Dopamin-Forschung der Zukunft: Ein tiefer Einblick in Motivation, Sucht und neuronale Schaltkreise

Was treibt uns im Leben wirklich an? Diese Frage steht im Zentrum der Dopamin-Forschung, einem Feld, das unser Verständnis von Motivation, Belohnung und sogar Suchtverhalten revolutioniert. Lange Zeit wurde Dopamin als reines "Glückshormon" betrachtet, doch moderne Erkenntnisse zeigen ein viel komplexeres Bild.

Die vielschichtige Rolle des Dopamins

Ursprünglich in den 1960er und 1970er Jahren als "Lustmolekül" oder "Glückshormon" angesehen, hat sich unser Verständnis von Dopamin erheblich gewandelt. Heute wissen wir, dass Dopamin vor allem dann ausgeschüttet wird, wenn etwas Unerwartetes oder Unbekanntes geschieht - etwas, das möglich war, aber dennoch überraschend kommt.

Dopamin als Motor für Fortschritt und Innovation

Die Rolle des Dopamins beschränkt sich also nicht nur auf die Belohnung selbst, sondern auf die Belohnung für ein überraschendes Ergebnis. Diese "erfreulichen Irrtümer" erhöhen unser Dopamin-Level und machen uns für eine Weile glücklicher. Ein einfaches Beispiel: Streben wir eine Gehaltserhöhung von zehn Prozent an und bekommen dann 15 Prozent, wird bei uns heftig Dopamin ausgeschüttet.

„From dopamine’s point of view, having things is uninteresting. It’s only getting things that matters. If you live under a bridge, dopamine makes you want a tent. If you live in a tent, dopamine makes you want a house. If you live in the most expensive mansion in the world, dopamine makes you want a castle on the moon. Dopamine has no standard for good, and seeks no finish line."

Ohne Dopamin würden wir morgens nicht einmal aus dem Bett kommen, da wir keinen Trieb, kein Verlangen nach Mehr hätten. Das aber ist entscheidend für unser Überleben sowie die Fortpflanzung der Menschheit. Dopamin hat seine Tücken, aber es ist eben auch der maßgebliche Treiber des Fortschritts, denn dabei geht es in aller Regel darum, mehr zu erlangen - mehr Macht, mehr Konsum, mehr von mehr!

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Die dunkle Seite des Dopamins: Sucht und Kontrollverlust

Dopamin kennt kein Gewissen, keine Moral! Wenn wir dieses Verlangen nicht zu kontrollieren lernen, „leben“ wir nur in der Zukunft oder in vermeintlich verpassten Chancen. Nehmen wir zum Beispiel die Kaufreue. Dopamin hat uns eingeredet, dass wir dieses Auto, diese Uhr oder genau diese Tasche unbedingt für unser Glück brauchen. Was ist die potenzielle Reaktion auf Kaufreue? Einige entscheiden sich, noch mehr zu kaufen, um den nächsten Dopamin-Kick zu jagen, andere beschließen, weniger zu kaufen, um weniger Dopamin-Abstürze zu erleiden. Leider ist das System des Verlangens auch evolutionsbedingt mächtiger als das des Mögens. Um ein gutes Leben zu führen, müssen wir jedoch dieses Gleichgewicht wahren.

Das Dopamin-Kontrollsystem: Ein Gegengewicht zum Verlangen

Die Evolution kannte das Problem dieser so schwer zu erlangenden Balance und hat uns als Abhilfe ein weiteres System geschenkt. Denn was ist so mächtig, dass es Dopamin in Schach halten kann? Das Dopamin-Kontrollsystem! Dopamin muss zukunftsgerichtet gezähmt werden, wenn der Mensch über das pure Verlangen hinaus etwas planen und mit hoher Beharrlichkeit umsetzen können möchte.

Liebe, Dopamin und andere Botenstoffe

Verliebt sein ist ein Zustand, in dem die Welt Kopf steht. Neurobiologen und Anthropologen erforschen, wie die Liebe unser Empfinden beeinflusst, und haben herausgefunden, dass Liebe nicht nur blind macht, sondern auch süchtig.

Liebe als Sucht: Eine neurobiologische Perspektive

Prof. Dr. Neurowissenschaftler glauben, dass man Liebe mit einer Sucht vergleichen kann. Im Körper und im Gehirn von Verliebten laufen zumindest ähnliche Prozesse ab. Auch der Schmerz eines Menschen, der verlassen wird, sei durchaus mit Entzugssymptomen zu vergleichen. Der Neurotransmitter Dopamin und die Hormone Vasopressin und Oxytocin werden bei Verliebten vermehrt ausgeschüttet. Beim Anblick eines geliebten Menschen ist das Belohnungssystem besonders aktiv. Areale, die für Angst oder kritische Bewertungen zuständig sind, weisen dagegen eine verminderte Aktivität auf.

