Sehstörungen können vielfältige Ursachen haben. Viele Menschen gehen davon aus, dass Augenprobleme immer direkt mit dem Auge zusammenhängen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Neurologische Erkrankungen können ebenfalls Sehstörungen verursachen, insbesondere nachts. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen für Augenprobleme, die nachts auftreten können, und gibt einen Überblick über Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Definition neurologischer Sehstörungen
Neurologische Sehstörungen sind Sehprobleme, die durch Erkrankungen des Nervensystems verursacht werden. Dies können Erkrankungen des Gehirns, des Sehnervs oder der Nerven sein, die die Augenmuskeln steuern. Im Gegensatz zu Sehstörungen, die direkt durch Augenprobleme wie Kurzsichtigkeit oder Katarakte verursacht werden, entstehen neurologische Sehstörungen durch eine Beeinträchtigung der Verarbeitung visueller Informationen im Gehirn oder durch Störungen der Augenbewegungen.
Ursachen neurologischer Sehstörungen
Verschiedene neurologische Erkrankungen können zu Sehstörungen führen, die sich nachts verstärken oder besonders bemerkbar machen. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
- Entzündungen des Sehnervs und/oder des Gehirns: Entzündungen, die durch Infektionen oder Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) verursacht werden, können den Sehnerv schädigen und zu Sehstörungen führen. Bei MS können Sehstörungen eines der ersten Symptome sein. Die Umwelt erscheint dann wie durch einen dichten Nebel, unscharf oder in Doppelbildern. Auch ein teilweiser Sehverlust im Zentrum des Blickfeldes ist möglich.
- Durchblutungsstörungen im Gehirn: Ein Schlaganfall oder Verletzungen können die Blutversorgung des Gehirns beeinträchtigen und zu Sehstörungen führen.
- Vergiftungen: Alkohol und Drogen können das Nervensystem schädigen und Sehstörungen verursachen.
- Tumore: Tumore im Gehirn können auf den Sehnerv oder andere Teile des visuellen Systems drücken und Sehstörungen verursachen. Tumoren der Hirnanhangdrüse können je nach Lage und Größe des Tumors und der Art der Hormonbildung ebenfalls Sehstörungen verursachen.
- Folgeschäden einer Tumortherapie: Operationen, Strahlen- oder Chemotherapie können das Nervensystem schädigen und Sehstörungen verursachen.
- Stress und psychische Belastungen: Anhaltender psychischer Stress kann sich negativ auf die Sehfähigkeit auswirken. Eine Studie der Universität Magdeburg schlussfolgerte, dass anhaltender psychischer Stress wesentlich und ursächlich zu einer Sehverschlechterung beitragen kann.
- Angeborene Krankheiten: Heredoataxien und Muskelkrankheiten können ebenfalls Sehstörungen verursachen.
- Migräne und epileptische Erkrankungen: Diese Erkrankungen können vorübergehende Sehstörungen verursachen. Bei Migräne ist im Auge selbst üblicherweise kein Schaden zu finden, sondern die Sehstörungen entstehen durch Gefäßeinschränkungen im Kopf.
- Nachtblindheit (Nyktalopie): Menschen mit Nachtblindheit sehen in der Dunkelheit wenig oder gar nichts mehr. Dies kann durch eine Fehlfunktion der Lichtsinneszellen in der Netzhaut verursacht werden. In seltenen Fällen kann auch ein Vitaminmangel oder eine vererbte Augenkrankheit (Retinitis pigmentosa) die Ursache sein.
Symptome neurologischer Sehstörungen
Die Symptome neurologischer Sehstörungen können vielfältig sein und hängen von der zugrunde liegenden Ursache und dem betroffenen Bereich des Nervensystems ab. Einige häufige Symptome sind:
- Unscharfes Sehen: Dies kann sowohl das Sehen in der Ferne als auch in der Nähe betreffen.
- Gesichtsfeldausfälle: Betroffene nehmen Teile ihrer optischen Umgebung nicht mehr wahr. Sie ecken an, stolpern oder übersehen Bekannte. Oft bemerken sie das Problem zunächst nicht, da kein „schwarzer Fleck“ zu sehen ist, sondern der Gesichtsfeldteil einfach nicht da ist. In schweren Fällen erkennen die Patienten gar nichts mehr (sog. „Seelenblindheit“).
