Multiple Sklerose: Wissenschaftliche Durchbrüche und Therapieansätze im Fokus

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit Millionen Menschen betrifft. Neue Forschungsergebnisse und Therapieansätze eröffnen vielversprechende Perspektiven für die Behandlung und das Verständnis dieser komplexen Erkrankung.

Neue Erkenntnisse zur Pathogenese der MS

Subtypen der MS auf Zellebene

Eine bahnbrechende Studie hat gezeigt, dass es auf Zellebene drei Subtypen der MS gibt, die jeweils durch ein spezifisches Profil von Immunzellen im Blut gekennzeichnet sind. Diese Subtypen sind mit verschiedenen Krankheitsverläufen assoziiert. Die Analysen aus Münster unterscheiden erstmals drei verschiedene Typen der immunologischen Aktivierung, die mit spezifischen Kennzeichen und Krankheitsverläufen einhergehen: den entzündlichen, den degenerativen und einen dritten, den die Wissenschaftler noch nicht im Detail beschreiben können. Patienten mit „entzündlicher“ MS litten im ersten Jahr nach der Diagnose unter mehr Krankheitsschüben und zeigten Läsionen, die auf eine Fehlfunktion der Blut-Hirn-Schranke hinweisen. Wer hingegen die degenerative Form der MS hatte, war von Anfang an schwerer betroffen und die Behinderung schritt schneller voran.

Zustandsbasierte Modellierung mittels Künstlicher Intelligenz

Anstatt Patienten zu kategorisieren, sollten wir ihren Zustand quantifizieren und dynamisch verfolgen. Das probabilistische Modell beschreibt MS als Abfolge von Zuständen („states“) mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten. Frühere, milde Zustände gehen meist über entzündliche Zwischenphasen in fortgeschrittene, irreversible Krankheitsstadien über. Die zustandsbasierte Modellierung mit Methoden der künstlichen Intelligenz ist nicht nur ein wissenschaftlicher Durchbruch in der MS-Forschung, sondern lässt sich auch auf viele andere Krankheiten anwenden, sowohl in der Neurologie als auch darüber hinaus.

Die Rolle des Myelins neu betrachtet

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das bisher als schützend angesehene Myelin, das Überleben der Axone sogar gefährden kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Myelinscheiden durch Immunzellen angegriffen wurden, aber weiterhin die Axone umhüllen und damit von der Außenwelt isolieren. Oligodendrozyten sind nämlich nicht nur für die Bildung des Myelins zuständig, sondern leisten auch wichtige Unterstützungsfunktionen für den Energiestoffwechsel der Axone.

Darmbakterien als potenzielle Auslöser

Mit Hilfe genetisch veränderter Mäuse der Krankheit haben die Forschenden erstmals Lachnoclostridium und Eisenbergiella tayi als potenzielle krankheitsauslösende Bakterien in den Darmproben der an MS erkrankten Zwillinge identifiziert. Die Studie zeigt, wie sich krankmachende Bakterien identifizieren lassen und könnte langfristig den Weg zu neuen Therapieansätzen im Menschen aufzeigen.

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Epstein-Barr-Virus (EBV) und MS

In zwei beeindruckenden Studien rückt die Umwelttheorie in den Vordergrund. Bjornevik et al. berichteten in Science, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) bei Erwachsenen dem Ausbruch von MS vorausgeht. Bereits zum Zeitpunkt der EBV-Infektion sind molekulare Zeichen einer Immunattacke gegen das Gehirn nachweisbar, lange bevor der erste MS-Schub auftritt. Diese Erkenntnisse bestätigen die lange vermutete EBV-Hypothese der MS. Das Epstein-Barr-Virus ist zwar kein notwendiger, aber ein hinreichender Faktor für die Entwicklung von MS. Etwa 95% der Menschen durchlaufen eine EBV-Infektion, aber nicht alle erkranken an MS.

Fortschritte in der Therapie der MS

Individualisierte Therapieansätze

Die Frage „Welche Therapie für wen?“ ist angesichts der Vielzahl von MS-Präparaten zentral: Die meisten Medikamente müssen möglichst früh im Krankheitsprozess eingesetzt werden, da sich einmal zerstörtes Nervengewebe quasi nicht regenerieren lässt. Aktuell können bei der Suche nach dem individuell richtigen Wirkstoff wertvolle Monate vergehen. Die nun gewonnenen Daten könnten diese Suche beschleunigen. Zudem lässt sich mit dem Immunzellprofil besser einschätzen, ob schwere Nebenwirkungen auftreten.

