Demenzerkrankungen stellen eine wachsende globale Herausforderung dar, die durch die Alterung der Bevölkerung noch verstärkt wird. In Deutschland leben derzeit etwa 1,798 Millionen Menschen (Stand 12/2021) mit Demenz, und Prognosen deuten auf einen Anstieg auf bis zu 2 Millionen bis zum Jahr 2033 hin. Angesichts des Mangels an heilenden Therapien rückt die Prävention immer stärker in den Fokus. Hierbei spielen modifizierbare Risikofaktoren eine entscheidende Rolle, da deren Beseitigung oder Behandlung potenziell fast 40 % aller Demenzfälle verhindern könnte. Zu diesen Faktoren gehören unter anderem Bildung, gesunde Ernährung, körperliche Bewegung sowie soziale und geistige Aktivität.
Die Rolle von Musik und Bewegung für die kognitive Gesundheit
Musik und Bewegung sind zwei vielversprechende Ansätze zur Förderung der kognitiven Gesundheit und zur Prävention von Demenz. Studien deuten darauf hin, dass sowohl das aktive Musizieren als auch körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf das Gehirn haben können.
Aktives Musizieren als kognitives Training
Eine aktuelle Studie innerhalb der longitudinalen PROTECT-UK-Kohorte hat gezeigt, dass das Spielen eines Musikinstruments mit deutlich besseren Gedächtnisleistungen verbunden ist. Die Analyse ergab einen klaren, signifikanten Zusammenhang: Das Spielen eines Musikinstruments war mit einem besseren Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen verbunden. Auch Gesang war signifikant positiv mit exekutiven Funktionen sowie allgemeine musikalische Fähigkeiten mit dem Arbeitsgedächtnis assoziiert. Für bloßes Musikhören fand sich hingegen kein Benefit im Hinblick auf die Demenzprävention, andere Studien legten aber einen positiven Effekt auf verschiedene Symptome (z. B. bei Unruhe bei Demenz) nahe. Die Studienautoren sehen mit ihrer Erhebung frühere Untersuchungen bestätigt, denen zufolge aktives Musizieren während des gesamten Lebens die kognitiven Reserven fördert.
Diese Ergebnisse werden durch eine große Metaanalyse von prospektiven Kohortenstudien untermauert, die ein um 46 % geringeres Demenzrisiko bei älteren Erwachsenen feststellte, die ein Musikinstrument spielten. Der positive Effekt des Musizierens wird auf die intellektuelle Herausforderung zurückgeführt, die es darstellt. Beim Musizieren koordiniert das Gehirn kognitive, emotionale und motorische Abläufe, was die Gehirnplastizität und die Gehirnnetzwerke stimuliert.
Körperliche Aktivität als Schutzfaktor für das Gehirn
Körperliche Aktivität spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Prävention von Demenz. Studien haben gezeigt, dass bereits 3000 Schritte am Tag dazu beitragen können, die Ansammlung von schädigenden Tau-Proteinklumpen im Gehirn zu verlangsamen. Ein noch größerer Effekt wurde bei 5000 bis 7500 Schritten festgestellt. Körperlich aktive ältere Menschen können ihre Hirnsubstanz besser erhalten als körperlich inaktive. Regelmäßiges Gehen trainiert die Kognition, da es Navigation, Orientierung und Interaktion mit der Umgebung erfordert. Zudem fördert es die kardiovaskuläre Gesundheit und setzt Wachstums- und Schutzfaktoren frei, die sich positiv auf das Gehirn auswirken können.
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Musik und Bewegung in der Therapie von Demenzerkrankungen
Neben der Prävention können Musik und Bewegung auch in der Therapie von Demenzerkrankungen eingesetzt werden.
Musiktherapie zur Verbesserung des Wohlbefindens
Musiktherapie kann einen Zugang zu Menschen mit Demenz schaffen und sie aktivieren. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit hat gezeigt, dass Musiktherapie kurzfristig Niedergeschlagenheit und möglicherweise allgemeine Verhaltensprobleme bei Demenzkranken verbessern kann. Zudem kann sie das Sozialverhalten verbessern, wenn sie im Vergleich zu anderen Aktivitäten wie Malen oder Puzzeln angeboten wird.
