Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft mit einer erhöhten Hitzeempfindlichkeit einhergeht. Dieses Phänomen, bekannt als Uhthoff-Phänomen, kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Hitzeempfindlichkeit bei MS, die Auswirkungen des Uhthoff-Phänomens und gibt praktische Tipps zur Bewältigung und Vorbeugung.
Einführung
Viele Menschen mit MS erleben eine vorübergehende Verschlechterung ihrer Symptome bei erhöhter Körpertemperatur. Dies kann durch äußere Faktoren wie heißes Wetter, körperliche Anstrengung oder den Besuch einer Sauna ausgelöst werden. Das Uhthoff-Phänomen, benannt nach dem deutschen Augenarzt Wilhelm Uhthoff, der es erstmals beschrieb, ist ein wichtiger Aspekt im Leben vieler MS-Betroffener und erfordert ein gutes Verständnis, um angemessen damit umzugehen.
Das Uhthoff-Phänomen: Ein Pseudoschub
Das Uhthoff-Phänomen beschreibt eine vorübergehende Verschlechterung neurologischer Symptome bei MS-Patienten, die durch erhöhte Umgebungs- oder Körpertemperatur (Fieber) ausgelöst wird. Im Extremfall kann dies zu vorübergehenden Lähmungserscheinungen führen. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um einen echten Krankheitsschub handelt, sondern um einen sogenannten "Pseudoschub". Im Gegensatz zu einem echten Schub, bei dem neue Entzündungsherde im zentralen Nervensystem entstehen, normalisieren sich die Symptome des Uhthoff-Phänomens in der Regel wieder, sobald die Körpertemperatur sinkt.
Ursachen des Uhthoff-Phänomens
Die Ursache für die Beschwerden liegt in den Folgen der entzündlichen Nervenerkrankung im Gehirn und Rückenmark. Nach Abheilen der Entzündungsherde bilden sich Narben im Bereich der Nervenfasern. Prof. Tjalf Ziemssen, Leiter des Zentrums für klinische Neurowissenschaften und des Multiple Sklerose Zentrums am Uniklinikum Dresden, erklärt: „Dort bilden sich nach Abheilen der aufgetretenen Entzündungsherde Narben im Bereich der Nervenfasern, die bei Erhöhung der Körpertemperatur schlechter die Informationen weiterleiten können und somit zum Wiederauftreten von Beschwerden führen können.“
Vereinfacht ausgedrückt, führt die erhöhte Temperatur zu einer Blockierung der Leitfähigkeit des vorgeschädigten Sehnervs bzw. anderer Nervenbahnen. Vermuteter Grund ist auch hier die verschlechterte Leitfähigkeit demyelinisierter Axone aufgrund einer Temperaturerhöhung.
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Symptome des Uhthoff-Phänomens
Die Symptome des Uhthoff-Phänomens können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Häufige Beschwerden sind:
- Fatigue: Viele MS-Betroffene fühlen sich bei Hitze schlapp, müde und benommen.
- Sehstörungen: Es kann zu einer vorübergehenden Abnahme der Sehschärfe, verschwommenem Sehen oder Doppelbildern kommen.
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder andere Missempfindungen können verstärkt auftreten.
- Motorische Einschränkungen: Lähmungen, Spastiken oder Gangstörungen können zunehmen.
- Kognitive Probleme: Konzentrationsschwierigkeiten oder Gedächtnisstörungen können sich verschlimmern.
MS-Betroffene beschreiben die Auswirkungen oft als lähmend. Kerstin, eine MS-Betroffene, beschreibt: „Hitze wirkt auf meinen Körper und Symptome wie Fatigue, Sehstörungen, Gangstörung und kognitive Probleme sehr extrem. Ich fühle mich wie lahmgelegt.“ Kevin erlebte in seinem Sommerurlaub, dass es ihm täglich schwerer fiel, die Wärme und Luftfeuchtigkeit zu ertragen.
Abgrenzung zum MS-Schub
Es ist wichtig, das Uhthoff-Phänomen von einem echten MS-Schub zu unterscheiden. Ein MS-Schub ist gekennzeichnet durch das Auftreten neuer Symptome oder die Reaktivierung bereits bekannter Symptome, die mindestens 24 Stunden anhalten und nicht durch eine erhöhte Körpertemperatur, eine Infektion oder andere körperliche Ursachen ausgelöst werden. Im Gegensatz dazu bilden sich die Symptome des Uhthoff-Phänomens in der Regel innerhalb von 24 Stunden nach Abkühlung wieder zurück.
