Das Risiko von Multipler Sklerose bei eineiigen Zwillingen: Eine komplexe Wechselwirkung von Genen und Umwelt

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen angreift. Diese Autoimmunreaktion führt zur Schädigung der Myelinscheide, einer Schutzschicht um die Nervenfasern, was die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper beeinträchtigt. Die Ursachen von MS sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle spielt. Die Forschung an eineiigen Zwillingen, bei denen nur einer an MS erkrankt ist, bietet wertvolle Einblicke in diese komplexe Wechselwirkung.

Multiple Sklerose: Eine Krankheit mit vielen Facetten

MS manifestiert sich durch vielfältige Symptome, darunter Sehstörungen, Koordinationsprobleme, Lähmungen und kognitive Einschränkungen. Diese Symptome resultieren aus der Schädigung von Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark durch fehlgeleitete Zellen des Immunsystems. Konkret sind es autoaggressive T-Zellen, die die Nervenzellen angreifen und zum Abbau der Myelinscheide führen.

Jeder Mensch trägt potenziell autoaggressive T-Zellen in sich, die normalerweise in einem "Schlafzustand" verharren. Bei MS-Patienten werden diese Zellen jedoch aktiviert und entfalten ihr zerstörerisches Potenzial. Wissenschaftler vermuten, dass diese Aktivierung auf einer Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren beruht.

Genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse: Ein Zusammenspiel

Die Forschung hat über 200 Gene identifiziert, die eine Person anfälliger für MS machen können. Allerdings genügt die genetische Veranlagung allein nicht, um die Krankheit auszulösen. Es bedarf zusätzlicher Auslöser, die in der Umwelt zu finden sind. Zu den bekannten Umweltfaktoren, die mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht werden, gehören:

  • Mangelndes Sonnenlicht
  • Rauchen
  • Übergewicht
  • Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus

Die Tatsache, dass es viele eineiige Zwillingspaare gibt, bei denen nur ein Zwilling an MS erkrankt, unterstreicht die Bedeutung von Umweltfaktoren bei der Krankheitsentstehung.

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Eineiige Zwillingsstudien: Ein Fenster zur MS-Forschung

Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch, was sie zu einem idealen Studienobjekt macht, um den Einfluss von Umweltfaktoren auf die MS-Entstehung zu untersuchen. Wenn bei eineiigen Zwillingen nur ein Zwilling an MS erkrankt, deutet dies darauf hin, dass nicht-genetische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.

Die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat eine der weltweit größten Kohorten von MS-Zwillingspaaren aufgebaut, um die Unterschiede zwischen erkrankten und gesunden Zwillingen zu untersuchen. Diese Zwillingsstudie zielt darauf ab, die entscheidenden Unterschiede auf zellulärer Ebene zu identifizieren, die dazu führen, dass ein Zwilling an MS erkrankt, während der andere gesund bleibt.

Eineiige Zwillinge sind selten, und noch seltener sind solche, bei denen ein Zwilling MS hat. Das Risiko für einen Zwilling, an MS zu erkranken, wenn sein Zwillingsgeschwister MS hat, liegt bei etwa 25 %. Im Vergleich dazu liegt das Risiko für Kinder von MS-Patienten, selbst an MS zu erkranken, bei lediglich 2 bis 4 %.

Immunsignaturen im Vergleich: Auf der Suche nach dem Auslöser

Ein schweizerisch-deutsches Forscherteam hat die Immunsysteme von MS-Zwillingen genauer untersucht, um Unterschiede in ihren peripheren Immunsignaturen zu identifizieren. Dabei kamen moderne Untersuchungsmethoden wie Hochdurchsatz- und Einzelzelltechnologien in Kombination mit datengesteuerten Computertools zum Einsatz. Künstliche Intelligenz und modernste Analyseverfahren wurden eingesetzt, um zu analysieren, welche Gene bei MS-erkrankten Zwillingen aktiviert sind und welche MS-kritischen Proteine zur MS führen - trotz identischer genetischer Ausstattung.

Die Forscher fanden Unterschiede bei den Zytokin-Rezeptoren, die für die Kommunikation des Immunsystems zuständig sind. Eine erhöhte Empfindlichkeit dieser Rezeptoren führt zu einer stärkeren Aktivierung von T-Zellen im Blut, die dann ins ZNS einwandern und dort Nervenschäden verursachen können. Die gefundenen Zellen schienen erst kürzlich aktiviert worden zu sein. Dies deutet darauf hin, dass die Forscher möglicherweise den zellulären "Urknall" der MS entdeckt haben - Vorläuferzellen, aus denen krankheitsverursachende T-Zellen entstehen.

