"Das Neurotische" ist allgegenwärtig und betrifft jeden von uns. Es ist nicht auf Therapiebehandlungszimmer oder die Psyche anderer beschränkt. Vielmehr ist es ein Kontinuum, das von psychischer Krankheit bis zu den Merkwürdigkeiten des Alltags reicht. Der Buchtitel "Mit Neurosen unterwegs" verdeutlicht, dass uns die Konflikthaftigkeit der menschlichen Psyche überall begegnet.
Was ist eine Neurose?
Die Definition von "Neurose" ist komplex. Ist es eine seelische Krankheit oder Teil der "Normalität"? Die Antwort ist: sowohl als auch. Man kann das Neurotische als eine Art Kontinuum verstehen, an dessen einem Ende die psychische Krankheit steht und am anderen Ende die Merkwürdigkeiten des Alltags.
Neurose im Alltag
Im Alltag begegnet uns das Neurotische auf Schritt und Tritt, sei es beim Einkaufen, auf Reisen, in Ämtern, beim Sport, im TV, in der Politik oder in den neuen Medien. Das Menschliche, Allzumenschliche nervt und quält uns bisweilen, könnte uns aber auch unterhalten. Diana Pflichthofer nähert sich der psychoanalytischen Perspektive, indem sie aus wissenschaftlicher Sicht unbewusste Motive unseres Handelns und Erlebens betrachtet und dabei den Humor nicht zu kurz kommen lässt.
Beispiele für neurotisches Verhalten
Neurotisches Verhalten kann sich in vielfältiger Weise äußern. Einige Beispiele sind:
- Rituale: Fast jeder pflegt kleine Rituale, die bisweilen seltsame Blüten treiben. Diese Rituale sind vergleichsweise harmlose Neurosen, die in Sachen Intensität und Zeitaufwand nicht mit ernst zu nehmenden Zwangshandlungen zu vergleichen sind.
- Abhängigkeiten: Der Zwang, immer eine bestimmte Anzahl von Haargummis mit sich zu führen oder ein bestimmtes Getränk nur aus einem bestimmten Behälter zu trinken, kann ebenfalls neurotisch sein.
- Vermeidungsverhalten: Die Vermeidung von Haltegriffen in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgrund von Ekel kann eine weitere Form neurotischen Verhaltens darstellen.
Die Einheit der Neurosen
Die Frage nach der Einheit der Neurosen ist ein zentrales Thema in der Psychologie. Die Individualpsychologie betrachtet die Persönlichkeit als eine Einheit, in der alle Teile miteinander verbunden sind. Diese Einheit wird ununterbrochen erarbeitet.
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Individualpsychologische Perspektive
Die Individualpsychologie betont, dass das Individuum sowohl Künstler als auch Kunstwerk ist. Das bedeutet, dass wir unsere Persönlichkeit selbst gestalten, aber auch von unserer Umwelt beeinflusst werden. Adler sah das Individuum als Künstler seines eigenen Lebens, der aus angeborenen Faktoren und Möglichkeiten etwas schafft.
Kritik an der traditionellen Nosologie
Die traditionelle Nosologie, die Neurosen nach Symptomen einteilt, wird kritisiert, da sie die spezifische Genese und Psychodynamik der Neurose nicht berücksichtigt. Eine symptombegründete Diagnose sagt wenig darüber aus, warum ein Mensch bestimmte Symptome entwickelt hat.
Die Bedeutung von Beziehungen
Ein wichtiges Kriterium für die Diagnose einer Neurose ist die Beziehungsstörung. Neurosen äußern sich oft in Schwierigkeiten, stabile und befriedigende Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
Umgang mit Neurosen
Wie gehen wir mit neurotischen Zeitgenossen um? Diese Frage impliziert oft, dass "die Anderen" neurotisch sind und nicht man selbst. Neurotisches Verhalten ergibt sich aus ungelösten unbewussten Konflikten, aus unbewussten widerstreitenden Gefühlen und Impulsen. Das sichtbare neurotische Verhalten stellt eine Kompromisslösung dar und betrifft uns alle.
Selbsterkenntnis und Akzeptanz
Für den Umgang mit anderen Menschen ist es wichtig, sich selbst zu kennen. Das könnte den Blick von "oben nach unten" verhindern und für ein Grundwohlwollen sorgen. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass wir alle unter bestimmten Umständen neurotisch reagieren können.
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Innere Freiheit und Zwang
Eine wichtige Frage ist, inwieweit wir die innere Freiheit haben, so oder anders zu reagieren. Fühlen wir uns zu einem bestimmten Verhalten gezwungen? Spüren wir Angst, wenn wir erwägen, es anders zu machen? Wenn man spürt, dass man bezüglich seines Handelns und Denkens wenig innere Freiheit hat, kann ein Verhalten Symptomcharakter haben und neurotisch sein, also eine Kompromissbildung darstellen.
Neurose in der Gesellschaft
Das "Neurotische" findet man nicht nur in der Psychiatrie oder in psychotherapeutischen Kliniken und Praxen, sondern überall: in Vorstandsetagen, Dax-Konzernen, in der Politik, in Schulen, Krankenhäusern, im Fernsehen, auf dem Schützenfest und dem Karneval, und ja, auch in psychoanalytischen Institutionen.
Die COVID-19-Pandemie als Belastung
Die COVID-19-Pandemie ist ein belastendes Ereignis, mit dem man psychisch unterschiedlich umgehen kann. Je bedrohlicher und verunsichernder ein Ereignis ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf sogenannte "frühe Abwehrmechanismen" zurückgreifen und "neurotisch" reagieren: Spaltungen mit Idealisierungen und Entwertungen, Leugnungen und Projektionen.
Umgang mit Entwertung und Leugnung
Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, Klippen der Entwertung und Leugnung zu umschiffen. Das Virus lässt uns nicht los: Gibt es eigentlich eine Corona-Neurose und wenn ja, wie ließe sich diese beschreiben? Aus meiner Sicht gibt es ganz sicher keine »Corona-Neurose«, sondern die COVID-19-Pandemie ist ein in mehrfacher Hinsicht belastendes Ereignis, mit dem man psychisch unterschiedlich umgehen kann und mit dem - wie wir sehen können - auch sehr unterschiedlich umgegangen wird.
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