Myasthenia gravis, auch bekannt als Myasthenie, was "schwere Muskelschwäche" bedeutet, ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die durch eine neuromuskuläre Störung zwischen Nerven und Muskeln gekennzeichnet ist. Diese Störung führt dazu, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, ihre Muskeln kontrolliert zu benutzen. Obwohl die Erkrankung selten ist, ist sie gut erforscht und behandelbar.
Was ist Myasthenia gravis?
Bei gesunden Menschen steuert der Botenstoff Acetylcholin die Impulse zwischen Nerven und Muskeln. Bei der Myasthenie wird diese Kommunikation jedoch blockiert, was zu einer belastungsabhängigen Muskelschwäche führt. In milden Fällen betrifft dies häufig die Augen, kann sich jedoch auch auf die Arme, Beine und andere Muskeln bis hin zu Lähmungserscheinungen ausbreiten. Ebenfalls kann es zu lebensbedrohlichen Folgen führen, etwa wenn die Speiseröhre oder Lunge betroffen sind und es zu Hustenattacken, Schluckbeschwerden oder Atemnot kommt.
Häufigkeit und Auftreten
Die Myasthenia gravis wird zu den seltenen Erkrankungen gezählt. In der Europäischen Union wird eine Erkrankung als selten definiert, sofern maximal 5 von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. In Europa berichten Studiendaten von einer Prävalenz zwischen 11 und 36 pro 100.000 Einwohner. Die geschätzte Prävalenz in Deutschland für die Myasthenia gravis liegt bei rund 39 betroffenen Personen pro 100.000 Einwohnern. Insgesamt gibt es weltweit über 700.000 Menschen, die an Myasthenia gravis erkrankt sind.
Grundsätzlich kann eine Myasthenia gravis in jeder Altersklasse auftreten, wobei die Wahrscheinlichkeit zu erkranken mit Zunahme des Alters ansteigt. Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Myasthenia gravis besonders häufig bei Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren und bei Männern zwischen 60 und 89 Jahren auftritt.
Formen der Myasthenia gravis
Die Autoimmunerkrankung Myasthenia gravis zeigt sich mit unterschiedlichen Merkmalen, etwa in unterschiedlichen Lebensaltern, der Antikörper im Blut oder der betroffenen Muskeln:
Lesen Sie auch: Myasthenie-Patienten in der Pandemie: Was Sie beachten sollten
- Lokalisation: Bei der Ausbreitung unterscheiden Mediziner zwischen der generalisierten Form, die alle Muskeln des Skeletts betreffen kann, und der okulären Form, bei der hauptsächlich die Augen unter der Muskelschwäche leiden. Die generalisierte Form kann sich aus der okulären Form entwickeln.
- Erkrankungsbeginn: Die juvenile Myasthenia gravis tritt bereits vor dem 18. Lebensjahr auf, die adulte Myasthenie zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr und die Altersmyasthenie nach dem 50. Lebensjahr.
- Antikörper: Einige Formen der Myasthenie lassen sich durch entsprechende Antikörper im Blut nachweisen. Bei circa der Hälfte der Patienten können Antikörper gegen die Acetylcholinrezeptoren im Blut gefunden werden, ein weiterer, deutlich kleinerer Teil besitzt Antikörper gegen muskelspezifische Rezeptoren (MuSK).
- Thymusdrüse: Die Myasthenia gravis kann zusätzlich durch Tumore in der Thymusdrüse von den anderen Formen unterschieden werden.
Die Myasthenia gravis kann sich im Verlauf der Erkrankung verschlechtern. Aus diesem Grund wird sie anhand der sogenannten Ossermann-Klassifikation in verschiedene Schweregrade unterteilt:
- Okuläre Myasthenie: Die okuläre Form betrifft ausschließlich die Augenmuskeln. Zusätzlich kann es zum Doppelsehen (Diplopie) kommen.
- Leichte bis mittelschwere generalisierte Myasthenie: Die Myasthenia gravis und ihre Symptome können sich auf den gesamten Körper ausbreiten und neben der Augenmuskulatur zu einer leichten bis mäßigen Muskelschwäche führen.
- Mittelschwere generalisierte Myasthenie: Weitere Muskelgruppen sind betroffen und die Symptome fallen mittelschwer aus.
- Schwere generalisierte Myasthenie: Bei diesem Schweregrad liegen schwere Symptome vor. Ist auch die Atemmuskulatur betroffen, kann in dieser Klasse eine Nasensonde nötig werden.
- Intubation: Weist ein Patient diesen Schweregrad auf, so muss dieser intubiert werden. Je nach Ausprägung der Muskelschwäche wird zusätzlich eine Beatmung benötigt.
