Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist durch Schübe gekennzeichnet, die in Schwere und Dauer variieren können. Aufgrund der Vielfalt an möglichen Symptomen wird MS auch als die "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet. Weltweit leben etwa 2,8 Millionen Menschen mit MS, in Deutschland sind es rund 280.000. Jährlich kommen etwa 15.000 neue Diagnosen hinzu.
Die Herausforderung der richtigen Behandlungsstrategie
Mittlerweile stehen viele MS-Therapien zur Verfügung, die sich in ihrer Anwendungsform, Häufigkeit und Wirksamkeit unterscheiden. Es gibt moderat wirksame und hochwirksame MS-Medikamente. Die Wahl der richtigen Therapie ist eine Herausforderung, da sie zur individuellen Situation des Patienten und seiner MS passen muss.
Der Paradigmenwechsel: "Flipping the Pyramid"
Der Wissenschaftler Gavin Giovannoni sprach sich auf dem ECTRIMS 2022 klar für den frühen Einsatz von hochwirksamen MS-Medikamenten aus und forderte ein "Flipping the pyramid". Dieser Ansatz setzt sich in der Praxis jedoch nur langsam durch. Giovannoni argumentiert, dass moderat wirksame Medikamente für einen Großteil der MS-Betroffenen nicht ausreichen, um die Krankheitsaktivität frühzeitig zu unterdrücken, was zu einer Unterbehandlung führen kann.
Früher war der Ansatz, zuerst weniger effektive Therapien einzusetzen und erst bei Krankheitsaktivität zu effektiveren Therapien zu greifen. Damals war die Auswahl an effektiven Immuntherapien jedoch geringer und es standen nur wenige gut verträgliche Immuntherapien zur Verfügung. Die Pyramide, die in der Frage steckt, bedeutet, dass in der Basis der Pyramide, d.h. am Boden derer, zunächst sichere, jedoch weniger effektive Therapien stehen und eingesetzt werden, und nur bei Krankheitsaktivität diese Therapien dann auf effektivere Behandlungen umgesetzt werden.
Das Therapiefenster optimal nutzen
In Folge 175 des Podcasts wurde Dr. Antonios Bayas interviewt, um zu erläutern, wie man das Therapiefenster optimal durch eine frühzeitige, hochwirksame Behandlung bei MS nutzen kann. Dr. Bayas ist leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor sowie Leiter der Sektion Klinische Neuroimmunologie an der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Universitätsklinikum Augsburg.
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Multiple Sklerose kann mittlerweile immer besser behandelt werden, sowohl durch verlaufsmodifizierende Medikamente, symptomatische Therapien und durch einen gesunden Lebensstil. Dabei macht es allerdings einen großen Unterschied, ob ich als Patient mehrere Jahre vergehen lasse, in denen die Krankheit - möglicherweise unbemerkt - voranschreitet oder ob ich gleich zu Beginn entschieden dagegen vorgehe.
Da MS eine Eisberg-Erkrankung ist, die für Betroffene größtenteils im Verborgenen stattfindet, aber von Anfang an das zentrale Nervensystem schädigt, ist es wichtig, die Hintergründe zu verstehen. Denn wenn Einschränkungen zunächst unbedeutend sind, sich zurückentwickeln, oder „nur“ neue Läsionen im MRT zu sehen sind, die aber keine Auswirkungen auf den Alltag haben, kann das dazu führen, dass man die Krankheit unterschätzt.
Doch jede Aktivität der MS trägt zu den späteren Folgen und Einschränkungen bei, deshalb ist es wichtig, möglichst schnell und effektiv in das Krankheitsgeschehen einzugreifen oder wenigstens stark zu verlangsamen. Denn es gilt, je früher gehandelt wird, desto stärker kann man die Langzeitprognose positiv beeinflussen.
Unter dem Therapiefenster versteht man Zeitabschnitte im Krankheitsverlauf, in denen durch die rechtzeitige und richtige Wahl der Therapie der weitere Krankheitsverlauf maßgeblich beeinflusst bzw. verändert werden kann, im positiven Sinn natürlich.
