Muscarin: Wirkung auf das Nervensystem, Vergiftung und therapeutische Anwendungen

Muscarin, ein natürlich vorkommendes Alkaloid, ist bekannt für seine markanten Auswirkungen auf das Nervensystem. Ursprünglich im Fliegenpilz (Amanita muscaria) entdeckt, wurde es fälschlicherweise für die toxischen Wirkungen dieses Pilzes verantwortlich gemacht. Spätere Forschungen ergaben jedoch, dass Muscimol und Ibotensäure die Hauptverursacher der Giftwirkung des Fliegenpilzes sind. Trotzdem spielt Muscarin eine wichtige Rolle in der Pharmakologie und Toxikologie, insbesondere im Zusammenhang mit muskarinischen Acetylcholinrezeptoren.

Muscarin und Acetylcholinrezeptoren

Muscarin wirkt als Agonist an muskarinischen Acetylcholinrezeptoren (mAChRs), die eine Untergruppe der Acetylcholinrezeptoren darstellen. Diese Rezeptoren sind im parasympathischen Nervensystem weit verbreitet und vermitteln verschiedene physiologische Funktionen. Im Gegensatz zu Acetylcholin, das durch das Enzym Acetylcholinesterase abgebaut wird, wird Muscarin nicht abgebaut, was zu einer anhaltenden Aktivierung der mAChRs führt.

Acetylcholin (ACh) ist ein Neurotransmitter, der im zentralen Nervensystem (ZNS) und im peripheren Nervensystem (PNS) eine entscheidende Rolle spielt. Es wirkt an verschiedenen Zelltypen unterschiedlich, was seine vielfältigen Funktionen unterstreicht. An der Skelettmuskulatur beispielsweise hat Acetylcholin eine aktivierende Wirkung, während es am Herzmuskel zur Öffnung von Kaliumkanälen führt, was die Ausbildung von Aktionspotentialen erschwert. Diese unterschiedliche Wirkungsweise verdeutlicht, dass die Funktion eines Neurotransmitters stark von der Rezeptorfunktion abhängt und in verschiedenen Zellen unterschiedlich sein kann.

Neben Acetylcholin gibt es eine Reihe weiterer Neurotransmitter im zentralen Nervensystem (ZNS), die jeweils spezifische Funktionen erfüllen. Zu diesen Neurotransmittern gehören Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, Glutaminsäure, Gamma-Aminobuttersäure (GABA) und Glycin. Jeder dieser Neurotransmitter wirkt über spezifische Rezeptoren und beeinflusst unterschiedliche Aspekte der neuronalen Aktivität.

Wirkungsweise von Muscarin

Die Bindung von Muscarin an mAChRs löst eine Kaskade von intrazellulären Ereignissen aus, die zu verschiedenen physiologischen Effekten führen. Diese Effekte umfassen:

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  • Pupillenverengung (Miosis): Muscarin stimuliert die Kontraktion des Musculus sphincter pupillae im Auge, was zu einer Verengung der Pupille führt.
  • Erhöhter Speichel- und Tränenfluss: Muscarin aktiviert die Speichel- und Tränendrüsen, was zu einer vermehrten Sekretion führt.
  • Verlangsamung der Herzfrequenz (Bradykardie): Muscarin wirkt auf den Sinusknoten des Herzens und verlangsamt die Herzfrequenz.
  • Bronchokonstriktion: Muscarin kontrahiert die glatte Muskulatur der Atemwege, was zu einer Verengung der Bronchien führt.
  • Erhöhte Darmmotilität: Muscarin stimuliert die Kontraktion der glatten Muskulatur des Darms, was zu einer erhöhten Motilität und möglicherweise zu Durchfall führt.

Muscarinvergiftung

Eine Muscarinvergiftung kann durch den Verzehr von Pilzen auftreten, die hohe Konzentrationen an Muscarin enthalten, wie beispielsweise bestimmte Arten von Trichterlingen und Risspilzen. Die Symptome einer Muscarinvergiftung treten in der Regel innerhalb von 15 bis 30 Minuten nach der Einnahme auf und können folgende umfassen:

  • Übermäßiges Schwitzen
  • Speichelfluss
  • Tränenfluss
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Durchfall
  • Bauchkrämpfe
  • Verlangsamung der Herzfrequenz
  • Niedriger Blutdruck
  • Atembeschwerden
  • Verwirrtheit
  • Halluzinationen
  • Krampfanfälle
  • Koma

In schweren Fällen kann eine Muscarinvergiftung zu Atemlähmung und Tod führen.

