Neue Medikamente in der Therapie der Multiplen Sklerose: Ein Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern umhüllen. Diese Schädigung beeinträchtigt die Nervenleitgeschwindigkeit und führt zu vielfältigen neurologischen Symptomen. Obwohl MS nicht heilbar ist, haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren erheblich verbessert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über neue Medikamente und Therapieansätze in der MS-Behandlung.

Die Grundlagen der Multiplen Sklerose

Bei MS greifen die Zellen des Immunsystems den eigenen Körper an und schädigen die Myelinscheide, eine Schutzhülle der Nervenfortsätze. Ist diese Hüllschicht defekt, können die Stromimpulse im Nervensystem nicht mehr richtig weitergeleitet werden, ähnlich wie bei einem unisolierten Stromkabel. Letztlich gehen die nackten Nervenfortsätze, die Axone, zugrunde. Die Folgen sind vielfältig: Sehstörungen, Nervenschmerzen, Lähmungen, ein Kribbeln in der Haut - um nur einige Symptome zu nennen.

Die Ursachen für MS sind komplex und multifaktoriell. Es wird angenommen, dass genetische Veranlagung, Umweltfaktoren wie Virusinfektionen (z. B. Masern-, Herpes- oder Epstein-Barr-Viren), Vitamin-D-Mangel und Rauchen eine Rolle spielen. Auch das Geschlecht scheint einen Einfluss zu haben, da Frauen 2-3 mal häufiger betroffen sind als Männer.

MS manifestiert sich durch eine Vielzahl von Symptomen, die je nach betroffenem Hirnareal variieren können. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Muskelkrämpfe, Müdigkeit, Gefühlsstörungen, Koordinationsprobleme und Lähmungen. Die Erkrankung verläuft meist in Schüben (schubförmig-remittierende MS, RRMS), bei denen Symptome auftreten und sich dann wieder zurückbilden. Bei etwa 10 % der Patienten schreitet die MS von Beginn an unaufhaltsam fort (primär progrediente MS, PPMS). Eine Mischform ist die sekundär progrediente MS (SPMS), die sich aus der RRMS entwickelt, wenn sich die Symptome nach einem Schub kaum noch oder gar nicht mehr zurückbilden.

Aktuelle Therapieansätze bei Multipler Sklerose

Die Behandlung der Multiplen Sklerose stützt sich auf mehrere Säulen:

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  • Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe, damit Beschwerden sich schnell zurückbilden
  • Verlaufsmodifizierende Therapie (= Basistherapie): Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um die beschwerdefreie oder -arme Zeit zu verlängern
  • Symptomatische Therapie: Linderung von MS-Beschwerden und Vorbeugung möglicher Komplikationen

Für Patienten mit schubförmig verlaufender MS stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Bei akuten Schüben können u.a. Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Zu den schon am längsten verfügbaren Basistherapeutika zählen die Betainterferon-Präparate und das synthetische Peptidgemisch Glatirameracetat; sie alle müssen regelmäßig gespritzt werden. Seit 2011 kamen aber auch Basistherapeutika in Tablettenform heraus, mit den Wirkstoffen Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Drei Antikörperpräparate (Natalizumab, Ocrelizumab und Ofatumumab) werden in Dauertherapie eingesetzt, für ein weiteres (Alemtuzumab) genügen zwei kurze Behandlungsphasen für eine langanhaltende Wirkung. Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gibt es das Medikament Ocrelizumab, das die Krankheitsaktivität dämpfen kann.

Innovative Zelltherapie: Das Immunsystem austricksen

Ein vielversprechender neuer Ansatz ist die Zelltherapie, die darauf abzielt, das Immunsystem der Betroffenen dazu zu bringen, die Angriffe auf die Myelinscheide der Nervenzellen einzustellen. Dieser Ansatz wurde in einer klinischen Studie mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erfolgreich geprüft.

Bei dieser Therapie werden dem Patienten zunächst weiße Blutkörperchen (Leukozyten) entnommen. Anschließend werden die Zellen in einem Reinlabor weiterverarbeitet. Der wichtigste Schritt dabei ist, dass sieben Peptide, also kurze Eiweiße, an die Oberfläche der Zellen gekoppelt werden. Sie sind Bestandteil der Myelinscheide. „Genau diese Peptide werden vom Immunsystem der MS-Patienten fälschlicherweise als fremd erkannt, obwohl sie ein wichtiger Bestandteil des eigenen Nervensystems sind“, erklärt Martin.

