Was tun beim ersten Schub von Multipler Sklerose (MS)? Ein umfassender Leitfaden

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) kann zunächst beängstigend wirken. Ein häufiges Kennzeichen des Beginns der MS ist der sogenannte Schub. Dieser Artikel soll Ihnen helfen, einen MS-Schub zu erkennen, die medizinischen Hintergründe zu verstehen und die richtigen Schritte einzuleiten. Fundiertes Wissen über MS kann Ihnen helfen, besser mit der Erkrankung im Alltag umzugehen.

Was ist ein MS-Schub?

Ein MS-Schub ist definiert als das Auftreten neuer oder die deutliche Verstärkung bereits bekannter MS-Beschwerden, die länger als 24 Stunden anhalten und mindestens 30 Tage nach dem letzten Schub auftreten. Symptome, die nur kurzzeitig auftreten, sind in der Regel alte, ausgebrannte Entzündungsherde und kein neuer Schub. Es ist wichtig, einen echten Schub von einem sogenannten Pseudoschub abzugrenzen.

Was passiert bei einem MS-Schub?

Bei einem Schub gelangen falsch programmierte Immunzellen durch die Blut-Hirn-Schranke ins zentrale Nervensystem (ZNS). Dort lösen sie eine Entzündungsreaktion aus, bei der beispielsweise die Myelinscheide (die Isolierung der Nervenzellen) angegriffen wird. Prof. Dr. med. Ingo Kleiter erklärt, dass die MS eine Autoimmunerkrankung ist, bei der eine fehlgeleitete und überschießende Immunreaktion gegen Bestandteile des Gehirns und Rückenmarks auftritt. Diese Immunreaktion entsteht außerhalb des ZNS, im Blut und in Organen des lymphatischen Systems. Werden Immunzellen in diesen Organen aktiviert, können ZNS Antigen-spezifische Immunzellen über die Blut-Hirn-Schranke treten, dort aktiviert werden und Entzündungen im Gehirn und Rückenmark verursachen. Die Entzündungen treten insbesondere um Blutgefäße herum und in der Nähe der Hirn-Hohlorgane, der Ventrikel, auf.

Jede Entzündung führt nicht zwangsläufig zu Symptomen. Untersuchungen haben gezeigt, dass dies nur bei etwa jedem 10. Herd der Fall ist. Liegt der Herd an einer strategisch wichtigen Position im Gehirn oder Rückenmark, kann es in der Phase der akuten Entzündung zu einem neurologischen Ausfall, dem sogenannten Schub, kommen.

Symptome eines MS-Schubs

Da das Gehirn vielfältige Aufgaben hat, können die Symptome eines MS-Schubs sehr unterschiedlich sein. Typische Symptome sind:

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  • Sehstörungen (Doppelbilder, Verschwommensehen, Augenbewegungsschmerzen)
  • Sensibilitätsstörungen (Taubheitsgefühle, Kribbeln in Armen und Beinen)
  • Störungen der Motorik oder Bewegungskoordination (Gangunsicherheit, Lähmungen)
  • Blasenstörungen
  • Muskelkrämpfe (Spastiken)
  • Gelenkschmerzen (Knieschmerzen, Hüftschmerzen, Schulterschmerzen)
  • Sprach- und Gedächtnisstörungen

Jeder MS-Schub ist anders, und die Symptome können von Person zu Person variieren. Es ist wichtig zu beachten, dass keines dieser Symptome eindeutig auf MS oder einen Schub hinweist.

Pseudoschub vs. echter Schub

Gerade bei länger bestehender MS sind Schwankungen von neurologischen Ausfällen häufig und müssen von echten, immunologisch bedingten Schüben unterschieden werden. Dies wird als "Pseudoschub" bezeichnet.

Typische Ursachen für Pseudoschübe sind:

  • Steigerung der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen)
  • Fieber
  • Infektionen (Harnwegs-, Atemwegs- und Hautinfekte)
  • Körperliche Überlastung
  • Stress oder psychische Belastungssituationen

Bei hitzeabhängigen Symptomen (Uhthoff-Phänomen) kann Kühlung oder Fampridin helfen.

Was tun bei Verdacht auf einen MS-Schub?

Wenn Sie den Verdacht haben, dass bei Ihnen ein Schub vorliegt, sollten Sie umgehend Ihren Neurologen kontaktieren. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können dazu beitragen, die Folgen des Schubs zu minimieren.

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Ärztliche Abklärung

Der Neurologe wird eine klinisch-neurologische Untersuchung durchführen, um festzustellen, ob tatsächlich ein akuter Schub vorliegt. In manchen Fällen kann eine zusätzliche Kernspintomographie (MRT) notwendig sein, um die Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark zu visualisieren.

Schubtherapie

Die Standardtherapie bei einem akuten MS-Schub ist die hochdosierte Kortison-Stoßtherapie. Dabei wird üblicherweise Methylprednisolon, ein künstliches Glukokortikoid, intravenös verabreicht.

  • Wirkstoff: Methylprednisolon (z.B. Urbason)
  • Indikation: Standardtherapie beim akuten MS-Schub bei Überaktivität des Immunsystems.
  • Verabreichung: Intravenöse Infusion, üblicherweise 1000 mg an drei aufeinander folgenden Tagen, stationär oder ambulant.
  • Wirkweise: Glukokortikoide hemmen den Entzündungsprozess und das Immunsystem. Sie wirken direkt auf die Störung der Blut-Hirn-Schranke ein.

