor im Vergleich zu Menschen ohne Migräne um 56 Prozent erhöht (Migräne ohne Aura: 41 Prozent).

Studie zu kardiovaskulären Ereignissen bei Frauen mit Migräne

Wissenschaftler um Prof. Tobias Kurth, Leiter des Instituts für Public Health (IPH) der Charité - Universitätsmedizin Berlin, haben anhand einer Datenanalyse festgestellt: Migränepatientinnen erleiden im Vergleich eher einen Schlaganfall oder Herzinfarkt als Frauen ohne Migräne. Die Teilnehmerinnen waren zu Studienbeginn zwischen 25 und 42 Jahre alt und hatten keine diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt 17.531 von ihnen, etwas mehr als 15 Prozent, litten unter einer ärztlich festgestellten Migräne. Im Untersuchungszeitraum von 1989 bis 2011 ist bei 1.329 dieser Frauen ein kardiovaskuläres Ereignis beobachtet worden. 223 der Frauen verstarben in der Folge. „Unsere Auswertung legt nahe, dass Migräne als ein wichtiger Risikomarker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachtet werden muss, insbesondere bei Frauen“, folgert Prof. Kurth. „Es hat sich gezeigt, dass Migränepatientinnen ein um 50 Prozent höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatten als Nichtbetroffene. Das Risiko für einen Herzinfarkt war bei ihnen um 39 Prozent, für Schlaganfall um 62 Prozent und für eine Angina pectoris um 73 Prozent erhöht“, so der Wissenschaftler.

Dänische Studie zu Migräne und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wer unter Migräne leidet, hat ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Probleme wie Herzinfarkte, Schlaganfälle, Thrombosen und Herz-Rhythmus-Störungen. Das geht aus einer Studie mit den Daten von mehr als einer halben Million Dänen hervor, die heute im «British Medical Journal» erschienen ist. Dabei fanden die Wissenschaftler um Kasper Adelborg einen statistischen Zusammenhang. Pro 1000 Personen erlitten 25 der Migräne-Patienten einen Herzinfarkt im Vergleich zu 17 von 1000 Personen der Kontrollgruppe. Bei 45 von 1000 Migräne-Patienten traten Schlaganfälle auf im Vergleich zu 25 in der Vergleichsgruppe. Dabei wurden andere Risikofaktoren wie Gewicht und Rauchen bereits berücksichtigt. Auch für Blutgerinnsel und Herz-Rhythmus-Störungen fanden die Forscher eine Assoziation. Bei Migräne mit Aura sowie bei Frauen war der Zusammenhang deutlicher als bei Migräne-Patienten ohne Aura oder bei Männern.

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang

Die genauen Ursachen für den Zusammenhang zwischen Migräne und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Theorien:

  • Entzündungsprozesse: Migräneattacken gehen mit Entzündungsprozessen im Gehirn und in den Blutgefäßen einher. Diese Entzündungen könnten auch die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.
  • Gefäßverengungen: Während einer Migräneattacke können sich die Blutgefäße im Gehirn verengen. Dies könnte auch die Blutversorgung des Herzens beeinträchtigen und das Risiko für Herzinfarkte erhöhen.
  • Erhöhter Gebrauch antientzündlicher Medikamente: Die Forscher weisen darauf hin, dass es sich um eine reine Beobachtungsstudie handelt, die keinen Rückschluss auf die Ursachen zulässt. Möglich sei, dass ein erhöhter Gebrauch antientzündlicher Medikamente durch den Migräne-Kopfschmerz das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht.
  • Längeres Liegen während Migräne-Attacken: Zudem könne ein längeres Liegen während Migräne-Attacken die Entstehung von Blutgerinnseln fördern.

Weitere Begleiterkrankungen bei Migräne

Migräne kommt selten allein. Häufige Begleiterkrankungen sind:

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  • Depressionen: Bei Patientinnen und Patienten mit Migräne sind Depressionen um den Faktor 2,5 häufiger als in der Gesamtbevölkerung. Die ständigen Schmerzen und die Unvorhersehbarkeit der Attacken können zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Traurigkeit führen.
  • Angststörungen: Ähnlich wie bei Depressionen haben Migränepatientinnen und -patienten oft auch mit Angststörungen zu kämpfen. Insgesamt liegt bei Migräne ein bis zu 10-fach erhöhtes Risiko für eine Angsterkrankung vor. Die Angst vor einer bevorstehenden Migränettacke kann zu einer ständigen Anspannung führen, die die Lebensqualität weiter beeinträchtigt.
  • Schlafstörungen: Viele Menschen mit Migräne berichten von Schlafproblemen. Laut Studien gibt es einen engen Zusammenhang zwischen einem schlechten Schlaf und Migräne, und zwar in beide Richtungen: Schlafstörungen können Kopfschmerzen auslösen und häufige Kopfschmerzen können einen erholsamen Schlaf verhindern.
  • Chronische Schmerzen: Migräne kann auch mit anderen chronischen Schmerzsyndromen wie Fibromyalgie oder Rückenschmerzen zusammen auftreten. Diese Begleiterkrankungen können die Schmerzempfindung verstärken und die Behandlung der Migräne erschweren.
  • Magen-Darm-Erkrankungen: Laut einer Studie leiden Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen etwa 3,5-mal so oft an Migräne wie Menschen ohne diese Erkrankungen. Zudem steigt die Migräne-Wahrscheinlichkeit mit der Anzahl der Magen-Darm-Erkrankungen. Fast alle Arten von Magen-Darm-Erkrankungen hängen mit einem erhöhten Migräne-Risiko zusammen. Nur bei entzündlichen Darmerkrankungen fand man keinen klaren Zusammenhang.

