Multiple Sklerose: Mittelalterliche Quellen und moderne Forschung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich meist im jungen Erwachsenenalter und verläuft sehr unterschiedlich. Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht, doch die genauen Ursachen sind noch immer nicht vollständig geklärt. Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass MS bereits im Mittelalter existierte, was die lange Geschichte dieser komplexen Erkrankung unterstreicht.

Frühe Hinweise auf MS im Mittelalter

Obwohl die Multiple Sklerose erst im 19. Jahrhundert als eigenständige Krankheit beschrieben wurde, gibt es Hinweise darauf, dass Menschen bereits im Mittelalter unter dieser Krankheit litten. Ein bekanntes Beispiel ist die niederländische Nonne Lidwina von Schiedam (1380-1433). Ihre Krankheitsgeschichte, die von Jan van Beieren im Jahr 1421 aufgezeichnet wurde, beschreibt Symptome, die aus heutiger Sicht typisch für MS sind. Dazu gehören Lähmungen, Schwäche und Schmerzen. Lidwina von Schiedam gilt als eine der ersten dokumentierten Fälle von MS, obwohl die Krankheit damals noch nicht als solche erkannt wurde.

Die Entdeckung der MS im 19. Jahrhundert

Die medizinische Erforschung der MS begann im 19. Jahrhundert. Der deutsche Arzt Friedrich Theodor von Frerichs beschrieb 1849 eine Krankheit, die er "Hirnsclerose" nannte und die mit psychischen Störungen einherging. Georg Eduard von Rindfleisch erkannte 1863 entzündliche Prozesse als Ursache für die Schädigung von Nervenfasern. Der französische Neurologe Jean-Martin Charcot gilt als derjenige, der die MS im Jahr 1868 erstmals als eigenständige Krankheit darstellte. Er beobachtete bei einer jungen Frau neurologische Probleme, beschrieb diese detailliert und untersuchte nach ihrem Tod ihr Gehirn. Charcot fand Plaques im Gehirn und machte diese für die neurologischen Ausfälle verantwortlich. Er prägte den Begriff "sclérose en plaques", was übersetzt "Sklerose in Platten" bedeutet.

Fortschritte im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert wurden weitere wichtige Erkenntnisse über die MS gewonnen. 1891 führte der deutsche Mediziner Heinrich Quincke die erste Lumbalpunktion durch, die später eine wichtige Rolle bei der Diagnose der MS spielen sollte. Lois-Antoine Ranvier entdeckte 1878, dass das Myelin die Nervenfasern ummantelt und eine schnelle Informationsübertragung ermöglicht. Bei MS wird diese Myelinschicht durch Entzündungen zerstört, was die Informationsübertragung stört. James Dawson untersuchte 1916 die Gehirne von Menschen mit MS unter dem Mikroskop und beschrieb die entzündlichen Veränderungen im Nervengewebe. Edgar Douglas Adrian entwickelte 1925 das erste Verfahren zur Messung von Nervenaktivität und erhielt 1932 den Nobelpreis für seine Arbeit über die Funktionsweise von Nervenfasern. 1928 wurden die Oligodendrozyten entdeckt, die Zellen, die das Myelin produzieren. Thomas Rivers wies 1935 nach, dass es sich bei MS um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der körpereigene Immunzellen das Myelin zerstören.

Die Rolle genetischer Faktoren: Eine neue Studie

Eine aktuelle Studie, die am 10. Januar 2024 in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht wurde, beleuchtet die genetischen Ursprünge der MS in Europa. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Eske Willerslev untersuchte die Verbreitung von genetischen Risikofaktoren für MS über die letzten 10.000 Jahre. Die Studie nutzte eine umfangreiche Datenbank mit Genomen aus dem Mesolithikum, der Bronzezeit und dem Mittelalter.

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Identifizierung von Risikogenen in alten Populationen

Die Forscher fanden heraus, dass die "gefährlichste" Genvariante HLA-DRB1*15:01, die das Risiko für MS verdreifacht, bereits bei einem italienischen Individuum aus der Jungsteinzeit (5836 v. Chr.) vorhanden war. Sie stellten auch fest, dass diese Gene vor etwa 5300 Jahren, zur Zeit der Yamnaya-Kultur, häufiger vorkamen. Die Yamnaya waren ein Steppenvolk, das einen großen Teil der Ahnen der nordeuropäischen Bevölkerung ausmacht. Dies könnte erklären, warum MS in Nordeuropa häufiger vorkommt.