- (Hemi-)Anopsien: Ausfall einer Hälfte des Gesichtsfeldes.
- Skotome: Umschriebene Ausfälle im Gesichtsfeld.
- Doppelbilder: Treten bei Störungen in der Steuerung der Augenbewegungen auf.
- Verschwommenes Sehen und Bildinstabilität: Ebenfalls bei Störungen der Augenbewegungen.
- Lichtempfindlichkeit (Photophobie): Die Augen reagieren überempfindlich auf Licht. Dies kann durch verschiedene Augenerkrankungen oder neurologische Erkrankungen verursacht werden. Menschen mit Lichtscheu meiden helles Licht nach Möglichkeit, sowohl im Freien als auch in Innenräumen.
- Augentränen: Vermehrtes Tränen der Augen.
- Kopfschmerzen: Oft in Verbindung mit Lichtempfindlichkeit.
- Schwindel: Kann zusammen mit Sehstörungen auftreten.
- "Aura" oder das Gefühl von eingeschränktem Sehen: Kann bei Migräne auftreten.
- Blitze sehen: Plötzliches Sehen von Blitzen kann auf Probleme mit der Netzhaut hinweisen.
- Rußregen: Sehen von vielen kleinen schwarzen Punkten, Lichtblitzen oder großen schwarzen Flecken vor den Augen.
- Eingeschränktes Farbensehen: Schwierigkeiten, Farben zu unterscheiden oder wahrzunehmen.
- Verschwommensehen, "laufende Bilder" (Oszillopsien), Schwankschwindel, Drehschwindel, Fallneigung oder Gangstörungen: Diese Beschwerden gehen oft mit Augenbewegungsstörungen einher.
Diagnostik
Aufgrund der vielen verschiedenen Erkrankungen, die neurologische Sehstörungen auslösen können, und der Vielzahl an verschiedenen Sehstörungen ist manchmal eine aufwendige Diagnostik nötig, um dem Problem auf den Grund zu gehen.
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Die genaue Beschreibung der Seh-Wahrnehmung gibt wichtige Hinweise, um die Ursache der Sehstörungen festzustellen. Der Arzt wird ausführlich über die verschiedenen Aspekte der neurologischen Sehstörung, die Begleitumstände und weitere Symptome sprechen.
Neben der Anamnese werden verschiedene neurologische und neurophysiologische Untersuchungen durchgeführt, um weitere wichtige Informationen über die individuellen Sehstörungen zu erhalten. Bei entsprechendem diagnostischem Bedarf können auch viele Spezialuntersuchungen durchgeführt oder veranlasst werden:
- Messung der Augenbewegungen über eine Frenzelbrille: Ein spezielles Untersuchungsinstrument, um unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) zu erkennen.
- Videony stagmographie (VNG): Video-Aufzeichnung von Augenbewegungen.
- Elektronystagmographie (ENG): Elektronische Aufzeichnung der Augenbewegungen mit Hilfe von aufgeklebten Elektroden.
- Koordimetrie: Bestimmung von Augenfehlstellungen.
- Perimetrie: Gesichtsfelduntersuchung.
- Visuelle Explorationsmessung: Untersuchung der Fähigkeit, visuelle Informationen systematisch zu erfassen.
- Visusmessung: Messung der Sehschärfe.
- Ggf. auch Computertomographie (CT) und Kernspintomographie (MRT): Bildgebende Verfahren, um Gehirn und Sehnerv darzustellen und mögliche Ursachen wie Tumore oder Entzündungen zu erkennen.
Behandlung neurologischer Sehstörungen
Die Behandlung neurologischer Sehstörungen zielt in erster Linie auf die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache ab. Dies kann die Behandlung einer Entzündung, die Beseitigung eines Tumors oder die Verbesserung der Durchblutung des Gehirns umfassen.
Zusätzlich zur Behandlung der Ursache können verschiedene Therapien eingesetzt werden, um die Sehstörungen selbst zu verbessern und den Betroffenen zu helfen, mit ihren Einschränkungen besser umzugehen.
