Spiegelneuronen sind eines der spannendsten Forschungsfelder in den Neurowissenschaften. Vieles spricht dafür, dass sie uns helfen, Bewegungen anderer zu deuten. Prof. Dr. Manchmal passieren bedeutsame Entdeckungen ganz unerwartet. Ein Apfel fällt auf den Kopf Isaac Newtons, und plötzlich erkennt der englische Naturforscher aus dem 17. Jahrhundert die Gesetze der Gravitation. Der Mediziner Alexander Fleming vergisst 1928 vor seinem Urlaub eine Bakterienkultur, und als er zurückkommt, ist sie von einem Schimmelpilz vernichtet, aus dem er später Penicillin extrahiert. Und in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bekommt der Forscher Leonardo Fogassi Lust auf eine Rosine - und entdeckt so mit seinen Kollegen um den Neurologen Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma die Spiegelneuronen.
Die zufällige Entdeckung der Spiegelneuronen
Die Forscher untersuchten damals mit Hilfe von Experimenten die Bewegungsplanung im Gehirn von Makaken. Während das Tier nach unterschiedlichen Objekten griff - etwa Nüssen, Spielzeug und Rosinen -, überprüften Rizzolatti und sein Team mit Hilfe von Elektroden die Aktivität bestimmter Neuronengruppen in dem Areal F5. In diesem Areal, das im unteren Teil des prämotorischen Cortex liegt, werden Handlungen geplant und initiiert. In einer Pause, in welcher der Affe passiv auf eine weitere Messung wartete, griff nun Leonardo Fogassi selbst nach einer Rosine. Zuerst dachten Rizzolatti und seine Kollegen an einen Fehler im Versuchsaufbau. Darum variierten sie die experimentelle Situation, schlossen etwa eine Futtererwartung aus, indem sie kein Obst, sondern andere Objekte aufgriffen. Doch das Ergebnis war das Gleiche: „Es wirkte, als würden diese Zellen den beobachteten Verhaltensakt direkt, unmittelbar widerspiegeln“, schrieben die Forscher später in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“. „Deswegen nannten wir sie Spiegelneuronen oder Spiegelzellen.“
Funktionsweise und Bedeutung der Spiegelneuronen
Im Laufe der Jahre unternahmen Rizzolatti und sein Team zahlreiche Versuche, um der Bedeutung der Spiegelneuronen auf den Grund zu kommen. So stellten sie fest, dass manche Spiegelneuronen nicht allein bei visuellen Reizen feuern. Selbst Geräusche wie das Zerreißen eines Papiers oder das Knacken von Nüssen sorgen für höhere Aktivitätsraten. Noch stärker elektrisierten die Forscher aber die Ergebnisse einer weiteren Versuchsreihe: Sie zeigten den Makaken, wie die Hand eines Experimentators aus einer Schale mit Obst eine Frucht ergriff. Dann stellten sie einen Sichtschutz so auf, dass die Schale und damit der zweite Teil der Handlung unsichtbar blieb. Obwohl der Affe nur sehen konnte, wie die Hand dahinter verschwand, feuerten die Spiegelneuronen. Die Spiegelneuronen waren also besonders dann aktiv, wenn die Hand eine Handlung ausführte, die für den Affen eine Bedeutung hatte. „Man vermutet heute, dass das, was die Neuronen eigentlich interessiert, das Ziel der Handlung ist“, erklärt Peter Thier vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, der seit mehreren Jahren mit dem Rizzolatti-Labor zusammen arbeitet. Dadurch erst, so die Theorie, können wir eine Handlung auch verstehen: „Nach dem Konzept der Spiegelneuronen basiert Verstehen darauf, dass ich das Gesehene oder auch Gehörte nutze, um das motorische System, über das ich verfüge, zur Resonanz zu bringen,“ so Thier. Die Basis von Verständnis wäre demzufolge nicht, die Absicht anderer rational nachzuvollziehen, sondern nachzufühlen. „Das ist das Reizvolle an dieser Theorie“, sagt Thier.
