Durchbruch in der Multiplen Sklerose Forschung: Neue Erkenntnisse und Therapieansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit schätzungsweise 2,8 Millionen Menschen betroffen sind, in Deutschland etwa 250.000. Die Krankheit manifestiert sich bei jedem Patienten anders und wird daher auch als "Krankheit der 1.000 Gesichter" bezeichnet. Obwohl die ersten Berichte über MS aus dem Mittelalter stammen, dauerte es bis 1993, bis ein wirksames Medikament verschrieben werden konnte. Seitdem wurden erhebliche Fortschritte in der Erforschung und Therapie erzielt, doch die genauen Ursachen der Erkrankung sind weiterhin nicht vollständig geklärt. Aktuelle Forschungsarbeiten und klinische Studien versprechen jedoch neue Durchbrüche im Verständnis und in der Behandlung von MS.

Die Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV)

Ein wichtiger Forschungsansatz konzentriert sich auf die Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV) bei der Entstehung von MS. Eine US-Forschergruppe konnte 2022 einen Durchbruch erzielen, indem sie den Virenstatus und MS-Diagnosen von rund zehn Millionen US-amerikanischer Militärangehöriger auswertete. Dabei stellte sich heraus, dass MS unter EBV-Infizierten 30 Mal häufiger auftritt als bei Menschen, die nie mit diesem Virus in Kontakt waren. Dies deutet auf eine starke ursächliche Beteiligung des Virus an der Erkrankung hin.

Das von der Europäischen Union geförderte internationale Forschungskonsortium "Behind-MS" unter der Federführung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hat sich zum Ziel gesetzt, diese Zusammenhänge aufzuklären. Das Konsortium erhält 7,1 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren, um spezifische Biomarker zu identifizieren und Therapieansätze zu entwickeln. Das interdisziplinäre Team will neue Zell- und Tiermodelle entwickeln, um die Interaktionen von Viren, Immunzellen und Nervenzellen unter möglichst naturnahen Bedingungen detailliert mitzuverfolgen und verschiedene Hypothesen zur Krankheitsentstehung zu testen.

Fortschritte in der Therapie: Von Beta-Interferon zu CAR-T-Zellen

Bis 1993 dauerte es, bis Ärzt:innen ein wirksames Medikament verschreiben konnten: Es war Beta-Interferon-1b - ein Meilenstein, da es damit erstmals gelang, die Anzahl der Krankheitsschübe deutlich zu reduzieren und das Fortschreiten der Krankheit hinauszuzögern.

Heute stehen rund zwanzig verschiedene Substanzen für die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit zur Verfügung. Außerdem wird intensiv nach neuen Therapieansätzen gefahndet - wie beispielsweise in Form so genannter CAR-T-Zelltherapien. Diese habe man sich aus der Onkologie „entliehen“, wie Chefarzt und MS-Experte Professor Dr. Mathias Mäurer sagt. Sie sind in der Behandlung verschiedener Blutkrebsarten schon seit einigen Jahren im Einsatz und werden zunehmend für Autoimmunerkrankungen erforscht, zu denen die MS gehört.

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Die Entwicklung neuartiger Therapieansätze hat dazu beigetragen, die Einschränkungen und das Leiden der Betroffenen zu verringern und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben möglichst lange zu ermöglichen. Daten belegen, dass es für Patienten mit schubförmiger MS langfristig von Vorteil sein kann, wenn rechtzeitig im frühen Stadium der MS hochwirksam therapiert wird.

Der Nutzen der Forschung für Menschen mit MS ist enorm. Sie haben heute eine gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Krankheit. Vor der Einführung der in den Krankheitsprozess eingreifenden Arzneimittel zeigten Studien, dass bei älteren Menschen bis zu sieben Lebensjahre verloren gehen können. Die Schubrate konnte mit Arzneimittelinnovationen deutlich gesenkt werden, und auch die schleichende MS kann immer besser behandelt werden. Neue Wirkstoffe zielen darauf ab, chronische Entzündungsprozesse zu bremsen und die Neurodegeneration zu verlangsamen. Ein Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi) wird möglicherweise noch in diesem Jahr zugelassen und gilt als möglicher Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS.

Tolebrutinib: Ein Hoffnungsträger für die MS-Therapie

Ein Wirkstoff, der große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS) weckt, ist Tolebrutinib. Im April 2025 wurden die Ergebnisse zweier groß angelegter, internationaler Phase-III-Studien im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Die GEMINI-1- und 2-Studien unter der Letztautorschaft von Prof. Dr. Heinz Wiendl vom Universitätsklinikum Freiburg zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen (PIRA). Die HERCULES-Studie belegte erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS. Der primäre Endpunkt der Studie, nämlich dass das Fortschreiten der Behinderung verzögert wurde, wurde erreicht.

Wiendl betont, dass Tolebrutinib auch bei MS-Patienten wirkt, bei denen keine aktiven Entzündungen mehr nachweisbar sind, was einen entscheidenden Innovationspunkt darstellt. Bisherige Medikamente bremsen zwar zum Teil akute Entzündungen, nicht aber langsame Verschlechterungen ohne messbare Entzündungszeichen. Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass Tolebrutinib genau hier ansetzt und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen kann.

