Viele Menschen leiden unter chronischen Kopfschmerzen und Migräne, die ihren Alltag erheblich beeinträchtigen. Die Ursachen dafür sind vielfältig und oft schwer zu identifizieren. Ein häufig übersehener Faktor kann jedoch im Bereich der Zähne und des Kiefers liegen. Als ganzheitlich orientierter Ansatz betrachtet man den menschlichen Körper als ein verbundenes System, in dem Störungen in einem Bereich Auswirkungen auf andere haben können.
Einführung: Die Verbindung zwischen Kiefer und Kopfschmerzen
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch starke, oft einseitige Kopfschmerzen auszeichnet und mit Symptomen wie Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen einhergehen kann. Die genauen Ursachen sind komplex, aber zahnmedizinische Probleme oder Fehlfunktionen im Kieferbereich können eine Rolle spielen.
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD): Eine häufige Ursache
Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine Fehlfunktion des Kiefergelenks und der Kaumuskulatur. Sie kann durch Stress, Fehlstellungen der Zähne oder Zähneknirschen (Bruxismus) ausgelöst werden. CMD führt oft zu Verspannungen in der Kiefermuskulatur, die sich auf die Nacken- und Kopfmuskulatur ausweiten können.
Ursachen und Auswirkungen von CMD
- Stress und Zähneknirschen: Viele Menschen knirschen oder pressen ihre Zähne unbewusst, vor allem nachts. Diese Überbelastung der Kaumuskulatur kann Nerven in der Umgebung reizen und Triggerpunkte im Kieferbereich aktivieren.
- Fehlbiss: Ein unausgewogener Biss, bei dem Ober- und Unterkiefer nicht harmonisch zusammenarbeiten, kann zu einer ständigen Überbelastung bestimmter Muskeln führen.
- Entzündungen im Zahnbereich: Entzündungen im Zahnbereich, wie Wurzelspitzenentzündungen oder Zahnfleischentzündungen, können durch die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen Migräne fördern.
Das Zusammenspiel von Zahn- und Kieferstellung und Kopfschmerzen
Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen unter chronischen Kopfschmerzen oder Migräne leiden. Ein Grund geht auf die Zahn- sowie Kieferstellung zurück.
Die Kiefergelenke sind eng mit den Strukturen des Schädels verbunden und es bestehen gewisse Abhängigkeiten voneinander. Wenn nämlich die Zähne, das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur nicht zusammenarbeiten und im Ungleichgewicht sind - aufgrund einer Fehlstellung -, versucht die Muskulatur durch eigenentwickelte Spannung entgegenzuwirken. Daraufhin entsteht eine Verspannung der Muskulatur, welche wiederum Kopfschmerzen verursacht. Diese Verspannungen können zudem die Hals- und Nackenmuskulatur sowie den Rücken beeinflussen und ebenfalls Schmerzen mit sich bringen.
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Was bei einer Fehlstellung des Kiefergelenks auch noch mit einfließt, ist das Knirschen. Hierbei werden vor allem Nachts die Zähne zusammengepresst und aneinander gerieben, was wiederum eine große Verspannung auslöst und Kopfschmerzen verursachen kann.
Weitere mögliche Ursachen für Migräne im Kieferbereich
Neben CMD gibt es weitere zahnmedizinische Probleme, die Migräne auslösen können:
- Schlecht sitzender Zahnersatz: Kronen, Brücken oder Prothesen, die nicht richtig passen, können zu einer Fehlbelastung der Kaumuskulatur führen. Um die CMD-Ursachen zu ergründen, nehmen wir schlechtsitzende Kronen, Brücken, Zahnersatz oder verkürzte Zahnreihen und Kieferfehlstellungen näher in Augenschein.
- Zahninfektionen: NICO-bedingte Zahninfektionen können über den Trigeminus-Nerv die Hirnströme beeinflussen. Irritationen des Nervensystems und Immunantworten, die mit einseitigen Gesichtsschmerzen bzw. Sinusitis einhergehen, sind meist auf unerkannte NICO/FDOK-Störfelder zurückzuführen, die tief im Kiefer schlummern.
- Weisheitszähne: Schmerzende Weisheitszähne können ebenfalls Kopfschmerzen auslösen, da Zahnschmerzen und Kopfschmerzen vom selben Nerv, dem Trigeminusnerv, übertragen werden.
- Parodontitis: Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Migräne hin. Es wird vermutet, dass bestimmte Entzündungsmediatoren an der Auslösung von Migräne-Anfällen beteiligt sind.
Diagnose von CMD: Den Ursachen auf den Grund gehen
Die Diagnose einer CMD erfolgt in der Regel durch eine manuelle Funktionsanalyse beim Zahnarzt oder Kieferorthopäden. Dabei werden die Beweglichkeit des Kiefergelenks, die Muskelspannung und die Kontakte der Zähne überprüft. In manchen Fällen sind auch instrumentelle Funktionsanalysen oder bildgebende Verfahren wie MRT notwendig.
Manuelle Funktionsanalyse
Beim Verdacht auf eine craniomandibuläre Dysfunktion führt der Zahnarzt oder Fachzahnarzt für Kieferorthopädie zunächst eine sogenannte manuelle Funktionsanalyse durch - eine gründliche Untersuchung des Zahn-, Kiefer- und Kopfbereichs. Er überprüft, ob das Kiefergelenk in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und ob die Kontakte der aufeinanderbeißenden Zähne stimmen. Durch Abtasten lässt sich ermitteln, ob die Muskeln, die am Kauvorgang beteiligt sind, verhärtet oder druckschmerzhaft sind.