- Sehtraining: Gezieltes Training, um das Sehvermögen wieder zu verbessern und/oder trotz Sehstörung die Umwelt besser wahrzunehmen. Dies kann beispielsweise Übungen zur Verbesserung der Augenbewegungen oder zur Kompensation von Gesichtsfeldausfällen umfassen.
- Visuelles Explorationstraining (VET): Trainiert gezielte Blickbewegungen, um in den "blinden" Bereich hinein zu sehen. Das Ziel ist, die raschen Blickbewegungen im Alltag zu nutzen, um die Gesichtsfeldausfälle auszugleichen.
- Visuelle Restitutionstherapie (VRT): Trainiert die Erweiterung des eingeschränkten Gesichtsfeldes.
- „Krankengymnastik für die Augen“: Spezielle Übungen zur Verbesserung der Augenmotorik.
- Prismenbrille: Kann bei Winkelfehlsichtigkeit eingesetzt werden, um Doppelbilder zu korrigieren.
- Medikamentöse Therapien: Je nach Ursache der Sehstörungen können Medikamente zur Behandlung der Grunderkrankung eingesetzt werden.
- Psychologische Therapien: Bei Stress und psychischen Belastungen können psychologische Therapien helfen, die Symptome zu lindern.
- Sport- und Bewegungstherapien - Physiotherapie: Können helfen, die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden zu verbessern, was sich positiv auf die Sehkraft auswirken kann.
- Ergotherapien: Können helfen, den Alltag trotz Sehstörungen besser zu bewältigen.
- Entspannungstherapien: Können helfen, Stress abzubauen und die Sehkraft zu verbessern.
- Hirnleistungstherapien: Können helfen, die kognitiven Funktionen zu verbessern, die für das Sehen wichtig sind.
- Balneo-physikalische Therapie (Heilbäder und Packungen): Können die Durchblutung fördern und die Entspannung unterstützen.
- Hör-Therapien: Können bei Gleichgewichtsstörungen helfen, die mit Sehstörungen einhergehen.
Was Sie selbst tun können
Neben der ärztlichen Behandlung können Betroffene auch selbst einiges tun, um mit neurologischen Sehstörungen besser umzugehen:
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- Abgedunkelte Räume oder eine Sonnenbrille: Können bei Lichtempfindlichkeit helfen. Allerdings sollte der Griff zur Sonnenbrille nicht zur Dauerlösung werden, da sich die Augen sonst an das gedämpfte Licht gewöhnen und die Problematik verschlimmern kann.
- Regelmäßige Entspannung und ausreichend Schlaf: Stress und wenig Schlaf können die Photophobie verstärken.
- Regelmäßige Pausen bei Bildschirmarbeit, das Blinzeln nicht vergessen, Raumluft befeuchten und viel Wasser trinken: Dies kann helfen, trockene Augen zu vermeiden.
- Vermeidung von bekannten Auslösern: Wenn bestimmte Lichtquellen oder Umgebungen die Lichtempfindlichkeit verschlimmern, sollten diese vermieden werden.
- Übungen zur Augenentspannung: Können helfen, die Augenmuskulatur zu beruhigen und die Empfindlichkeit zu verringern.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist wichtig, bei neu auftretenden oder sich verschlimmernden Sehstörungen einen Arzt aufzusuchen, insbesondere wenn diese mit anderen neurologischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen einhergehen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können helfen, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Sehkraft zu erhalten.
Unverzüglich einen Arzt aufsuchen sollte man bei:
- Starken Rötungen eines oder beider Augen
- Schmerzen
- Augentränen
- Sekretabsonderung
- Lichtscheu
- Sehminderung
- Lidkrampf
- Trübung am Auge
- Verfärbung des Augenweiß oder andere Veränderungen des Augapfels, zum Beispiel Verhärtung oder Verlagerung
- Ungewöhnlichen oder besonders starken Kopfschmerzen und Lichtscheu
- Hohem Fieber
- Ausgeprägtem Schwindel
- Starker Übelkeit
- Nackensteifigkeit
- Lähmungen oder Sehstörungen
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