Nach mehreren Wasch- und Kontrollschritten werden die veränderten Leukozyten den Patienten noch am selben Tag als Infusion wieder verabreicht. „Was dann im Körper der Patienten passiert, ist erstaunlich: Das Immunsystem wird regelrecht ausgetrickst“, sagt Martin. Die veränderten Leukozyten sterben durch programmierten Zelltod. Nach gegenwärtigem Wissen werden die toten Leukozyten in die Milz transportiert. Dort werden ihre Bestandteile - und damit auch die sieben Myelinpeptide - dem Immunsystem präsentiert. Es entwickelt sich Immuntoleranz, d. h., den T-Zellen wird „beigebracht“, diese Myelinpeptide nicht als fremd, sondern als körpereigen zu erkennen.

In einer ersten klinischen Studie wurde dieser innovative Therapieansatz an neun MS-Patienten geprüft. Die Therapie wurde von allen neun Patienten gut vertragen, und es traten keine Hinweise auf Sicherheitsrisiken auf. Bei Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.

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CAR-T-Zellen Therapie bei Multipler Sklerose

CAR-T-Zellen - die Immuntherapie mit diesem sperrigen Namen zeigte ihre ersten Erfolge im Einsatz gegen einige Arten von Blutkrebs. Dabei werden sogenannten T-Zellen aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor genetisch verändert - sie werden zu CAR-T-Zellen. Sie können jetzt andere Immunzellen erkennen, die werden B-Zellen genannt. Wenn diese B-Zellen sich zu bösartigen Krebszellen entwickelt haben, können die T-Zellen sie mit der neuen Oberfläche unschädlich machen. Solche CAR-T-Zellen können auch bei Autoimmunerkrankungen wirksam sein - zum Beispiel bei seltenen Erkrankungen wie Lupus oder Myasthenie. Auch bei Multipler Sklerose gab es erste Erfolge. Das zeigen neue Forschungsergebnisse. B-Zellen sind Abwehrzellen des Körpers. Denn bei Autoimmunerkankungen bilden die B-Zellen Antikörper, die sich gegen den eigenen Körper wenden.

Tolebrutinib: Ein Hoffnungsträger für die Therapie der Multiplen Sklerose

Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS). Tolebrutinib zeigte in Studien positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS. Damit rückt ein Medikament in greifbare Nähe, das nicht nur Schübe reduziert, sondern möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt - und das unabhängig von sichtbarer Entzündung.

Die GEMINI-Studien zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen. Parallel dazu belegte die HERCULES-Studie erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS.

Tolebrutinib ist Teil eines Studienprogramms der Firma Sanofi, das sich sowohl auf schubförmige als auch progrediente Formen der MS erstreckt.

Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi): Ein möglicher Durchbruch

Die bisherige Geschichte der BTKi (Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer) gleicht einem Auf und Ab. Angefangen bei der Aussicht, in BTKi eine Wirkstoffgruppe gegen aktive, schubförmige wie auch gegen nicht-aktive, (nahezu) schubfreie) MS zu haben. Über eingestellte Studien aufgrund schwerster, in einem Fall tödlicher Leberprobleme oder nicht signifikanten Ergebnissen. Bis hin zur Aussicht jetzt, dass ein BTKi möglicherweise schon Ende 2025 gegen progrediente Multiple Sklerose zugelassen werden könnte.

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Tolebrutinibs Stärken (und möglicherweise auch die anderer BTKi) scheinen also in der Eindämmung der progredienten Verschlechterung, weniger in der Entzündungshemmung zu liegen. Möglicherweise wird Tolebrutinib daher in diesem Jahr zugelassen. Fraglich ist noch, ob nur bei sekundär-progredienter MS oder auch bei schubförmiger MS. Und, ob es in Kombination mit anderen Immunmodulatoren zugelassen werden könnte. Ein engmaschiges Leber-Monitoring wird wohl Voraussetzung sein.

Personalisierte Therapieansätze: Ein genetischer Biomarker als Entscheidungshilfe

Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patientinnen und -Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).

„Unsere Studie zeigt zum ersten Mal, dass ein genetischer Marker mit dem Behandlungserfolg eines MS-Medikaments verknüpft ist“, erklärt Studienleiter Prof. Nicholas Schwab von der Universität Münster. „Damit lässt sich vor Therapiebeginn vorhersagen, ob Glatirameracetat oder Interferon die wahrscheinlich bessere Wahl ist.“

Weitere Forschungsansätze und Medikamente in Erprobung

Ein wichtiger Schwerpunkt der klinischen Forschung liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Erforschung der Zelle, insbesondere der Rolle von T-Zellen und B-Zellen, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen. Andere Studien zielen darauf ab, den Anwendungskomfort durch längere Anwendungsintervalle oder eine orale Verabreichung zu erhöhen.

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