Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Zerstörung von Nervenstrukturen gekennzeichnet ist. Sie manifestiert sich in der Regel in Schüben und kann je nach betroffenem Hirnareal unterschiedliche Verlaufsformen annehmen, weshalb sie auch als "Krankheit der 1000 Gesichter" bezeichnet wird. Obwohl MS nicht heilbar ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Verlauf positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Moderne Medikamente können bei vielen Patienten einen Teil der Krankheitsschübe verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Neben der medikamentösen Behandlung spielen auch Lebensstilfaktoren eine entscheidende Rolle.
Einflussfaktoren auf den MS-Verlauf
Der Verlauf von MS ist sehr individuell und kann von Patient zu Patient stark variieren. Es gibt jedoch einige Faktoren, die nachweislich einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben:
Lebensstil und Verhalten
Bestimmte Verhaltens- und Ernährungsweisen können den Verlauf von MS positiv beeinflussen.
Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko, an MS zu erkranken, und scheint auch den Verlauf der MS zu verschlechtern. Daher ist es für Menschen mit MS ratsam, das Rauchen aufzugeben. Nikotinkonsum erhöht das Risiko von Schüben und kann durch seine Toxine Gefäßschäden verursachen, wodurch Entzündungen ins Gehirn einwandern können.
Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten ist wichtig für die allgemeine Gesundheit und kann auch den MS-Verlauf positiv beeinflussen. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsformen (paläolithisch, mediterran, Low-Fat) helfen könnten, Fatigue zu verringern. Es gibt nach aktuellem Wissensstand keine Diät, die MS heilen oder den Verlauf stoppen kann, aber eine gesunde Ernährung verringert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Parkinson, Demenz).
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Bewegung: Körperliche Fitness ist wichtig für die Gesundheit. Regelmäßiges Gehen kann bei Menschen mit MS die Mobilität verbessern. Es werden 75-150 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche (z.B. Joggen, Schwimmen, Ballsport) oder 150-300 Minuten moderate körperliche Aktivität empfohlen. Sportmedizinische Maßnahmen führen zu einer effizienten Symptomlinderung; hierbei werden auch hochintensive Trainingsprogramme gut vertragen. Ob regelmäßige Bewegung auch die Krankheitsprogression verlangsamen kann, ist unklar.
Vitamin D: Menschen erkranken seltener an MS, je näher sie am Äquator, also in Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung, leben. Es wird vermutet, dass dies zumindest teilweise mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel zusammenhängt. Bei gesunden Erwachsenen sollte der Vitamin-D-Spiegel mehr als 30 nmol/l betragen. MS-Patienten mit normalen Vitamin-D-Spiegeln können, nach Rücksprache mit ihrem Arzt, Vitamin D ergänzend einnehmen, da sie von einem hohen Vitamin-D-Spiegel profitieren können. Sie sollten jedoch nicht mehr als 4.000 IE (internationale Einheiten) täglich nehmen. Vitamin-D-Hochdosistherapien (z.B. "Coimbra-Protokoll") sind nicht zu empfehlen, da die Einnahme von Vitamin D in hohen Dosen giftig sein und langfristig gesundheitsschädlich wirken kann.
Mentale Gesundheit: Traumatische Lebensereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen erhöhen das Risiko für Autoimmunerkrankungen, einschließlich MS. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Stress Schübe auslösen kann. Verschiedene Methoden zur Stressbewältigung, z.B. Achtsamkeitstraining, Meditation, Yoga oder autogenes Training, können helfen.
Hitze: Hitze und eine erhöhte Körpertemperatur können bei Menschen mit MS zu Pseudo-Schüben führen. Dabei treten vorübergehend neue MS-Symptome auf oder bestehende Symptome verschlechtern sich. Für MS-Betroffene ist es jedoch wichtig, sich körperlich zu bewegen und ausreichend frische Luft und Sonnenlicht zu bekommen. Es ist ratsam, aktiv für Kühlung zu sorgen, z.B. durch Kühl duschen. Beim Sport sollte darauf geachtet werden, dass der Körper nicht überhitzt.
Medikamentöse Therapie
Die heutigen Medikamente zur Dauerbehandlung der Multiplen Sklerose wirken auf das Immunsystem ein und können bei vielen Patientinnen und Patienten der Krankheitsschübe weitestgehend verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Pharma-Unternehmen entwickeln deshalb neue Präparate, die noch wirksamer und sicherer sind bzw. auch bei Anwendung und Monitoring für betroffene Patient:innen zusätzliche Vorteile bieten.
