Multiple Sklerose: Todesursachen, Lebenserwartung und Einflussfaktoren

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und Rückenmark betrifft. Obwohl MS nicht direkt tödlich ist, kann sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und in einigen Fällen zu schweren Behinderungen führen. Dieser Artikel befasst sich mit den Todesursachen bei MS-Patienten, der Lebenserwartung und den Faktoren, die diese beeinflussen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Schädigung der Myelinscheiden (Demyelinisierung) führt zu einer gestörten Nervenleitgeschwindigkeit und verursacht eine Vielzahl von neurologischen Symptomen. Je nachdem, welche Nervenbahnen betroffen sind, kann es zu spastischen Lähmungen, Koordinationsstörungen, Gefühlsstörungen (Taubheitsgefühl, Kribbeln) oder Sehstörungen kommen. Auch Mattigkeit, Ermüdbarkeit und Konzentrationsstörungen sind mögliche Symptome.

Formen der Multiplen Sklerose

Je nach Verlauf unterscheidet man verschiedene Formen von MS:

  • Schubförmig remittierende MS (RRMS): Die MS-Symptome treten in Schüben auf, zwischen denen die Krankheitsaktivität gewissermaßen stillsteht. Der erste Schub wird als klinisch isoliertes Syndrom (KIS) bezeichnet.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Die Erkrankung schreitet ohne Schübe von Beginn an kontinuierlich voran.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Die Erkrankung beginnt mit Schüben und wechselt dann hin zu einem fortschreitenden Verlauf.

Lebenserwartung bei Multipler Sklerose

Die Prognose von Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. Die Lebenserwartung ist durch die Erkrankung oft nicht wesentlich verkürzt. Viele Betroffene leben jahrzehntelang mit der Erkrankung. Aktuelle Studien zeigen, dass die Lebenserwartung von Menschen mit Multipler Sklerose nur ca. drei bis fünf Jahre unter der durchschnittlichen Lebenserwartung von Menschen ohne MS liegt.

Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2013, die Daten von in Spezialkliniken behandelten MS-Erkrankten (knapp 7.000) über 24 Jahre hinweg (1980 - 2004) gesammelt hat, ergab, dass MS-betroffene Frauen ein durchschnittliches Alter von 79 Jahren erreichten, während Männer mit Multipler Sklerose durchschnittlich 74 Jahre alt wurden. Verglichen mit der nicht an MS erkrankten Bevölkerung sind das im Schnitt 6 Jahre weniger.

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Es gibt jedoch auch schwere Verläufe, bei denen die Lebenserwartung deutlich verkürzt sein kann. Ein maligner (bösartiger), also besonders schwerer Multiple-Sklerose-Verlauf endet allerdings manchmal nach wenigen Monaten tödlich. Das ist aber selten.

Einflussfaktoren auf die Lebenserwartung

Die Lebenserwartung bei MS hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter:

  • Verlaufsform der MS: Patienten mit schubförmigem Verlauf leben tendenziell länger als Patienten mit primär progredientem Verlauf.
  • Schweregrad der Erkrankung: Ein schwerer Verlauf mit rascher Zunahme der Behinderungen kann die Lebenserwartung verkürzen.
  • Komorbiditäten: Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen oder Depressionen können die Lebenserwartung negativ beeinflussen.
  • Lebensstil: Starker Tabak- und Alkoholkonsum, geringer Bildungsstand oder soziale und psychische Belastungen sowie Stress können die Lebenserwartung verkürzen.
  • Therapie: Moderne Therapiemöglichkeiten können den Verlauf der MS positiv beeinflussen und die Lebenserwartung verlängern.

Todesursachen bei Multipler Sklerose

Häufiger sterben Menschen mit MS an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Uro-Sepsis (von den Harnwegen ausgehende Blutvergiftung). Auch Suizide kommen bei ihnen häufiger vor als in der Normalbevölkerung.

Eine Arbeitsgruppe der John Hopkins Universität Baltimore hat 50 unerwartete Todesfälle von MS-Patienten anhand der Autopsiebefunde aufgearbeitet. Die Studie umfasste 32 weibliche und 18 männliche Versorbene im Alter von 25-69, durchschnittl. 48,5 Jahren. Bei 43 war eine MS bekannt gewesen, bei sieben erst post mortem festgestellt worden. Mehrheitlich lagen inaktive (66,7%), seltener aktive demyelinisierende Läsionen vor, vornehmlich in den Großhirnhemispären.

