Einleitung
Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, von der in Deutschland etwa 100.000 Menschen betroffen sind. Sie führt zu Entzündungen, die die Schutzhüllen der Nervenbahnen im Gehirn und Rückenmark beschädigen. Dadurch werden Informationen nicht mehr richtig übertragen, was zu vielfältigen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen führen kann. Neben der medikamentösen Behandlung spielen rehabilitative Maßnahmen eine wichtige Rolle, um Funktionen zu erhalten oder wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern. Ergänzende Therapien wie die Musiktherapie rücken dabei immer stärker in den Fokus.
Was ist Musiktherapie?
Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung psychischer und physischer Gesundheit. Sie ist eine eigenständige, praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die Körper und Geist als Einheit betrachtet. Die Musiktherapie wird von zertifizierten Therapeuten durchgeführt. Je nach Ansatz kann die Therapie einzeln oder in der Gruppe, aktiv (Musik selbst erzeugend) oder rezeptiv (Musik hörend und erlebend) erfolgen.
Neurologische Musiktherapie (NMT)
Ein spezieller Zweig ist die Neurologische Musiktherapie (NMT), die sich auf die Anwendung von Musik und Rhythmus im kognitiven, sensomotorischen und sprachsystematischen Funktionstraining für neurologische Patienten konzentriert. Sie basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über Musikwahrnehmung und -produktion sowie deren Auswirkungen auf nichtmusikalische Gehirn- und Verhaltensfunktionen. NMT ist eine evidenzbasierte Behandlungsmethode und umfasst 20 standardisierte Techniken (Therapeutic Music Interventions, TMI) in den Bereichen Sensomotorik, Kognition, Affekt sowie Sprechen und Sprache.
Wie wirkt Musiktherapie?
Musik und insbesondere ihr rhythmischer Anteil regen das gesamte Gehirn an und versetzen den Körper in die Bereitschaft zu erhöhter motorischer und sensorischer Aktivität. Ein klar strukturierender Rhythmus unterstützt Bewegungsabläufe, die rhythmisch sequenziert sind, wie z. B. das Gehen. Das Erleben von Musik aktiviert weitverzweigte neuronale Netzwerke in beiden Hirnhälften und spricht emotionale Zentren, soziale Signale sowie das Belohnungssystem des Gehirns an.
Anwendungsbereiche der Musiktherapie bei MS
Die Neurologische Musiktherapie ist geeignet zur Behandlung aller neurologischen Erkrankungen, die Kognition, Bewegung und Kommunikation beeinträchtigen. Dazu zählen neben Schlaganfall, Schädelhirntrauma und Parkinson auch Multiple Sklerose. Gerade Menschen mit MS kann die Neurologische Musiktherapie auf mehreren Ebenen helfen und die Lebensqualität erheblich verbessern.
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Körperliche Ebene
- Verbesserung von Gangbild, Koordination und Gleichgewicht: Durch rhythmisch-akustische Stimulationstechniken werden Bewegungsabläufe unterstützt, die rhythmisch sequenziert sind.
- Stärkung der funktionellen Kraft der unteren Extremitäten: Repetitive Bewegungen beim therapeutischen Spiel von Instrumenten trainieren Arme, Rumpf, Hände oder Finger effektiv.
- Förderung der körperlichen Ausdauer: Das Spiel mit Instrumenten kann die Ausdauer stärken und Antriebsarmut beseitigen.
- Verbesserung von Atmung, Aussprache und Sprachrhythmus: Durch das Singen können diese Bereiche erheblich verbessert werden.
- Schmerzlinderung: Musik kann Ängste abbauen, Körper und Geist entspannen und erholen, was sich positiv auf Schmerzzustände auswirkt.
Kognitive Ebene
- Training von Aufmerksamkeit, Konzentration und Arbeitsgedächtnis: Das Üben in der Gruppe mit großen Trommeln (afrikanische Djembes) und anderen Rhythmusinstrumenten spricht diese Funktionen an.
- Verbesserung des Erinnerungsvermögens: Musiktherapeutische Techniken können kognitive Leistungen nachhaltig verbessern, indem sie sich gut in musikalischen Strukturen abbilden lassen. Lieder oder leicht zu erinnernde Melodien dienen als "Erinnerungsschablonen", in die nicht-musikalische Gedächtnisinformationen eingebunden werden.
- Verbesserung der Sprechflüssigkeit: Rhythmus (z. B. durch ein Metronom oder eine Trommel) kann genutzt werden, um eine unverständliche Aussprache zu strukturieren und die Sprechflüssigkeit zu verbessern.
Emotionale und soziale Ebene
- Abbau von Ängsten und Depressionen: Studien zeigen, dass Musiktherapie sich positiv auf Depression, Selbstakzeptierung und Angst auswirken kann.
- Förderung der Selbstakzeptierung und des Selbstwertgefühls: Musiktherapie kann zur Krankheitsbewältigung beitragen und kurz- und längerfristig die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl verbessern.
- Entwicklung sozialer Kompetenzen und emotionaler Regulation: Das Üben in der Gruppe bietet Möglichkeiten des nichtverbal-kommunikativen Austauschs sowie der Entwicklung sozialer Kompetenzen und emotionaler Regulation.
