Multiple Sklerose: Wärmetherapie – Nutzen und Risiken

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit mehr als 1 Million Menschen betrifft, in Deutschland etwa 120.000 - 150.000. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung wird durch ein Fehlverhalten körpereigener Abwehrzellen ausgelöst. Dabei werden Teile der Nervenfasern - die Markscheiden - zerstört, die maßgeblich an der Weiterleitung von Impulsen beteiligt sind, aber auch Nervenfasern und -zellen selbst. Die MS manifestiert sich meist im jungen Erwachsenenalter, zwischen 25 und 35 Jahren. Es gibt eine Vielzahl von Symptomen, die das Vorliegen einer MS anzeigen können, wobei Sehstörungen, Lähmungen, Sensibilitätsstörungen und Koordinationsstörungen typisch sind.

Die Therapie der MS hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, sowohl in der Entwicklung neuer Medikamente als auch in der Erarbeitung umfassender, ganzheitlich orientierter Therapieansätze. Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit MS ist die Berücksichtigung von Wärme und Kälte, da viele MS-Patienten empfindlich auf Temperaturveränderungen reagieren. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen von Wärme und die Anwendung der Wärmetherapie bei MS, einschließlich ihrer potenziellen Vorteile und Risiken.

Das Uhthoff-Phänomen: Verschlechterung der Symptome bei Wärme

Für viele MS-Patienten kann Wärme eine vorübergehende Verschlechterung der Symptome bewirken. Dieses Phänomen, bekannt als Uhthoff-Phänomen, führt dazu, dass Betroffene verstärkt unter Beschwerden wie Erschöpfung und Bewegungsstörungen leiden. Eine Erhöhung der Körpertemperatur, sei es durch Hitze, Fieber oder körperliche Anstrengung, kann dazu führen, dass die Nervenfasern die Reize noch langsamer weiterleiten als ohnehin schon. Die Bereiche des zentralen Nervensystems, die von MS betroffen sind und bereits eine reduzierte Leitfähigkeit aufweisen, funktionieren dann noch schlechter.

Umgang mit Hitze im Alltag

Um einen Anstieg der Körpertemperatur weitestgehend zu vermeiden, sollten MS-Erkrankte an heißen Tagen anstrengende Tätigkeiten in die kühleren Morgen- und Abendstunden verlegen. Es ist ratsam, viel zu trinken, damit das körpereigene Kühlsystem effektiv arbeitet und keine Austrocknung erfolgt. Zusätzlich können spezielle Kleidungsstücke mit kühlenden Eigenschaften, wie Kühlwesten und -hauben, Stirnbänder, Nackentücher oder Kühlstrümpfe, die MS-Therapie unterstützen. Betroffene sollten sich an heißen Tagen möglichst nicht in der Sonne aufhalten und bei unvermeidlicher Sonnenexposition unbedingt eine Kopfbedeckung tragen.

Maßnahmen zur Kühlung bei Überhitzung

Erhöht sich die Körpertemperatur, können auch lauwarm-kühle Duschen, Bäder oder Fußbäder hilfreich sein, um den Körper zu kühlen. Der Aufenthalt in klimatisierten Räumen ist ebenfalls vorteilhaft. Bewegungsstörungen einzelner Gliedmaßen können zudem durch lokale Kühlung mit Eiswasser zumindest kurzfristig gelindert werden. Es ist wichtig zu betonen, dass die Hitze in der Regel keinen Schub auslöst und die Beeinträchtigungen des Uhthoff-Phänomens verschwinden, sobald der Betroffene wieder abkühlt.

Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt

Wärmetherapie: Eine differenzierte Betrachtung

Wärme wird oft als wohltuend und heilsam empfunden. Sie wird instinktiv bei Frieren, Muskelschmerzen oder Bauchschmerzen eingesetzt. Auch in der Tierwelt wird Wärme instinktiv gesucht. Die heilende Wirkung von Wärme ist in fast allen Kulturen bekannt.