Eine finnische Studie, die über 16.000 pwMS anhand von Daten aus landesweiten Registern zwischen 1971 und 2020 untersuchte, ergab, dass MS in über der Hälfte der Fälle die zugrunde liegende Todesursache war. Darüber hinaus waren gastrointestinale Erkrankungen, Infektionen der Atemwege und vaskuläre Erkrankungen überrepräsentiert.

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Vermeidung von Komplikationen und Todesursachen

Um die Lebenserwartung und Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern, ist es wichtig, Komplikationen vorzubeugen und Todesursachen zu vermeiden. Dazu gehören:

  • Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Regelmäßige Arzttermine mit MRT-Verlaufskontrollen sind wichtig, um den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Therapie individuell anzupassen.
  • Konsequente Behandlung von Begleiterkrankungen: Die konsequente Behandlung psychiatrischer Begleiterkrankungen wie Depressionen oder chronische Erschöpfungszustände verbessert die Lebensqualität entscheidend.
  • Impfungen: Virale Infektionen, speziell die Grippe, kann MS-Schübe auslösen, Fieber diese verstärken. Impfungen sind daher ratsam. Allerdings sollten Impfungen nicht während eines Schubes, einer Kortison-Behandlung oder einer Therapie mit Immunsuppressiva erfolgen.
  • Gesunder Lebensstil: Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum kann die Lebenserwartung positiv beeinflussen.
  • Soziale Unterstützung: Die Multiple Sklerose ist zwar eine schwere Krankheit, der Verlauf lässt sich jedoch mit Hilfe von modernen Therapiemöglichkeiten und nicht zuletzt der Unterstützung durch das soziale Umfeld des Patienten lange herauszögern und verbessern. Es gibt einige Selbsthilfegruppen für Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. Die Gruppen geben den Betroffenen Halt und ermöglichen den Austausch untereinander.

Leben mit Multipler Sklerose

Mit Multipler Sklerose zu leben ist nicht einfach. Die Ungewissheit, ob und wann erneut ein Schub auftritt, ist sehr verunsichernd und kann Angst machen. Es ist wichtig, die Krankheit zu akzeptieren und nicht gegen sie anzukämpfen. Sie müssen lernen, Ihre Einschränkungen anzuerkennen und Ihre Grenzen zu respektieren, ohne sie zu überschreiten.

Tipps für ein erfülltes Leben mit MS

  • Bewegung und Sport: Bewegung an der frischen Luft oder ein Outdoor-Sport sind doppelt gesund. Beim Sport ist Betroffenen keine Grenze gesetzt. Schwimmen und Gymnastik sind gut geeignet, aber generell ist jede Sportart möglich. Durch die Körpererhitzung bei der sportlichen Betätigung kann es zu einer temporären Verschlimmerung der Symp­tome kommen, die Krankheit selbst verschlimmert sich aber nicht.
  • Ernährung: Es gibt keine spezielle Diät, sondern nur die Empfehlung, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Allerdings sollte Vitamin D, gegebenenfalls auch als Zusatzpräparat, zur Ernährung gehören, da dies zur Verminderung von MS-Schüben führen kann.
  • Barrierefreies Wohnen: Um so lange wie möglich selbstständig zu bleiben, können Sie Ihr Zuhause barrierearm umbauen und erhalten dafür, wenn Sie einen Pflegegrad haben, Zuschüsse von der Pflegekasse. Ein Treppenlift oder die Badewanne zur barrierefreien Dusche umzubauen sind tolle Möglichkeiten, das Leben bei körperlicher Beeinträchtigung zu erleichtern.
  • Schwangerschaft: Eine Schwangerschaft ist grundsätzlich möglich, es sollten aber bestimmte Dinge beachtet werden, über die Sie Ihr Behandlungsteam im Einzelnen beraten kann. So empfiehlt sich eine Schwangerschaft beispielsweise nicht unter speziellen immunmodulatorischen Medikamenten. Planen Sie eine Schwangerschaft, sollte dann gegebenenfalls die Therapie umgestellt werden. Beachten Sie auch, dass die Pflege eines Neugeborenen - und auch die Begleitung eines aufwachsenden Kindes - viel Kraft braucht. Überlegen Sie schon vor der Schwangerschaft, wie Sie sich ein Netzwerk für Unterstützung in schlechten Phasen der Erkrankung aufbauen können. Achten Sie bei der Praxis- oder Kliniksuche darauf, dass diese eine Expertise im Bereich Schwangerschaft und MS hat.

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