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Die Therapie der Multiplen Sklerose stützt sich dabei auf mehrere Säulen:
- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe, damit Beschwerden sich schnell zurückbilden
- Verlaufsmodifizierende Therapie (= Basistherapie): Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um die beschwerdefreie oder -arme Zeit zu verlängern
- Symptomatische Therapie: Linderung von MS-Beschwerden und Vorbeugung möglicher Komplikationen
Für Patientinnen und Patienten mit schubförmig verlaufender Erkrankung stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Bei akuten Schüben können u.a. Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Zu den schon am längsten verfügbaren Basistherapeutika zählen die Betainterferon-Präparate und das synthetische Peptidgemisch Glatirameracetat; sie alle müssen regelmäßig gespritzt werden. Schlägt eins dieser Basistherapeutika an, kann das etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Schübe verhindern und die Schwere vermindern. Schon seit 2011 kamen aber auch Basistherapeutika in Tablettenform heraus, mit den Wirkstoffen Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin.
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit trotz intensiver Forschung kein zugelassenes Basis-Medikament. Im Jahr 2018 kam erstmals ein solches Medikament heraus; das Präparat enthält den Antikörper Ocrelizumab und kann die Krankheitsaktivität dämpfen. Besonders bei jüngeren Betroffenen mit kürzerer Erkrankungsdauer und nachweisbarer Krankheitsaktivität kann das Fortschreiten der Erkrankung durch die Behandlung mit Ocrelizumab gebremst werden.
Weitere Faktoren
- Genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von MS spielen.
- Infektionen: Bestimmte Virusinfektionen (z.B. mit Masern-, Herpes- oder Epstein-Barr-Viren) könnten das Risiko, an MS zu erkranken, erhöhen.
- Übergewicht: Übergewicht kann das Risiko erhöhen, an MS zu erkranken, und auch zu einem ungünstigeren Verlauf der Krankheit führen.
- Komorbiditäten: Begleiterkrankungen, die zusätzlich zur Multiplen Sklerose auftreten können, wie Depressionen, Angststörungen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes, können den MS-Verlauf ungünstig beeinflussen.
Symptommanagement
Neben der Beeinflussung des Krankheitsverlaufs ist es wichtig, die Symptome von MS zu behandeln, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
- Fatigue: Fatigue ist für viele Menschen mit MS ein belastendes Symptom, dass ihren Alltag und ihr Leben erheblich beeinträchtigt. Betroffene fühlen sich sehr schnell erschöpft und erleben eine ungewöhnliche Müdigkeit und einen starken Energiemangel. Fatigue kann dauerhaft bestehen oder sich im Tagesverlauf entwickeln bzw. verstärken. Fatigue-Betroffenen können z.B. das Erlernen von Strategien zu Energiemanagement und Achtsamkeit helfen. Für Medikamente gegen Fatigue gibt es keine nachgewiesene Wirksamkeit. Jedoch können bei einer gleichzeitig bestehenden Depression ggf. Antidepressiva helfen.
- Osteoporose: Menschen mit MS haben ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und damit auch für Knochenbrüche. Deshalb sollte bei Frauen mit MS ab der Menopause und bei Männern mit MS ab dem 50. Lebensjahr eine Knochendichtemessung zur Früherkennung von Osteoporose durchgeführt werden. Je nach Ergebnis sollten dann eine Beratung durch einen Osteologen (Facharzt, der auf Knochenerkrankungen spezialisiert ist), Anpassungen des Lebensstils und ggf. eine medikamentöse Therapie erfolgen.
Reisen mit Multipler Sklerose
Wenn Menschen mit Multipler Sklerose verreisen wollen, ist eine gute Planung wichtig: Extremes Klima sollte vermieden, nötige Impfungen mit Ärzten abgesprochen und die medizinische Versorgung vor Ort in Erfahrung gebracht werden. Vor und während der Reise sollte Stress so gut wie möglich vermieden werden. Alle wichtigen Dokumente (z.B. Reisepass, Impfausweis, Liste aller Medikamente, usw.) sollten ggf. kopiert und getrennt von den Originalen aufbewahrt werden. Bei vielen Menschen mit MS haben Hitze und Wärme ungünstigen Einfluss auf das körperliche Befinden. Sie sollten nicht in die (Sub-)Tropen reisen. Es ist ratsam, über Impfungen nachzudenken und diese mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Zur eigenen Sicherheit trägt es auch bei, sich von zu Hause über eine gute medizinische Versorgung vor Ort zu informieren. Es sollte dafür gesorgt werden, dass auch im Ausland Krankenversicherungsschutz besteht (Auslandskrankenversicherung). Müssen Medikamente gekühlt werden, muss die Kühlkette auch während der Reise gegeben sein. Je nach Therapie sind Spritzen und Kanülen notwendig. Um bei Zollabfertigungen am Flughafen keine unnötigen Probleme zu bekommen, sollte ein ärztliches Attest (am besten auf Englisch) mitgeführt werden. Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, sollte ein behinderungsgerechtes Hotel wählen und die An- bzw. Abreise entsprechend planen.
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Selbsthilfe und Unterstützung
Angebote der Selbsthilfe können Menschen mit MS unterstützen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen und neue Perspektiven zu gewinnen.