Wirkungsweise der Wärmetherapie

Lokale Wärme führt zur Entspannung der Muskulatur, was Schmerzen lindert und die Durchblutung steigert. Ein Wärme-Kälte-Reiz auf der Haut kann über Reflexe das Organsystem beeinflussen. Sebastian Kneipp nutzte diesen Umstand bereits in seinem Heilkonzept. Auch heute wird diese Reiztherapie im Rahmen der Physiotherapie eingesetzt, beispielsweise mit der „heißen Rolle“ im Wechsel mit kühlen Gelpacks.

Wird der gesamte Körper erwärmt, beispielsweise in der Sauna oder Wärmekabine, erhöht sich die Körperkerntemperatur, was den Stoffwechsel und die Durchblutung anregt, den Lymphfluss aktiviert und das Immunsystem stärkt. Wärme hat zudem einen intensiven Einfluss auf die Psyche.

Anwendungsbereiche der Infrarot-Wärmekabine

In der Praxis wird die Infrarot-Wärmekabine vor allem bei folgenden Beschwerden eingesetzt:

  • Muskelschmerzen, Muskelkater, Muskelverhärtungen
  • Gelenksschmerzen durch Arthrose; Rheuma (nicht im akutem Schub); nach Verletzungen
  • Rückenschmerzen aller Art
  • zur Immunstärkung
  • zur Vorbereitung oder Nachbehandlung einiger Therapien: Faszienbehandlung; Massagen
  • zur Vor- und Nachbehandlung von Sportlern, die ihren Körper optimal auf Training oder Turniere vorbereiten wollen oder die „Nachwehen“ von diesen Belastungen abbauen möchten.

Kontraindikationen und Risiken der Wärmetherapie

Trotz der potenziellen Vorteile gibt es bestimmte Kontraindikationen und Risiken, die bei der Anwendung von Wärmetherapie bei MS berücksichtigt werden müssen.

Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann

Kontraindikationen:

  • schwere Herz-Kreislauferkrankungen
  • akute Entzündungen von Haut, Gelenken, Muskeln u.a.
  • Erkältungen und Fieber
  • akute Thrombosen
  • Epilepsie, wenn diese durch Hitze ausgelöst wird
  • Multiple Sklerose (hier ist Vorsicht geboten und eine individuelle Abwägung erforderlich)

Risiken:

Bei richtiger Anwendung und Anpassung an den individuellen Patienten sind Nebenwirkungen und Risiken eher gering. Folgende Erscheinungen können jedoch auftreten:

  • Rötung der Haut: Kann bei Menschen mit wärmesensibler Haut auftreten, vor allem bei lokaler Wärmeauflage. Diese Veränderungen verblassen meist schnell.
  • Verbrennungen: Ein versehentliches Berühren der Strahler ist eigentlich nicht möglich, da diese geschützt liegen. Bleibt jedoch die Rötung länger als 24 Stunden bestehen, spricht man von einer Verbrennung 1. Grades.
  • Feuermelanose: Hauterscheinungen als Folge von Wärmflaschen, Heizkissen oder Laptops auf den Oberschenkeln. Erkennbar an der marmorartigen Hautzeichnung.

Die Sitzung in der Infrarot-Wärmekabine

Eine Sitzung in der Infrarot-Wärmekabine findet in einem geschlossenen Raum statt, ähnlich einer Sauna für zwei Personen. Die Kabine ist mit Carbonflächenstrahlern ausgestattet, die eine gleichmäßige Wärmeverteilung gewährleisten. Eine zuschaltbare Waden- und Fußbodenheizung sorgt für zusätzlichen Komfort.

Vor der Anwendung entkleidet man sich und wickelt sich in ein Handtuch. Während der Anwendung sollte viel getrunken werden. Entspannende Musik und verschiedene Lichtfarben können den Entspannungsmoment noch erhöhen. Nach der Saunazeit sollte eine Nachruhe erfolgen, um den Körper langsam abzukühlen.

