Nerve: Wahrheit oder Pflicht im digitalen Zeitalter – Ein Vergleich

Wie weit darf ein Online-Hype gehen? Der Film "Nerve" wirft genau diese Frage auf, indem er eine moderne Version von "Wahrheit oder Pflicht" in den Mittelpunkt stellt, die in der digitalen Welt angesiedelt ist. Jugendliche begeben sich aufgrund eines Smartphone-Spiels in Lebensgefahr, eine Idee, die spätestens seit Pokémon Go erschreckend real erscheint. Basierend auf dem Buch "Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen" von Jeanne Ryan, haben die Filmemacher Henry Joost und Ariel Schulman einen virtuellen Faden weitergesponnen und das Ergebnis ist "Nerve", ein Online-Spiel, das in New York City einen Mega-Hype auslöst, Jugendliche zu irren Smombies macht und Erwachsene ratlos dastehen lässt.

Das Spiel "Nerve": Eine moderne Version von Wahrheit oder Pflicht

Das Spiel "Nerve" ist die moderne Version von Wahrheit oder Pflicht, jedoch ohne das Flaschendrehen und ohne die Wahrheit. Zu Beginn müssen die User entscheiden, ob sie Watcher oder Player sein möchten. Watcher beobachten das Spiel von außen und geben den Playern, den eigentlichen Spielern, Anweisungen. Es ist Mutprobe 2.0 sozusagen. Die 18-jährige Vee (Emma Roberts), die sich erst vor ein paar Stunden beim Online-Game »Nerve« als Mitspielerin angemeldet hat, wird von den »Watchers«, den Zuschauern, die zugleich auch darüber entschieden, was die Spieler machen müssen, in eines der Luxusgeschäfte in Manhattan geschickt. Dort soll sie ein Tausende von Dollar teures Kleid anprobieren und sich dabei mit ihrem Mobiltelefon filmen. Zu ihrer Überraschung trifft sie in dem Nobelgeschäft auch Ian wieder. Sie hatte ihn kurz zuvor im Rahmen ihrer ersten Aufgabe, küsse einen Fremden bei einem Diner, kennengelernt. Wie Vee soll auch er nur etwas anprobieren. Nur sind ihre Sachen weg, als die beiden in ihre Umkleidekabinen zurückkehren. Und schon erhalten sie über ihre Telefone eine neue Aufgabe.

Handlung und Charaktere

Vee (Emma Roberts), die weibliche Protagonistin, ist eigentlich der typische Watcher: zurückhaltend, unsicher und lieber hinter als vor der Kamera. Gedrängt von ihrer impulsiven Freundin Sydney (Emily Maede) meldet sie sich trotzdem als Player an. Hier fällt der Film bereits in typische Schemata: Das schüchterne Mädchen von nebenan wird von ihrer übertrieben extrovertierten Freundin in eine neue Welt gelockt, blüht darin vollkommen auf und wird von einem Moment zum anderen zu einem neuen Menschen. Dass kurz darauf auch noch ein geheimnisvoller Unbekannter namens Ian (Dave Franco) auftaucht und Vee tiefer in den "Nerve"-Kosmos zieht, ist auch nicht wirklich überraschend. Vee ist ein ganz normales Mädchen, vielleicht ein wenig schüchtern, aber doch ganz gewöhnlich. Als sie von der neuen App namens „Nerve“ erfährt, die jeder spielt, will sie auch mitmachen. Die App ist wie „Wahrheit oder Pflicht, nur ohne die Wahrheit“. Die Player bekommen Aufgaben von Nerve gestellt, müssen sie erfüllen, sich dabei filmen, das Video online stellen und bekommen dafür eine Belohnung. Alle Player arbeiten darauf hin, in den Live Shows zu stehen, bei denen man natürlich noch größere Preise gewinnen kann - aber auch tiefer fällt. Gleich zu Beginn teilt Nerve Vee Ian als Spielpartner zu, mit dem sie nun die Aufgaben erledigen muss. Ian ist ein ziemlich geheimnisvoller Typ, Vee weiß wenig über ihn, aber er genießt wohl auch den Adrenalinkick, den er durch Nerve bekommt.

Themen und Fragestellungen

"Nerve" wirft eine drängende Frage auf: Wie weit lassen wir unser Leben vom Internet beeinflussen? Im Fall der Hauptdarsteller ganz klar: Sehr weit. Halbnackt aus einem Laden rennen, Überraschungs-Tattoos stechen lassen oder mit verbundenen Augen Motorrad fahren - Vee und Ian lassen sich auf die wahnsinnigsten Aufgaben ein. Die Gefahren, in die sie sich dabei begeben, sind ihnen offenbar nicht bewusst. Auch tausende Watcher, die das Geschehen live mitverfolgen oder sogar initiieren, greifen nicht ein. Was die zweite, wichtige Frage aufwirft: Was macht Anonymität im Internet mit uns? Der Film beleuchtet die dunklen Seiten des Internets, wo jeder etwas ist, solange man nur gewillt ist Geld oder sich selbst zur Verfügung zu stellen.

