Die Diskussion um Abnehmspritzen hat in den letzten Jahren erheblich an Fahrt aufgenommen. Ursprünglich für die Behandlung von Diabetes entwickelt, werden Präparate wie Ozempic und Wegovy zunehmend zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Doch was steckt wirklich hinter dem Hype? Sind diese Spritzen eine einfache Lösung für Übergewicht, oder bergen sie Risiken und Nebenwirkungen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Abnehmspritzen, von ihrer Wirkungsweise über die Kosten bis hin zu möglichen Alternativen und den neuesten Forschungsergebnissen.
Übergewicht und Adipositas: Ein wachsendes Problem
Übergewicht und Adipositas sind in Deutschland weit verbreitet und stellen ein erhebliches Gesundheitsproblem dar. Laut Statistik ist gut jeder Zweite in Mecklenburg-Vorpommern zu dick und kämpft mit Übergewicht. Jeder Fünfte im Land leidet sogar unter Adipositas, also krankhafter Fettleibigkeit. Die Folgen von Adipositas sind vielfältig und können schwerwiegend sein, darunter Diabetes, Schlaganfälle, Depressionen und Krebs. Zudem ist die Lebenserwartung bei Menschen mit Adipositas um etwa fünf Jahre geringer als bei Normalgewichtigen.
Viele Betroffene haben bereits zahlreiche Versuche unternommen, ihr Gewicht zu reduzieren, darunter Ernährungsumstellungen, Beratungen, Diäten und Hypnose. Oft bleibt der gewünschte Abnehmerfolg jedoch aus, was zu Frustration und Verzweiflung führen kann. In solchen Fällen suchen manche Menschen nach medikamentösen Unterstützungsmöglichkeiten wie Abnehmspritzen.
Wie funktionieren Abnehmspritzen?
Die gängigen Abnehmspritzen enthalten Wirkstoffe wie Semaglutid (in Wegovy und Ozempic), Tirzepatid (in Mounjaro) oder Liraglutid (in Saxenda). Diese Substanzen gehören zur Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten und ahmen die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 nach. GLP-1 stimuliert die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse, senkt die Glucagon-Konzentration, verlangsamt die Magenentleerung und reduziert den Appetit. Durch diese Mechanismen können Abnehmspritzen innerhalb eines Jahres einen Gewichtsverlust von bis zu 15 Prozent bewirken.
Die verschiedenen Wirkstoffe im Überblick
- Semaglutid: Wirkt ausschließlich über den GLP-1-Rezeptor, zügelt den Appetit, fördert die Sättigung und verlangsamt die Magenentleerung. Semaglutid hat eine lange Halbwertszeit und wird daher nur einmal wöchentlich injiziert.
- Liraglutid: Wirkt ebenfalls über den GLP-1-Rezeptor, muss jedoch täglich gespritzt werden.
- Tirzepatid: Aktiviert sowohl den GLP-1- als auch den GIP-Rezeptor, was zu einer besonders wirksamen Gewichtsabnahme führen kann.
Für wen sind Abnehmspritzen geeignet?
Abnehmspritzen sind keine Lifestyle-Medikamente, sondern eine medizinische Therapieoption für Menschen mit Übergewicht oder Adipositas, bei denen herkömmliche Maßnahmen wie Ernährung und Bewegung nicht ausreichend helfen. Die S3-Leitlinie empfiehlt den Einsatz Inkretin-basierter Therapien mit GLP-1-Rezeptoragonisten ausdrücklich nur im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts, das Ernährungsumstellung, Bewegung und Verhaltenstherapie einschließt.
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Medizinisch empfohlen wird die Abnehmspritze bei Erwachsenen mit einem Body-Mass-Index (BMI)
- ≥ 30 kg/m² (Adipositas)
- ≥ 27 kg/m² bei gleichzeitig bestehenden gewichtsbedingten Begleiterkrankungen, z. B. Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Schlafapnoe.
Vor Beginn der Behandlung prüft der Arzt, ob die Voraussetzungen erfüllt sind und keine medizinischen Ausschlussgründe wie Schwangerschaft, bestimmte Vorerkrankungen oder eine Medikamentenunverträglichkeit vorliegen.
Anwendung und Dosierung
Die Abnehmspritze wird in der Regel einmal pro Woche unter die Haut gespritzt. Die Dosis wird in den ersten Wochen schrittweise gesteigert, um die Verträglichkeit zu verbessern und Nebenwirkungen zu minimieren. Es ist wichtig, die Behandlung unter ärztlicher Begleitung durchzuführen und regelmäßige Arzttermine wahrzunehmen.
Die Dosierung von Abnehmspritzen richtet sich grundsätzlich nach dem individuellen Gesundheitszustand. Bei Saxenda und Wegovy ist das Dosierschema in der Regel standardisiert und im jeweiligen Beipackzettel beschrieben. Bei Mounjaro gestaltet sich die Dosierung flexibler und wird ärztlich individuell angepasst.