Inzwischen sind die Spiegelneuronen bei Makaken nicht nur im Bereich F5, sondern auch in Teilen des Parietallappens gefunden worden. Der Parietallappen ermöglicht räumliche Wahrnehmung und räumliches Handeln, etwa, die Augen auf ein Objekt zu fokussieren. Auch bei anderen Tieren wurden die spezialisierten Neuronen entdeckt: Singvögel etwa verfügen über Spiegelneuronen im Gesang-System.
Spiegelneuronen beim Menschen: Beweislage und Kontroversen
Doch wie sieht es beim Menschen aus? Haben auch wir Spiegelneuronen? „Dafür gibt es überzeugende Argumente“, sagt Peter Thier - auch wenn die Beweislage hierfür noch unvollständig ist. Denn anders als beim Makaken kann man beim Menschen meist nicht invasiv nach Neuronenaktivitäten fahnden. Die meisten Studien zu Spiegelneuronen greifen darum auf Kernspin- oder EEG-Bilder zurück. Deren Ergebnisse aber sind ungenau und lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. In einigen wenigen Fällen jedoch konnten Ärzte dennoch einen Blick in das menschliche Gehirn werfen: Während Operationen bei Epilepsie-Patienten. Um sehr schwere Krankheitsverläufe zu lindern, versuchen Ärzte manchmal, bestimmte Hirnareale mit Hilfe von Elektroden „umzuprogrammieren“, oder abgegrenzte Areale, von denen die Anfälle ausgehen, zu zerstören. Auch wir Menschen verfügen also über diese ungewöhnlichen Nervenzellen.
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Doch was ist ihre genaue Aufgabe? Sind die Spiegelneurone möglicherweise die Grundlage unserer Fähigkeit zu Empathie, wie manche Sachbücher postulieren? Peter Thier sieht solche Verallgemeinerungen kritisch: „Es ist ein weiter Weg von Spiegelneuronen beim Affen zu dem, was da an Neurophilosophie in manchen Sachbüchern produziert wird“, sagt er. „Die Spiegelneuronen sind ein stimulierendes Konzept, aber man muss auch die Unklarheiten thematisieren.“ Und davon gibt es noch einige. Denn auch wenn die Versuche mit Makaken zeigen, dass bestimmte Neurone feuern, während die Affen andere bei einer Handlung beobachten, bedeutet das nicht automatisch, dass beide Aktivitäten in Zusammenhang stehen. „Bislang konnte niemand experimentell nachweisen, dass die Tiere, die untersucht wurden, tatsächlich die gesehenen Aktionen bewerteten oder verstanden haben“, gibt Thier zu bedenken. Noch vorsichtiger ist der Forscher bei einer weiteren oft genannten These: Dass die Aktivität von Spiegelneuronen uns hilft, durch Imitation von anderen zu lernen. „Das Problem ist: Makaken imitieren praktisch nicht“, sagt Thier. „Auch die meisten anderen Tierarten lernen nicht durch Imitation.“ Menschen, Schimpansen, aber auch Singvögel, die ihre Lieder von älteren Artgenossen abkupfern, bildeten hier die berühmte Ausnahme von der Regel.
Noch gibt es nur Theorien, wie diese Widersprüche zusammen passen. So könnte es sein, dass unser Gehirn heute das Spiegelneuronensystem zur Imitation nutzt, es aber früher eine andere Funktion hatte. Eine andere These besagt, dass unsere Fähigkeit zur Sprache auf den Spiegelneuronen aufbauen könnte - die Hirnareale, die für Sprache zuständig sind wie etwa das Broca-Areal, liegen nämlich genau in dem Bereich, der bei Makaken dem Areal F5 entspricht. „Beide Thesen sind aber bislang bloße Spekulation“, sagt Thier.
