Multiple Sklerose und Bipolare Störung: Eine Komplexe Verbindung

Psychische Erkrankungen können wichtige molekulare Gemeinsamkeiten aufweisen, die sich in den aktuellen diagnostischen Kategorien nicht widerspiegeln. Die Ergebnisse einer großangelegten Studie, an der mehr als 500 Forscher aus aller Welt beteiligt waren, deuten darauf hin, dass die aktuellen klinischen Diagnosekriterien die zugrunde liegende Biologie nicht genau widerspiegeln. Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit der Frage, wie genetische Variation mit der Entstehung von Hirnerkrankungen zusammenhängt.

Einleitung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems mit unvorhersehbarem Verlauf, die zu einer Vielzahl von Beschwerden führen kann. Psychiatrische Erkrankungen stellen die häufigsten Komorbiditäten bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) dar und weisen eine höhere Prävalenz als in der Allgemeinbevölkerung auf. Psychische Störungen, insbesondere Depressionen und Angstzustände, sind bei Menschen mit Multipler Sklerose weit verbreitet. Einige Patienten haben Depressionen oder schwanken zwischen Depression und Hochstimmung (sogenannte manische Depression oder bipolare Störung). Es ist wichtig, dass MS-Patienten sowohl medizinisch als auch psychologisch betreut werden, da die verschiedenen durch die Erkrankung verursachten Störungen sowohl für sie selbst als auch für ihre Umgebung sehr schwierig sein können.

Genetische Zusammenhänge zwischen psychischen und neurologischen Erkrankungen

Psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie und bipolare Störungen treten familiär gehäuft auf. Für die aktuelle Studie haben internationale Konsortien ihre Daten zusammengeführt, um die genetischen Muster von 25 psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen zu untersuchen. Mit Hilfe von genomweiten Assoziationsstudien an insgesamt 265.218 Patienten und 784.643 Kontrollen ermittelten die Forscher das Ausmaßder genetischen Überlappungen zwischen den einzelnen Erkrankungen. Die Ergebnisse zeigten weitreichende genetische Überschneidungen bei verschiedenen psychischen Erkrankungen, insbesondere zwischen der Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), der bipolaren Störung, der schweren Depression und der Schizophrenie. Darüber hinaus weisen die Daten eine starke Überlappung zwischen Magersucht (Anorexia nervosa) und der Zwangsstörung (OCD) sowie zwischen OCD und dem Tourette-Syndrom auf.

Nach Ansicht der Wissenschaftler deutet die ausgeprägte genetische Überlappung zwischen den psychiatrischen Störungen darauf hin, dass die aktuellen klinischen Diagnosekriterien die zugrunde liegende Biologie nicht genau widerspiegeln. So könnte beispielsweise ein einziger Mechanismus, der die Menge eines Proteins im Gehirn reguliert, sowohl das unaufmerksame Verhalten bei ADHS als auch die gestörte Funktion bei schizophrenen Störungen beeinflussen. Langfristig könnte die weitere Erforschung dieser genetischen Zusammenhänge dazu beitragen, die Diagnose und Therapie von Patienten mit neuropsychiatrischen Erkrankungen zu verbessern.

Prävalenz der Bipolaren Störung bei MS-Patienten

Einige Studien deuten auf eine erhöhte Prävalenz der bipolaren Störung (BD) bei MS-Patienten hin. Diese Komorbidität wurde nun nach systematischer Überprüfung der Literatur in einer Metaanalyse näher untersucht.

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Von 802 Publikationen (bis Okt. 2020) wurden 23 Studien mit insgesamt 68.796 MS-Patienten ausgewertet. In dieser Population betrug die gepoolte Rate einer komorbiden Bipolarstörung 2,95 % (95 %-KI: 2,12 % - 4,09 %). Die geschätzte Lebenszeitprävalenz (basierend auf fünf gepoolten Studien) betrug 8,42 % (95 %-KI: 4,50 % - 15,21 %) und die Punktprävalenz 2,13 % (95 %-KI: 1,48 % - 3,07 %). Subgruppenanalysen aus drei Studien zeigen, dass die BD-Prävalenz bei weiblichen MS-Patienten höher war als bei den Männern mit MS (7,03 % vs. 5,64 %), der Unterschied war jedoch nicht signifikant (p = 0,53). In vier Studien war der BD-Typ der MS-Patienten berichtetet worden: Diese Subgruppenauswertungen zeigten eine deutlich höhere Prävalenz vom BD Typ II als vom Typ I mit 5,52 % versus 2,81 %. Trotz dieser erheblichen Differenz war der Unterschied zwischen den beiden BD-Typen nicht signifikant (p = 0,27).