Thermotherapie: Wärme und Kälte im Einklang

Die Thermotherapie, die sowohl Wärme- als auch Kältetherapie (Kryotherapie) umfasst, ist eine traditionelle Behandlungsform, die zur Behandlung verschiedener Beschwerden und zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens eingesetzt wird. Sie basiert auf der Nutzung der therapeutischen Eigenschaften von Temperatur.

Wärmetherapie im Detail

Die Wärmetherapie ist ein therapeutisches Verfahren, das die Anwendung von Wärme zur Behandlung verschiedener Beschwerden nutzt. Dabei wird Wärme auf unterschiedliche Arten zugeführt, um schmerzlindernde, entspannende, durchblutungsfördernde und stoffwechselanregende Effekte zu erzielen. Zu den Anwendungsformen gehören Auflagen, Wickel und Packungen, häufige Vollbäder und die Ultraschalltherapie.

Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick

Kältetherapie (Kryotherapie) im Detail

Die Kältetherapie, auch Kryotherapie genannt, ist ein therapeutisches Verfahren, bei dem Kälte zur Behandlung verschiedener medizinischer Bedingungen eingesetzt wird. Diese Methode nutzt die schmerzlindernden, entzündungshemmenden und abschwellenden Eigenschaften von Kälte. Die Kältetherapie ist vielseitig einsetzbar und kann bei einer Reihe von Zuständen wie Sportverletzungen, postoperativen Schmerzen, Entzündungen und bestimmten chronischen Schmerzbedingungen hilfreich sein.

Ultraschalltherapie: Eine spezielle Form der Wärmetherapie

Die Ultraschalltherapie nutzt hochfrequente Schallwellen, um thermische und mechanische Effekte zu erzeugen, die die lokale Durchblutung, Gewebereparatur und Schmerzlinderung fördern. Randomisierte Studien und Metaanalysen zeigen meist eine kurzfristige Schmerzlinderung bei muskuloskelettalen Beschwerden. Die Ultraschalltherapie wird primär zur Schmerzbehandlung und Förderung von Heilungsprozessen eingesetzt. Diese Therapieform nutzt Ultraschallwellen im Frequenzbereich von 0,8 bis 3 MHz, um tiefliegende Gewebeschichten zu erreichen. Dort erzeugen die Ultraschallwellen Wärme und Mikrovibrationen im Gewebe, was therapeutische Effekte verursachen kann.

Anwendungsbereiche der Ultraschalltherapie

Die Ultraschalltherapie ist eine effektive Behandlungsmethode für eine Vielzahl von Erkrankungen, insbesondere im Bereich des Bewegungsapparates. Sie wird häufig eingesetzt, um Beschwerden wie Sehnenscheidenentzündungen, Arthrose, Muskelverspannungen und andere Weichteilverletzungen zu behandeln.

Wirkungsweise der Ultraschalltherapie

Die Therapie wirkt durch die Anwendung von Ultraschallwellen, die tief in das Gewebe eindringen und dort heilende Prozesse fördern. Dies geschieht durch die Stimulierung der Durchblutung, Reduzierung von Entzündungen und Beschleunigung der Gewebereparatur. Darüber hinaus wird die Ultraschalltherapie auch zur Schmerzlinderung und zur Verbesserung der Gewebeelastizität genutzt. Dieser nicht-invasive therapeutische Ultraschall bietet eine schonende Alternative zu chirurgischen Eingriffen und wird oft als Teil eines umfassenden Rehabilitationsprogramms eingesetzt.

Nutzen der Ultraschalltherapie

  • Schmerzlinderung: Ultraschalltherapie wird häufig eingesetzt, um Schmerzen bei Muskel-, Sehnen- und Gelenkerkrankungen zu reduzieren.
  • Förderung der Durchblutung: Durch die Erhöhung der lokalen Durchblutung und die Stimulierung der Zellaktivität kann die Ultraschalltherapie den Heilungsprozess bei verschiedenen Verletzungen und Erkrankungen beschleunigen.
  • Reduzierung von Entzündungen: Die Therapie kann zur Verringerung von Entzündungen beitragen, was besonders bei Erkrankungen wie Tendinitis oder Bursitis hilfreich ist.