Es gibt verschiedene Therapiefenster:
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- Zuerst bei Diagnosestellung, hier muss man sich individuell für eine ausreichend effektive Therapie, die aber auch gut zum Patienten passt, entscheiden.
- Ein anderes Therapiefenster tut sich auf, wenn die Krankheit unter einer Immuntherapie aktiv ist und man dann eine andere, effektivere Therapie wählen muss, die jedoch erneut die individuelle Situation der Patientin / des Patienten berücksichtigt.
- Ein weiteres Therapiefenster kann sich ergeben, wenn sich der Krankheitsverlauf ändert und Patienten nach einem schubförmig-remittierenden Krankheitsverlauf eine sekundär progrediente Multiple Sklerose entwickeln, d.h. wenn sich Symptome schleichend verschlechtern, wobei hier noch Schübe auftreten können.
Ziel der modernen Immuntherapie der Multiplen Sklerose ist eine möglichst vollständige Verhinderung der Entwicklung von Behinderung. Wir wissen, dass durch eine frühe effektive Therapie ein Übergang von der schubförmig-remittierenden in die sekundär progrediente Multiple Sklerose bei vielen Patienten verhindert werden kann.
Aber: Immuntherapien, die wir derzeit zur Verfügung haben, können vor allem die entzündliche Komponente der Multiplen Sklerose beeinflussen, diese äußert sich im Alltag durch Schübe oder zeigt sich in neuen oder aktiven MRT-Läsionen.
Begleitend kann bei der Multiplen Sklerose auch eine so genannte Neurodegeneration auftreten, d.h. es kommt zu einer Schädigung von Nervenzellen und Markscheiden unabhängig von Schüben und auch oft unabhängig von sichtbarer MRT-Aktivität, zunehmend je länger die Erkrankung verläuft. Für diesen Prozess haben wir bislang noch keine effektiven Therapien, so dass es das Ziel der modernen Therapie ist, diese degenerativen Prozesse, die wir therapeutisch schlecht beeinflussen können, möglichst früh zu verhindern und Therapien dann einzusetzen, wenn sie gut wirksam sind, d.h. Aus meiner Sicht ist dies sehr wichtig. Wie wissen, dass es einige Faktoren bei der Multiplen Sklerose, zum Beispiel eine sehr hohe Zahl an Herden in der MRT bei Diagnosestellung oder auch eine hohe Schubrate zu Krankheitsbeginn, gibt, die eine ungünstige Prognose bei der Multiple Sklerose anzeigen können. Sehr gute Frage! Wenn in der Zeit, in der noch keine Therapie begonnen worden ist, durch Krankheitsaktivität bereits Nervenzellen Schaden genommen haben bzw. durch Läsionen in Gehirn oder Rückenmark Behinderung entstanden ist, ist es leider nicht möglich, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen, d.h. die Uhr zurück zu drehen.
Oft kann dies zu Beginn noch kompensiert werden, diese Kompensationsfähigkeit lässt im Lauf der Erkrankung jedoch nach. Es gelingt zwar häufig, zum Beispiel durch entsprechendes Training mit Physiotherapie bei motorischer Behinderung oder auch andere Therapiemaßnahmen diese Schädigung zum Teil zu kompensieren, aber was an Nervengewebe verloren ist, bleibt verloren. In mehreren Therapiestudien konnte gezeigt werden, dass bei Vergleich von Placebo mit einer höher effektiven Substanz die Patientinnen und Patienten, die zunächst Placebo, d.h. Ziel der modernen Immuntherapie ist es, Behinderung bei der Multiplen Sklerose zu verhindern, d.h. eine Prophylaxe.
Wenn bereits eine Behinderung aufgetreten ist, und das können ganz verschiedene Symptome sein wie motorische Symptome mit zum Beispiel Lähmungen oder einer Gangstörung, kognitive Beeinträchtigungen, nur um einige zu nennen, dann kann man durch eine Immuntherapie diese Behinderung nicht rückgängig machen, da die Immuntherapie eine prophylaktisch wirksame Therapie darstellt.
