Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift. Diese Myelinscheiden umhüllen die Nervenfasern und isolieren sie elektrisch. Eine Schädigung der Myelinscheiden beeinträchtigt die Signalübertragung im Nervensystem, was zu vielfältigen Symptomen führen kann. Während immunmodulierende Medikamente eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der MS spielen, können Patienten durch die Ernährung die Krankheitsaktivität positiv beeinflussen. Dieser Artikel beleuchtet, wie eine gezielte Ernährung den Myelinaufbau unterstützen und die Nervengesundheit fördern kann.
Die Bedeutung von Ernährung bei Multipler Sklerose
Es ist bekannt, dass die Ernährung und die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms einen erheblichen Einfluss auf die Abwehrkraft des Immunsystems haben. Studien haben gezeigt, dass eine Vitamin-D-Supplementierung das Mikrobiom von MS-Patienten verändern und kurzkettige Fettsäuren wie Propionsäure positive Auswirkungen auf die Schubhäufigkeit haben können. Viele andere Diätformen und Ernährungsempfehlungen benötigen jedoch noch überzeugende wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit.
Ketogene Diät
Eine ketogene Diät über einen Zeitraum von sechs Monaten führte bei MS-Patienten zu einer Verringerung der körperlichen Behinderungen und der Müdigkeit, während sich ihre Gehgeschwindigkeit, Stimmung und Lebensqualität verbesserten. Die Blutwerte der Patienten wiesen zum Ende dieser Diät mehr entzündungshemmende und weniger entzündungsfördernde Substanzen auf. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die ketogene Diät für Patienten mit schubförmiger MS sicher und gut verträglich ist.
Neuroinflammatorische Erkrankungen, die dem Nervensystem schaden, bringen offenbar auch den Energiestoffwechsel des Gehirns aus dem Gleichgewicht. Als Gegenmaßnahme stellt sich der Nervenzell-Stoffwechsel auf Fett als primärer Energiequelle um. Eine ketogene Diät scheint geeignet zu sein, die erforderliche Menge Fett zur Energiegewinnung zu liefern, was einen verstärkten Energiestoffwechsel in den Nervenzellen ermöglicht und den Schweregrad der MS-Erkrankung reduzieren kann.
Fette und Lipide für den Myelinaufbau
Die Myelinscheide besteht zu etwa 70 Prozent aus Lipiden, also Fettmolekülen. Eine ausreichende Versorgung mit Fetten ist daher essenziell für die Funktion der Nervenzellen. Es gibt verschiedene Arten von Fetten: gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fette.
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Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren
Omega-6-Fettsäuren, die vor allem in Fleisch und Wurstwaren vorkommen, sind an der Bildung von Arachidonsäure beteiligt, die Entzündungen fördern kann. Omega-3-Fettsäuren hingegen werden zu Eicosanpentaensäure (EPA) verstoffwechselt, die zum Erhalt der normalen Triglycerid-Konzentrationen im Blut beiträgt. Gute Quellen für Omega-3-Fettsäuren sind Leinöl, Rapsöl, Walnussöl und fette Fischsorten wie Makrele oder Lachs. Fischöl kann eine sinnvolle Nahrungsergänzung sein.
Es ist wichtig, Omega-6-Fettsäuren nicht gänzlich zu vermeiden, sondern auf ein ausgewogenes Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3-Fettsäuren zu achten.
Cholesterin
Der Abbau und Wiederaufbau von Myelinscheiden kennzeichnen Erkrankungen des Gehirns wie der Multiplen Sklerose. Unentbehrlicher Bestandteil von Myelinscheiden ist Cholesterin. Daher muss das Cholesterin für die erneuerten Myelinscheiden entweder aus geschädigtem Myelin wiederverwertet oder lokal neu produziert werden. In einer aktuellen Studie haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass bei chronischen Schädigungen anders als bei akuten Schädigungen kaum Cholesterin recycelt wird, sondern die Neuproduktion von Cholesterin die Effizienz der Reparatur bestimmt. Unerwarteterweise leisten nicht nur die Myelin-bildenden Zellen selbst, sondern auch Nervenzellen einen wichtigen Beitrag zu Regeneration.
Vitamine und Mineralstoffe für die Nervenfunktion
Verschiedene Vitamine und Mineralstoffe spielen eine entscheidende Rolle für die normale Funktion des Nervensystems und den Myelinaufbau.
