Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die vielfältige Symptome verursachen kann. Neben motorischen und sensorischen Beeinträchtigungen können auch Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen auftreten, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen MS, Sexualität und der Notwendigkeit von Blasenkathetern, um ein umfassendes Verständnis für Betroffene und Angehörige zu schaffen.
Sexualität und Multiple Sklerose
Sexuelle Funktionsstörungen sind bei MS-Patienten weit verbreitet und können sowohl direkte als auch indirekte Folgen der Erkrankung sein. Direkte Auswirkungen entstehen durch Läsionen im zentralen Nervensystem, die die Nervenbahnen zu den Geschlechtsorganen beeinträchtigen. Indirekte Auswirkungen resultieren aus anderen MS-Symptomen wie Müdigkeit, Spastik, Schmerzen oder Blasen- und Darmproblemen, die die sexuelle Aktivität erschweren können.
Sexuelle Probleme bei Frauen mit MS
Frauen mit MS können unter einer Vielzahl sexueller Probleme leiden, darunter:
- Vermindertes sexuelles Interesse (Libidoverlust): Dies kann auf hormonelle Veränderungen, Müdigkeit, Depressionen oder Schmerzen zurückzuführen sein.
- Vermindertes Empfinden im Genitalbereich: MS-bedingte Nervenschäden können die Sensibilität im Genitalbereich beeinträchtigen.
- Schwierigkeiten bei der Erregung: Dies kann durch verminderte Durchblutung des Genitalbereichs oder durch psychische Faktoren bedingt sein.
- Orgasmusstörungen: Viele Frauen mit MS haben Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen oder zu erleben.
- Vaginale Trockenheit: Dies kann durch hormonelle Veränderungen oder durch Medikamente verursacht werden.
- Harninkontinenz: Die Angst vor unkontrolliertem Urinverlust kann die sexuelle Aktivität beeinträchtigen.
Sexuelle Probleme bei Männern mit MS
Männer mit MS können ebenfalls unter verschiedenen sexuellen Problemen leiden, darunter:
- Erektile Dysfunktion (Impotenz): Dies ist eine der häufigsten sexuellen Funktionsstörungen bei Männern mit MS.
- Vermindertes sexuelles Interesse (Libidoverlust): Ähnlich wie bei Frauen kann dies auf hormonelle Veränderungen, Müdigkeit, Depressionen oder Schmerzen zurückzuführen sein.
- Vermindertes Empfinden im Genitalbereich: MS-bedingte Nervenschäden können die Sensibilität im Genitalbereich beeinträchtigen.
- Ejakulationsstörungen: Einige Männer mit MS erleben vorzeitige oder verzögerte Ejakulation.
- Harninkontinenz: Die Angst vor unkontrolliertem Urinverlust kann die sexuelle Aktivität beeinträchtigen.
Umgang mit sexuellen Problemen bei MS
Es ist wichtig zu betonen, dass sexuelle Probleme bei MS behandelbar sind. Viele Betroffene scheuen sich jedoch, das Thema anzusprechen. Ein offenes Gespräch mit dem Arzt oder der MS-Schwester ist der erste Schritt zur Lösung. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die je nach Ursache und Art der sexuellen Funktionsstörung eingesetzt werden können:
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- Medikamentöse Therapie: Medikamente wie Sildenafil (Viagra) oder Tadalafil (Cialis) können bei erektiler Dysfunktion helfen. Bei Frauen können Gleitmittel bei vaginaler Trockenheit eingesetzt werden. Antidepressiva können bei Depressionen und Libidoverlust helfen.
- Physiotherapie: Beckenbodentraining kann bei Inkontinenz und Orgasmusstörungen helfen.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, psychische Ursachen von sexuellen Funktionsstörungen zu bewältigen, wie z.B. Angst, Depression oder ein negatives Körperbild.
- Hilfsmittel: Vakuum-Erektionshilfen oder Penisprothesen können bei erektiler Dysfunktion eingesetzt werden. Analtampons können bei Stuhlinkontinenz helfen.
- Kommunikation: Ein offenes Gespräch mit dem Partner über die sexuellen Probleme ist entscheidend für eine erfüllte Sexualität. Es ist wichtig, gemeinsam neue Wege der Intimität zu finden und sich von Normvorstellungen zu lösen.
Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose
Blasenfunktionsstörungen sind eine häufige Begleiterscheinung der MS. Neurogene Blasenstörungen, die auf einer fehlerhaften Funktion wichtiger Nervenbahnen beruhen, betreffen im Verlauf der Erkrankung 50 bis 80 Prozent der Patienten. Die Schädigung der Nervenbahnen führt dazu, dass die Blase nicht mehr richtig gesteuert werden kann.
Arten von Blasenfunktionsstörungen
Bei MS können verschiedene Arten von Blasenfunktionsstörungen auftreten:
- Detrusorhyperreflexie (überaktive Blase): Dies ist die häufigste Form der Blasenfunktionsstörung bei MS. Die Blase zieht sich unkontrolliert zusammen, was zu häufigem Harndrang, Inkontinenz und Einnässen führen kann.
- Blasenhyporeflexie: Die Blase entleert sich nur verzögert oder unvollständig, was zu Restharnbildung, Nachträufeln und Entleerung kleiner Urinportionen führen kann.
- Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Hierbei ist die Koordination zwischen Blasenmuskulatur und Schließmuskel gestört, was zu Harndrang, Inkontinenz und verzögerter Blasenentleerung führen kann.
Therapie von Blasenfunktionsstörungen
Die Therapie von Blasenfunktionsstörungen bei MS zielt darauf ab, die Speicherfunktion der Blase zu verbessern, eine möglichst vollständige Entleerung zu erreichen, den Harndrang zu normalisieren und Komplikationen wie Harnwegsinfekte oder Nierenschäden zu vermeiden.
- Nicht-medikamentöse Therapie: Regelmäßige Toilettengänge, Kontrolle der Trinkmenge, Beckenbodengymnastik und das Vermeiden von harntreibenden Substanzen können helfen, die Blasenfunktion zu verbessern.
- Medikamentöse Therapie: Anticholinergika können bei einer überaktiven Blase eingesetzt werden, um die unkontrollierten Kontraktionen der Blase zu reduzieren. Alphablocker können bei Blasenentleerungsstörungen eingesetzt werden, um den Schließmuskel zu entspannen. Desmopressin kann eingesetzt werden, um die Urinproduktion zu reduzieren, insbesondere nachts. Botulinumtoxin kann in den Blasenmuskel gespritzt werden, um die Kontraktionen zu schwächen.
- Katheterisierung: In manchen Fällen ist die Verwendung eines Blasenkatheters notwendig, um die Blase regelmäßig zu entleeren.
Blasenkatheter bei Multipler Sklerose
Ein Blasenkatheter ist ein dünner Schlauch, der in die Blase eingeführt wird, um den Urin abzuleiten. Es gibt verschiedene Arten von Blasenkathetern:
- Einmalkatheter (intermittierender Katheterismus): Der Katheter wird nur zur Entleerung der Blase eingeführt und danach wieder entfernt. Dies ist die bevorzugte Methode, da sie das Risiko von Harnwegsinfektionen reduziert.
- Dauerkatheter: Der Katheter verbleibt dauerhaft in der Blase und wird an einen Urinbeutel angeschlossen. Es gibt zwei Arten von Dauerkathetern:
- Transurethraler Katheter: Der Katheter wird durch die Harnröhre in die Blase eingeführt.
- Suprapubischer Katheter: Der Katheter wird durch die Bauchdecke direkt in die Blase eingeführt.
Indikation für einen Blasenkatheter
Ein Blasenkatheter kann bei MS-Patienten notwendig sein, wenn:
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- Restharnbildung: Die Blase kann nicht vollständig entleert werden, was zu einem erhöhten Risiko für Harnwegsinfektionen und Nierenschäden führt.
- Inkontinenz: Unkontrollierter Urinverlust beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich.
- Harnverhalt: Die Blase kann nicht mehr selbstständig entleert werden.
Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)
Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) ist eine Methode, bei der der Patient selbst mehrmals täglich einen Einmalkatheter in die Blase einführt, um diese zu entleeren. Der ISK hat gegenüber dem Dauerkatheter viele Vorteile:
- Geringeres Risiko für Harnwegsinfektionen: Da der Katheter nur kurzzeitig in der Blase verbleibt, ist das Risiko für eine Infektion geringer.
- Erhalt der Blasenfunktion: Der ISK hilft, die Blasenmuskulatur aktiv zu halten und einer Schrumpfung der Blase vorzubeugen.
- Mehr Lebensqualität: Der ISK ermöglicht eine größere Unabhängigkeit und Flexibilität im Alltag.
- Keine Beeinträchtigung des Sexuallebens: Im Gegensatz zum Dauerkatheter beeinträchtigt der ISK das Sexualleben nicht.
Umgang mit einem Blasenkatheter
Der Umgang mit einem Blasenkatheter erfordert eine sorgfältige Hygiene, um Harnwegsinfektionen zu vermeiden. Es ist wichtig, die Hände vor und nach dem Katheterisieren gründlich zu waschen und sterile Katheter zu verwenden. Bei einem Dauerkatheter muss der Urinbeutel regelmäßig geleert und der Katheter regelmäßig gewechselt werden.
Multiple Sklerose: Inklusion und offene Kommunikation
MS kann das Leben der Betroffenen in vielerlei Hinsicht beeinflussen, auch in Bezug auf Inklusion und Akzeptanz in der Gesellschaft. Es ist wichtig, offen über die Erkrankung und ihre Auswirkungen zu sprechen, um Vorurteile abzubauen und das Verständnis für die Bedürfnisse von MS-Patienten zu fördern.
Unsichtbare Symptome
Viele MS-Symptome sind für Außenstehende nicht sichtbar, wie z.B. Müdigkeit, Schmerzen, kognitive Beeinträchtigungen oder Blasen- und Darmprobleme. Es ist wichtig, diese "unsichtbaren Symptome" zu thematisieren und das Bewusstsein dafür zu schärfen.
Inklusion im Alltag
Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazugehört und die gleichen Chancen hat, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Alltag von MS-Patienten bedeutet dies z.B., dass Barrieren abgebaut werden, dass auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wird und dass sie nicht aufgrund ihrer Erkrankung diskriminiert werden.
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Offene Kommunikation
Offene Kommunikation ist der Schlüssel zu mehr Akzeptanz und Verständnis. Es ist wichtig, über die eigenen Erfahrungen, Ängste und Sorgen zu sprechen, aber auch über die positiven Aspekte des Lebens mit MS.
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