Kognitive Beeinträchtigungen bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die neben körperlichen Symptomen auch erhebliche Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen haben kann. Kognitive Beeinträchtigungen sind bei MS weit verbreitet und können die Lebensqualität und die berufliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über kognitive Beeinträchtigungen bei MS, einschließlich ihrer Art, Ursachen, Diagnose, Behandlung und des Managements im Alltag.

Was ist Kognition?

Kognition ist ein Sammelbegriff für die höheren geistigen Fähigkeiten des Menschen. Dazu gehören Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration, die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, Schlussfolgerungen zu ziehen und Probleme zu lösen. Kognitive Prozesse sind essenziell für das tägliche Leben, das Lernen, die Arbeit und soziale Interaktionen.

Prävalenz kognitiver Beeinträchtigungen bei MS

Etwa zwei Drittel aller Menschen mit MS leiden unter kognitiven Einschränkungen. Diese können in unterschiedlicher Ausprägung auftreten und verschiedene Bereiche der Kognition betreffen. Es ist wichtig zu beachten, dass kognitive Beeinträchtigungen bei MS nicht immer mit dem Grad der körperlichen Behinderung korrelieren. Auch Menschen mit geringen körperlichen Einschränkungen können von erheblichen kognitiven Problemen betroffen sein.

Arten kognitiver Störungen bei MS

Die kognitiven Veränderungen bei MS fokussieren sich hauptsächlich auf drei wesentliche Bereiche:

  • Kognitive Verlangsamung: Eine Einschränkung in der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit ist oft eines der ersten Anzeichen kognitiver Probleme bei MS. Betroffene benötigen mehr Zeit, um Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren.
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme: Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten oder sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, sind häufige Beschwerden.
  • Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen: Exekutive Funktionen umfassen Fähigkeiten wie Planung, Organisation, Problemlösung, Entscheidungsfindung und flexibles Denken. Einschränkungen in diesem Bereich können sich im Alltag durch Schwierigkeiten beim Multitasking oder bei der Anpassung an neue Situationen äußern.

Betroffene berichten auch häufig von einem „Brain Fog“. Dabei fühlt es sich an, als ob der Kopf und die Gedanken vernebelt wären.

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Auswirkungen kognitiver Beeinträchtigungen auf die Lebensqualität

Kognitive Beeinträchtigungen können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität von Menschen mit MS haben. Sie können die Fähigkeit beeinträchtigen, alltägliche Aufgaben zu erledigen, am Arbeitsleben teilzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen und Hobbys auszuüben. Als besonders belastend werden dabei nicht nur die körperlichen Einschränkungen, sondern vor allem Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme, Depressionen oder Angst erlebt.

Eine kürzlich erschienene Studie zum Einfluss der kognitiven Leistungsfähigkeit auf den Grad der Arbeitsfähigkeit konnte sehr deutlich zeigen, dass die Arbeitsfähigkeit eine direkte Funktion der kognitiven Leistung ist. Dieser Effekt blieb über verschiedene kognitive Domänen hinweg stabil, sodass dieser enge Zusammenhang als gesichert angesehen werden kann.

Ein weiteres starkes Argument dafür, die Kognition im Rahmen der MS als gewichtig anzusehen, lässt sich aus der jüngsten Publikation zur Schätzung der Kostenbelastung durch MS in Europa ableiten (3). Hier zeigt sich sehr deutlich, dass Kognition neben Fatigue einen wesentlichen Beitrag zur Belastung leistet, da diese Symptome von Beginn an unabhängig vom Behinderungsgrad präsent sein können und die Produktivität der Patienten negativ beeinflussen. Die Folgekosten in Anbetracht der Betroffenheit oftmals noch sehr junger Patienten sind enorm und schließen vor allem häufige Arbeitsausfälle und Frühverrentung ein.

Ursachen kognitiver Störungen bei MS

Die genauen Ursachen für kognitive Störungen bei MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen können:

  • Läsionen im Gehirn: Entzündliche Läsionen, die durch die MS verursacht werden, können die Nervenbahnen im Gehirn schädigen und die Informationsübertragung beeinträchtigen. Die Lokalisation der Läsionen ist dabei entscheidend. Liegen auch nur wenige Läsionen in für die Kognition strategischen Hirnregionen, kann daraus ein kognitives Defizit resultieren.
  • Hirnatrophie: Eine Verringerung des Hirnvolumens, insbesondere in bestimmten Hirnregionen wie dem Thalamus, kann ebenfalls zu kognitiven Beeinträchtigungen beitragen. Es gilt als gesichert, dass das kortikale Gesamthirnvolumen bei kognitiv beeinträchtigten Patienten kleiner ist als bei Personen mit intakter Kognition.
  • Entzündung: Chronische Entzündung im Gehirn kann die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen und die kognitive Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen.