Die Rolle von Oxytocin und Vasopressin

Neben dem Dopamin spielen jedoch noch zwei weitere Hormone eine wichtige Rolle: Vasopressin und Oxytocin werden bei Verliebten ebenfalls verstärkt ausgeschüttet. Beide gelten als Bindungs-​Hormone. Vasopressin ist in dieser Funktion bislang hauptsächlich bei Tieren untersucht worden. Dort wird ein Zusammenhang mit der Bindungsfähigkeit bei Männchen vermutet. Besser verstanden ist bereits die Funktion von Oxytocin. Das Hormon mindert Angst und Stress und trägt dazu bei, dass wir anderen Menschen vertrauen. Außerdem sorgt es für die innige Nähe von Eltern und Kindern und ist verantwortlich für die Bindung von Paaren. Es wird verstärkt ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder stillen, wenn wir angenehme Berührungen oder einen Orgasmus erleben - oder in die Augen eines geliebten Menschen schauen.

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Dopamin im Kontext von Lernen und Gedächtnis

Dopamin spielt nicht nur bei Motivation und Sucht eine Rolle, sondern auch beim Lernen und der Gedächtnisbildung.

Dopamin und Vermeidungsgedächtnis

Von frühster Kindheit an lernen wir, Schädlichem aus dem Weg zu gehen und Positives zu suchen. Ein Beispiel für Vermeidungsgedächtnis ist der Stich an den Dornen einer Rose, den wir uns dauerhaft merken. Hiromu Tanimoto und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie haben nun bei der Fruchtfliege die wichtigsten Nervenzelltypen, die an aversiven und Belohnungsprozessen beim Lernvorgang beteiligt sind, lokalisiert und identifiziert. Alle vier der entdeckten Nervenzelltypen enthalten den Botenstoff Dopamin und schütten diesen im Pilzkörper des Fliegengehirns aus.

Dopamin und die Verknüpfung von Reizen

Forschende des Leibniz-Instituts für Neurobiologie (LIN) haben zeigen können, dass eine Verringerung der Dopaminproduktion im Gehirn das Lernen auf überraschende Weise verändert. Dopamin ist entscheidend für die Verknüpfung von Reizen mit Belohnungen oder Bestrafungen. „Unsere Ergebnisse waren überraschend, da sie zeigen, dass ein niedrigerer Dopaminspiegel die Lernfähigkeit verbessert, wenn die Bedingungen eigentlich ungünstig sind. Dagegen ist das Lernen unter eigentlich günstigen Bedingungen verschlechtert“, erklärt Prof. Bertram Gerber, der leitende Wissenschaftler der Studie.

Dopamin-Fasten: Ein Trend mit wissenschaftlichem Hintergrund

In unserer reizüberfluteten Welt gewinnt das "Dopamin-Fasten" zunehmend an Bedeutung. Es geht darum, bewusst Reize zu reduzieren, um die Empfindsamkeit für alltägliche Erlebnisse wiederherzustellen.

Die Auswirkungen von Reizüberflutung auf das Dopaminsystem

Die Neurowissenschaftlerin Nora Volkow und ihr Team (Stanford University, 2019) untersuchten, wie häufige Reizexposition - etwa durch Social Media oder Gaming - die Dopaminrezeptoren beeinflusst. Die Ergebnisse legen nahe: Je öfter unser Gehirn kleine Belohnungen empfängt, desto weniger empfindlich reagieren die Rezeptoren. Biologisch geschieht dabei Folgendes: Jeder Reiz führt zu einer kurzfristigen Dopaminfreisetzung im Nucleus accumbens, einem zentralen Bereich des Belohnungssystems. Bei ständiger Wiederholung passt sich das System jedoch an, die Rezeptoren „desensibilisieren“, und es entsteht das Gefühl von Abstumpfung.

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Dopamin-Fasten als bewusster Verzicht

Eine andere Untersuchung von Reinecke & Meier (Universität Konstanz, 2021) fokussierte sich auf digitale Enthaltsamkeit. Teilnehmende verzichteten mehrere Tage bewusst auf Smartphone und soziale Medien. Das Resultat: Schlafqualität und Konzentration verbesserten sich signifikant, während Stresswerte abnahmen. Zudem berichteten viele eine gesteigerte Wertschätzung für einfache Tätigkeiten - von Spaziergängen bis zu persönlichen Gesprächen.