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In den Fokus rückt dann die ohnehin bei der Behandlung der Multiple Sklerose ganz wichtige Säule der symptomatischen Therapie, die Symptome verbessern soll und aus medikamentösen wie auch nicht medikamentösen Therapiemaßnahmen besteht. Prophylaxe zielt darauf ab, möglichst Funktionen zu erhalten. Wenn die Krankheit ohne Therapie oder mit einer unzureichenden Therapie bereits zu einer relevanten Behinderung geführt hat, kann, ich wähle wieder den Vergleich, das Rad oft nicht mehr zurückgedreht werden, d.h.
Die Aktivität der Multiplen Sklerose erfassen
Die Frage ist zunächst, wie können wir die Aktivität bei der Multiple Sklerose erfassen. Zunächst natürlich durch Befragung der Patienten, d.h. die Anamnese, ferner durch die neurologische Untersuchung und Patienten-Fragebögen, die uns Auskunft geben können über das Ausmaß von beispielsweise Fatigue wie auch Lebensqualität. Das MRT spielt bei der Beurteilung der Aktivität der Multiple Sklerose eine ganz entscheidende Rolle, da es das beste technische Verfahren ist, das anzeigen kann, wie aktiv die Erkrankung ist, indem das MRT uns Einblicke in das Gehirn und / oder Rückenmark erlaubt.
Wichtig zu wissen ist jedoch, dass wir im MRT nicht die gesamte Krankheitsaktivität erkennen können. Es gibt bei MRT-Geräten unterschiedliche Feldstärken, angegeben in Tesla. Dies ist die Einheit, mit der man die Stärke eines magnetischen Feldes im Rahmen der Kernspintomographie angibt. Je höher die Feldstärke ist, umso mehr können wir die bei der MS auftretenden Vorgänge erkennen. Aber auch mit den heute in der Regel routinemäßig zur Verfügung stehenden MRT-Geräten, oft mit einer Feldstärke von 1,5 oder 3 Tesla, entgeht uns dennoch ein Teil der Krankheitsaktivität bei der Multiple Sklerose, die jedoch wiederum zu Behinderung führen kann.
Wir wissen, dass die Läsionen, die wir in der Kernspintomographie sehen, Ausdruck der aktuellen oder früheren Aktivität der Multiple Sklerose sind. Daneben betrachten wir auch das Ausmaß der Hirnatrophie, wobei wir diese im klinischen Alltag und außerhalb von Studien in der Regel nicht routinemäßig bestimmen.
Was wir mittlerweile gut wissen, und nun direkt zu Ihrer Frage, ist, dass auch in der normal erscheinenden weißen Substanz, d.h. dort, wo u.a. Nervenfasern verlaufen und sich auch die Myelinscheiden und das Stützgewebe des zentralen Nervensystems befinden, Krankheitsaktivität stattfinden kann, die wir in den routinemäßigen MRT-Untersuchungen nicht erfassen können.
Entzündungsvorgänge können somit im gesamten zentralen Nervensystem und auch in der so genannten normal erscheinenden weißen Substanz auftreten, ohne dass wir diese mit den routinemäßig zur Verfügung stehenden MRT-Techniken entdecken können.
Modernere MRT-Techniken, wie zum Beispiel die MRT-Spektroskopie, können diese Vorgänge, wie zum Beispiel oxidativen Stress, zum Teil abbilden, werden aber nicht in der klinischen Routine eingesetzt.
Dies bedeutet jedoch auch, dass ein stabiles MRT eine voranschreitende Krankheitsaktivität nicht ausschließen kann. Sich daher alleine auf das MRT zu verlassen, halte ich daher für falsch, wichtig sind wie immer die Schilderungen der Symptome von Seiten der Patienten wie auch der neurologische Befund und auch andere Messungen, die wir im klinischen Alltag durchführen. Am Schluss ist es dann ein Puzzle verschiedener Untersuchungen, aus dem heraus wir entscheiden, ob ein Patient bzw.
Wann ist ein Therapieumstieg auf eine hochwirksame Therapie notwendig?
