Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die in Deutschland etwa 130.000 Menschen betrifft. Die Krankheit, die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr beginnt, äußert sich durch vielfältige Symptome und verläuft in Schüben oder fortschreitend. Obwohl es keine Heilung für MS gibt, können verschiedene Therapieansätze helfen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität zu verbessern. Ein wichtiger Baustein dabei ist die Ernährung.
Der Einfluss der Ernährung auf MS
Der Einfluss der Ernährung auf Multiple Sklerose wird unter Experten kontrovers diskutiert. Es gibt keine spezielle "MS-Diät", die für alle Betroffenen gleichermaßen gilt. Allerdings deuten zahlreiche Hinweise darauf hin, dass eine gezielte Ernährungsumstellung entzündliche Prozesse im Körper positiv beeinflussen und somit Symptome wie Fatigue, Blasen- und Darmprobleme oder Übergewicht verringern kann. Eine bewiesenermaßen wirksame diätetische Therapie gibt es nicht.
Allgemeine Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten
Die momentanen Ernährungsempfehlungen konzentrieren sich in Analogie zu anderen entzündlichen Erkrankungen vorrangig auf die Beeinflussung des Entzündungsgeschehens. Der grundlegende Gedanke einer entzündungshemmenden Ernährungsweise ist, das Fettsäurespektrum der aufgenommenen Fette zu modifizieren:
- Mehr ungesättigte und weniger gesättigte Fettsäuren
- Mehr Omega-3- und weniger Omega-6-Fettsäuren
Reduktion von Arachidonsäure
Ein wichtiger Aspekt ist die Reduktion der Arachidonsäure-Aufnahme. Arachidonsäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die Entzündungen im Körper fördern kann. Sie kommt vor allem in tierischen Produkten wie Fleisch, Wurst, Eiern und Butter vor. Insbesondere fettige Fleischsorten, wie beispielsweise Schweinefleisch, sind bei MS aufgrund des hohen Anteils an Arachidonsäure unerwünscht.
Erhöhung von Omega-3-Fettsäuren
Omega-3-Fettsäuren haben entzündungshemmende Eigenschaften und können sich positiv auf das Immunsystem auswirken. Sie sind vor allem in fettem Fisch wie Lachs, Makrele und Hering enthalten. Für Veganer empfiehlt sich Algenöl.
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Schutz vor oxidativem Stress
Ein weiterer wichtiger Aspekt einer entzündungs-beeinflussenden Ernährung ist der Schutz der Zellen vor dem sogenannten „oxidativem Stress“, der bei MS und anderen Erkrankungen erhöht ist. Deshalb ist eine bedarfsdeckende Zufuhr von anti-oxidativen Nahrungsinhaltsstoffen wichtig. Optimal ist daher täglich eine bunte Mischung an Gemüse und Hülsenfrüchten, Obst, Fisch, Nüssen und Saaten, Vollkorngetreideprodukten, Milch- und Milchprodukten sowie hochwertigen omega-3-reichen Ölen, ergänzt durch selbstgebrühten Grüntee und die Verwendung von Gewürzen wie bspw. Zimt, Chili und Kurkuma.
Empfohlene Ernährungsformen
Es gibt verschiedene Ernährungsformen, die sich für MS-Erkrankte eignen können:
- Mittelmeer-Diät (mediterrane Ernährung): Diese Ernährungsform besteht zum großen Teil aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Fisch und Getreideprodukten. Der Fleischanteil ist relativ gering. Bei der Zubereitung der Speisen werden fast ausschließlich pflanzliche Öle (v. a. Olivenöl) verwendet. Gut geeignet für MS-Erkrankte, da die Ernährung sehr ausgewogen ist und wenig Salz sowie wenig gesättigte Fettsäuren, dafür aber viel Fisch und pflanzliche Öle verwendet werden.
- Clean Eating: Bei Clean Eating kommt es auf die Qualität der Nahrungsmittel an. Im Mittelpunkt stehen möglichst frische, naturbelassene und unverarbeitete Lebensmittel wie Gemüse, Obst, mageres Fleisch, Fisch und Vollkornprodukte. Vermieden werden Aromastoffe, Geschmacksverstärker, Transfette und andere Stoffe, die in verarbeiteten Lebensmitteln enthalten sind. Im Hinblick auf eine gesunde Ernährung mit frischen und vitaminreichen Lebensmitteln, wenig tierischen und keinen industriell gefertigten Produkten auch für MS-Erkrankte interessant.
- Vegetarische Ernährung: MS-Patienten, die sich vollständig fleischlos ernähren möchten, können von der vegetarischen Ernährungsform durchaus profitieren. Durch den Verzicht von Fleisch und Wurstwaren wird die Arachidonsäure-Aufnahme bereits erheblich reduziert. Wird neben Fleisch auch Fisch vermieden, sollte bei der Auswahl von Ölen besonders auf die Qualität und das Fettsäurespektrum geachtet werden. Raps-, Walnuss-, Hanf- und Leinöl.