Musik, Gemeinschaft und Spiegelneuronen
Musik stiftet Gemeinschaft. Das merkt man nicht nur, wenn man schon einmal die Fangesänge im Stadion mitgesungen hat. Mit Musik können Menschen gemeinsam Gefühle ausdrücken oder auch erzeugen. Es wird angenommen, dass dies sogar ein Ursprung der Musik ist, dass sie als Mittel zur Bindung zwischen den Mitgliedern einer Gruppe entstand. Und das zu einer Zeit, in der unsere Vorfahren in kleinen Gemeinschaften zusammen lebten und ihr Überleben von einer engen und verlässlichen Bindung zwischen den Gruppenmitgliedern lebenswichtig waren. Man könnte also sagen, Gruppenunterricht ist die ursprünglichste Form des Musikmachens. Dennoch wird diese Form des Musikunterrichts häufig unterschätzt. Zu unrecht. Gruppenunterricht wird oft noch immer als “minderwertige” Unterrichtsform angesehen. Dabei ist Gruppenunterricht für viele Menschen die beste Form des Lernen. Manch einer denkt, dass im Gruppenunterricht der Lehrer weniger Zeit für den einzelnen Schüler hat und dass deshalb der ein oder andere zu kurz kommt. H.P. Menschen verfügen über sogenannte Spiegelneuronen. Dies sind Nervenverbindungen im Gehirn, die aktiviert werden, sobald wir jemanden bei einer Handlung beobachten. Die Spiegelneuronen sind dafür verantwortlich, dass wir besonders gut lernen, wenn wir anderen zusehen dürfen. Lernen durch Beobachtung ist ein Lernweg, den die Menschen seit Tausenden von Generationen genutzt haben, der aber mehr und mehr verschwunden ist. Heute kennen wir eher das Modell, bei dem ein Lehrer einmal zeigt, wie etwas geht und wir sollen es nachmachen. Wenn es nicht gleich klappt, sollen wir eben üben, üben, üben. Dabei lernen wir umso besser, je länger oder häufiger wir eine Tätigkeit beobachten können. Die Schüler inspirieren sich im Gruppenunterricht gegenseitig. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die durch Ausführung und Beobachtung von Bewegungen aktiviert werden. Jeder kennt den Spruch “Lachen ist ansteckend”. Auch das hat mit den Spiegelneuronen zu tun. Lachen kann allein dadurch ausgelöst werden, dass wir andere Menschen Lachen sehen oder hören. Die Spiegelneuronen haben nicht nur einen Einfluss auf das Lernen von Handlungen, sondern auch auf unsere Gefühlsebene. Wir erleben, was andere fühlen, in einer Art inneren Simulation und dies führt häufig zu einer Art “emotionaler Ansteckung”, zur tatsächlich gefühlten Nachahmung von Gefühlen. So ist auch Motivation “ansteckend”. Wer mit anderen motivierten Menschen gemeinsam lernt, wird zu besseren Leistungen angespornt. Das Ganze funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wir spiegeln auch “negative” Gefühle wie Ärger oder Missgunst. Gruppenunterricht kann nicht nur besonders viel Spaß machen.