Aus den kernspintomografisch gefundenen Resultaten lässt sich gesamthaft ableiten, dass sich ein struktureller und funktioneller Schaden negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt und therapeutische Ansätze möglichst frühzeitig zum Einsatz kommen sollten, solange das Netzwerk noch Ressourcen zur Kompensation besitzt.

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Diagnose kognitiver Beeinträchtigungen bei MS

Es ist wichtig, kognitive Beeinträchtigungen bei MS frühzeitig zu erkennen, um geeignete Behandlungs- und Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten. Die Diagnose umfasst in der Regel eine umfassende neuropsychologische Untersuchung, bei der verschiedene kognitive Fähigkeiten getestet werden.

Vorab sollte Ihr behandelnder Arzt bei Ihnen eine genaue neuropsychologische Diagnose durchführen, um gezielt zu erfassen, ob und in welchen Bereichen der Kognition Schwächen bei Ihnen vorhanden sind.

Viele MS-Studien, die kognitive Outcomes mit einbeziehen, nutzen zur Messung des kognitiven Status breit angelegte neuropsychologische Testbatterien wie den BRB (Rao Brief Repeatable Battery of Neuropsychological Test). In den heterogenen Daten gehen Einbußen in einer einzelnen Domäne aber unter und werden im Gesamtscore durch gute Leistungen in den anderen Domänen überdeckt. Dies verhindert frühzeitige und individualisierte Behandlungsansätze. Außerdem ist es wichtig auch isolierte kognitive Defizite frühzeitig zu erkennen, da diese Einschränkungen in einer Domäne Vorboten für zukünftige kognitive Beeinträchtigungen sind.

Ein empfehlenswertes Instrument, um den kognitiven Status im Rahmen der klinischen Routine zu erfassen, ist die BICAMS-Screeningbatterie (11). Sie besteht aus 3 Testverfahren:dem SDMT (Symbol-Digit-Modalities-Test) (12),dem VLMT (verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest) (13) und demBVMT-R (Brief Visual Memory Test Revised) (14).Die Durchführungszeit für die gesamte Screeningbatterie liegt bei circa 20 Minuten. Steht dafür nicht ausreichend Zeit zur Verfügung, empfiehlt es sich, zumindest den SDMT regelmäßig einmal pro Jahr durchzuführen. Die Durchführung nimmt nur 90 Sekunden in Anspruch, und die Aussagekraft des Tests ist dabei äußerst gut. Vor allem das Defizit in der kognitiven Prozessierungsgeschwindigkeit und im Arbeitsgedächtnis kann mit diesem Verfahren sehr zuverlässig erfasst werden.

Behandlung kognitiver Störungen bei MS

Die Behandlung kognitiver Störungen bei MS ist eine große Herausforderung, da es keine wirksame, evidenzbasierte symptomatische Therapie gibt, die jedem betroffenen Patienten empfohlen werden könnte. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Ansätzen.

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Medikamentöse Therapie

Zu den verlaufsmodifizierenden Immuntherapien liegen nur wenige Daten zur Kognition vor. Für die Interferone und Glatiramerazetat konnte gezeigt werden, dass sie sich nicht nachteilig auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken, sondern Patienten unter der Therapie deutlich besser abschneiden als solche unter Placebo (15-19).Zu Natalizumab liegen Ergebnisse aus 2 Studien vor, die eine signifikante Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit in entscheidenden Domänen dokumentieren (20, 21).Fingolimod und Dimetylfumarat (22) wirken sich ebenfalls stabilisierend auf die Kognition aus, konnten aber in bisherigen Studien keine klinisch relevante Verbesserung zeigen.Eine solche Verbesserung konnte jüngst eindrücklich für Daclizumab vorgestellt werden. Im direkten Vergleich zum Interferon beta-1a i.m. schnitten die Patienten über einen Zeitraum von 144 Wochen deutlich besser ab. Hinzu kam, dass die Leistung im SDMT nach dem genannten Beobachtungszeitraum als klinisch relevante Verbesserung im Vergleich zur Baseline-Untersuchung zu werten ist (23).Zur symptomatischen Behandlung der kognitiven Teilleistungsstörungen muss leider konstatiert werden, dass es keine hinreichende Evidenz für die Wirksamkeit der untersuchten Medikamente gibt, zu denen Modafinil, 4-Aminopyridin, Amantadin, L-Amphetamin, Methylphenidat, aber auch Antidementiva wie Donepezil, Rivastigmin und Memantin zählen (24, 25).