Nicht empfehlenswerte Ernährungsformen
Einige Ernährungstrends sind für MS-Patienten weniger geeignet:
- Low-Carb- und Low-Fat-Diäten: Beide Diäten sind unausgewogen und können zu Mangelerscheinungen führen. Unter Low Carb (engl. „low carbohydrates“) versteht man eine Ernährungsform, die kaum oder nur wenige Kohlenhydrate enthält. Dadurch werden zu wenige Ballaststoffe aus Getreide zugeführt und zu viel Archidonsäure durch den erhöhten Verzehr tierischer Produkte wie Fleisch und Quark. Auf die Fettzufuhr muss nicht geachtet werden. Bei Low Fat dagegen wird der Anteil des Nahrungsfettes reduziert, während Kohlenhydrate weiterhin gegessen werden dürfen. Es kann ein Mangel an ungesättigten Fettsäuren und fettlöslichen Vitaminen entstehen, die gerade bei MS positiv wirken können.
- Paleo-Diät: Paleo wird auch Steinzeit- oder Urzeiternährung genannt. Auf den Teller kommen nur solche Lebensmittel, die unsere Vorfahren im Paläolithikum verzehrt haben, also alles, was man jagen, fischen, pflücken oder sammeln kann. Dazu zählen mageres Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse, Nüsse, Samen und Früchte. Nicht erlaubt sind Zucker, Getreide, Hülsenfrüchte, Milchprodukte und verarbeitete Lebensmittel (z. B. fettige Wurst). Durch den Verzicht auf Getreide und Hülsenfrüchte fehlen wichtige Nährstoff- und Ballaststoffquellen. Hinsichtlich des oft hohen Fleischanteils ist Folgendes zu beachten: Nur sehr mageres Fleisch und Fisch sind empfehlenswert. Fettige Fleischsorten, wie beispielsweise Schweinefleisch, sind bei MS aufgrund des hohen Anteils an Arachidonsäure unerwünscht.
- Evers-Diät: Die vom deutschen Arzt Dr. Joseph Evers entwickelte Ernährungsform beruht auf dem Grundprinzip, alle Nahrungsmittel so naturnah wie möglich, d.h. in roher und unverarbeiteter Form aufzunehmen. Dabei ist es unerheblich, in welchen Relationen die einzelnen Nährstoffe zueinander stehen. Erlaubt sind all diejenigen Nahrungsmittel, die der Mensch auch in der freien Natur vorfindet. Obwohl das Prinzip einer natürlichen Ernährung auf den ersten Blick vielversprechend klingt, birgt die als Dauerernährung angedachte Diät bei näherer Betrachtung die Gefahr einer Unterversorgung. Besonders der übermäßige Verzehr von rohen, unbehandelten tierischen Lebensmitteln ist mit einem hohen Risiko für Infektionen verbunden. Zudem ist diese Ernährungsform nur schwer in unserem modernen Alltag umsetzbar und würde zu einem weiteren erheblichen Einschnitt in der Lebensqualität des MS-Patienten führen.
Spezielle Diäten bei MS
Verschiedene Diäten sollen bei Multiple Sklerose helfen, z. B. die Diät nach Fratzer, Swank oder Evers.
- Diät nach Dr. Fratzer: Bei der Diät nach Dr. Fratzer wird die Zufuhr von Linolsäure auf maximal 1800 Milligramm pro Tag beschränkt, weil aus dieser Arachidonsäure aufgebaut werden kann. Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass der menschliche Organismus die Linolsäure kaum zu Arachidonsäure umbaut. So weisen Vegetarier, die durch ihre pflanzliche Ernährungsweise höhere Linolsäurespiegel haben, im Vergleich zu Mischköstlern dennoch niedrigere Arachidonsäurespiegel auf. Die Empfehlung, die Linolsäureszufuhr zu reduzieren, ist damit hinfällig.
- Diät nach Dr. Swank: Dr. Swank verfolgt den Ansatz, durch eine verminderte Zufuhr tierischer Fette auf unter 20 Gramm pro Tag die Krankheit positiv zu beeinflussen. Eine Diätstudie, die bis zu 35 Jahre lang lief, zeigte Erfolge. Die Patienten, die dies befolgten, hatten im Vergleich zu der Kontrollgruppe weniger Schübe und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich weniger.
- Diät nach Dr. Evers: Dr. Evers, der um 1940 Umweltfaktoren für MS verantwortlich machte, propagierte eine naturbelassene Ernährung. Außerdem legte er großen Wert auf eine gesunde Lebensführung mit viel Frischluft, Bewegung sowie Kneipp-Anwendungen. Der hohe Anteil an pflanzlicher Kost, Ballaststoffen und pflanzlichen Ölen ist aus heutiger Sicht sinnvoll. Die Annahme, dass die Zubereitung der Speisen wie das Kochen die Erkrankung ungünstig beeinflusst, ist allerdings nicht haltbar. Den neueren Erkenntnissen entsprechend wird die Evers-Diät heute als lacto-vegetabile Vollwertkost angeboten, ohne festzulegen, wie viel roh und wie viel erhitzt gegessen werden soll.