Ursächlich für die erhöhte BD-Prävalenz könnten, spekulieren die Autoren, hirnstrukturelle Veränderungen (z. B. Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass affektive Störungen bei MS-Patienten mit handfesten Problemen einhergehen: Verzögerung der MS-Diagnose und erhöhte Risiken für eine entzündliche MS-Aktivität, für Krankheitsprogression und Behinderungszunahme sowie eine erhöhte Sterblichkeit. Insofern resultiert bei komorbider BD Handlungsbedarf.

Ursachen und Risikofaktoren

Als Ursache für die Erkrankung mit Phasen der starken Niedergeschlagenheit und der Hochstimmung oder Gereiztheit kommen mehrere Faktoren in Betracht. Neben einem Zusammenspiel genetischer Veranlagungen, psychischem und sozialem Stress kommen auch andere Krankheiten oder Medikamente als Auslöser in Frage. Depressive Phasen, beispielsweise, wurden in einer neueren Studie bei Patienten der Multiplen Sklerose gefunden, wenn diese gerade einen Krankheitsschub durchlebten.

Bei Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose attackiert ein fehlgesteuertes Immunstem körpereigene Zellen und Organe. Dabei ist häufig nicht nur ein spezifisches Organ betroffen, sondern es kommt auch zu Entzündungen und Veränderungen in anderen Körperbereichen - man spricht auch von einer systemischen Autoimmunerkrankung. Wissenschaftler um Prof. Die Wissenschaftler untersuchten 65498 Patienten mit systemischen Autoimmunerkrankungen und 261992 Kontrollpersonen. Für Patienten mit Autoimmunerkrankungen bestand ein höheres Risiko für die Entwicklung einer bipolaren Störung als bei den gesunden Kontrollpersonen. Vor allem Patienten mit systemischem Lupus erythematodes, rheumatoider Arthritis, Vaskulitis, Sicca-Syndrom und Morbus Crohn waren von dem erhöhten Risiko betroffen. Zudem konnten die Wissenschaftler weibliches Geschlecht und junges Alter als Risikofaktoren für die Bipolare Störung ausmachen.

Auswirkungen psychischer Belastungen auf die MS-Therapie

Psychische Erkrankungen sind unter MS-Betroffenen weit verbreitet und beeinflussen sowohl den Krankheitsverlauf als auch die Lebensqualität erheblich.

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Wir wissen, dass psychische Belastungen mit geringerer Lebensqualität, stärkerer Fatigue und schlechterer Therapietreue verbunden sind. Die hohe Anfälligkeit für psychische Erkrankungen bei MS hat biologische, psychologische und soziale Ursachen:

  • MS verursacht Entzündungen und Schäden im Gehirn, auch in Regionen, die für die Gefühlsverarbeitung zuständig sind. Das kann direkt zu Stimmungsschwankungen, depressiven Symptomen oder ängstlicher Unruhe führen.
  • Die chronische Entzündung beeinflusst auch die Botenstoffe im Gehirn, die für ein stabiles Gefühlsleben entscheidend sind.
  • Psychisch belastend ist auch die Diagnose selbst: Viele erleben Trauer, Angst vor Kontrollverlust oder Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft.
  • Hinzu kommen körperliche Einschränkungen und Veränderungen im Alltag, die Gefühle von Isolation und Hilflosigkeit verstärken können.

Deshalb ist es wichtig, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und als festen Bestandteil in die MS-Behandlung zu integrieren. Die Berücksichtigung psychischer Gesundheit ist entscheidend für eine wirksame, ganzheitliche MS-Therapie. Denn psychische Erkrankungen wie Depression oder Angst haben direkte Auswirkungen auf den Behandlungserfolg.

Bedeutung einer ganzheitlichen Therapieplanung

Wenn Ärzt:innen psychische Belastungen erkennen, können sie Behandlungspläne entwickeln, die sowohl neurologische als auch psychologische Aspekte berücksichtigen. Die Therapie zielt dann nicht nur auf körperliche Symptome ab, sondern auch auf das seelische Wohlbefinden.