Die richtige Balance finden

Gleichzeitig ist Vorsicht geboten: „Dopamin-Fasten“ wird manchmal missverstanden, als könne man Dopamin komplett „abstellen“. Das ist biologisch unmöglich und auch nicht wünschenswert. Sinnvoll ist daher nicht ein strenger Entzug, sondern eine flexible Anpassung: Reize reduzieren, um das eigene Belohnungssystem neu zu kalibrieren.

Dopamin und Spenderorgan-Präkonditionierung

Auch im Bereich der Organtransplantation spielt Dopamin eine Rolle. Eine Dopamin-Spenderpräekonditionierung wird als organprotektiv angesehen. Da eine Dopamin-Spenderpräekonditionierung beim Organspender zu hämodynamischen Nebenwirkungen führen kann, wäre ein Dopaminderivat ohne vasoaktive Eigenschaften wünschenswert. Mit N-Octanoyl-Dopamin steht ein modifiziertes Dopaminmolekül zur Verfügung, das sich im Vergleich zu Dopamin bei der Spenderpräekonditionierung in der Präklinik überlegen zeigt.

Dopamin und Epigenetik: Neue Perspektiven auf Sucht und psychische Erkrankungen

Die Forschung hat gezeigt, dass Dopamin nicht nur als Neurotransmitter fungiert, sondern auch epigenetische Prozesse beeinflussen kann.

Dopaminylierung: Eine neue Form der epigenetischen Markierung

Im zugehörigen Artikel beschrieben sie, wie der Neurotransmitter Dopamin in den Zellkern eindringen und dort die Aktivität bestimmter Gene steuern kann. Laut den Studiendaten könnten epigenetische Veränderungen das intensive Verlangen nach Drogen wie Alkohol und Kokain verursachen, indem sie der Sucht zu Grunde liegende Schaltkreise im Gehirn beeinflussen. Interessanterweise legen die Ergebnisse auch eine Antwort darauf nahe, warum viele Antidepressiva erst nach wochenlanger Einnahme wirken.

Die Auswirkungen auf neuronale Schaltkreise und Suchtverhalten

Das Team um Maze machte sich natürlich gleich daran, die neue Funktion zu erforschen. Zunächst untersuchte es Hirngewebe von verstorbenen Kokainkonsumenten. In einem Cluster von Dopamin ausschüttenden Neuronen in der Area ventralis tegmentalis (AVT) im Mittelhirn fanden die Wissenschaftler eine verminderte Dopaminylierung von H3. Diese Hirnregion spielt bei Sucht eine wichtige Rolle.

Glückshormone: Serotonin, Dopamin, Endorphine und Oxytocin

Neben Dopamin spielen auch andere Glückshormone eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden.

Serotonin: Stimmungsregulation und mehr

Serotonin ist eines der bekanntesten Glückshormone und spielt eine zentrale Rolle in der Regulierung unserer Stimmung, unseres Schlaf-Wach-Rhythmus und unseres Appetits.

Endorphine: Natürliche Schmerzlinderung und Stressabbau

Endorphine sind körpereigene Chemikalien, die als natürliche Schmerzmittel wirken und bei körperlicher Anstrengung oder Stress freigesetzt werden.

Oxytocin: Bindung und soziale Interaktion

Oxytocin wird oft als "Bindungshormon" bezeichnet, da es eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von engen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt.

Die Balance der Glückshormone

Unsere Lebensgewohnheiten haben einen direkten Einfluss auf die Produktion und Regulation der Glückshormone. Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, Achtsamkeit und soziale Interaktionen können die Hormonproduktion positiv beeinflussen.

Therapieansätze zur Förderung der Hormonbalance

Manchmal reicht eine gesunde Lebensweise allein nicht aus, um ein hormonelles Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Eine Therapie, sei es durch Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie oder medikamentöse Behandlung, kann helfen, die Hormonbalance wiederherzustellen.

Verhaltenstherapie und Achtsamkeit

Die Verhaltenstherapie ist ein effektiver Ansatz, um die Hormonbalance positiv zu beeinflussen, da sie Patient*innen dabei unterstützt, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Achtsamkeit und Mindfulness spielen eine zentrale Rolle bei der Regulation von Stress und Angst.

Chronotherapie und Kreativtherapie

Die Chronotherapie und Lichttherapie sind spezialisierte Ansätze, die sich besonders auf die Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus und die damit verbundene Serotonin- und Melatoninproduktion konzentrieren. Die Kreativ- und Kunsttherapie ermöglicht es unseren Patient*innen, durch künstlerischen Ausdruck tief verwurzelte emotionale Blockaden zu lösen.

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