Weitere wichtige Aspekte
Neben der Auswahl der richtigen Lebensmittel gibt es weitere Aspekte, die bei der Ernährung von MS-Patienten eine Rolle spielen:
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- Ballaststoffe: Ein träger Darm ist typisch bei Multipler Sklerose. Ballaststoffe helfen, die Darmfunktion anzukurbeln und bereiten quälender Verstopfung ein Ende.
- Flüssigkeitszufuhr: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist zur Verhinderung und Behandlung von Harnwegsinfekten wichtig. Viele MS-Betroffene trinken zu wenig, um nicht so oft zur Toilette zu müssen.
- Vitamin D: Viele MS-Patienten weisen einen Vitamin-D-Mangel auf, und Studien zeigen, dass ein höherer Vitamin-D-Spiegel mit einer geringeren Krankheitsaktivität korreliert sein kann. Die Kombination von Vitamin-D-Supplementen mit bestimmten Medikamenten wie β-Interferon könnte die MS-Aktivität weiter reduzieren.
- Probiotika und Präbiotika: Eine gesunde Darmflora kann sich positiv auf den Verlauf der Multiplen Sklerose (MS) auswirken. Probiotika, also lebende Mikroorganismen, unterstützen das Gleichgewicht der Darmbakterien und können Entzündungsprozesse im Körper reduzieren. Ergänzend spielen Präbiotika eine wichtige Rolle. Diese sind Nahrungsbestandteile, die von den Körperzellen nicht verdaut werden, aber das Wachstum und die Aktivität nützlicher Darmbakterien fördern.
- Individuelle Anpassung: MS ist eine komplexe und individuell sehr unterschiedlich verlaufende Erkrankung. Es ist daher wichtig, die Ernährung an die persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben anzupassen.
Die Rolle von Milchprodukten
Es gibt Hinweise darauf, dass der Konsum von Milchprodukten Einfluss auf MS haben kann. Einzelnen Betroffenen kann eine Ernährungsumstellung, insbesondere der Verzicht auf Milchprodukte, Linderung verschaffen. Bei der Umstellung auf eine entzündungshemmende Ernährung, vor allem bei der Reduktion oder dem Ausschluss von Milchprodukten, ist es ratsam, dass MS-Betroffene ein Ernährungs- und Symptomtagebuch führen. Der dauerhafte Verzicht auf Milchprodukte kann aber auch zu größeren Einschränkungen im Alltag führen und ist nach aktuellem Forschungsstand nicht generell zu empfehlen.
Superfoods
Superfoods werden besondere gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Meist handelt es sich um exotische Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an wertvollen Inhaltsstoffen wie Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffen oder Mineralstoffen. Sehr beliebt sind Acai-Beeren, Chiasamen, Goji-Beeren, Quinoa oder Moringa. Heimische Alternativen sind Heidelbeeren, Sanddorn und Leinsamen. Geschmacklich gesehen können Superfoods den Speiseplan bereichern, allerdings ersetzen sie keine ausgewogene Ernährung. Superfoods könnten als Ergänzung zu unseren Empfehlungen zur antientzündlichen Ernährung hilfreich sein.
Was sollte man vermeiden?
- Zucker: Ein übermäßiger Verzehr von Zucker kann Entzündungen im Körper fördern. Deshalb ist es ratsam, den Konsum stark verarbeiteten Lebensmittel wie Weißbrot und nicht Vollkornnudeln sowie zuckerhaltige Snacks zu reduzieren. Dazu zählen auch Lebensmittel wie Eiscreme, gesüßte Joghurts und Müslis.
- Gesättigte Fette: Gesättigte Fettsäuren, die vor allem in tierischen Produkten vorkommen, können Entzündungen fördern.
- Verarbeitete Lebensmittel: Verarbeitete Lebensmittel enthalten oft Aromastoffe, Geschmacksverstärker, Transfette und andere Stoffe, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können.
Die These von Harald zur Hausen
Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milchprodukten und dem Auftreten von Multipler Sklerose. Er geht davon aus, dass virale DNA-Moleküle, die vermutlich aus Milchprodukten stammen, eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielen könnten. Diese These ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht.
Fazit
Eine pauschale Ernährungsempfehlung für MS-Patienten gibt es nicht. Wichtig ist eine ausgewogene und bewusste Ernährung, die den individuellen Bedürfnissen angepasst ist. Eine entzündungshemmende Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Fisch und gesunden Fetten kann helfen, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität zu verbessern. Betroffene sollten sich von einem Arzt oder Ernährungsberater individuell beraten lassen.
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