  • Therapietreue verbessern: Depressionen führen oft zu Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Viele Betroffene können dann ihre Therapie nicht wie vorgesehen einhalten. Wird die psychische Belastung frühzeitig erkannt, kann man gezielt unterstützen - etwa mit psychologischer Beratung oder medikamentöser Hilfe. Das verbessert die Therapie-Adhärenz deutlich.
  • Individuelle Anpassungen: Je nach psychischer Belastung lassen sich Therapiepläne individuell gestalten: Bei depressiven Symptomen kann die Einbindung von Psychotherapie, Antidepressiva oder auch gezielten Verhaltensänderungen hilfreich sein. Bei Angstzuständen können insbesondere Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) effektiv dabei helfen, Symptome zu lindern und den Alltag besser zu bewältigen.
  • Verlaufsbeobachtung und Unterstützung: Patient:innen mit psychischen Belastungen benötigen häufig eine engmaschigere Betreuung. Regelmäßige Gespräche und kontinuierliche Unterstützungsangebote helfen dabei, frühzeitig auf Veränderungen zu reagieren und Stabilität zu fördern.
  • Lebensqualität verbessern: Die gezielte Behandlung psychischer Belastungen kann die Lebensqualität deutlich steigern: Sie verbessert soziale Beziehungen, stärkt familiäre Bindungen und fördert eine zuversichtlichere Grundhaltung.

Tipps für Patienten und Angehörige

Das Leben mit MS kann herausfordernd sein, aber mit den richtigen Strategien lässt sich vieles erleichtern.

Für MS-Betroffene:

  • Nicht isolieren: Der Kontakt zu anderen Betroffenen oder Selbsthilfegruppen kann sehr unterstützend wirken.
  • Gefühle mitteilen: Über Sorgen zu sprechen, entlastet. Ob mit Freund:innen, Familie oder Therapeut:innen - es hilft.
  • Kleine Ziele setzen: Der Alltag wird überschaubarer, wenn man Etappen statt Erwartungen definiert.
  • Selbstfürsorge ernst nehmen: Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf wirken sich auch auf die Psyche positiv aus.
  • Mitfühlend mit sich selbst sein: Niemand muss perfekt sein. Freundlichkeit sich selbst gegenüber ist wichtig.

Für Angehörige und Pflegende:

  • Eigene Bedürfnisse nicht vernachlässigen: Nur wer auf sich selbst achtet, kann langfristig für andere da sein.
  • Unterstützung suchen: Austausch mit anderen Pflegenden oder professionelle Hilfe kann entlasten.
  • Zeit für sich selbst einplanen: Hobbys und Ruhezeiten helfen beim Krafttanken.
  • Offen kommunizieren: Ehrliche Gespräche mit den Betroffenen fördern gegenseitiges Verständnis.
  • Geduld haben: Wer MS besser versteht, kann empathischer begleiten.

Wenn sich beide Seiten unterstützen, wird der Weg gemeinsam leichter.

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Früherkennung und Diagnose

Psychiatrische Erkrankungen sind bei MS trotz spezifischer und teilweise validierter diagnostischer Instrumente unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Es gibt verschiedene Screening-Fragebögen, mit denen man Hinweise auf Depression, Angststörungen oder bipolare Symptome erfassen kann. Wichtig ist jedoch: Diese Tools dienen ausschließlich der Früherkennung und nicht der Diagnose.

In vielen Kliniken arbeiten Neuropsychologen, die jede neu diagnostizierte MS-Patientin und jeden Patienten bereits zu Beginn auf psychische Belastungen hin untersuchen. Diese Screenings werden regelmäßig wiederholt. Sobald sich in den Ergebnissen Auffälligkeiten zeigen, erfolgt die gemeinsame Weiterbehandlung mit Psychiater:innen.

Ausblick

Es besteht die Hoffnung auf Fortschritte in der personalisierten Medizin - also individuell zugeschnittene Therapien auf Basis verlässlicher Biomarker, die den Krankheitsverlauf und das Ansprechen auf Behandlungen vorhersagen können. Und es gibt die Hoffnung auf neue Therapieansätze, die Remyelinisierung fördern und Nervenzellen langfristig schützen.

Allen Menschen mit MS möchte ich sagen: Ihr seid nicht allein. Es gibt eine starke, unterstützende Community - und täglich macht die Forschung neue Fortschritte. Vertraut auf eure innere Stärke, sucht aktiv nach Verbindungen zu anderen und erinnert euch daran: Jeder kleine Schritt zählt.

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