Subtypen der MS: Ein Durchbruch für die Präzisionsmedizin

Eine bahnbrechende Studie unter der Leitung der Universität Münster hat gezeigt, dass es auf Zellebene drei Subtypen der MS gibt, die durch spezifische Profile von Immunzellen im Blut gekennzeichnet sind und mit verschiedenen Krankheitsverläufen assoziiert sind. Die Analysen unterscheiden erstmals drei verschiedene Typen der immunologischen Aktivierung: den entzündlichen, den degenerativen und einen dritten, der noch nicht im Detail beschrieben werden kann. Patienten mit "entzündlicher" MS litten im ersten Jahr nach der Diagnose unter mehr Krankheitsschüben und zeigten Läsionen, die auf eine Fehlfunktion der Blut-Hirn-Schranke hinweisen. Wer hingegen die degenerative Form der MS hatte, war von Anfang an schwerer betroffen und die Behinderung schritt schneller voran.

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Die Ergebnisse der Studie sind ein entscheidender Schritt in Richtung Präzisionsmedizin bei MS. Indem man die individuellen Variationen des Immunsystems von Patienten versteht, kommt man der personalisierten Behandlung näher, die effektiver ist und weniger Nebenwirkungen hat. Die gewonnenen Daten könnten die Suche nach dem individuell richtigen Wirkstoff beschleunigen und es ermöglichen, besser einzuschätzen, ob schwere Nebenwirkungen auftreten.

Die Rolle der Darmflora bei MS

Ein weiterer Forschungsansatz konzentriert sich auf die Rolle der Darmflora bei der Entstehung von MS. Eine Zwillingsstudie unter der Leitung von Dr. Anneli Peters (Biomedizinisches Centrum der LMU) und Professor Hartmut Wekerle (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) hat Darmbakterien identifiziert, die bei Patienten mit Multipler Sklerose vorkommen, und liefert erstmals Hinweise auf deren Pathogenität.

Die Forschenden untersuchten die Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren aus der MS TWIN STUDY und verglichen deren Zusammensetzung. Dabei identifizierten sie 51 Taxa, die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich oft zu finden waren. Zudem nutzten die Forschenden spezielle transgene Mäuse, die nach einer Besiedlung mit Darmbakterien eine MS-ähnliche Krankheit entwickeln können. Symptome zeigten hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben der MS-Patienten besiedelt worden waren.

Die Forschenden konnten zwei Mitglieder der Familie der Lachnospiraceen (Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi) als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren identifizieren. Mit ihrer innovativen experimentellen Strategie konnten die Forschenden diese Bakterien erstmals nicht nur auf ihr Vorkommen bei MS-Patienten, sondern auch hinsichtlich ihrer Rolle für das Entstehen der Krankheit untersuchen.

Individualisierte Risikoabschätzung durch zustandsbasierte Modellierung

Prof. Dr. Heinz Wiendl und sein Team haben ein probabilistisches Modell entwickelt, das MS als Abfolge von Zuständen ("states") mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten beschreibt. Frühere, milde Zustände gehen meist über entzündliche Zwischenphasen in fortgeschrittene, irreversible Krankheitsstadien über. Die zustandsbasierte Modellierung mit Methoden der künstlichen Intelligenz ist ein wissenschaftlicher Durchbruch in der MS-Forschung und lässt sich auch auf viele andere Krankheiten anwenden.

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Das Modell wurde bereits innerhalb der Studie erfolgreich an externen klinischen und realweltlichen Datensätzen überprüft. Der nächste Schritt ist nun die Überführung in den klinischen Alltag, etwa zur Therapieentscheidung oder zur besseren Patient*innenaufklärung.

Neue Therapieansätze: Das Immunsystem austricksen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen intensiv nach den Gründen, warum sich das Immunsystem bei Autoimmun-Erkrankungen nicht nur gegen eindringende Mikroben, sondern plötzlich auch gegen körpereigene Zellen und Proteine richtet. Ein völlig neues Verfahren zur Behandlung der multiplen Sklerose wurde mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erfolgreich in einer klinischen Studie geprüft. Die Idee ist, das Immunsystem der Betroffenen dazu zu bringen, seine Angriffe auf die Myelinscheide der Nervenzellen einzustellen.

Aus dem Blut der MS-Patienten werden weiße Blutkörperchen entnommen und in einem Reinlabor weiterverarbeitet. Dabei werden sieben Peptide, die Bestandteil der Myelinscheide sind, an die Oberfläche der Zellen gekoppelt. Diese Peptide werden vom Immunsystem der MS-Patienten fälschlicherweise als fremd erkannt. Nach mehreren Wasch- und Kontrollschritten werden die veränderten Leukozyten den Patienten als Infusion wieder verabreicht.

Die veränderten Leukozyten sterben durch programmierten Zelltod und werden in die Milz transportiert, wo ihre Bestandteile dem Immunsystem präsentiert werden. Es entwickelt sich Immuntoleranz, d. h., den T-Zellen wird "beigebracht", diese Myelinpeptide nicht als fremd, sondern als körpereigen zu erkennen.

In einer ersten klinischen Studie wurde die Therapie von allen neun Patienten gut vertragen. Bei den Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.

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