Ursachen und Risikofaktoren
Wenn das eigene Immunsystem den Körper angreift, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Bei einigen Patienten liegen genetische Ursachen vor, doch in den meisten Fällen sind die Ursachen für eine Autoimmunerkrankung wie die Myasthenia gravis unbekannt. Weshalb sich die Antikörper gegen den eigenen Körper wenden und bei der Myasthenie die Kommunikation zwischen den Nerven und Muskeln der Betroffenen stören, muss also noch erforscht werden. Einige Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang mit einer krankhaft veränderten Thymusdrüse, die einen wichtigen Anteil am Immunsystem trägt.
Es ist noch nicht abschließend geklärt, durch welche Faktoren eine Myasthenia gravis verursacht wird, allerdings wird vermutet, dass die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle dabei spielen könnte. Die Thymusdrüse, auch Thymus genannt, ist ein lymphatisches Organ, das in der oberen Brusthöhle liegt und wichtige Funktionen bei der Entwicklung des Immunsystems erfüllt. In der Thymusdrüse werden Immunzellen, sogenannte T-Lymphozyten geprägt und vermehrt.
Es wird vermutet, dass bestimmte Hormone wie Östrogene oder Progesteron das Risiko einer Myasthenia gravis erhöhen oder die Erkrankung zumindest beeinflussen können. Neben hormonellen Schwankungen können auch verschiedene Stressfaktoren die Symptome einer Myasthenia gravis verschlimmern. Zu diesen Stressfaktoren gehören beispielsweise fieberhafte Infekte, bestimmte Medikamente, grelles Licht oder Wärme/Hitze. Ruhe und Erholung führen hingegen häufig zu einer Abmilderung der Symptome.
Die Rolle der Thymusdrüse
Die Thymusdrüse spielt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der Myasthenia gravis. Im Kindheitsalter bis zur Pubertät erreicht die Drüse ihr höchstes Gewicht von etwa 35 bis 50 Gramm, da hier der Höhepunkt der Prägung der T-Lymphozyten stattfindet: Sie lernen anhand verschiedener Oberflächenstrukturen, körpereigene Zellen von Krankheitserregern zu unterscheiden. Anschließend wandern sie in die Lymphknoten und stehen dort für den Fall einer Immunreaktion zum Einsatz bereit. Die Thymusdrüse verkümmert nach und nach, bis sie im Erwachsenenalter lediglich als Thymusfettkörper zu erkennen ist. Bei 50-60 % der Patienten mit Myasthenia gravis kann eine Vergrößerung der Thymusdrüse festgestellt werden. Die Thymusdrüse steht daher unter Verdacht, bei der Produktion der Autoantikörper bei Myasthenia gravis beteiligt zu sein.
Lesen Sie auch: Was Sie über okuläre Myasthenie wissen sollten
Thymom und Myasthenia gravis
Zudem kann sich eine vergrößerte Thymusdrüse im Verlauf zu einem Thymus-Tumor entwickeln. Bei Patienten mit einer Myasthenie findet sich bei 10 - 15 % der Betroffenen ein Thymom. Doch gleichzeitig wird bei ca. Teilweise auch eine Entfernung des Thymus erwogen, obwohl kein Tumor nachweisbar ist.
Symptome der Myasthenia gravis
Je nach Ausprägung und Person können sich die Symptome einer Myasthenia gravis unterscheiden. Ihnen gemein ist jedoch die Verstärkung der Symptome im Verlauf des Tages, d. h. bei Belastung. Im frühen Stadium der Myasthenie betrifft die Schwäche der Muskulatur häufig nur die Augen, in späteren Erkrankungsgraden breitet sich diese auch auf andere Skelettmuskeln aus. Muskeln in den Organen sind hiervon nicht betroffen.
- Lähmungen der äußeren Augenmuskeln und Lidheberschwäche
- Doppeltsehen (Diplopie)
- Schwächung der Muskeln, bspw. im Gesicht, der Arme und Beine, aber auch der Atemmuskulatur
- Taubheitsgefühle bis hin zu Lähmungserscheinungen
- Muskelschwäche verstärkt sich im Verlauf des Tages
- Sprech-, Schluck- und Kauschwierigkeiten
- Atembeschwerden durch eine Schwächung der Atemmuskulatur
Zusätzlich zu diesen Symptomen kann durch akute Infekte, eine fehlende oder falsche Behandlung oder durch Medikamente eine sogenannte myasthene Krise ausgelöst werden.
