Multiple Sklerose: Das Nord-Süd-Gefälle in Deutschland und die Rolle des Sonnenlichts

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. Die Erkrankung manifestiert sich meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei in jüngerer Zeit auch ältere Menschen neu erkranken. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Ein auffälliges Merkmal der MS ist ihre ungleiche Verteilung über die Welt. Bereits 1967 beobachtete der US-amerikanische Epidemiologe Gil Beebe einen Zusammenhang zwischen dem Breitengrad und der Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken. Seine Beobachtungen an Soldaten, die mit ihren Familien weltweit stationiert waren, legten nahe, dass die Nähe zu den Polen das Erkrankungsrisiko erhöht. Dies führte zu der Annahme, dass die Sonneneinstrahlung eine Rolle spielen könnte.

Das Nord-Süd-Gefälle in Deutschland

Dieser Zusammenhang zwischen geografischer Lage und MS-Risiko lässt sich auch innerhalb Deutschlands beobachten. Eine Studie des Kompetenznetz MS (KKNMS) und des Sonderforschungsbereiches Multiple Sklerose (SFB TR128) der DFG hat gezeigt, dass UV-Licht und MS auch auf einem relativ kleinen Gebiet wie Deutschland mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von knapp 1000 Kilometern zusammenhängen. Die Studie wertete die Daten von fast 2000 MS-Patienten aus. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die aktiven Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark sowie der Grad der Beeinträchtigung von Süd- nach Norddeutschland im Durchschnitt zunehmen. Im Gegenzug nimmt der saisonbereinigte Vitamin-D-Spiegel - wie auch die Sonneneinstrahlung - nach Norden ab.

Die Rolle von UV-Licht und Vitamin D

Seit langem vermuten Forscher, dass Vitamin D das Immunsystem beeinflusst und entzündungshemmend wirkt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Vitamin D-Mangel mit einem erhöhten MS-Risiko verbunden ist, was das Nord-Süd-Gefälle in der Erkrankungsstatistik der MS erklären könnte. Eine aktuelle deutsche Studie zeigt an zwei geografisch unterschiedlichen Patientenkohorten die Zusammenhänge von Sonneneinstrahlung und Vitamin-D-Spiegeln mit der Schwere der Krankheitsverläufe, dem Risiko für Rückfälle und der langfristigen Behinderungsprogression. Solche Befunde unterstützen eine kontrollierte Vitamin-D-Supplementierung (14.000 I.E. täglich).

Um zu bestätigen, dass Sonnenlicht Ursache für die Unterschiede ist, zogen die Forscher Daten der NASA zu Rate. In einem aufwändigen Verfahren schätzten sie die Menge an UV-Licht, der die Probanden im Jahr vor der Untersuchung im Schnitt ausgesetzt waren. Die Daten belegen: Nimmt die Sonneneinstrahlung zu, nehmen die MS-Beschwerden im Mittel ab.

Die Wissenschaftler aus Münster untersuchten dies bereits 2014 in einer kleinen Studie. Schon damals ahnten sie, dass Vitamin D nicht alles sein kann und die Sonne die MS noch auf anderen Wegen beeinflusst.

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Sonnenlicht und der Interferon-Signalweg

Die Studie ergab auch, dass UV-Licht im Körper von MS-Patienten ähnliche Prozesse auslöst wie das Medikament Interferon. Interferon-beta ist ein Medikament, das häufig zur Behandlung von MS eingesetzt wird. Es wirkt, indem es das Immunsystem moduliert und Entzündungen reduziert. Die Forscher fanden heraus, dass UV-Licht den Interferon-Signalweg anregt. Bei Patienten, die bereits mit Interferon behandelt werden, sind die Effekte des Sonnenlichts, die auch über Interferon vermittelt werden, nicht mehr festzustellen. Denn der Signalweg kann nur einmal angeregt werden - entweder von Interferon oder von UV-Licht. Beides zusammen gibt keinen Zusatznutzen. Man kann sich das wie bei einem Glas mit Wasser vorstellen: Ist es einmal voll, läuft zusätzliche Flüssigkeit über den Rand.

Die Forscher haben dafür zwei mögliche Erklärungen. Einerseits kann Interferon-beta selbst der Auslöser sein, indem es die Vitamin-D-Produktion verändert. Das natürliche Nord-Süd-Gefälle beim Vitamin D-Spiegel könnte so aufgehoben werden. Andererseits könnte das Sonnenlicht ursächlich sein, denn: UV-Licht regt den Interferon-Signalweg an, wie die Wissenschaftler bei einer Analyse von Gensequenzen feststellten.

Genetische Prädisposition und historische Migration

Neben Umweltfaktoren spielen auch genetische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von MS. Im Fokus stehen die HLA-(Humane Lymphozyt Antigen-)DR15-Haplotyp-Modifikationen, die eine fehlerhafte Antigenpräsentation induzieren. Diese können zusammen mit externen Faktoren zur Fehlregulation des Immunsystems führen.

Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass genetische Faktoren, die das Immunsystem beeinflussen und das Risiko für Autoimmunerkrankungen wie MS erhöhen, in Nordeuropa verbreiteter sind als in Südeuropa. Dies könnte auf eine genetische Anpassung an Umweltbedingungen in der Vorgeschichte zurückzuführen sein. Nach Angaben der Forscher erfolgte vor rund 5000 Jahren die Einwanderung eines nomadisch lebenden Hirtenvolkes (die Jamnaja) aus der pontischen Steppe (Gebiet zwischen Donau bis zum Ural) ins nord-westliche Europa. Die Jamnaja brachten Genvarianten mit, die das Immunsystem stärker aktivieren und gleichzeitig ein erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen wie die MS bedeuten. Damals vermutlich trotz erhöhtem MS-Risiko ein Überlebensvorteil um besser auf Infektionen, beispielsweise auf von Nutztieren übertragen Krankheiten, reagieren zu können. Heute mit verbesserter Hygiene, fortgeschrittener Medizin und anderen Lebensbedingungen haben die Infektionen von damals, gegen die die Genvarianten ursprünglich schützten, weniger Relevanz. Das erhöhte Risiko für Autoimmunerkrankungen blieb jedoch auch im Erbgut erhalten und ist heute noch in Nordeuropa verbreiteter als in Südeuropa. Dies könnte das bekannte Nord-Süd-Gefälle im Auftreten der MS in Europa erklären.

Vorsicht vor übermäßiger Sonnenexposition

Trotz der potenziellen Vorteile von Sonnenlicht für MS-Patienten ist es wichtig, sich vor übermäßiger UV-Strahlung zu schützen. Intensives Sonnenbaden fördert die Entstehung von Hautkrebs, insbesondere bei hellhäutigen und rothaarigen Menschen. Sie tragen eine genetische Variante des Melanocortin-1-Rezeptors (MC1R), der für die Bildung von hautschützendem Melanin zuständig ist. Bei Trägern einer bestimmten Variante des MC1R war der Zusammenhang zwischen Breitengrad und MRT-Aktivität umgekehrt, „ein mehr an Sonnenlicht war also nicht nur für die Haut, sondern auch für die MS schädlich“. Es wird daher empfohlen, sich bei der persönlichen Sonnenexposition an die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation zu halten.

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