Spiegelneuronen im Theater und Tanz
Der Tanzabend "Spiegelneuronen" auf Kampnagel ist ein Experiment über Gehirn, Körper und ihr Verhältnis zueinander. Das ist schon ein bisschen "spooky", wenn das Bühnenlicht langsam angeht und man sich selbst und das gesamte Mit-Publikum in einem riesigen Spiegel sieht. Niemand da sonst. Nur wir uns gegenüber. "Man macht komische Sachen", sagt jemand nach gefühlt minutenlanger Einsamkeit in dieser Situation. Irgendwie automatisch sucht man sich im Spiegel, winkt albern oder zuckt oder wackelt hin und her. Zum ersten Mal haben die Star-Choreografin Sasha Waltz und Stefan Kaegi vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll zusammengearbeitet und sorgten an diesem Abend für ausverkaufte Plätze. Beide sind schon lange auf Kampnagel verlässlich erfolgreich: Sasha Waltz mit Tanzabenden, Rimini Protokoll mit Performances mit Dokumentartheater-Geschmack. Was wird also passieren? Erstmal werden wir verständnisvoll angesprochen: "Es ist bizarr, aber es ist eine ungewöhnliche Perspektive, dass du nicht realisierst, dass der kleine Punkt da gegenüber du bist (.. ) Aber es ist klar, das bist du. Langsam gehen Arme nach oben, schwingen hin und her, zuerst bleiben alle an ihren Sitzen kleben, irgendwann steht jemand auf. Dass wir im Zuschauerraum in Bewegung kommen, liegt auch daran, dass sieben Tänzer und Tänzerinnen im Publikum verteilt sind und mit ihren Aktionen unsere "Spiegelneuronen" triggern. Das sind Zellen in unserem Gehirn, die dafür sorgen, dass wir das nachahmen, was wir sehen, Bewegungen imitieren und Empathie empfinden. Einfach gesagt jedenfalls. Gähnen, an die Nase fassen, lachen, wenn der andere lacht. Begleitet werden wir von Expertinnen und Experten aus dem Off, unter anderem ein Hirnforscher, eine Professorin für Soziale Neurowissenschaft, ein KI-Wissenschaftler. Sie waren bei den Proben zu diesem Experiment dabei und lassen uns in diesen 90 Minuten teilhaben an ihren Erfahrungen und Einschätzungen: "Und dann kann man durch Mikrobewegungen eben dann doch Handlungsfähigkeit beweisen ( … ) Und selbst wenn es einen Impuls gab, es ist vielleicht auch gar nicht so wichtig, wo der herkam. Die Leute machen was Eigenes daraus. In der Moderne ist man immer inkludiert. Selbst wenn man dasitzt, ist man Teil der Gruppe, ist man Teil der Gesellschaft. Sich komplett rauszuziehen, ist nicht möglich. Wie agieren wir in der Gemeinschaft? Was, wenn ich nicht mitmache? Darf mein Sitznachbar mir auf die Schulter fassen? Wo fängt mein "Zu nah"- Bereich an? Die Stärke des Abends ist: Alles ist erlaubt. Und selbst wenn der Lichtkegel gefühlt minutenlang auf einem der Zuschauenden ruht, kriegt keiner mehr Puls. Der Abend ist voller Respekt.
„Spiegelneuronen“ ist ein Experiment, in jeder Aufführung von neuem. Es geht um das menschliche Gehirn und sein Verhältnis zum Körper. Das Publikum ist wesentlicher Teil dieses Versuchs: eingeladen, nicht nur tänzerische Bewegung zu beobachten, sondern sich selbst zu bewegen - als aktiver Teil eines gemeinsamen Systems, als Teil eines großen Gehirns. Ein Spiegel ersetzt die Bühne. Er reflektiert nicht nur die Tänzerinnen, sondern - wie ein gigantisches Selfie - die ganze Tribüne mitsamt Publikum. Der Zuschauerraum wird zum Hauptaktionsort. Im Austausch mit den Tänzerinnen rückt das Publikum ins Zentrum der Bewegung, verkörpert Bilder, trägt zur Choreografie bei. Über den Spiegel betrachten die Zuschauer*innen sich selbst und andere beim Beobachten des Experiments, dessen Mittelpunkt sie sind. Die dokumentarische Recherche bezieht Perspektiven aus Hirnforschung, Biologie, Soziologie und KI ein - erfahrbar in einer Soundcollage, die gehört, erlebt, vielleicht sogar antizipiert oder unterlaufen wird. Das Verhältnis vom Individuum zum großen Ganzen lädt in diesem Theaterexperiment ein zu einem körperlichen Nachdenken über Gesellschaft, über eine demokratische Version eines Hyperorganismus.
