Die Corona-Pandemie hat die Welt verändert und auch nach ihrem vermeintlichen Ende im Jahr 2023 bleiben die Auswirkungen spürbar. Zwar hat das Virus seinen pandemischen Schrecken verloren und ist in einen endemischen Zustand übergegangen, doch für viele Menschen bestehen weiterhin gesundheitliche Herausforderungen. Neben der akuten Infektion und Erkrankung zeigt das Virus bei einem Teil der Infizierten eine länger anhaltende Wirkung, bekannt als Long COVID.
Long COVID: Eine Herausforderung für die Medizin
Long COVID ist eine schwer zu begreifende Eigenart des Virus, da die Symptome vielfältig und die Definition unpräzise ist. Betroffene zeigen in der Regel nicht alle Symptome, die als „typisch“ für Long COVID angesehen werden, und die Krankheitsanzeichen treten nicht permanent auf, sondern schwanken in ihrer Intensität und können nach einer Phase scheinbarer Symptomfreiheit zurückkehren. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Atemnot, Schlafprobleme, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Angstzustände und Depressionen gehören zu den besonders häufig genannten Beschwerden. Hinzukommen können Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit, bekannt als „brain fog“.
Die Häufigkeit der Erkrankung variiert in den vorhandenen Studien erheblich. Eine Auswertung von mehr als 30 Untersuchungen ergab, dass zwei Monate nach der akuten Krankheitsphase etwa 17 % der Patient:innen an Long COVID litten, nach sechs Monaten waren es noch 8 %. Einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2023 zufolge zeigten 7 % der Genesenen Symptome von Long COVID.
Kopfschmerzen und Long COVID
Zahlreiche Studien belegen, dass Kopfschmerzen zu den häufigsten Beschwerden im Rahmen einer akuten COVID-19-Erkrankung wie auch von Long COVID zählen. Dies ist nicht überraschend, da Kopfschmerzen auch bei anderen Virusinfektionen häufig als Begleiterscheinung auftreten. Die Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Long COVID und Kopfschmerz zeigen mehrere Variationen. Bei Migränebetroffenen kann es beispielsweise zu einer Verschlimmerung ihrer bereits bestehenden Erkrankung kommen, wobei die Attacken nach der Corona-Infektion häufiger auftreten oder länger dauern als zuvor. Bei Menschen, die bis zu ihrer COVID-19-Erkrankung nicht unter Kopfschmerzen litten, kann sich nach Abklingen der eigentlichen Infektion erstmals Kopfschmerz entwickeln.
Die Entstehungsmechanismen des Long COVID-Kopfschmerzes sind seit der Entdeckung des Phänomens Gegenstand intensiver Forschung. Lange war unklar, worin die Gründe der Beschwerden lagen. Eine jüngst veröffentlichte Arbeit (Oktober 2023) aus den USA könnte einen Durchbruch bei der Ursachensuche bedeuten. Die Arbeitsgruppe um Maayan Levy von der Perelman School of Medicine in Philadelphia entdeckte bei einer Analyse von mehreren Studien, dass es während der akuten Erkrankungsphase von COVID-19 bei den Patient:innen zu einem Abfall des im Blut zirkulierenden Botenstoffs Serotonin kam. Bei Genesenen normalisierte sich dieser Wert wieder, nachdem sie die Virusinfektion überstanden hatten. Entwickelten die Betroffenen allerdings Long COVID, so blieb das Serotonin weiter auf dem niedrigen Niveau.
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Ein ähnlicher Serotoninmangel wurde auch bei Patient:innen gefunden, die sich mit anderen Viren infiziert hatten. Möglicherweise ist man mit diesen Befunden einer allgemeinen Reaktion des menschlichen Körpers bei Virusinfekten auf der Spur gekommen. Das angeborene Immunsystem setzt bei Viruskontakt verstärkt sogenannte Interferone vom Typ 1 frei. Diese Immun-Botenstoffe wirken auf die Darmschleimhaut, in der die Bildung von Serotonin aus der Aminosäure Tryptophan stattfindet. Die Interferone hemmen in den Zellen der Darmschleimhaut die Aufnahme von Tryptophan. Dadurch fehlt dort der Rohstoff für die Bildung von Serotonin, sein Level im Blut sinkt ab.
Ein niedriger Serotoninspiegel beeinflusst die Gerinnungsaktivität bestimmter Blutzellen, der Thrombozyten. Der Mangel an dem neuroaktiven Botenstoff Serotonin wirkt sich auch auf die Funktion des Gehirns aus. Zwar kann es die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden, aber die Forscher:innen vermuten einen anderen Weg der Beeinflussung: Ist nicht genug Serotonin vorhanden, wird die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigt. Dieser ist unter anderem aktiv an der Steuerung von Prozessen beteiligt, die sich auf das Gedächtnis, die Speicherung von Informationen und auch auf das Kopfschmerzgeschehen auswirken.