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Diese Entdeckung bringt die Forschung möglicherweise näher an den eigentlichen Auslöser der MS heran. Je mehr über den oder die Auslöser bekannt ist, desto besser können Strategien und Therapien dagegen entwickelt werden. Die aktuelle Hypothese besagt, dass bei einer wahrscheinlich genetisch bedingten Veranlagung Umweltfaktoren die Immunreaktion auslösen.

Studien haben gezeigt, dass das Alter bei Umzug in andere Länder die Wahrscheinlichkeit einer MS-Erkrankung beeinflusst.

Die Rolle der Darmflora bei der MS-Entstehung

In den letzten Jahren hat sich die Forschung verstärkt auf die Rolle der Darmflora bei der MS-Entstehung konzentriert. Die Darmflora, auch Mikrobiom genannt, ist die Gesamtheit der Mikroorganismen, die im menschlichen Darm leben. Es wird vermutet, dass Bakterien der natürlichen Darmflora bei entsprechender genetischer Veranlagung eine MS auslösen können.

Eine internationale Arbeitsgruppe um Hartmut Wekerle und Gurumoorthy Krishnamoorthy von den Max-Planck-Instituten (MPI) für Neurobiologie und für Biochemie konnte zeigen, dass die Darmflora von MS-erkrankten Patienten eine MS-ähnliche Krankheit im Tiermodell auslösen kann.

Die Grundidee dieser Studie war der Vergleich der Darmflora eineiiger Zwillingspaare, bei denen ein Zwilling an MS erkrankt ist und der andere gesund ist. Die Forscher impften genetisch veränderte Mäuse mit den jeweiligen menschlichen Mikrobiomen. Tiere, die Darmfloraproben der MS-kranken Zwillinge bekamen, erkrankten fast zu hundert Prozent an der MS-ähnlichen Hirnentzündung.

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Diese Ergebnisse bestätigen, dass Bestandteile der Darmflora von MS-Patienten eine funktionelle Rolle bei der T-Zellaktivierung spielen und somit ein Auslöser für die MS beim Menschen sein könnten. Zukünftige Forschung wird sich darauf konzentrieren, die in Frage kommenden Mikroorganismen weiter einzugrenzen und zu untersuchen.

CD8-T-Zellen: Auslöser oder Folge der MS?

Eine weitere wichtige Frage in der MS-Forschung ist die Rolle von CD8-T-Zellen. Diese Immunzellen sind in Entzündungsherden im Gehirn von MS-Patienten vorhanden, aber es war bisher unklar, ob sie Auslöser oder Folgeerscheinung der Erkrankung sind.

Um diese Frage zu beantworten, analysierten Forscher CD8-T-Zellen aus Blut- und Nervenwasserproben von MS-Zwillingspaaren. Die Ergebnisse zeigen, dass CD8-T-Zellen mit spezifischen Veränderungen sowohl bei MS-Patienten als auch bei Personen mit frühen Anzeichen der Erkrankung vorkommen. Diese Zellen weisen eine erhöhte Wanderungsfähigkeit auf, sind entzündungsfördernd und stark aktiviert. Dies deutet darauf hin, dass CD8-T-Zellen migratorisch sind und sich auf den Weg ins zentrale Nervensystem machen.

Bemerkenswert ist, dass dieselben CD8-T-Zellen nicht nur bei Menschen mit bereits diagnostizierter MS auftraten, sondern auch bei Personen, die keine klinischen Symptome aufweisen, aber Anzeichen für eine subklinische Neuroinflammation zeigen. Dies deutet darauf hin, dass diese Zellen bereits in den frühesten Stadien der Erkrankung eine Rolle spielen könnten, noch bevor MS diagnostiziert wird.

Diese Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze eröffnen, bei denen gezielt die Funktion von CD8-T-Zellen beeinflusst wird, um das Fortschreiten von MS zu verlangsamen oder zu verhindern. Darüber hinaus könnten CD8-T-Zellen als Grundlage für neue Diagnosemethoden dienen, die es erlauben, MS schon in einem sehr frühen Stadium zu erkennen, bevor irreversible Nervenschäden entstehen.

Die Bedeutung frühzeitiger Diagnose und Therapie

Die Forschung hat gezeigt, dass eine frühzeitige Diagnose und Therapie von MS entscheidend sind, um irreversible Schäden am Nervensystem zu verhindern. Medikamente, die CD4-positive Effektor-T-Zellen hemmen, könnten potenziell als Strategie zur MS-Prävention bei Risikokandidaten eingesetzt werden.

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