Die hochdosierte Kortison-Stoß-Therapie wird üblicherweise an drei aufeinander folgenden Tagen morgens als intravenöse Infusion gegeben. Danach kann die Behandlung beendet werden; ein Ausschleichen mit Kortison-Tabletten ist in der Regel nicht notwendig. Bei ausgeprägten Symptomen, die sich nur unzureichend bessern, kann die dreitägige Kortison-Stoß-Therapie auf fünf Tage verlängert werden. Wenn sich nach zweiwöchiger Pause die Symptome immer noch nicht ausreichend zurückgebildet haben, kann die Therapie wiederholt werden, und zwar mit einer Dosierung von bis zu 2000 mg über fünf Tage.

Wichtig: Eine Dauertherapie mit Glukokortikoiden sollte wegen möglicher schwerwiegender Nebenwirkungen vermieden werden.

Gegenanzeigen und Nebenwirkungen der Kortison-Stoßtherapie

Vor Beginn einer Steroidpulstherapie müssen Kontraindikationen wie eine akute Infektion oder Schwangerschaft sowie eine Leberschädigung ausgeschlossen werden.

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Mögliche Nebenwirkungen der Kortison-Stoßtherapie sind:

  • Magenbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen
  • Unruhe und Schlafstörungen
  • Psychische Störungen
  • Unverträglichkeitsreaktionen
  • Erhöhte/entgleisende Blutzuckerwerte bei Diabetikern
  • Erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle bei Anfälligkeit
  • Erhöhtes Thrombose-Risiko, insbesondere bei Patienten mit Paresen (Lähmungen)

Während der Kortisontherapie sollte unbedingt ein Magenschutzmedikament angewendet werden. Da Kortison die Haut lichtempfindlicher macht, ist ein ausreichender Sonnenschutz ebenfalls wichtig. Kortison kann als Nebenwirkung einige Blutwerte verändern. Gehen Sie daher regelmäßig zu Ihrem Arzt zur Blutabnahme. Nach einer Kortison-Stoßtherapie ist das Thromboserisiko erhöht. Um einer Thrombose vorzubeugen, sollten Sie ausreichend trinken und sich bewegen.

Alternative Behandlungsmethoden

Wenn die Kortison-Stoßtherapie nicht ausreichend wirkt, können alternative Behandlungsmethoden in Betracht gezogen werden:

  • Plasmapherese (Blutwäsche): Hierbei wird das Blut aus dem Körper durch ein Reinigungsgerät geleitet und dem Körper wieder zugeführt. Im Reinigungsgerät werden dem Blut schädliche Bestandteile (z. B. Antikörper) entnommen.
  • Immunadsorption: Hierbei wird das Blut in Plasma (Blutflüssigkeit) und Blutzellen getrennt. Aus dem Plasma werden dann bestimmte Eiweiße (Antikörper) entfernt.

Eine Blutwäsche ist bei schweren MS-Schüben oder Schüben bei Neuromyelitis optica Spektrum-Erkrankung indiziert und sollte möglichst rasch nach Beginn der Symptome gestartet werden.

Was Sie selbst tun können

Neben der medizinischen Behandlung gibt es auch Dinge, die Sie selbst tun können, um den Verlauf eines MS-Schubs positiv zu beeinflussen:

  • Schonung: Vermeiden Sie anstrengende (sportliche) Aktivitäten während eines Schubs.
  • Körperliche Aktivität: Auch wenn Schonung wichtig ist, sollten Sie sich dennoch ausreichend bewegen, um das Thromboserisiko zu verringern.
  • Ernährung: Es gibt zwar keine spezielle MS-Diät, aber eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und gesunden Fetten kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Einige Betroffene bevorzugen eine vegane Ernährungsweise, eine antientzündliche Diät oder eine Ernährung mit wenig Kohlenhydraten (low carb) und vielen Proteinen.
  • Vitamin D: Hochdosierte Vitamin-D-Gaben können MS-Schübe vermindern.
  • Psychische Unterstützung: Eine MS kann die Psyche belasten. Suchen Sie sich psychologische Unterstützung, wenn Sie unter depressiven Symptomen oder Ängsten leiden. Es gibt auch digitale Programme wie levidex, die wertvolles Krankheitswissen, psychologische Unterstützung und spezielle Bewältigungsstrategien bieten.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in einer MS-Selbsthilfegruppe kann sehr hilfreich sein und die Lebensqualität verbessern.

Langfristige Perspektive

Die MS verläuft meist schubförmig, zumindest in der ersten Phase der Erkrankung. Im Laufe des Lebens geht der schubförmige Verlauf meist in einen fortschreitenden über. Bei der schleichend fortschreitenden, Primär Progredienten Form (PPMS) gibt es überhaupt keine Schübe.

Es ist wichtig zu wissen, dass die MS nicht heilbar ist. Die Behandlung dient dazu, die Beschwerden der Krankheit möglichst weit einzudämmen und den Verlauf zu verlangsamen. Die verlaufsmodifizierende MS-Therapie nimmt dauerhaft Einfluss auf die Krankheitsaktivität.

Leben mit MS

Auch wenn die Diagnose MS zunächst beängstigend ist, ist ein erfülltes Leben mit der Erkrankung möglich. Wichtig ist, die Erkrankung anzunehmen und das Leben mit der MS zu gestalten - statt gegen sie. Beeinträchtigungen annehmen, aber nicht zum Hauptinhalt des Lebens zu machen.

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