Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS), die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr ausbricht. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung ist durch Entzündungen im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet, die zu vielfältigen Beschwerden und Funktionseinschränkungen führen können. Obwohl die genauen Ursachen der MS noch nicht vollständig geklärt sind, spielen vermutlich Erbfaktoren, Umweltfaktoren und Reaktionen des Immunsystems eine Rolle.
Ein bekanntes Phänomen bei MS ist das Uhthoff-Phänomen, das bei vielen Betroffenen zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Symptome bei erhöhter Körpertemperatur führt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen des Uhthoff-Phänomens, seine Auswirkungen und gibt Ratschläge, wie Betroffene damit umgehen können.
Das Uhthoff-Phänomen: Ein Pseudo-Schub bei MS
Viele MS-Betroffene kennen das Uhthoff-Phänomen, besonders im Sommer bei hohen Temperaturen. Es wurde erstmals im Jahr 1890 von dem Augenarzt Wilhelm Uhthoff beschrieben. Im engeren Sinn bezeichnet es die vorübergehende Beeinträchtigung der Sehschärfe aufgrund körperlicher Anstrengung. Im weiteren Sinn umfasst es die vorübergehende Verschlechterung neurologischer MS-Symptome bei einer Erhöhung der Körpertemperatur, sei es durch Fieber, heiße Bäder, Saunabesuche oder hohe Umgebungstemperaturen. Mehr als 80 Prozent der MS-Erkrankten sind betroffen, aber auch bei anderen demyelinisierenden Erkrankungen kann es auftreten.
Gerade frisch diagnostizierte MS-Betroffene haben oft Schwierigkeiten, einen echten Schub von einem Pseudo-Schub, ausgelöst durch das Uhthoff-Phänomen, zu unterscheiden. Es handelt sich dabei um ein Gefühl, das nicht willentlich veränderbar ist. Wenn das Uhthoff-Phänomen auftritt, fühlen sich Betroffene oft bleischwer, abgrundtief erschöpft und ausgelaugt.
Symptome des Uhthoff-Phänomens
Charakteristisch für das Uhthoff-Phänomen ist die Verschlechterung neurologischer Symptome. Viele Menschen mit MS sehen plötzlich verschwommen oder wie durch einen Nebel. Auch die Farbwahrnehmung kann verändert sein. Andere erleben verstärkt Fatigue, kognitive Störungen, Tremor, Gefühlsstörungen oder Spastik, wenn es warm wird oder sie sich körperlich anstrengen. Diese Symptome bilden sich jedoch immer wieder zurück, spätestens nach völliger Abkühlung.
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Die Symptome des Uhthoff-Phänomens können sehr belastend sein und dazu führen, dass MS-Betroffene den Sommer regelrecht fürchten. Erschwerend kommt hinzu, dass Außenstehende oft kein Verständnis für das Phänomen und seine Erscheinungsformen aufbringen, da die Symptome "unsichtbar" bleiben.
Ursachen des Uhthoff-Phänomens
Bei einem Anstieg der Körpertemperatur verlangsamen sich generell die Nervenimpulse. Eingeschränkte körperliche Aktivitäten, vermindertes Reaktionsvermögen oder eine herabgesetzte Konzentrationsfähigkeit können die Folge sein. Die Leitfähigkeit bereits vorgeschädigter Nerven wird durch die erhöhte Temperatur weiter verlangsamt, was zu plötzlichen Ausfallerscheinungen und starken Ausprägungen der verschiedenen MS-Symptome führt. Studien haben gezeigt, dass schon eine Erhöhung der Körpertemperatur um 0,5 °C die Reizübertragung in demyelinisierten Nervenfasern verlangsamen oder blockieren kann.
Der Körper kann sich normalerweise selbst abkühlen, indem der Herzschlag erhöht und die Atmung beschleunigt wird. Mehr Blut wird in die oberen Gewebeschichten befördert, und die Blutgefäße weiten sich. Die Hautporen öffnen sich, und der Körper kann schwitzen, was ebenfalls kühlt. Bei schwül-heißem Wetter ist das Abkühlen jedoch deutlich schwieriger, da die Umgebungsluft bereits mit Feuchtigkeit gesättigt ist und der Schweiß nicht verdunsten kann.