Subtypenspezifische Therapie

Ein erster Ansatz für eine solche subtypenspezifische Therapie ist die Blockade oder Elimination von gewebeschädigenden Antikörpern durch Plasmapherese. Diese Therapie ist bei Patienten mit fulminanten Krankheitsschüben sehr effektiv, ihre Wirkung ist jedoch auf jene Patienten beschränkt, in denen die Gewebeschädigung durch Antikörper vermittelt ist.

Hochwirksame Therapien im frühen Stadium

Daten belegen mittlerweile, dass es für Patienten mit schubförmiger MS langfristig von Vorteil sein kann, wenn rechtzeitig im frühen Stadium der MS hochwirksam therapiert wird.

Neue Wirkstoffe und Therapieansätze

Ein so genannter Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi) wird vielleicht noch dieses Jahr zugelassen und wird von der Fachwelt als möglicher Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS gehandelt. Eine vielversprechende Entwicklung in der MS-Forschung ist die mögliche therapeutische Ausrichtung auf das Epstein-Barr-Virus. Die Ergebnisse dieser Studie wecken Hoffnungen für eine ursächliche MS-Therapie. Die mit ATA188 behandelten Patienten zeigten sogar neurologische Verbesserungen. Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse ist jedoch Vorsicht geboten.

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Sport und Bewegung als Therapieergänzung

Sportmedizinsche Maßnahmen führen zu einer effizienten Symptomlinderung; hierbei werden auch hochintensive Trainingsprogramme gut vertragen. Ob regelmäßige Bewegung auch die Krankheitsprogression verlangsamen kann, ist unklar. Sporttherapeutische Maßnahmen haben sich aufgrund der effizienten und nebenwirkungsarmen Linderung vieler krankheitsspezifischer Symptome mittlerweile als integraler Bestandteil in der MS-Rehabilitation etabliert.

Einfluss von Sport auf das Immunsystem

Präklinische Daten lassen vermuten, dass Sport nicht nur das periphere antiinflammatorische Geschehen fördert, sondern auch inflammatorischen Prozessen im ZNS entgegenwirkt. Akute körperliche Belastungen provozieren intensitätsabhängig zuerst einen inflammatorischen Zustand (bewegungsinduzierte Leukozytose), dem durch die Produktion und Ausschüttung von anti-inflammatorisch wirkenden löslichen Faktoren (z. B. IL-10, IL-1ra, sTNF-R) entgegengesteuert wird. Man nimmt an, dass diese wiederkehrende kompensatorische Induktion eines antiinflammatorischen Zustands nach der Bewegung auf Dauer zu einer Verschiebung der Zellfraktionen der unterschiedlichen Immunzellen in Ruhe führt.

Sport und die Blut-Hirn-Schranke

Passend zu diesen Erkenntnissen unterstreicht eine aktuelle Übersichtsarbeit den Einfluss von regelmäßiger Bewegung auf die Physiologie der BHS und hebt die Relevanz von Bewegung bei neuroinflammatorischen und neurodegenerativen Erkrankungen wie MS hervor.

Sport und neurotrophe Faktoren

Zudem hat Bewegung einen positiven Effekt auf die Ausschüttung von neurotrophen Faktoren, von denen der „brain-derived neurotrophic factor“ (BDNF) das wohl am besten untersuchte Molekül ist. Diesbezüglich sind vorübergehende und intensitätsabhängige Steigerungen der peripheren BDNF-Konzentration durch akute Ausdauerbelastungen von mindestens 30 Minuten gut belegt, wenngleich es hinsichtlich des Effekts einer mehrwöchigen Trainingsintervention widersprüchliche Ergebnisse gibt.

Herausforderungen und zukünftige Forschung

Überführung in den klinischen Alltag

Wichtig ist es nun, diese Möglichkeiten der individualisierten Risikoabschätzung in die klinische Praxis zu überführen und hierzu prospektive Daten zu sammeln. Der nächste Schritt ist nun die Überführung in den klinischen Alltag, etwa zur Therapieentscheidung oder zur besseren Patient*innenaufklärung.

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Weitere Forschung notwendig

Die Forschenden betonen, dass es natürlich noch mehr Organismen mit diesem Potenzial geben kann. Weitere Studien sind nötig, um ein umfassenderes Bild zu erhalten und die Pathogenität der beiden Kandidaten im Detail zu überprüfen - zunächst im Mausmodell der Krankheit und später auch bezüglich der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen. Ob regelmäßige Bewegung nicht nur Symptome lindern kann, sondern auch den Krankheitsfortschritt positiv beeinflusst, ist noch unklar und sollte ein Schwerpunkt zukünftiger Follow-up-Studien sein. Darüber hinaus sind mehr randomisierte kontrollierte Studien nötig, um die Bewegungsempfehlungen für Menschen mit MS in verschiedenen Krankheitsstadien zu optimieren.

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