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Vittorio Gallese und seine Forschung zu Spiegelneuronen
Vittorio Gallese gehört zu den Entdeckern der Spiegelneuronen. Der italienische Neurologe interessiert sich seit jeher auch für Kunst und Philosophie. Als Wissenschaftler jagen wir dem Neuen geradezu obsessiv hinterher. Jeder glaubt, er habe etwas Neues entdeckt. Aber wenn man in die Vergangenheit blickt, merkt man, dass es schon Menschen vor uns gab, die auf dieselben Gedanken gekommen sind wie wir. Das kann bei der Entwicklung neuer Hypothesen sehr helfen. Die historische Perspektive ist für die Wissenschaft unglaublich wichtig.
Wenn wir Musik hören, verwenden wir Areale im Gehirn, die auch für Sprache zuständig sind. Musik hat keine erkennbare Kontur oder visuelle Gestik, aber sicher Stimuli, die sofort körperlich empfunden werden. Das hat mit dem Rhythmus zu tun, auch mit Tonarten - wobei diese nicht universell sind. Auch das Gedächtnis spielt eine große Rolle.
Als Sie die Spiegelneuronen entdeckten, waren Sie aber mehr im Labor als im Kino oder in Museen. Sie experimentierten mit Affen, denen Sie Erdnüsse vor die Nase hielten. Wir untersuchten Neuronen, die die Bewegung der Hand beim Greifen nach einem Objekt steuern. Das Gehirn des Affen war mit einem Monitor verbunden, der ein akustisches Signal sendete, sobald ein Neuron feuerte. Und plötzlich ertönte das Signal, obwohl der Affe gar nicht nach der Nuss gegriffen hatte, sondern nur gesehen hatte, dass einer der Forscher das tat. So stellten wir fest, dass es Neuronen gibt, die beim bloßen Zusehen einer Handlung feuern, wir nannten sie Spiegelneuronen. In monatelangen Kontrollexperimenten bestätigte sich unser Gefühl, etwas Wichtiges entdeckt zu haben.
Zunächst wurden Ihre Forschungsergebnisse nicht ganz ernst genommen, ein paar Jahre später waren sie Popkultur. Spiegelneuronen schienen der Schlüssel zum menschlichen Verhalten, erklärten das Phänomen des Mitgefühls und dessen Abwesenheit. War Ihnen die Stilisierung Ihrer Entdeckung zur Weltformel manchmal unheimlich? Das war bedauerlich, aber von uns nicht mehr zu kontrollieren. Der Begriff Spiegelneuronen ging in die Alltagssprache ein, kam sogar plötzlich in Romanen vor. Als ein Mann in New York ein ihm unbekanntes Mädchen rettete, das im U-Bahn-Schacht auf die Schienen gefallen war, hieß es in einem Zeitungsbericht: „Nun wissen wir, warum wir altruistisch sind - weil wir Spiegelneuronen haben.“ Das ist eine Schlussfolgerung, die jeder Grundlage entbehrt. Dafür kann man mich nicht verantwortlich machen. Unsere Aufgabe ist es, Experimente durchzuführen, Hypothesen zu erarbeiten, immer neue Fragen zu stellen, die sich aus vorhergegangenen Antworten ergeben. Niemand kann bisher mit Sicherheit sagen, wie das Gehirn arbeitet. Niemand kann behaupten, er verstehe, was Empathie wirklich ist und wie sie zustande kommt. Es gibt unterschiedliche Theorien und unterschiedliche Grauzonen innerhalb jeder Theorie. Die Pop-Qualität der Spiegelneuronen in den Medien wurde letztendlich wie eine Waffe eingesetzt.