Ultraschalltherapie in verschiedenen medizinischen Bereichen

Die Ultraschalltherapie erweist sich sowohl für Sportler als auch für Personen mit chronischen Erkrankungen als nützlich. Bei Sportlern wird sie häufig zur Behandlung und Prävention von Verletzungen sowie zum Auflösen von Gewebsverklebungen und Beschleunigung des Heilungsprozesses nach sportbedingten Überlastungsschäden eingesetzt. Auf der anderen Seite bietet die Ultraschalltherapie auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen bedeutende Vorteile. Insbesondere bei chronischen Schmerzzuständen wie Arthrose oder langanhaltenden Sehnenscheidenentzündungen kann sie zur Schmerzlinderung und zur Verbesserung der Mobilität beitragen.

Weitere Therapieansätze bei Multipler Sklerose

Neben der Berücksichtigung von Wärme und Kälte gibt es weitere Therapieansätze, die bei MS eine wichtige Rolle spielen.

Medikamentöse Therapie

Beim Erstschub bzw. einem akuten schweren Schub ist es wichtig, dass sofort eine hochdosierte Cortison-Puls-Therapie eingeleitet wird. Je nach Schweregrad und Betroffensein des Patienten ist zu einem frühen Zeitpunkt gemeinsam mit dem Patienten zu entscheiden, ob eine Schubprophylaxe einzuleiten ist.

Nicht-medikamentöse Therapie

Ein weiterer Ansatz zur Entschleunigung des spontanen Krankheitsprozesses ist auch der konsequente, symptomorientierte Ansatz therapeutischer bzw. rehabilitativer Maßnahmen. Hierzu zählen Krankengymnastik, physikalische Therapie, Ergotherapie, Sprach- und Schlucktherapie, Musiktherapie und neuropsychologische Therapie. Auch Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern.

Lebensstilfaktoren

Lebensstilfaktoren werden seit vielen Jahren als wichtiger Einflussfaktor auf Entstehung und Verlauf der Multiplen Sklerose diskutiert. Es ist recht unbestritten, dass die Ernährung hier eine wichtige Rolle spielt. Ein wahrscheinlicher Risikofaktor ist der Konsum tierischer Fette, ein zu hoher Salzkonsum, eine ungesunde Ernährung („fast food“) mit zu wenig Obst und Gemüse. Es wird auch klarer, das Mikrobiom, insbesondere des Darmes, einen Einfluss auf die MS hat.

Sport und Bewegung

Regelmäßige sportliche Aktivität kann die aerobe Schwelle der MS-Patienten anheben, das Wohlbefinden steigern und die Aktivität fördern. Die DMSG empfiehlt Betroffenen daher Ausdauersportarten wie Nordic Walking oder Training auf dem Fahrradergometer. Für Patientinnen und Patienten in fortgeschrittenen MS-Stadien gibt es spezielle Sportangebote (MS-Sportgruppen oder neurologischen Reha-Sport), bei denen Sport- oder Bewegungstherapeuten das Training anleiten und gemäß dem individuellen Fitnesszustand des Patienten und dem Grad der Behinderung gestalten.

Umgang mit dem Winterblues

Mit abnehmender Lichtzufuhr nimmt auch die Ausschüttung des Botenstoffes Serotonin ab, der für Wohlbefinden, Glücksgefühle und Zufriedenheit sorgt. Gleichzeitig schüttet der Körper mehr Melatonin aus, das auf den Schlaf vorbereitet, müde und antriebsarm macht. Um dem entgegenzuwirken, sollten MS-Erkrankte sich auch im Winter täglich eine halbe, besser eine ganze Stunde lang im Freien aufhalten. Auch sogenannte „Lichtduschen“ können hilfreich sein. Zudem ist es wichtig, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und soziale Kontakte zu pflegen.

tags: #multiple #sklerose #warmetherapie