Umgang mit dem Uhthoff-Phänomen
Das beste Mittel gegen das Uhthoff-Phänomen ist zunächst, die Auslöser zu vermeiden. Dazu gehört, keine heißen Vollbäder zu nehmen, eher kühl zu duschen und auf die Sauna zu verzichten. Für Betroffene, die zu Hause sind oder sich ihren Tag frei einteilen können, ist dies natürlich einfacher als für Berufstätige.
Tipps zur Vorbeugung und Linderung
- Vermeidung von Hitze: Meiden Sie die pralle Sonne und halten Sie sich möglichst in klimatisierten Räumen auf.
- Ausreichend trinken: Trinken Sie ausreichend, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen.
- Kühlkleidung: Kühlwesten, Stirnbänder, Nackentücher, Kühlhauben oder Kühlstrümpfe können helfen, die Körpertemperatur zu senken.
- Fußbäder: Ein Fußbad in einem Eimer mit Wasser und Eiswürfeln kann schnell Abkühlung verschaffen.
- Kühlhandtücher: Feuchte Kühlhandtücher, die um die Stirn, die Beine oder die Unterarme gewickelt werden, können ebenfalls helfen.
- Kühlkappen: Kühlkappen, die kurz in kaltes Wasser getaucht und ausgedrückt werden, halten den Kopf kühl.
- Kühlmatten: Kühlmatten eignen sich, um den ganzen Körper abzukühlen.
- Ernährung: Gönnen Sie sich ein Wassereis oder andere kühlende Speisen und Getränke.
- Planung: Bereiten Sie die notwendigen Dinge am besten abends vor, wenn es draußen kühl ist.
Differenzialdiagnose und Behandlung
Innerhalb der zugrundeliegenden Erkrankung ist in jedem Fall immer zunächst eine Differenzialdiagnose zur Abgrenzung gegen echte Krankheitsschübe notwendig, um die richtigen Behandlungsmaßnahmen ergreifen zu können.
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Allgemein gilt auch, dass eine gute körperliche Konstitution eine gute Voraussetzung dafür ist, mit Hitze besser umgehen zu können.
Sauna und MS
Ein hartnäckiger Mythos ist es, dass Menschen mit Multipler Sklerose aufgrund ihrer Hitzeempfindlichkeit nicht in die Sauna gehen dürfen. Dies ist jedoch nicht richtig. Einige MS-Betroffene können Sauna oder ein heißes Bad genießen wie Gesunde auch.
Weitere MS-Symptome und ihre Behandlung
MS-Symptome können sehr unterschiedlich und vielfältig sein und in verschiedenen Regionen des Körpers auftreten. Daher wird Multiple Sklerose auch „Krankheit der 1000 Gesichter“ genannt.
Häufige Symptome
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, eingeschränktes Farbensehen, Doppelbilder oder Schmerzen bei Augenbewegungen.
- Gefühlsstörungen: Missempfindungen auf der Haut, Taubheitsgefühle oder Kribbeln in Händen und Füßen.
- Gleichgewichtsprobleme und Schwindel: Unsicherer Gang, Neigung in eine Richtung.
- Fatigue: Ausgeprägte Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit und Antriebsschwäche.
- Blasenfunktionsstörungen: Harninkontinenz, starker Harndrang.
- Darmstörungen: Stuhlinkontinenz, Verstopfung.
- Muskelfunktionsstörungen: Kraftlosigkeit, Lähmungen, Spastik.
- Sprech- und Schluckstörungen: Verwaschene Sprache, Nuscheln, Schwierigkeiten beim Schlucken.
Diagnostik und Therapie
Die MS-Diagnostik ähnelt einem Puzzle, da die Symptome individuell sehr verschieden sein können. Die Anamnese, die neurologische Untersuchung und bildgebende Verfahren wie MRT spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnose.
Eine Heilung der MS ist heute noch nicht möglich, aber die Erkrankung lässt sich mit Medikamenten und anderen Methoden gut behandeln. Ziel der Behandlung ist es, die Entzündungsaktivität zu reduzieren, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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