Zeichen dafür, dass mit einer vorhandenen Immuntherapie die Krankheit nicht oder nicht ausreichend stabilisiert ist, können Krankheitsschübe sein. Aber auch zunehmende Behinderung unabhängig von Krankheitsschüben kann anzeigen, dass die aktuelle Therapie nicht ausreichend wirksam ist. Das dies nicht selten auftritt, haben wir in den letzten Jahren zunehmend gelernt.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist erneut die Kernspintomographie, da wir wissen, dass nur ein Teil der Läsionen, d.h. der entzündlichen Veränderungen, die neu auftreten, auch Symptome machen. Jedoch die Gesamtheit dieser Läsionen kann dann zu verschiedenen Symptomen wie Fatigue und auch kognitiven Störungen führen. Der Wechsel auf eine effektivere Therapie kann daher unter anderem oft auch durch ein Voranschreiten von Behinderung ohne Schübe begründet werden. Daher sind bei der Beurteilung verschiedene Testungen, wie die der Gehstrecke, oder auch Fragebögen, zum Beispiel zur Lebensqualität, wichtig. Mit hoch wirksamen Therapien strebt man an sich den gleichen Behandlungserfolg wie auch mit weniger effektiven Therapien an, d.h. wir wollen Schübe verhindern, wir wollen verhindern, dass Behinderung auftritt oder zunimmt und wir wollen MRT-Aktivität verhindern. Dies wurde im Begriff NEDA zusammengefasst, übersetzt mit No Evidence of Disease Activity, d.h. kein Hinweis für Krankheitsaktivität.
Wichtig ist es auch, Symptome zu verhindern, die man den Patientinnen und Patienten nicht sofort ansieht, wie beispielsweise Fatigue, kognitive Störungen und vegetative Symptome in Form von zum Beispiel einer Blasenstörung. Wir müssen hier zwei mögliche Szenarien unterscheiden:
- Zum einen Patientinnen und Patienten, die noch keine Therapie haben, zum Beispiel, weil die Diagnose gerade erst gestellt wurde. Hier gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine, in der MSLeitlinie nennen wir es eine wahrscheinlich hochaktive Multiple Sklerose, anzeigen können:
- Von einer wahrscheinlich hoch aktiven Multiplen Sklerose gehen wir aus, wenn ein Schub zu einem schweren Defizit geführt hat, obwohl die Schubtherapie mit all ihren Möglichkeiten ausgeschöpft wurde; ein wahrscheinlich hochaktiver Verlauf muss auch dann angenommen werden, wenn sich Patientinnen und Patienten von den ersten beiden Schüben schlecht erholt haben, oder auch, wenn eine hohe Schubfrequenz mit mindestens drei Schüben in den letzten zwei Jahren oder mindestens zwei Schüben im letzten Jahr vorliegt. Von einem wahrscheinlich hochaktiven Verlauf gehen wir auch dann aus, wenn bereits im ersten Krankheitsjahr eine relevante Behinderung vorliegt oder wenn motorische Symptome aufgetreten sind. Auch das MRT kann einen wahrscheinlich hochaktiven Verlauf anzeigen, wenn mindestens zwei Kontrastmittel-aufnehmende Herde und eine hohe Anzahl anderer Herde in der MRT nachweisbar sind, v.a.
Individuelle Therapieentscheidung
Die Entscheidung für oder gegen eine hocheffektive Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine Entscheidung für eine hocheffektive Therapie begründet sich darauf, dass wir einen sehr aktiven Krankheitsverlauf sehen oder diesen, zum Beispiel aufgrund des MRTs, befürchten müssen. Bei der Entscheidung für eine Therapie müssen wir sowohl die Lebensumstände unserer Patientinnen und Patienten wie auch andere Faktoren, wie Begleiterkrankungen, zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, einen Diabetes mellitus, oder einen Bluthochdruck, und begleitende Medikamente berücksichtigen. Jede der hoch effektiven Therapien hat je nach Wirkmechanismus sein eigenes Risiko- und Nebenwirkungsprofil. Nebenwirkungen und das Risikoprofil müssen wir jeweils individuell berücksichtigen.