Kosten und Kostenübernahme
Die Kosten für Abnehmspritzen variieren je nach Wirkstoff, Dosierung und Anbieter. In Deutschland liegt der Preis für eine monatliche Behandlung derzeit bei etwa 170 bis 500 Euro. Es ist wichtig zu beachten, dass die Kosten für diese Medikamente in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, da sie nicht standardmäßig für die Behandlung von Übergewicht oder Adipositas zugelassen sind. In einigen Fällen können die Kosten jedoch im Rahmen von Therapieansätzen für Menschen mit bestimmten medizinischen Indikationen wie Diabetes übernommen werden.
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Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei jedem Medikament können auch bei Abnehmspritzen Nebenwirkungen auftreten. Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen. Diese Symptome treten vor allem zu Beginn der Behandlung auf und sind meist vorübergehend. Um diese zu reduzieren, wird die Dosis langsam gesteigert.
Darüber hinaus hat die Europäische Arzneimittelbehörde auch vor möglichen, schweren Langzeitwirkungen gewarnt. Dabei handelt es sich um Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse und Gallenblase. Ergebnisse einer Studie deuten darauf hin, dass die Abnehmspritzen mit Magenlähmungen, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Darmverschlüssen in Verbindung stehen könnten. In Tierversuchen fand man zudem ein potenziell erhöhtes Risiko für bestimmte Schilddrüsenkrebsarten.
Da das Mittel erst seit kurzer Zeit auf dem Markt ist, gibt es noch nicht viele Erkenntnisse über die Langzeitfolgen. Der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA wurden mehrfach Fälle von Depression bis hin zu Suizidgedanken gemeldet.
Das "Ozempic-Gesicht": Eine unerwünschte Nebenwirkung
In letzter Zeit ist vermehrt von einem sogenannten "Ozempic-Gesicht" die Rede. Dieser Begriff beschreibt Gesichter, die aufgrund rascher Gewichtsabnahme bestimmte Züge annehmen, das Gesicht älter erscheinen lassen und immer häufiger in sozialen Medien zu sehen sind.
Wie entsteht das Ozempic-Gesicht?
„Ein Ozempic Face‘ ist gekennzeichnet durch schlaffe Haut, eingefallene Wangen sowie generell ein gealtertes, fahles Erscheinungsbild der Haut“, erklärt Prof. Dr. Christiane Bayerl. Wer schnell an Gewicht verliert, verliert Fettpolster am ganzen Körper. Im Gesicht wird dies besonders deutlich, da gefüllte Fettpolster im Gesicht für ein glattes Erscheinungsbild sorgen. Fehlen diese Polster beziehungsweise nehmen sie an Volumen ab, erschlafft die Haut, die Augenpartie hängt, die Wangen wirken hohl und ausgemergelt, die Nasolabialfalte zwischen Nasenflügel und Mundwinkel tritt stärker in Erscheinung.
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Wie kann man dem Ozempic-Gesicht vorbeugen?
Wer das Ozempic Face vermeiden möchte, sollte darauf achten, lediglich ein bis zwei Kilo pro Monat verteilt auf ein Jahr abzunehmen. „Die Haut ist dehnbar und kann sich auch wieder gut zusammenziehen“, erklärt Experte Jens. Allerdings müsse man ihr Zeit geben, besonders wenn man schon älter ist.
Was kann man gegen das Ozempic Face tun?
Wer bereits die typischen Veränderungen wie tiefe Nasiolabialfalten, hängende Wangen und Tränensäcke an sich bemerkt, hat mehrere Möglichkeiten, diese abzumildern. Dazu gehören Cremes mit Vitamin-A-Säure (Retinol), Laser- oder Ultraschallbehandlungen sowie Microneedling. In schwereren Fällen kann eine Unterspritzung mit Eigenfett oder ein minimalinvasiver Eingriff mit Hyaluronsäurefillern in Frage kommen.
Alternativen zu Abnehmspritzen
Neben Abnehmspritzen gibt es auch andere Möglichkeiten, Gewicht zu reduzieren und die Gesundheit zu verbessern. Dazu gehören:
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene und kalorienreduzierte Ernährung ist die Basis für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität hilft, Kalorien zu verbrennen und Muskelmasse aufzubauen.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, ungesunde Essgewohnheiten zu erkennen und zu verändern.
- Bariatrische Operationen: Bei starker Adipositas kann eine Magenverkleinerung in Erwägung gezogen werden.
- Intervallfasten: Intervallfasten kann ebenfalls eine effektive Methode zur Gewichtsreduktion sein.
Neue Forschungsergebnisse und vielversprechende Alternativen
Die Forschung im Bereich der Adipositastherapie ist ständig im Gange. Aktuell suchen Forschende nach natürlich vorkommenden Molekülen, die ähnlich wirken wie Semaglutid, aber weniger Nebenwirkungen verursachen. Ein vielversprechendes Peptid namens BRP hat in Tierversuchen gezeigt, dass es den Appetit unterdrückt und die Gewichtsabnahme fördert, ohne Übelkeit zu verursachen. Ob dieses Peptid auch für Menschen geeignet ist, müssen weitere Studien zeigen.