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Kognitives Training: Je nach Störung gibt es unterschiedliche kognitive Trainingsmethoden, z. B. mithilfe von Computerprogrammen, die Ihnen helfen können, kognitiven Beeinträchtigungen entgegenzuwirken. Um einen Effekt zu erzielen, müssen Sie allerdings regelmäßig trainieren.
  • Ergotherapie: Ergotherapeuten können helfen, Strategien zu entwickeln, um alltägliche Aufgaben trotz kognitiver Einschränkungen zu bewältigen.
  • Psychotherapie: Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen Auswirkungen kognitiver Beeinträchtigungen umzugehen und Strategien zur Stressbewältigung zu erlernen.

Neben sportlicher Aktivität ist auch Hirnleistungstraining eine Maßnahme, von der viele Patienten profitieren (28, 29). Das Training sollte allerdings spezifisch auf die jeweiligen im Vordergrund stehenden Defizite zugeschnitten sein und nicht einen Rundumschlag darstellen im Sinne von „viel hilft auch viel“.

Weitere unterstützende Maßnahmen

Ein Zeitmanagementtraining, Strategien zum Ausgleich von Beeinträchtigungen sowie Erinnerungshilfen können zudem eine wichtige Stütze für Sie im Alltag sein. Schaffen Sie günstige Bedingungen: Richten Sie z. B.

Management kognitiver Beeinträchtigungen im Alltag

Neben den spezifischen Behandlungen gibt es verschiedene Strategien, die Menschen mit MS anwenden können, um ihre kognitive Leistungsfähigkeit im Alltag zu verbessern:

  • Organisation und Struktur: Führen Sie einen Kalender, erstellen Sie Listen und legen Sie feste Routinen fest, um den Alltag zu strukturieren und den Überblick zu behalten.
  • Vermeidung von Ablenkungen: Schaffen Sie eine ruhige und aufgeräumte Umgebung, um die Konzentration zu fördern.
  • Pausen: Legen Sie regelmäßige Pausen ein, um Überanstrengung zu vermeiden und die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.
  • Erinnerungshilfen: Verwenden Sie Notizen, Erinnerungs-Apps oder andere Hilfsmittel, um sich an Termine und Aufgaben zu erinnern.
  • Gesunder Lebensstil: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßige Bewegung, um die allgemeine Gesundheit und die kognitive Funktion zu fördern.

Frühzeitiges Screening und Therapie

Die Studienergebnisse zeigen, dass isolierte kognitive Defizite in einer Domäne häufig bei MS-Patienten vorliegen und als Prädiktor für einen zunehmenden kognitiven Abbau anzusehen sind, vor allem wenn die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zuerst betroffen ist. Der Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit stellt eine der Herausforderungen bei Patienten mit multipler Sklerose dar. Immunmodulatorische Arzneimittel und nichtpharmakologische Maßnahmen können einen positiven Einfluss haben.

Es sei daher bereits an dieser Stelle betont, dass eine Sensibilisierung seitens der behandelnden Ärzte (vor allem Neurologen und Hausärzte) für die unsichtbaren Symptome dringend angezeigt ist, um durch den Einsatz frühzeitiger Immun- und symptomatischer Therapie das kognitive Netzwerk so lange wie möglich funktionstüchtig zu halten.

Fazit

Kognitive Beeinträchtigungen sind ein häufiges und oft unterschätztes Symptom der Multiplen Sklerose. Sie können die Lebensqualität und die berufliche Leistungsfähigkeit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind wichtig, um die kognitive Funktion zu erhalten und die Auswirkungen auf den Alltag zu minimieren. Durch eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien sowie individuellen Anpassungsstrategien können Menschen mit MS lernen, mit ihren kognitiven Einschränkungen umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.

Wichtiger Hinweis

Im Laufe der Erkrankung können sich Ihre Symptome verändern. Sowohl in ihrer Ausprägung als auch in der Häufigkeit. Achten Sie auf Veränderungen und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie dies bemerken. Zu einer langsam fortschreitenden Krankheitsverschlechterung kann es beispielsweise kommen, wenn eine schubförmige MS (RRMS) in eine sekundär progrediente MS (SPMS) übergeht. Wer wir sind, was wir tun und wie wir es tun.

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