Therapie bei Muscarinvergiftung

Die Behandlung einer Muscarinvergiftung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die lebenswichtigen Funktionen aufrechtzuerhalten. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

  • Dekontamination: Wenn die Einnahme erst kürzlich erfolgt ist, kann eine Magenspülung oder die Gabe von Aktivkohle helfen, die Absorption von Muscarin zu reduzieren.
  • Supportive Maßnahmen: Die Aufrechterhaltung der Atemwege und der Atmung ist entscheidend. Bei Bedarf kann eine Intubation und mechanische Beatmung erforderlich sein.
  • Antidot: Atropin ist ein Anticholinergikum, das als Antidot bei Muscarinvergiftung eingesetzt wird. Es blockiert die Wirkung von Muscarin an den mAChRs und kann die Symptome der Vergiftung lindern.

Muscarinrezeptoren und ihre Subtypen

Muscarinrezeptoren sind nicht alle gleich. Es gibt fünf Haupttypen, bekannt als M1 bis M5, die in verschiedenen Geweben des Körpers vorkommen und unterschiedliche Funktionen haben.

  • M1-Rezeptoren: Diese Rezeptoren finden sich hauptsächlich im Gehirn und spielen eine Rolle bei kognitiven Funktionen wie Lernen und Gedächtnis.
  • M2-Rezeptoren: M2-Rezeptoren sind vor allem im Herzen lokalisiert, wo sie die Herzfrequenz regulieren.
  • M3-Rezeptoren: Diese Rezeptoren kommen in der glatten Muskulatur vieler Organe vor, darunter der Magen-Darm-Trakt, die Harnblase und die Speicheldrüsen. Sie sind an der Steuerung der Muskelkontraktion und der Sekretion beteiligt.
  • M4-Rezeptoren: M4-Rezeptoren finden sich in den Basalganglien des Gehirns, aber ihre genaue Funktion ist noch nicht vollständig geklärt.
  • M5-Rezeptoren: Diese Rezeptoren sind im Gehirn und in einigen peripheren Geweben vorhanden, aber ihre spezifischen Funktionen sind noch nicht vollständig verstanden.

Therapeutische Anwendungen von Muscarinrezeptor-Agonisten und -Antagonisten

Obwohl Muscarin selbst aufgrund seiner Toxizität keine therapeutische Anwendung findet, werden andere Substanzen, die an mAChRs wirken, in der Medizin eingesetzt.

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  • Muscarinrezeptor-Agonisten: Diese Substanzen aktivieren mAChRs und werden zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, darunter:
    • Glaukom: Pilocarpin, ein mAChR-Agonist, wird zur Senkung des Augeninnendrucks bei Glaukom eingesetzt.
    • Xerostomie (Mundtrockenheit): Cevimelin, ein mAChR-Agonist, wird zur Behandlung von Mundtrockenheit bei Patienten mit Sjögren-Syndrom eingesetzt.
  • Muscarinrezeptor-Antagonisten (Anticholinergika): Diese Substanzen blockieren mAChRs und werden zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, darunter:
    • Überaktive Blase: Oxybutynin, Tolterodin und Solifenacin sind Anticholinergika, die zur Behandlung der überaktiven Blase eingesetzt werden.
    • Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD): Ipratropium und Tiotropium sind inhalative Anticholinergika, die zur Erweiterung der Atemwege bei COPD eingesetzt werden.
    • Morbus Parkinson: Trihexyphenidyl und Benztropin sind Anticholinergika, die zur Linderung von Tremor und Muskelsteifigkeit bei Morbus Parkinson eingesetzt werden.
    • Reisekrankheit: Scopolamin ist ein Anticholinergikum, das zur Vorbeugung von Reisekrankheit eingesetzt wird.
    • Bradykardie: Atropin wird zur Erhöhung der Herzfrequenz bei Bradykardie eingesetzt.

KarXT: Ein neuartiges Medikament zur Behandlung von Schizophrenie

Ein vielversprechender neuer Ansatz in der Behandlung von Schizophrenie ist das Medikament KarXT (Markenname Cobenfy), das von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wurde. Im Gegensatz zu herkömmlichen Antipsychotika, die hauptsächlich auf den Botenstoff Dopamin abzielen, wirkt KarXT auf die Muskarinrezeptoren M1 und M4. Dieser neuartige Wirkmechanismus, der 1993 entdeckt wurde, kombiniert zwei Stoffe: Xanomelin, einen selektiven Muskarinrezeptor-Agonisten, und Trospium, einen Muskarin-Antagonisten. Xanomelin aktiviert die Muskarinrezeptoren im gesamten Nervensystem, während Trospium dessen Wirkung im peripheren Nervensystem verhindert, wodurch unangenehme Nebenwirkungen reduziert werden.

Die Wirksamkeit von KarXT wurde in den EMERGENT-Studien untersucht, die vielversprechende Ergebnisse zeigten. Das Medikament zeigte im Vergleich zu Placebo eine Wirksamkeit, ging aber auch mit einigen Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Kopfschmerzen einher. Experten sehen in KarXT einen potenziellen Durchbruch in der Pharmakotherapie der Schizophrenie, da es einen neuen Wirkmechanismus bietet und möglicherweise weniger motorische Nebenwirkungen verursacht als herkömmliche Antipsychotika.

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