- Ausdruck von Gefühlen: Den eigenen Gefühlen kann so auf besondere Weise Ausdruck verliehen werden.
- Entspannung und Stressabbau: Musik kann entspannend und beruhigend wirken und helfen, Sorgen und belastende Gedanken auszublenden.
Studienlage zur Musiktherapie bei MS
Verschiedene Studien haben die Effekte von Musik-basierter Therapie bei der Behandlung der MS untersucht. Ein systematischer Review klinischer Studien ermittelte Veröffentlichungen aus medizin-wissenschaftlichen Datenbanken wie BIOSIS, CINAHL, Cochrane, Google Scholar, Medline, PsycINFO (APA), PubMed, Scopus und weiteren. Aus 282 identifizierten Studien konnten 10 in diese Analyse aufgenommen werden, die insgesamt 429 Patienten mit MS untersuchten.
Die Studien zeigten einheitlich, dass ergänzende, Musik-basierte Therapie einer rein konventionellen Therapie bzw. keiner Intervention überlegen ist. Die Therapie unterstützte Gang-Parameter (z. B. Gehgeschwindigkeit) und zeigte positive Effekte auf Fatigue und Erschöpfung, Koordination, Geschicklichkeit, Gleichgewicht, Gehausdauer, funktionelle Kraft der unteren Extremitäten, den emotionalen Zustand und Schmerzen. Mit Blick auf geistige Erschöpfung und Gedächtnisleistung waren die Daten dagegen widersprüchlich.
Eine Studie der Universität Witten/Herdecke mit 20 MS-Patienten ergab, dass Musiktherapie sich positiv auf Depression, Selbstakzeptierung und Angst auswirkt. Dabei zeigte sich, dass es bei den Betroffenen weniger um die Verbesserung von körperlichen Funktionen geht, als vielmehr um die Möglichkeit, sich in der Musik auszudrücken und mit dem Therapeuten in Kontakt und Austausch zu kommen.
Instrumente in der Musiktherapie
Das Instrumentarium der Musiktherapie besteht aus diversen Klanginstrumenten wie mobilen Xylophonen, Metallophonen, Klangbausteinen und Glocken sowie einer größeren Auswahl perkussiver Instrumente wie verschiedenen Trommeln und kleineren Rhythmusinstrumenten. Ein besonderes Therapieinstrument ist die "BigBom", eine große achttönige Bass-Schlitztrommel, die als Vibrations- und Körperwahrnehmungsinstrument genutzt wird.
Jedes Instrument wurde bewusst in das Therapieangebot aufgenommen, da die jeweilige Handhabung spezifische Bewegungsabläufe trainiert oder zur Rumpfstabilisierung beitragen kann. Da die Instrumente überwiegend aus Naturmaterialien bestehen, wird durch das kreative Arbeiten mit den Händen zusätzlich die sensorische Wahrnehmung angeregt.
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Musiktherapie in der Praxis
Musiktherapeutische Anwendungen finden hauptsächlich im Rahmen stationärer Behandlungen und medizinischer Rehabilitationsangebote statt. Im ambulanten Bereich sind sie keine Regelleistung und können deshalb nur auf besonderen Antrag im Einzelfall mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, für eine musiktherapeutische Behandlung Mittel der Eingliederungshilfe zur verbesserten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu beantragen.
Musiktherapie im Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof
Im Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof wird Musiktherapie seit 2009 als Gruppenangebot angeboten. Die Therapie richtet sich an eine heterogene Gruppe von Menschen mit MS in unterschiedlichen Lebenssituationen. Viele nutzen die medizinische Rehabilitation regelmäßig mit dem Ziel, möglichst lange aktiv am beruflichen und sozialen Leben teilnehmen zu können.
In der musiktherapeutischen Begleitung von Menschen mit MS stehen vor allem die Ressourcen und Stärken des Patienten im Vordergrund. Ziel ist es, den Betroffenen zu helfen, sich in Belastungssituationen zu behaupten und mit Hilfe der Musik kurzfristig zu entspannen. Wichtig sind aber auch die Entwicklung neuer Anregungen und Ideen, um sich längerfristig körperlich und psychisch zu entlasten.
Studie zur Monochord-Therapie bei MS
Am MS Zentrum des Universitätsspitals Basel wurde eine Studie durchgeführt, die untersuchte, ob Musiktherapie mit dem Instrument "Monochord" Angstsymptome bei Personen mit Multipler Sklerose (MS) lindern kann. Das Behandlungsmonochord ist ein grosses Saiteninstrument aus Holz, welches aus einem Klangkörper mit grosser Liegefläche besteht. Unter dem Instrument sind Saiten aufgespannt. Während eine Patientin/ein Patient auf dem Behandlungsmonochord liegt, spielt die Musiktherapeutin die Saiten auf streichende Art und Weise, ähnlich einer Harfe. Die Schwingungen übertragen sich auf den ganzen Körper und können zu tiefer Entspannung und dem Empfinden grosser Weite führen. Die Teilnehmenden wurden 1:1 in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe randomisiert. Die Studie dauerte pro TeilnehmerIn 16 Wochen. Die finalen Ergebnisse stehen noch aus.
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