Die "Embodied Simulation" Theorie
Was ich „Embodied Simulation“ nenne, geht über die Spiegelneuronen hinaus. Es beruht auf der Annahme, dass es in unserem Körper fundamentale Mechanismen gibt, die uns einen direkten Zugang zum Geist anderer erlauben, und zwar nicht durch konzeptuelles Nachdenken, sondern durch direkte Simulation des beobachteten Verhaltens. Das heißt nicht, dass wir die Handlungen des anderen imitieren. Gemeint ist vielmehr, dass wir unsere Umgebung im Gehirn abbilden - und zwar nicht allein mittels sprachlicher Prozesse oder auf den Aktivitäten der Sehnerven beruhender Vorgänge, sondern auch durch Bewegungsneuronen. Bewegungsneuronen sprechen auf visuelle, auditive und auf taktile Reize an. Bei den Affen etwa, wurden die Bewegungsneurone auch dann aktiv, wenn sie uns nur hörten. Die funktionale Architektur der „Embodied Simulation“ scheint eine fundamentale Charakteristik unseres Gehirns zu sein, evolutionär gesehen ist es wahrscheinlich der älteste Mechanismus, um unsere Umgebung, Raum, Objekte, andere Individuen zu erfassen.
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Spiegelneuronen und Empathie in sozialen Beziehungen
Unser Ich, unser Selbst, kann nicht verstanden werden, wenn man ein Individuum vom anderen trennt. Das Selbst und der Andere sind zwei wechselseitig miteinander verbundene und untrennbare Einheiten. Ich denke, wir sollten uns vor der Digitalisierung nicht fürchten, aber man muss bei den Kindern schon etwas Vorsicht walten lassen. Denn natürlich besteht das Risiko, dass junge Leute komplett in die virtuelle Welt abdriften. Plötzlich sind sie populär, weil sie viele Likes haben, und nicht weil sie gut Ski fahren oder tanzen können. Und Likes und Friends beruhen immer mehr darauf, was du vorgibst zu sein in dieser virtuellen Welt, und immer weniger darauf, wer du in Wirklichkeit bist. Die direkte soziale Interaktion von Angesicht zu Angesicht, die im Übrigen die anspruchsvollste ist, verschwindet zusehends. Wenn man apokalyptisch sein will, kann man sich eine Welt vorstellen, in der Politik und Menschenrechte an Bedeutung verlieren, weil der Bürger, der sich eigentlich verantwortlich fühlen sollte, einen Zufluchtsort in der virtuellen Welt gefunden hat. Und diese Welt hat er sich auf der Basis seines extremen Narzissmus so eingerichtet, dass alle, mit denen er zu tun hat, genauso sind wie er.
Tanz als Stärkung des Gleichgewichtssinns und Aktivierung von Spiegelneuronen
Kennst du das Gefühl, wenn du in einem Tassenkarussell sitzt, das sich erst langsam, dann immer schneller dreht? Der Boden unter dir verschwimmt, die Umgebung saust vorbei - doch dein Körper versucht, die Balance zu halten, deinen Kopf aufrecht, die Orientierung im Raum zu bewahren. Der vestibuläre Sinn hilft uns, Gleichgewicht zu halten, Richtung zu erfassen, und bei jeder Bewegung die Stabilität des Körpers zu regulieren. Tanzen ist dabei mehr als körperliche Aktivität - es ist Ausdruck, Begegnung, Rhythmus und Orientierung im Raum. Wer tanzt, spürt nicht nur den eigenen Körper, sondern auch den Takt des Gegenübers. Und genau hier kommt das vestibuläre System wieder ins Spiel - oft unbemerkt, aber unverzichtbar. Es ermöglicht uns, uns mitten im Wirbel zu orientieren. Was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir anderen beim Tanzen zusehen - und dabei fast selbst ins Wippen geraten? Hier kommen die sogenannten Spiegelneuronen ins Spiel: Nervenzellen, die nicht nur dann aktiv sind, wenn wir selbst eine Bewegung ausführen, sondern auch dann, wenn wir beobachten, wie jemand anderes sie tut. Gerade beim Tanzen wird dieses Zusammenspiel besonders deutlich. Wer tanzt, ist nicht nur körperlich aktiv, sondern auch sozial und emotional eingebunden: Wir spüren in uns, was wir sehen. Wir reagieren auf den Takt, den Ausdruck, die Körperhaltung des Gegenübers.