Das Hirnareal des musikalischen Langzeitgedächtnisses weist im Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung nur eine minimale kortikale Atrophie auf, was erklärt, warum Patienten in fortgeschrittenen Demenzstadien oft noch ganze Liedstrophen mitsingen können. Musik kann das verbale Gedächtnis von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung stärken.
Bewegungstherapie zur Förderung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten
Bewegungstherapie kann ebenfalls positive Auswirkungen auf Menschen mit Demenz haben. Studien haben gezeigt, dass körperliche Aktivitätsinterventionen demenzassoziierte Verhaltensauffälligkeiten reduzieren können. Zudem kann ein regelmäßiges und intensives körperliches Training bei zu Hause lebenden Patienten mit Alzheimer-Erkrankung wesentliche funktionelle Verbesserungen bewirken.
Feinste Gangunregelmäßigkeiten können Vorboten einer späteren Demenzerkrankung sein. Durch Ganganalyse und Dual-Task-Aufgaben kann ein imminentes Sturz- und Demenzrisiko demaskiert werden.
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Kombination von Musik und Bewegung
Die Kombination von Musik und Bewegung kann die positiven Effekte beider Therapieformen verstärken. Studien deuten darauf hin, dass rhythmische Bewegung zu Musik die motorisch-kognitive Leistungsfähigkeit verbessern und das Sturzrisiko reduzieren kann. In fortgeschrittenen Demenzstadien scheint die Jaques-Dalcroze-Rhythmik neben der positiven Beeinflussung von Verhaltensauffälligkeiten vor allem die sprachlichen Fähigkeiten zu fördern.
GESTALT: Ein Beispiel für ein erfolgreiches Bewegungsprogramm zur Demenzprävention
Das Projekt GESTALT in Erlangen ist ein Beispiel für ein erfolgreiches Bewegungsprogramm zur Demenzprävention. Es zielt darauf ab, körperlicher Inaktivität entgegenzuwirken und die Zielgruppe dazu zu befähigen, einen körperlich aktiven Lebensstil aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Das Programm gliedert sich in die Bereiche „Tanz & Bewegung zu Musik“, „Sport & Spiel“ sowie „Bewegung im Alltag - Gehen“. Dabei wird stets eine Integration von kognitiven, physiologischen, sozialen und emotionalen Stimulierungen angestrebt.
Die Testergebnisse des ersten Programmdurchlaufs zeigen, dass sich das Bewegungsprogramm positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden, im Besonderen auf das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis ausgewirkt hat. 60% der Teilnehmenden haben während und nach dem GESTALT-Programm zusätzliche Bewegungsaktivitäten aufgenommen und auch sechs Monate nach der Intervention beibehalten.
Praktische Empfehlungen für die Umsetzung
Aufgrund der zunehmenden Datenlage empfiehlt die Deutsche Hirnstiftung allen Menschen zum Erhalt der kognitiven Gesundheit, ein Musikinstrument zu erlernen oder in einem Chor mitzusingen. Es handelt sich um eine Lebensstilentscheidung mit potenziell großer Wirkung, die im Optimalfall schon in der Kindheit beginnen kann, aber auch bei öffentlichen Gesundheitsinterventionen zur Reduzierung des kognitiven Alterns und Demenzrisikos berücksichtigt werden sollte.
Auch im Alltag können einfache Maßnahmen ergriffen werden, um Musik und Bewegung zu integrieren:
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- Musik: Hören Sie regelmäßig Musik, singen Sie oder spielen Sie ein Instrument. Besuchen Sie Konzerte oder Musikveranstaltungen.
- Bewegung: Gehen Sie spazieren, nehmen Sie die Treppe statt des Aufzugs, machen Sie Gartenarbeit oder treiben Sie Sport. Suchen Sie sich eine Sportart, die Ihnen Spaß macht und die Sie regelmäßig ausüben können.
- Kombination: Tanzen Sie, machen Sie rhythmische Übungen zu Musik oder gehen Sie walken mit Musik im Ohr.