Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht und durchdringt nahezu alle Lebensbereiche. Auch die Medizin und insbesondere die Neurologie sind von diesem Wandel betroffen. Big Data, künstliche Intelligenz (KI), Gesundheits-Apps und Videosprechstunden verändern die Gesundheitsversorgung grundlegend. Diese Entwicklung birgt sowohl Chancen als auch Risiken, die es zu verstehen und zu bewältigen gilt.
Einführung: Digitalisierung als Game Changer in der Neurologie
Die Digitalisierung in der Medizin eröffnet neue Wege in der Diagnostik und Behandlung von Krankheiten. Sie fördert die personalisierte Medizin, erleichtert die Kommunikation zwischen Ärzten, Therapeuten und Patienten und ermöglicht eine stärkere Einbindung der Patienten in ihren eigenen Behandlungsprozess. Ein gutes Beispiel hierfür sind digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die als „Apps auf Rezept“ den Patienten eine aktivere Rolle in der Therapie ermöglichen und gleichzeitig datengetriebene Forschung und den Versorgungsalltag enger miteinander verbinden.
Chancen der Digitalisierung bei Multipler Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 300.000 Menschen betroffen sind. Die Digitalisierung bietet gerade für MS-Patienten zahlreiche Vorteile:
- Verbesserte Diagnostik: Digitale Tools und künstliche Intelligenz erweitern die Diagnostik vom Arztzimmer in den häuslichen Bereich. Tragbare Sensoren können beispielsweise Bewegungsprofile von Parkinson-Patienten erfassen und mit Behandlern geteilt werden. Bei Epilepsie können sie motorische Anfälle frühzeitig erkennen.
- Personalisierte Therapie: Durch die Analyse von Patientendaten, klinischen Ergebnissen, Biomarkern und individuellen Lebensumständen kann ein digitaler MS-Zwilling entstehen. Dieser visualisiert eine virtuelle Patientenkopie in verschiedenen Krankheitsstadien und unterstützt Ärzte bei der Entscheidungsfindung im individuellen Krankheitsmanagement.
- Effizientere Versorgung: Digitale Vernetzung kann die Zusammenarbeit der verschiedenen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen (bis zu 19 bei Morbus Parkinson) verbessern und die Therapie enger auf die Symptome abstimmen.
- Telemedizinische Betreuung: Die Überwachung von Schrittmachern zur Tiefen Hirnstimulation (THS) per Fernzugriff über eine App ist eine vielversprechende Technik, die durch die COVID-19-Pandemie beschleunigt wurde.
- Neurorehabilitation: Virtual-Reality-Technologien werden bereits vielfältig in der Neurorehabilitation eingesetzt, um Patienten mit motorischen Beeinträchtigungen, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen zu unterstützen. Sie aktivieren und bauen residuale motorische Fähigkeiten aus und verbessern Koordination, Bewegungsgeschwindigkeit und feinmotorische Geschicklichkeit.
- Kognitive Rehabilitation: Tabletbasierte Anwendungen sind in der Forschungspipeline für Patienten mit Aphasie, Sprach- und kognitiven Defiziten, die durch Schlaganfall, Hirntrauma und andere neurologische Erkrankungen verursacht werden. Eine maßgeschneiderte Anwendungssoftware für ein intensives und personalisiertes kognitives Selbsttraining zu Hause wurde beispielsweise bei Patienten mit Multipler Sklerose erfolgreich getestet und führte zu erheblichen Verbesserungen der Reaktionsfähigkeit.
- Bessere Alltagsbewältigung: Digitale Plattformen wie joviva bieten einen verständlichen Zugang zu Wissen, Versorgung und Unterstützung, unabhängig von Zeit, Ort und Krankheitsverlauf. Sie schließen die Lücke, die durch mangelnde barrierefreie Versorgung, verständliche Information und einfache Zugänge zu Hilfsmitteln und Unterstützungsangeboten entsteht.
- Stärkung der Selbsthilfe: Digitale Medien ermöglichen den Austausch mit anderen Betroffenen, die Suche nach Informationen und die Vernetzung über geografische Hürden hinweg.
- Früherkennung und personalisierte Behandlung: Eine Studie der Technischen Universität München (TUM) zeigte, dass MS-Patienten bereits fünf Jahre vor ihrer Diagnose häufiger an Angststörungen, depressiven Episoden oder unspezifischen Seh- und Gefühlsstörungen leiden. Diese Erkenntnisse können zur Früherkennung und personalisierten Behandlung beitragen.