Strategien zur Vorbeugung und Linderung des Uhthoff-Phänomens
Die beste Vorbeugung gegen das Uhthoff-Phänomen ist, einen Anstieg der Körpertemperatur zu vermeiden. Hier sind einige praktische Tipps, die Betroffenen helfen können, mit der Hitze besser umzugehen:
Kühlende Maßnahmen
- Meiden der prallen Sonne: Vermeiden Sie es, sich längere Zeit in der direkten Sonne aufzuhalten.
- Ausreichend trinken: Achten Sie darauf, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen.
- Kühlkleidung: Kühlwesten, Stirnbänder, Nackentücher, Kühlhauben oder Kühlstrümpfe können eine effektive Möglichkeit sein, den Körper zu kühlen.
- Fußbäder: Ein Fußbad in einem Eimer mit Wasser und Eiswürfeln kann schnell für Abkühlung sorgen.
- Kühlhandtücher: Feuchte Kühlhandtücher, die um die Stirn, die Beine oder die Unterarme gewickelt werden, können ebenfalls helfen.
- Kühlkappen und -hauben: Diese werden kurz in kaltes Wasser getaucht und halten den Kopf für einige Stunden kühl.
- Kühlmatten: Kühlmatten können verwendet werden, um den ganzen Körper abzukühlen.
- Wassereis: Ein Wassereis kann nicht nur erfrischen, sondern auch von innen kühlen.
Weitere Tipps für den Alltag
- Klimatisierte Räume: Verbringen Sie Zeit in klimatisierten Räumen, insbesondere an heißen Tagen.
- Vermeidung von Anstrengung: Reduzieren Sie körperliche Anstrengung während der heißesten Tageszeiten.
- Sport im Wasser: Schwimmen ist eine ideale Sportart für MS-Betroffene, da es den Körper kühlt.
- Planung: Planen Sie notwendige Aktivitäten am besten für die kühleren Tageszeiten (morgens oder abends).
- Arbeitsplatzgestaltung: Gestalten Sie Ihren Arbeitsplatz so angenehm wie möglich, z.B. mit einem Ventilator.
- Gartendusche: Nutzen Sie eine Gartendusche oder einen Gartenschlauch zur Abkühlung.
Umgang mit Fieber
Sollte es dennoch zu Fieber kommen, ist es ratsam, frühzeitig fiebersenkende Medikamente einzunehmen, um die Körpertemperatur zu senken.
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Kühlung des Kopfes
Viele Betroffene suchen nach Möglichkeiten, den Kopf effektiv zu kühlen. Einfache Kappen oder Hüte reichen oft nicht aus. Kühlkappen oder -hauben, die in kaltes Wasser getaucht werden, können hier Abhilfe schaffen.
Medikamentöse Therapie
Gegen das Uhthoff-Phänomen selbst gibt es keine spezifischen Medikamente. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Vermeidung von Auslösern. Bei Fieber können fiebersenkende Mittel eingesetzt werden.
Uhthoff-Phänomen und Sport
Trotz des Uhthoff-Phänomens sollten MS-Betroffene nicht auf Sport verzichten. Es ist jedoch wichtig, die Belastung zu reduzieren und den Sport in die kühleren Morgen- oder Abendstunden zu verlegen. Schwimmen ist eine besonders geeignete Sportart.
Irrglaube Sauna
Ein hartnäckiger Mythos ist, dass Menschen mit Multipler Sklerose aufgrund ihrer Hitzeempfindlichkeit nicht in die Sauna gehen dürfen. Dies ist jedoch nicht richtig. Ob ein Saunabesuch möglich ist, hängt von der individuellen Verträglichkeit ab.
Paroxysmale Symptome
Neben dem Uhthoff-Phänomen können bei MS auch andere paroxysmale Symptome auftreten, die durch verschiedene Reize ausgelöst werden können. Dazu gehören einschießende Schmerzen, plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen. Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung (Westen, Stirnbänder etc.) einsetzen.
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Weitere Begleiterscheinungen der MS und deren Behandlung
Ataxie
Die MS-bedingte Ataxie bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage, kombiniert mit Ergotherapie. Hilfsmittel wie Gehstöcke oder Rollatoren können den Alltag erleichtern.
Blasenstörungen
Neurogene Blasenstörungen sind häufige Begleiterscheinungen der MS. Die Behandlung umfasst nicht-medikamentöse Maßnahmen wie regelmäßiges Trinken und Toilettengänge sowie medikamentöse Therapien mit Anticholinergika oder Alphablockern.
Fatigue
Fatigue ist ein häufiges und oft belastendes Symptom bei MS. Neben der Vermeidung von Überanstrengung können auch Medikamente zur Linderung der Fatigue eingesetzt werden.
Leben mit Multipler Sklerose
Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die viele Aspekte des Lebens beeinflussen kann. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
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