Selektion und evolutionärer Vorteil

Die Studie ergab, dass die Risiko-Gene für MS in der Steppenpopulation durch positive Selektion verbreitet wurden. Das bedeutet, dass diese Gene einen evolutionären Vorteil gehabt haben müssen. Die Forscher vermuten, dass die MS-Risiko-Gene auch einen gewissen Schutz vor anderen Krankheiten wie Tuberkulose oder Parasiten bieten. Diese Krankheiten verbreiteten sich vor etwa 5000 Jahren aufgrund der steigenden Bevölkerungsdichte immer stärker. Dadurch könnten die MS-Risiko-Gene einen Vorteil gegenüber ihren weniger effektiven Varianten gehabt haben und durch natürliche Auslese verbreitet worden sein.

Moderne Diagnose und Therapie

Die Diagnose der MS hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert. Die Einführung der Magnetresonanztomographie (MRT) im Jahr 1981 ermöglicht eine schnellere und präzisere Diagnose. Eine frühe Diagnose ist wichtig, um die Therapie möglichst frühzeitig zu beginnen und Symptome zu lindern sowie das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Biomarker wie Serum Neurofilament Light Chain (sNfL) können das Fortschreiten von MS vorhersagen, die Krankheitsaktivität überwachen und das Therapieansprechen beurteilen.

Medikamentöse Behandlung

Die medikamentöse Behandlung der MS umfasst Steroide zur Hemmung von Entzündungen im akuten Schub sowie Immunmodulatoren und Immunsuppressiva, die das Krankheitsgeschehen langfristig positiv beeinflussen. Diese werden in drei Wirksamkeitskategorien eingeteilt und je nach Krankheitsverlauf eingesetzt. In den letzten Jahren wurden erhebliche Fortschritte bei der Entwicklung neuer Therapien erzielt, darunter auch orale Medikamente und monoklonale Antikörper.

Die MS im 21. Jahrhundert: Forschung und Ausblick

Die Forschung zu MS konzentriert sich heute auf drei Hauptbereiche: Ursachen, Diagnose und Therapie. Trotz erheblicher Fortschritte bleibt die genaue Ursache von MS weitgehend unbekannt. Die Forschung hat gezeigt, dass sowohl genetische Dispositionen als auch verschiedene Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören unter anderem Virusinfektionen, Vitamin-D-Mangel und Rauchen.

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Zukünftige Forschungsrichtungen

Eines der wichtigsten Forschungsziele ist es, die Ursachen von MS besser zu verstehen, um eines Tages Heilungsmöglichkeiten zu entwickeln. Ein weiterer Schwerpunkt der zukünftigen MS-Forschung ist die personalisierte Medizin. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen könnten genutzt werden, um große Datenmengen zu analysieren und neue Erkenntnisse über MS zu gewinnen. Auch die Weiterentwicklung von Bildgebungstechnologien und die Nutzung von virtuellen Realitäten könnten zu künftigen Meilensteinen der MS-Forschung beitragen.

Gesellschaftliche Auswirkungen

Multiple Sklerose betrifft weltweit etwa 2,8 Millionen Menschen, meist schon im jungen Erwachsenenalter. Die Krankheit kann erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben, einschließlich körperlicher Einschränkungen, kognitiver Beeinträchtigungen und psychischer Probleme. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der MS sind hoch, einschließlich direkter medizinischer Kosten und indirekter Kosten durch Erwerbsminderung oder Frühverrentung.

Forderungen an die Politik

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) setzt sich für die Interessen von Menschen mit MS ein und fordert eine bessere Versorgung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Zu den Forderungen gehören eine Stärkung der MS-Zentren, eine bessere Unterstützung von pflegenden Angehörigen, die konsequente Umsetzung des Prinzips "Reha vor Rente" und die Stärkung des inklusiven Arbeitsmarktes.

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