Kritik und Kontroversen

Das Problem: Die hochrelevanten Themen rücken angesichts der vielen Action und der obligatorischen Liebesgeschichte zusehends in den Hintergrund. Hinzu kommt, dass der Film immer wieder die falsche Botschaft sendet. Hirnrissige Aktionen, wie sich von einem fahrenden Zug überrollen zu lassen oder auf einer Leiter von einem Hochhausfester ins andere zu klettern, bleiben nämlich jedes Mal folgenlos und werden als cool und mutig dargestellt. Natürlich fiebert man mit den Hauptfiguren mit, der bittere Beigeschmack einer unreflektierten Inspirationsquelle für lebensgefährliche Mutproben bleibt aber.

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Unabhängig davon, was am Ende von Nerve passiert, setzte Nerve sich vor dem Dreh aber gewisse moralische Grenzen für die Mutproben, die den Film so sehr prägen.

Keine Sex-Mutprobe

Als Vee und Ian stellen sich Emma Roberts und Dave Franco immer größeren Risiken, um in Nerve bei ihren Mutproben zu punkten. Küsse, Diebstahl, Motorradfahrten, Tattoos - all das führt sie auf einen mörderischen Höhepunkt zu. Doch einigen Mutproben-Ideen von Drehbuchautorin Jessica Sharzer wurde schon zu Beginn der Riegel vorgeschoben, weil sie zu hart waren. In einem Interview mit MTV äußerten sich die Regisseure von Nerve, Henry Joost und Ariel Schulman dazu, dass eine Sex-Mutprobe gestrichen wurde, um eine Jugendfreigabe (PG-13) statt ein Erwachsenen-Rating (R-Rating) für den Film zu erhalten.

Das Regie-Duo hatte eine jugendliche Zielgruppe für Nerve im Visier hatte, der sie eine wichtige Botschaft vermitteln wollten, hatten sie kein Interesse daran, einen "widerlichen Folter-Film" zu drehen. Nachdem das Skript zu Nerve nach anderthalb Jahren fertig war, musste die Figur der Sydney (Emily Meade) darin nun weniger düstere Pfade beschreiten und wurde "nur" zu einer Leiter-Mutprobe über einem Häuser-Abgrund herausgefordert.

Visuelle Umsetzung und Zielgruppe

Wirklich ernst nehmen sollte man "Nerve" nicht. Ohne den Anspruch einer logischen, reflektierten Gesellschaftskritik sind die 96 Minuten aber durchaus unterhaltsames Kino, das vor allem von seiner frischen, visuellen Umsetzung lebt. Die Leinwand wird zeitweise zum Computer-Bildschirm und stetig ploppen Social-Media-Schnipsel im Sichtfeld auf. Untermalt wird das Ganze von angesagter Popmusik. Den Nerv der Teenie-Zielgruppe trifft der Film damit auf jeden Fall. Die beiden Regisseure Ariel Schulman und Henry Joost wählen eine überzeugende Ästhetik: Sobald sich jemand bei „Nerve“ anmeldet, ploppt wie eine Cloud der Name über Manhattan auf, mal blickt man vom Inneren des Bildschirms auf das Geschehen. Es ist duster - der Hauptteil des Films spielt in einer einzigen Nacht - und zugleich grellbunt.

Vergleich mit "Wahrheit oder Pflicht" und Pokémon Go

Die Vorkommnisse an der Fifth Avenue gehören ohne Frage noch zu den harmloseren Eskapaden, in die Vee (Emma Roberts) und Ian (Dave Franco) während dieser »Nerve«-Nacht geraten. Aber zugleich offenbaren sie, wie dieses von »Wahrheit oder Pflicht« inspirierte Online-Game die Spieler immer tiefer in eine Schattenwelt hineinzieht. Das Geschäft und das Kleid sind Lockmittel, die die eher ängstliche Vee mit ihren Träumen und Sehnsüchten konfrontieren: Einmal nicht das arme Mädchen aus Staten Island sein, das sich das College ihrer Wahl nicht leisten kann.

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Von »Pokémon Go« zu »Nerve« ist es letzten Endes nur ein kleiner Schritt. In beiden Fällen geben die Spieler große Teile ihrer Privatsphäre auf und werden so manipulierbar. Aber der Film warnt nicht nur vor den Gefahren eines Lebens, das fortwährend im Netz beobachtet werden kann. Er inszeniert zugleich auch den Rausch, den ein Spiel wie »Nerve« auslösen kann. Schon lange wirkte New York nicht mehr so verführerisch wie in diesem Film, dessen Bilder nicht nur den fast schon irrealen Farbexplosionen von Neonlichtern frönen. Ständig wechselt die Perspektive. Mal blickt man auf einen Bildschirm und verfolgt so das Geschehen. Mal blickt der Bildschirm eines Telefons zurück, während die Kamera Vees Mutproben für die Netz-Community dokumentiert.

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