Die Rolle von Spiegelneuronen im sozialen Verständnis und Mitgefühl
Ihr Vortrag beschäftigte sich mit sozialen Beziehungen und den zwischenmenschlichen Wahrnehmungen. Was wissen wir eigentlich voneinander und wie schlägt dieses Wissen in Gefühle um? Tiefe Gefühle sind folglich auch ohne subtiles Wissen des Anderen möglich. Die genauere Beschreibung ihres Tätigkeitsfeldes lautet: "Ich bin soziale Neurowissenschaftlerin, unser Forschungsgebiet ist Verständnis und Mitgefühl." Also schaut man sich unsere Gesellschaft an. Wie kommen Menschen miteinander klar, wie verstehen sich Menschen gegenseitig? Dies allerdings mit Einschränkungen: "Wir konzentrieren uns nicht auf das Große und Ganze der Gesellschaft, sondern auf das Individuum. Letztlich geht es um das Verständnis des Menschen. Aber was macht den Menschen aus? "Er ist ein soziales Wesen." Dazu zeigt die Neurowissenschaftlerin Bilder, welche darstellen wie Menschen nebeneinander sitzen, nebeneinander hergehen - ohne allerdings die geringste Notiz voneinander zu nehmen. Dennoch: blickt ein Mensch einmal in das Antlitz eines anderen Menschen, erwidert er meist dessen Gesichtsausdruck. Ein Lächeln wird mit einem Lächeln erwidert, eine traurige Mimik mit traurigen Gesichtszügen. Verantwortlich für solche Reaktionsweisen zeichnen die Spiegelneurone. Wir imitieren, einmal um den Anderen zu verstehen, aber auch, um uns untereinander besser zu verstehen, wollen Harmonie erzeugen. Aber nicht nur der Gesichtsausdruck überträgt sich, sondern eventuell ebenfalls die darin zum Ausdruck gebrachte Emotion selbst. Der Anblick eines leidenden Kindes stimmt uns ebenfalls traurig. "Niemals könnten wir diesem Kind ein weiteres Leid zufügen", gibt die Referentin zu bedenken. Aber der Mensch kann in solchen Situationen korrektiv regulierende Mechanismen aktivieren. "Wie sonst könnte ein Arzt einem derart traurig dreinblickenden Kind eine Spritze geben?" Also müssen inhibitorische Impulse wirksam gemacht werden, damit in solchen Situationen die mitfühlende Emotionalität nicht überhand nimmt. Auch das Mitgefühl - und das hat die Neurowissenschaft klar herausgefunden - ist also kontextabhängig. Aber prinzipiell werden Gefühle übertragen, im Fachjargon spricht man von Gefühlsansteckung: Leid erzeugt Mitleid! Aber, so fragt Parianen-Lesemann: Wie kommt denn dann das Böse in die Welt? Betrachten wir den Schmerz, fährt sie fort, so empfindet der gesund fühlende Mensch ebenfalls Pein, wenn er sieht wie jemand anderem Schmerzen zugefügt werden. Aber auch diese Spiegelung kann umschlagen. Dann nämlich, wenn wir sehen, dass einem Menschen tatsächlich Schmerzen zugefügt werden, der ein ganz fieser Typ ist. Dann verwandelt die Spiegelung Schmerzen in Schadenfreude. Die Spiegelung von Gefühlen und Empfindungen ist wohl tief evolutionär verankert, aber dennoch kontextabhängig. Aber es gibt auch Menschen, die auf diesem (Spiegel)Auge blind sind, oder die ihre eigenen Gefühle nicht verstehen oder beschreiben können, und daher Schwierigkeiten haben, die Gefühle anderer Menschen auch nur einigermaßen richtig zu interpretieren.