Ursachen und Risikofaktoren der MS
Was die Ursachen angeht, ist vieles noch unklar. Zum einen spielen erbliche Faktoren eine Rolle. Fest steht aber auch, dass es gewisse Umstände gibt, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an Multiple Sklerose zu erkranken. So ist eine große Militär-Studie in den USA, bei der systematische Untersuchungen von Rekruten durchgeführt wurden, zu dem Ergebnis gekommen, dass Personen nach durchgemachter Eppstein-Barr-Virus-Infektion eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, an MS zu erkranken. Das Virus scheint demnach die Entwicklung einer Multiplen Sklerose zu begünstigen. Einen ähnlichen Zusammenhang mit vorausgegangenen Virusinfektionen kann man im Nervenwasser beobachten: Eine positive sogenannte MRZ-Reaktion (Masern, Röteln, Varizella zoster) ist spezifisch für das Vorliegen einer MS. Viren scheinen also eine Art Trigger zu sein. Das heißt, das Immunsystem reagiert möglicherweise auf diese Viren. Der Angriff auf den eigenen Körper sieht so aus, dass die Myelinschicht der Nerven, also die Nervenhülle, beschädigt und im Verlauf zerstört wird.
Wir stellen in der medizinischen Behandlung von Patienten immer wieder fest, dass in manchen Fällen eine familiäre Häufung von MS vorliegt. In der Tat erhöht sich das Risiko, wenn schon die Mutter oder der Vater erkrankt sind. Sind beide Elternteile erkrankt, erhöht sich das Risiko um ein weiteres. Interessant ist die Situation bei eineiigen Zwillingen, die nämlich nicht zwingend beide an Multiple Sklerose erkranken müssen.
Hier sind die klassischen Lifestyle-Faktoren zu nennen. Rauchen ist etwa ein Risikofaktor: Raucher haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, zu erkranken und häufiger auch einen ungünstigeren Krankheitsverlauf. Ebenso spielt Übergewicht eine Rolle. Schließlich ist die Ernährung von gewisser Bedeutung. So hat z. B. eine gesunder Vitamin-D-Spiegel einen schützenden Effekt. Außerdem zeigen Untersuchungen, dass Studienteilnehmer seltener Schübe haben, wenn ihnen bestimmte Fettsäuren wie z. B.
Symptome der Multiplen Sklerose
Das Symptom, das wir am häufigsten sehen, ist das Taubheitsgefühl. Taubheitsgefühle sind zugleich auch Beschwerden, die von vielen Patienten zunächst übersehen werden. Viele von uns kennen das Gefühl, dass Gliedmaßen „eingeschlafen“ sind und man denkt hierbei nicht sofort an eine ernste Erkrankung. Frühe Symptome werden dementsprechend oft nicht ernst genommen. Zudem erfolgen die Beschwerden im Rahmen von Krankheitsschüben, d. h. sie halten ggf. sieben bis zehn Tage an und klingen dann wieder ab und verschwinden vollständig. Tatsächlich gibt es daneben auch Patienten, bei denen schon nach dem ersten Schub ein Schaden zurückbleibt. Manche Betroffene berichten z.
Das zweithäufigste Symptom, mit dem Multiple Sklerose beginnt, ist die Sehnervenzündung. Das führt zu einem ‚Schleiersehen‘ auf dem betroffenen Auge. Das heißt, man sieht nur noch wie durch ein Milchglas, nimmt Farben nicht mehr so kräftig wahr und kann nicht mehr so gut lesen. Ein Rot sieht dann eher blass aus, und der Augenmuskel verursacht Schmerzen, wenn man das Auge bewegt. Wenn es zu Entzündungen im Kleinhirn oder Hirnstamm kommt, können Bewegungsstörungen und Koordinationsstörungen die Folgen sein. Dadurch bekommen Betroffene z. B. Probleme beim Greifen oder Schreiben - dieses wird unkoordiniert. Oder Patienten merken, dass sie wackelig laufen. Einer meiner Patienten berichtete, dass er plötzlich Schwindel empfand, typischerweise bei einer Bewegung. Wenn die Motorikfasern, betroffen sind, also die Nervenzellen, die Signale zur Muskulatur leiten, kann ein Patient auch Lähmungen entwickeln.