B-Vitamine
Die B-Vitamine - Vitamin B1 (Thiamin), Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin B6, Vitamin B12 und Niacin - tragen zur normalen Funktion des Nervensystems bei. Ohne B-Vitamine würde die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen nicht mehr richtig funktionieren. Vitamin B-12 muss über tierische Nahrungsmittel aufgenommen werden, da es in verwertbaren Mengen ausschließlich dort vorkommt.
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Vitamin D
Vitamin D trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Das fettlösliche Vitamin D muss nicht ausschließlich über die Nahrung zugeführt werden. Bei ausreichender Sonneneinstrahlung auf die Haut, es reichen zehn bis dreißig Minuten täglich in der Sonne, kann es auch vom Körper selbst produziert werden.
Kalzium und Magnesium
Kalzium und Magnesium sind im Zusammenspiel verantwortlich für die Übertragung von Nervensignalen und Muskelkontraktion. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei. Calcium hingegen trägt zu einer normalen Signalübertragung zwischen den Nervenzellen bei. Ein Ungleichgewicht im Haushalt der beiden Mineralien kann zu den häufig mit MS einhergehenden Muskelzuckungen führen. Magnesium ist außerdem für die Bildung von Vitamin D notwendig. Alles was grün ist, liefert zuverlässig Magnesium.
Zink
Zink trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei. Darüber hinaus spielt es bei der Signalübertragung zwischen den Nervenzellen eine bedeutende Rolle, indem es den Fluss der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen reguliert. Zink trägt so zu einer normalen kognitiven Funktion bei. Zink hat eine Funktion bei der Zellteilung, zum Beispiel bei Bildung der weißen Blutkörperchen, also der Abwehrzellen des Immunsystems.
Weitere wichtige Nährstoffe und Ernährungsaspekte
Propionsäure
Propionsäure, auch bekannt als Propansäure, ist eine kurzkettige Fettsäure, die von nützlichen Bakterien im menschlichen Darm gebildet wird. Studien haben gezeigt, dass eine Substitution von Propionsäure als Nahrungsergänzung die Schubrate bei Multipler Sklerose verringern kann.
Flavonoide
Flavonoide stecken in vielen Obst- und Gemüsesorten und sorgen für deren Färbung, etwa in Beeren, Äpfeln, Paprika und Zwiebeln. Auch in Kakao, grünem und schwarzem Tee sind diese sekundären Pflanzenstoffe enthalten. Flavonoidreiche Lebensmittel schützen die Gehirnfunktion.
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Glukose
Unser Gehirn braucht 120 bis 140 Gramm Glukose pro Tag, um ausreichend mit Energie versorgt zu werden. Gute Energielieferanten für das Gehirn sind Haferflocken, denn sie lassen den Blutzuckerspiegel langsam steigen. Hafer gilt zudem als Muntermacher, beugt Nervosität, Stress und Konzentrationsproblemen vor.
Aminosäuren
Für den internen Informationsaustausch, also beim Lernen und Erinnern, benötigt unser Gehirn auch reichlich Aminosäuren. Die bekommt es aus Eiweiß, zum Beispiel aus Eiern oder Quark, aber auch aus pflanzlichen Quellen: Kichererbsen liefern neben Eiweiß reichlich B-Vitamine und auch Sojabohnen (zum Beispiel Sojamilch, Tofu) sind nicht nur gute Eiweißquellen, sondern enthalten auch die Vitamine B1, B2 und B6, dazu Eisen, Magnesium und Zink.
N-Acetylglucosamin
Ein Einfachzucker, der in Muttermilch enthalten und als Nahrungsergänzungsmittel verfügbar ist, fördert bei Mäusen die Reparatur von Myelin. Wie amerikanische Forschende gemeinsam mit einem Team des ECRC berichten, korreliert er mit der Myelinisierung der Nervenfasern bei Patient*innen mit Multipler Sklerose.
Milchprodukte und Casein
Schon seit den 90er Jahren wird vermutet, dass die Häufigkeit von MS-Symptomen mit dem Konsum von Kuhmilchprodukten zusammenhängen könnte. Jetzt wurde in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass in Kuhmilch Proteine enthalten sind, die bei manchen Allergikern Entzündungsprozesse verursachen, die auch den Myelinscheiden der Nervenfasern schaden können.