Was können Betroffene tun?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Migräne zu senken:

  • Vaskuläre Risikofaktoren behandeln: Frauen mit häufigen Migräneattacken mit Aura sollten nach ihren vaskulären Risikofaktoren befragt und diese dann konsequent behandelt werden.
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Lassen Sie regelmäßig Ihre Blutfettwerte und Ihren Blutzuckerwert überprüfen. Herz und Kreislauf leiden, wenn sich Fett an den Innenwänden der Gefäße ablagert (Arteriosklerose), der Fett- und Zuckerstoffwechsel aus dem Gleis gerät oder gar schon eine Diabetes-Erkrankung vorliegt.
  • Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und vermeiden Sie Übergewicht und Rauchen.
  • Stress reduzieren: Stress ist ein bekannter Auslöser für Migräneattacken. Versuchen Sie, Stress abzubauen, beispielsweise durch Entspannungsübungen oder Yoga.
  • Migräneattacken vorbeugen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über eine geeignete Migräneprophylaxe. Es müsse noch geklärt werden, ob die Prävention von Migräne-Attacken auch das Herz-Kreislauf-Risiko wieder senkt.
  • Ganzheitliche Behandlung: Eine ganzheitliche Behandlung, die sowohl deine Migräne als auch mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigt, kann dir helfen, deine Lebensqualität zu verbessern und mit deiner Erkrankung besser umzugehen. Oft ist es sinnvoll, dass verschiedene Fachleute zusammenarbeiten - zum Beispiel Internistinnen oder Internisten, Neurologinnen oder Neurologen und Psychologinnen oder Psychologen. So können sie gemeinsam einen Behandlungsplan entwickeln, der genau auf dich und deine Situation angepasst ist.

Die Rolle der vestibulären Migräne

30 bis 50 Prozent der migränekranken Patienten leiden während einer Kopfschmerzattacke zusätzlich an Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen. Diese Form der Erkrankung wird als vestibuläre Migräne oder Schwindelmigräne bezeichnet und rückt immer mehr in den Vordergrund der Wissenschaft und Medizin. Denn häufig treten die Symptome auch ohne Kopfschmerzen auf und werden daher nicht mit einer Migräne in Verbindung gebracht, sondern mit anderen Krankheiten wie Morbus Menière.

Symptome der vestibulären Migräne

Treten die Migräne-typischen Kopfschmerzen und Schwindel oder eine Gleichgewichtsstörung zusammen auf, deutet das oft auf eine vestibuläre Migräne hin. Allerdings können die Schwindelattacken auch ohne schmerzenden Kopf auftreten - das ist sogar bei circa 30 Prozent der Patienten der Fall. Weitere Anzeichen einer Schwindelmigräne:

  • Meistens handelt es sich um einen Drehschwindel.
  • Unsicherheiten im Gehen oder Stehen sind möglich.
  • Die Beschwerden dauern zwischen 5 Minuten und 72 Stunden an.
  • Der Schwindel nimmt eventuell bei Veränderung der Körperlage zu.
  • Es kommt zu zuckenden Augenbewegungen, die für den Betroffenen selbst spür- und für andere sichtbar sind.
  • Der Schwindel kann durch Licht oder sich bewegende Objekte ausgelöst werden (visuell-induzierter Schwindel) und zu Beginn der Kopfschmerzattacke, die ganze Zeit über oder erst danach auftreten.

Diagnose und Behandlung der vestibulären Migräne

Bis vor einigen Jahren wurde die Schwindelmigräne nicht als eigenes Krankheitsbild angesehen. Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society (The International Society for Neuro-Otology, Schweden) veröffentlichten daraufhin ein Dokument mit vorgegebenen Diagnosekriterien. Dieses soll Ärzten eine Hilfestellung geben, um eine Schwindelmigräne festzustellen und dadurch andere Erkrankungen wie Morbus Menière auszuschließen. Die Therapie der Schwindelmigräne ähnelt der einer normalen Migräne. Gegen den Schwindel kommen zudem spezielle Medikamente, sogenannte Antivertiginosa, zum Einsatz. Auch regelmäßige körperliche Betätigung und Stressabbau können eine Migräne sehr positiv beeinflussen.

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