Man bezeichnet die Multiple Sklerose auch als die ‘Krankheit der 1000 Gesichter‘, womit zum Ausdruck gebracht wird, dass es eine Vielzahl von Symptomen gibt. Viele MS-Patienten leiden unter Schmerzen, darüber hinaus gibt es Menschen, die Blasenbeschwerden und oder sexuelle Störungen entwickeln. Auch das Gedächtnis kann im Laufe der Zeit beeinträchtigt sein. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Demenz, sondern um Teilleistungsstörungen. Betroffene merken z. B., dass sie auf einmal Probleme beim Multitasking haben oder dass sie Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und der Konzentration haben. Nicht zuletzt leiden viele Patienten unter dem Fatigue Syndrom, dessen Beschwerden sehr subjektiv und nur schwer messbar sind. Die damit einhergehende Beeinträchtigung im Alltag Betroffener ist aber nicht zu unterschätzen.
Behandlungsmöglichkeiten
Einen akuten Krankheitsschub behandelt man typischerweise mit Kortison. In der Regel bekommen Patienten über einen Zeitraum von fünf Tagen eine hohe Dosis in Form einer Infusion. Nach einem Schub bzw. Wenn der Schub vorbei ist, machen wir Kernspin-Aufnahmen vom Kopf und der Wirbelsäule, mit dem Ziel, ein Bild über die Entzündungsherde zu gewinnen. Wir ermitteln, wie viele Herde der Patient hat und wo genau sie sich befinden. Außerdem berücksichtigt man die individuellen Faktoren wie Alter des Betroffenen, wie lange er schon MS hat, wie viele Schübe er schon hatte und wie diese aussahen.
Nehmen wir das Beispiel eines Patienten, der seinen ersten Schub hatte, bei dem anschließend wenige Entzündungsherde im Gehirn zu sehen sind und dessen Rückenmark frei von Herden ist. In einem solchen Fall tendierte man früher dazu, eine schwach wirksame Medikation zu verabreichen. Mittlerweile gibt es aber Hinweise darauf, dass es besser zu sein scheint, wenn man MS-Patienten von Anfang mit effektiveren und stark wirksamen Medikamenten behandelt - weil dann der Krankheitsverlauf langfristig günstiger ist. Das kann man natürlich nicht pauschalisieren, weil es ja auch immer vom Patientenwunsch abhängt. Und es gibt ganz klar auch die Fälle, bei denen Betroffene auf schwächere Mittel gut ansprechen und gut mit ihnen zurechtkommen. Spätestens aber, wenn ein Patient Herde im Gehirn und Läsionen im Rückenmark hat - Faktoren, von denen man mittlerweile sicher weiß, dass sie eher mit einem schlechteren Krankheitsverlauf und früherem Auftreten von Behinderungen in Verbindung stehen - empfiehlt es sich, ihn von Anfang an mit stärkeren Medikamenten zu behandeln. In diesem Fall möchte man nicht warten, bis schwerere Symptome auftreten, z. B. der Patient seine Fähigkeit zu laufen verliert. Generell kann ich also sagen, dass die Tendenz mehr zu stärkerer Medikation hingeht.
Ganz unterschiedliche. Wichtig ist, mit den Betroffenen die Lebenssituation und auch Wünsche für die Zukunft zu besprechen. Da geht es um grundsätzliche Fragen wie etwa im Fall von jungen Frauen, ob die Familienplanung bereits abgeschlossen ist oder noch ein Kinderwunsch besteht. Oder aber die berufliche Situation von MS-Kranken. Wenn sie beruflich etwa viel unterwegs sind, können sie womöglich nicht alle vier Wochen für eine Infusion in die Praxis gehen. Da kann man z. B. die Applikationsart anpassen. Neben der Infusion gibt es etwa noch Spritzen oder Tabletten. Auch Ängste vor Nebenwirkungen spielen eine Rolle bei der Therapiegestaltung und der Auswahl von Medikamenten. Bei der Wahl der passenden Behandlungsmethode sind viele Faktoren zu berücksichtigen.