Den Studienautoren zufolge hätten Betroffene vermutlich irgendwann durch den Konsum von Milch eine Allergie gegen das Milcheiweiß Casein entwickelt. Daher produziere ihr Immunsystem nach dem Konsum von Milchprodukten große Mengen an Casein-Antikörpern, die sich auch gegen andere, ganz ähnlich aufgebaute Proteine richten können, die für die Bildung von Myelin verantwortlich sind. So kann es offenbar ausgehend von einer Casein-Allergie aufgrund der Kreuzreaktivität mit anderen Proteinen zu einer Zerstörung der Myelinscheiden kommen. MS-Patienten, die eine Verschlechterung ihrer Symptome nach dem Verzehr von Milchprodukten wahrnehmen, empfehlen die Wissenschaftler der Studie deshalb, Lebensmittel aus Kuhmilch lieber zu meiden.
Wissenschaftler glauben tatsächlich, dass bei einer Untergruppe von MS-Patienten, die ihre Toleranz gegenüber Rindercasein verloren haben, der Konsum von Milchprodukten die Erkrankung verschlimmern kann. Das trifft allerdings nur auf Patienten zu, die allergisch gegen Kuhmilch-Casein sind und diese Allergie irgendwann im Laufe ihres Lebens entwickelt haben. Nehmen sie dann erneut Frischmilchprodukte auf, stellt ihr Immunsystem massenhaft Casein-Antikörper her, die aufgrund ihrer Kreuzreaktivität auch die Myelinschicht um die Nervenfasern zerstören.
Bedeutung des Darm-Mikrobioms
Die Wirkung von Nahrungsmitteln auf die Gehirngesundheit wird nach wissenschaftlichen Erkenntnissen maßgeblich über das Darm-Mikrobiom vermittelt. Die Darmbakterien verarbeiten, was an Nahrungsresten bei ihnen ankommt. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die über die Darmwand und die Blutbahn direkt ins Gehirn gelangen oder indirekt den Vagusnerv - die Kommunikationsautobahn ins Gehirn - beeinflussen.
Unterstützung der Nervenregeneration
Schädigungen des peripheren Nervensystems können sich unterschiedlich äußern. Abhängig von den betroffenen Nervenfasern treten starke Schmerzen, sensorische, motorische und vegetative sowie trophische Störungen auf, welche die Betroffenen im Alltag einschränken und ihre Lebensqualität mindern können.
Eine umfassende, multimodale Patientenversorgung kann neben einer sorgfältigen Differenzialdiagnose, eine Symptombekämpfung mittels Membranstabilisatoren, Analgetika und/oder Antidepressiva sowie gezieltes Bewegungstraining und entlastende orthopädische Hilfsmittel beinhalten. Ebenfalls einbezogen werden sollte die Möglichkeit, gleichzeitig kausal vorzugehen, und die Regeneration der peripheren Nerven zu unterstützen.
Uridinmonophosphat (UMP)
Bei einer peripheren Nervenschädigung sind meist die Myelin produzierenden Schwann-Zellen der peripheren Nerven betroffen, sodass ein wesentlicher Aspekt der Behandlung in der Regeneration und dem Schutz der Myelinscheide besteht. In klinischen Modellen zu Myelinscheiden- Schädigungen hat sich die Gabe von Nukleotiden wie Uridinmonophosphat (UMP) als sinnvoller Ansatz erwiesen.
UMP besteht aus den Komponenten Uracil, einer Ribose sowie Phosphat. Das Pyrimidinnukleotid ist ein natürlicher Bestandteil der in allen Zellen vorkommenden Ribonukleinsäure (RNA). UMP kann mit weiteren Phosphaten energiereiche Verbindungen eingehen und als Bestandteil gruppenübertragender Coenzyme mit der abgegebenen Energie zahlreiche Stoffwechselreaktionen aktivieren. Dadurch wird die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen angeregt und der Wiederaufbau der Myelinschicht unterstützt. Zusätzlich fördert UMP als RNA-Baustein die Biosynthese von Strukturproteinen und Enzymen. Insgesamt trägt die gezielte Stimulation des Nervenstoffwechsels zur Unterstützung der physiologischen Reparaturmechanismen nach Nervenläsionen bei.