Herausforderungen und Risiken
Trotz der zahlreichen Chancen birgt die Digitalisierung auch Herausforderungen und Risiken:
- Datenschutz und Datensicherheit: MS-Patienten müssen darauf vertrauen können, dass ihre per App, Browser- oder telemedizinischer Anwendung gewonnenen Daten sicher, transparent und zugänglich sind. Die neuen strengen Datenschutzkriterien für DiGA müssen eingehalten werden.
- Mangelnde Evidenz: Für einige Anwendungen fehlt noch der eindeutige Nachweis eines medizinischen Nutzens. Es bedarf translationale Studien, die nicht nur den medizinischen Nutzen bewerten, sondern auch Aspekte wie Integration in Gesundheitsabläufe, gesellschaftliche Akzeptanz, Zugang zur Versorgung, personalisierte Gesundheitsökonomie sowie ethische und rechtliche Fragen berücksichtigen.
- Interoperabilität: Digitale Gesundheitstechnologien müssen mit der bestehenden Infrastruktur kompatibel sein. Das Kompetenzzentrum für Interoperabilität im Gesundheitswesen (KIG) stellt mit der nationalen Wissensplattform INA eine zentrale Anlaufstelle für Interoperabilität in der digitalen Medizin dar.
- Akzeptanz und Einbindung: Die erfolgreiche Integration von patientenzentrierter M-Health in die MS-Versorgung erfordert die Einbeziehung aller Beteiligten, einschließlich Ärzte, MS Nurses und Patienten. Analoge und digitale Behandlungskonzepte sollten einander sinnvoll ergänzen (Blended-Care-Ansatz).
- Überforderung und soziale Ungleichheit: Nicht alle Patienten sind digital affin oder haben Zugang zu den notwendigen Technologien. Es besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung zu einer Zwei-Klassen-Medizin führt, in der Menschen ohne digitale Kompetenzen oder Zugang benachteiligt werden.
- Qualitätsstandards: Angesichts der Vielzahl an MS-Apps und fehlenden Qualitätsstandards erweist sich die Auswahl geeigneter und sicherer Anwendungen als schwierig. Fachgesellschaften raten deshalb zu geprüften digitalen Gesundheitstechnologien mit Qualitätssiegel und/oder CE-Zertifizierung (DiGA, digitale Medizinprodukte).
- Fehlende Standardisierung: Um medizinische Daten richtig nutzen zu können, müssen sie sowohl rückwirkend vereinheitlicht als auch zukünftig einheitlich erfasst werden. Dies stellt IT- und Datenschutzexperten vor große technische Herausforderungen.
- Vertraulichkeit: Bei der digitalen Selbsthilfe werden hoch vertrauliche Informationen zur eigenen Gesundheit und Persönlichkeit in einem öffentlichen Raum ausgetauscht. Der Schutz von persönlichen Daten ist dabei häufig nicht adäquat gewährleistet.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) im Fokus
DiGA sind erstattungsfähige, digitale Medizinprodukte, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen wurden. Sie dienen der Erkennung, Überwachung, Behandlung oder Linderung bzw. Kompensierung von Krankheiten, Verletzungen oder Behinderungen. Entscheidend für eine Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis ist der wissenschaftliche Nachweis eines positiven Versorgungseffekts. Im Bereich der Neurologie ist die Anzahl an DiGA derzeit noch begrenzt.
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Praxisbeispiel: Implementation einer DiGA bei MS-Fatigue
Ein Beispiel für den erfolgreichen Einsatz einer DiGA ist die Anwendung elevida bei MS-Fatigue. Eine 35-jährige Patientin mit schubförmiger MS und mäßiger Fatigue konnte durch die Nutzung von elevida ihre Fatigue reduzieren und regelmäßig Sport in ihren Alltag integrieren. Die Wirksamkeit und Sicherheit von elevida wurde im Rahmen einer randomisierten, kontrollierten, klinischen Studie (RCT) bei MS-Patienten mit Fatigue nachgewiesen.
Forschung gibt Hoffnung
Die medizinische Forschung konzentriert sich verstärkt auf den Einfluss des biologischen Alters auf den Krankheitsverlauf sowie die Entwicklung verbesserter immunmodulatorischer Therapien. Insbesondere Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung und der Einschränkungen im Alltag effektiver verhindern sollen, werden derzeit intensiv erforscht. Die Europäische Kommission fördert im Rahmen der Innovative Health Initiative das Projekt CLAIMS, das künstliche Intelligenz zur Verbesserung der MS-Behandlung einsetzt.
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