Instrumentelle Funktionsanalyse
Neben der manuellen Untersuchung kommen auch instrumentelle Funktionsanalysen zum Einsatz. Das sind spezielle Messverfahren, mit deren Hilfe man die Lage und die Bewegungen der Kiefergelenke in bestimmten Belastungssituationen dreidimensional darstellen und analysieren kann. Dies erfolgt z. B. mit Hilfe von Gipsmodellen und einem Artikulator: einem Gerät, das die Gelenkbewegungen des Patienten simuliert. Aber auch hochpräzise computergestützte Verfahren, die Kieferbewegungen und Kaudruck digital darstellen, sind inzwischen verfügbar. Eine MRT-Diagnostik kann bei bestimmten Fragestellungen zusätzliche Hinweise geben.
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Behandlungsmöglichkeiten: Ein ganzheitlicher Ansatz
Die Behandlung von Migräne, die durch Probleme im Kieferbereich verursacht wird, erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl zahnmedizinische als auch physiotherapeutische und verhaltensbezogene Maßnahmen umfasst.
Zahnärztliche Behandlungen
- Aufbissschienen: Eine Aufbissschiene aus Kunststoff kann helfen, die Kiefermuskulatur zu entspannen und Fehlstellungen zu korrigieren. Dabei wird der Kiefer in die richtige Position gebracht und wirkt so der Verspannung der Muskulatur entgegen. In den meisten Fällen wird die Schiene nachts getragen, wobei bei schwerwiegenden Fällen Schienen auch tagsüber relevant sind.
- Kieferorthopädische Maßnahmen: Bei Zahnfehlstellungen kann eine kieferorthopädische Behandlung helfen, den Biss zu korrigieren und die Spannung im Kiefer zu reduzieren.
- Korrektur von Zahnersatz: Schlecht sitzender Zahnersatz sollte angepasst oder erneuert werden, um eine gleichmäßige Belastung der Kaumuskulatur zu gewährleisten.
- Behandlung von Zahninfektionen: Entzündungsherde im Kieferbereich sollten saniert werden, um die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen zu reduzieren.
Physiotherapie
Eine physiotherapeutische Behandlung kann helfen, Verspannungen im Kiefer-, Nacken- und Schulterbereich zu lösen. Oft ist eine physiotherapeutische Behandlung als Ergänzung zur kieferorthopädischen Maßnahme sinnvoll, die die Verspannungen durch die richtigen Bewegungen weiter lockert und lösen soll. Manuelle Therapie am Kiefergelenk, Neurodynamik, Haltungsschulung & Ergonomieberatung sind ein paar Beispiele.
Selbsthilfemaßnahmen
- Stressmanagement: Stress ist ein wichtiger Faktor bei CMD und Migräne. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
- Kieferübungen: Einfache Übungen zur Entspannung und Mobilisierung der Kiefermuskulatur können regelmäßig durchgeführt werden.
- Selbstbeobachtung: Achten Sie auf Anzeichen von Verspannungen im Kieferbereich und versuchen Sie, diese bewusst zu lösen. Jean-Marc Pho Duc rät zur Selbstbeobachtung: „Es reichen kurze Momente am Tag, an denen man innehält und sich bewusst macht, wie man seinen Kiefer gerade hält. Ist er angespannt, sind die Zähne aufeinandergepresst? Dann einfach wieder locker lassen!“
Medikamente
In einigen Fällen können Schmerzmittel oder Muskelrelaxantien vorübergehend eingesetzt werden, um die Beschwerden zu lindern. Kopfschmerzmedikamente sollte man an höchstens zehn Tagen im Monat einnehmen, so die Deutsche Hirnstiftung. Sonst können sie selbst Kopfschmerzen auslösen - und damit eine Schmerzspirale, aus der man nicht so leicht wieder herauskommt.
Die Rolle des ganzheitlichen Zahnarztes
Ein ganzheitlicher Zahnarzt betrachtet den Menschen als Ganzes und berücksichtigt die Zusammenhänge zwischen Zähnen, Kiefer und anderen Körperbereichen. Durch eine umfassende Diagnostik und einen individuellen Behandlungsplan kann er dazu beitragen, die Ursachen von Migräne im Kieferbereich zu erkennen und zu behandeln. Die enge Zusammenarbeit mit Neurologen, Physiotherapeuten und anderen Fachärzten ist von entscheidender Bedeutung, um die richtige Behandlung zu finden.
Fallbeispiele und Studienergebnisse
Eine neuere Studie aus Brasilien hat ergeben, dass eine Muskelhyperaktivität der Grund für eine Migräneattacke sein könnte. Hierzu wurden 20 Patienten mit und 20 ohne Migräne auf CMD hin untersucht. Gemessen wurde insbesondere das Volumen des Musculus pterygoideus lateralis, der im Kausystem eine Sonderaufgabe erfüllt: Er öffnet den Mund und zieht den Unterkiefer nach vorne. Bei 58,7 Prozent der Patienten mit Migräne und CMD war dieser Muskel verdickt. Noch häufiger traten in dieser Gruppe veränderte Kieferbewegungen (61,2 Prozent) und Diskusverlagerungen (70 Prozent) des inneren Kiefergelenks auf. Um festzustellen, ob nun gerade dieser Muskel Kopf und Kiefer unter Druck setzt, empfiehlt sich eine Untersuchung mit Echtzeit-MRT.
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