Ja, durchaus. Besonders zu Beginn. Denn nach einem Schub hat ein Patient häufig keine Beschwerden mehr. Manchmal ist jemand ein oder zwei Jahre beschwerdefrei. Wir Mediziner wissen, dass die Krankheit selbst in Phasen ohne Schmerzen oder andere Beschwerden im Hintergrund vor sich hin schwelt. Dies muss man den Patienten häufig verdeutlichen: Auch wenn sie gerade keine Beschwerden haben, bedeutet das nicht, dass die Erkrankung ruht. Ich versuche, Patienten zu vermitteln, dass es heutzutage effektive und zugleich sehr gut verträgliche Medikamente gibt. Wenn ich an meine Anfänge mit Patienten im Jahr 1996 zurückdenke, dann hat die Forschung große Fortschritte gemacht. Es gibt ganz neue und bessere Therapiemöglichkeiten. Das zeigt sich auch in aktuellen Studien: Betroffene, die heutzutage behandelt werden, haben einen wesentlich besseren Verlauf als früher, etwa vor 30 Jahren. Das liegt an einer Vielzahl von möglichen Medikamenten, die auch einen Wechsel möglich machen, falls das bisher eingenommene Medikament nicht die gewünschte Wirkung zeigt. Früher musste man aufgrund eines Mangels an Optionen meist bei einer Behandlung bleiben, auch wenn sie nicht anschlug. Heute kann man besser auf Situationen und Entwicklungen reagieren. Ebenfalls von Bedeutung sind auch die erwähnte frühere Diagnosestellung sowie eine früh einsetzende Behandlung mit tendenziell stärkeren Mitteln.
Ja, solche Fälle gibt es natürlich auch. Es ist immer die individuelle Entscheidung der Betroffenen, die aus meiner Sicht vom Behandler akzeptiert werden sollte. Ich biete dem Patienten an, ihn auch auf diesem Weg zu begleiten. Eine exakte Dokumentation des Krankheitsverlaufs sollte trotzdem erfolgen. Eine neue Methode sind hier z. B. spezielle Blutuntersuchungen. Außerdem lassen wir in solchen Fällen halbjährlich eine Kernspintomographie durchführen, um eine Krankheitsaktivität nachweisen zu können. Zeigt diese Verlaufsuntersuchung z. B. neue Herde, suche ich erneut das Gespräch mit dem Patienten.
Absolut, dabei geht es um die zuvor schon erwähnten Lifestyle-Faktoren, die man als mögliche Mit-Verursacher der Krankheit erforscht. Diesbezüglich steht fest ist, dass sie den Verlauf einer bereits bestehenden MS-Erkrankung negativ beeinflussen. Man sollte beispielsweise aufhören, zu rauchen und auf eine salzarme (vermutlich entzündungshemmende) Ernährung achten. In unserer Praxis versuchen wir, auch über den Tellerrand hinaus zu informieren: Wir bieten eine Ernährungsberatung an und geben Empfehlungen hinsichtlich einer regelmäßigen sportlichen Aktivität. Zudem ist es uns ein Anliegen, Frauen zum Thema MS und Schwangerschaft zu informieren. Außerdem halte ich es für wichtig, neue Erkenntnisse der Forschung weiterzugeben, wie z. B.
Auswirkungen der Therapie auf die Lebensqualität
MS kann die Lebensqualität von Patienten stark negativ beeinflussen. Als besonders belastend werden dabei nicht nur die körperlichen Einschränkungen, sondern vor allem Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme, Depressionen oder Angst erlebt. Kognitive Symptome der MS werden in der ärztlichen Praxis häufig unterschätzt oder bleiben unerkannt; für die Betroffenen haben sie jedoch eine hohe Relevanz.
Alternative Therapieansätze
Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit alternativen Therapieansätzen wie Enzymen zur Stärkung der Selbstheilungskräfte, Energiearbeit wie Reiki, Ernährungsumstellung, psychologischer Unterstützung und einem gesundheitsfördernden Lebensstil. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Ansätze wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht wurden und ihre Wirksamkeit nicht belegt ist.
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