Migräne und Corona: Ein besonderes Augenmerk
Da Kopfschmerzen ein häufiges Symptom sowohl der akuten COVID-19-Erkrankung als auch von Long COVID sind, stellt sich die Frage, wie sich dies auf Menschen mit Migräne auswirkt. Migräne zählt definitionsgemäß zu den chronischen Krankheiten, da sie über einen langen Zeitraum immer wieder auftritt und sich nicht heilen lässt. Eine eigene Krankheitsform stellt dabei die chronische Migräne dar.
Kein erhöhtes Risiko für schweren Verlauf
Entwarnung gibt es jedoch von Dr. Axel Heinze von der Schmerzklinik Kiel: Für Migränepatienten besteht kein erhöhtes Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken. Weder ist die Funktion des Immunsystems durch Migräne beeinträchtigt, noch sind innere Organe angegriffen.
Kopfschmerzen als häufiges Symptom
Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom einer akuten Covid-19-Erkrankung. Laut Professor Dr. Andreas Straube, Oberarzt an der Neurologischen Klinik und Poliklinik der LMU München, leiden Patienten mit primären Kopfschmerzen in der Vorgeschichte, vor allem Migräne, häufiger und heftiger unter Kopfschmerzen bei einer akuten Covid-19-Erkrankung.
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Besserer Verlauf bei starken Kopfschmerzen?
Auf der anderen Seite haben Covid-19-Patienten mit starken Kopfschmerzen im Durchschnitt ein besseres Outcome in Bezug auf die SARS-CoV-2-Infektion. Eine spanische Studie zeigte, dass die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus im Schnitt sieben Tage kürzer war und die Interleukin-6-Level niedriger und stabiler waren.
Persistierende Kopfschmerzen
Eine Nachbefragung von 100 Patienten sechs Wochen nach ihrer Covid-19-Erkrankung ergab, dass 37,8 % der Patienten, die zu Beginn der Erkrankung unter Kopfschmerz litten, diese sechs Wochen später immer noch hatten. Von diesen Patienten hatte jeder zweite eine Kopfschmerzhistorie (Migräne oder andere Kopfschmerzen als Vorerkrankung). Kopfschmerzspezialist Straube geht davon aus, dass neu auftretender Dauerkopfschmerz bei 10 % aller Covid-19-Patienten zum Problem wird.
Beteiligung des Inflammasoms
Bei chronischen Kopfschmerzen wird eine Beteiligung des Inflammasoms diskutiert. Dabei handelt es sich um einen Eiweißkomplex, der sich innerhalb von Zellen befindet und als Reaktion auf Krankheitserreger oder zellulären Stress aktiviert wird. Als Teil der angeborenen Immunabwehr ist das Inflammasom in der Lage, die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen zu veranlassen - ein Mechanismus, der möglicherweise auch bei der Chronifizierung von primären Kopfschmerzen wie Migräne eine Rolle spielen könnte.
Migräne als Risikofaktor für COVID-19?
Die Analyse einer prospektiven Kohortenstudie in den Niederlanden ergab, dass Migränepatienten, speziell Frauen, häufiger COVID-19 entwickelten. Symptome wie Kopfschmerz, Anosmie, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme traten häufiger nach COVID-19 und dann besonders bei Migränepatienten auf.
Weitere Erkenntnisse und Risikofaktoren
Neben Migräne gibt es weitere Faktoren, die das Risiko für Long COVID beeinflussen können. Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass Menschen mit Asthma oder COPD ein erhöhtes Long-Covid-Risiko aufweisen. Besonders Asthma erhöht das Risiko für eine anhaltende Erschöpfung nach COVID-19. Ein Umbrella-Review hat den Zusammenhang zwischen Übergewicht und den Folgen von COVID-19 untersucht und gezeigt, dass Übergewicht das Risiko für schwere Krankheitsverläufe signifikant erhöht.
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Therapie und Prävention
Eine unmittelbare Therapie des Long- oder Post-COVID-Syndroms existiert bislang noch nicht. Eine begleitende Psychotherapie kann bei langandauernden und wechselhaften Symptomen sinnvoll sein. Schmerzen werden symptomatisch mit herkömmlichen Schmerzmitteln behandelt.
Die gute Nachricht ist, dass die Impfung gegen COVID-19 nicht nur gegen schwere Verläufe der eigentlichen Erkrankung schützt, sondern auch das Risiko für Long COVID erheblich senkt. Mit der Impfung lassen sich auch die Begleitsymptome vermeiden. Dabei wirkt eine sogenannte Booster-Impfung, also die Auffrischung des Impfschutzes, besonders gut. Eine Untersuchung an Mitarbeitenden im Gesundheitswesen konnte zeigen, dass die Anzahl der Schutzimpfungen gegen COVID-19 in einem umgekehrten Verhältnis zum Risiko steht, an Long COVID zu erkranken. So fand man eine um zwei Drittel verminderte Wahrscheinlichkeit für Long COVID nach drei Impfungen.
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