Diagnose der Myasthenia gravis
Die Diagnose einer Myasthenia gravis erfolgt durch verschiedene Verfahren. Insbesondere muss diese von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abgegrenzt werden, etwa dem Lambert-Eaton-Syndrom, der Multiple Sklerose, dem Muskelschwund und Muskelschmerzen, einem Schlaganfall oder einem Hirntumor. Auch Medikamente können Symptome einer Myasthenia gravis auslösen.
Zu den Untersuchungsmethoden gehören:
Lesen Sie auch: Myasthenie und Psyche: Zusammenhänge
- Eine körperliche Untersuchung mit bspw. dem Simpson-Test.
- Elektrophysiologische Untersuchung, bei der bestimmte Nerven mit niedrigen Frequenzen stimuliert werden.
- Labortests zum Nachweisen spezifischer Antikörper im Blut.
- Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) zur Abklärung einer veränderten Thymusdrüse oder eines Tumors.
- Eine Muskelbiopsie, um andere Krankheiten auszuschließen.
Diagnostische Tests im Detail
- Belastungstests: Hierzu werden beispielsweise die Patient:innen dazu angehalten, ihre Arme für 3 Minuten horizontal ausgestreckt zu halten. Ist dies nicht möglich, deutet das auf eine vorliegende Erkrankung hin.
- Antikörpertests: Durch Untersuchungen der Blutwerte kann festgestellt werden, welche und wie viele Autoantikörper im Körper produziert werden.
- Nervenstimulation im EMG-Labor: Bei einem Elektromyogramm (EMG) werden Nerven wiederholt mit elektrischen Signalen gereizt. Dabei wird zeitgleich die elektrische Spannung an den Muskeln gemessen, wodurch festgestellt werden kann, ob das Signal zwischen Nerv und Muskel übertragen wird.
- Kälte-Test: Eine anschließende Verbesserung der Symptomatik spricht für eine Myasthenia gravis.
- Pharmakologische Tests: Verbessern sich durch den Einsatz von Acetylcholinesterasehemmern die Symptome, deutet dies auf eine Myasthenia gravis hin.
- Bildgebende Verfahren: Mit Hilfe einer Computertomografie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronen-Emissions-Tomographie (PET) kann eine solche Veränderung der Thymusdrüse analysiert werden.
Therapie der Myasthenia gravis
Obwohl die Autoimmunerkrankung Myasthenia gravis selten auftritt, ist diese gut erforscht und behandelbar. Ziel des individuellen Therapieplans stellt hierbei die möglichst vollständige Beschwerdefreiheit der Patienten dar.
Medikamentöse Therapie
- Kortison: Kortison zählt zu den Standardtherapeutika. Mit dem körpereigenen Hormon wird die Überaktivität des Immunsystems gedämpft.
- Immunsuppressiva: Sie werden eingesetzt, um die Neubildung von Antikörpern zu bremsen.
- Acetylcholinesterasehemmer: Mit diesem Wirkstoff wird der Abbau des Botenstoffes Acetylcholin gebremst und damit die Reizübertragung von den Nerven zu den Muskeln verbessert.
- Biologika: Neuartige monoklonale Antikörper wie Rituximab und Eculizumab, greifen spezifisch in den Krankheitsprozess ein und können das Krankheitsgeschehen in bestimmten Konstellationen nachhaltig positiv zu beeinflussen.
Thymektomie
Bei einigen Patienten ist der Thymus gutartig vergrößert, was scheinbar im Zusammenhang mit der Entstehung von Myasthenia gravis steht. In diesen Fällen wird der Thymus entfernt, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Lässt sich jedoch ein Thymustumor nachweisen, reicht eine medikamentöse Therapie allein meist nicht mehr aus und eine Operation wird notwendig.
Immuntherapie
Am Deutschen Zentrum Immuntherapie kann die Erkrankung in interdisziplinärere Zusammenarbeit mit den beteiligten Kliniken zudem mittels Immuntherapie behandelt werden. Bei dieser kommen spezielle Immuntherapeutika zum Einsatz, die die Bildung schädigender Antikörper unterdrücken.
Leben mit Myasthenia gravis
Mit Verlaufsschwankungen ist besonders in den ersten Jahren der Erkrankung immer wieder zu rechnen. Körperliche und psychische Belastungen wirken symptomverstärkend und sollten weitgehend vermieden werden. Der Alltag sollte auf die Erkrankung abgestimmt werden. So ist die Belastbarkeit am Morgen größer als am Abend und Ruhephasen zur Erholung sollten immer wieder eingeplant werden. Grundsätzlich ist die Prognose bei guter Medikamenteneinstellung positiv, mit geringen Beeinträchtigungen kann ein weitgehend normales Leben geführt und eine Berufstätigkeit ausgeübt werden.
tags: #myasthenie #thumusdruse #vergrobert