Die Gürtelrose, auch Herpes zoster genannt, ist eine Viruserkrankung, die durch die Reaktivierung von Varizella-Zoster-Viren (VZV) verursacht wird. Diese Viren, die nach einer Windpockeninfektion im Körper verbleiben, können bei einer Schwächung des Immunsystems reaktiviert werden und eine Gürtelrose auslösen. Typischerweise äußert sich die Gürtelrose durch einen schmerzhaften Hautausschlag mit Bläschenbildung, der meist auf einer Körperseite auftritt. In vielen Fällen heilt die Gürtelrose problemlos aus, jedoch können in manchen Fällen auch schwerwiegende neurologische Komplikationen auftreten. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden.
Ursachen und Risikofaktoren
Der Auslöser der Gürtelrose ist das Varizella-Zoster-Virus. Eine erste Infektion mit diesem Virus erfolgt meist in der Kindheit und verursacht Windpocken (Varizellen). Nach dem Abheilen der Windpocken bleiben die Viren in den Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks inaktiv. Bei einer Schwächung des Immunsystems können die Viren reaktiviert werden und sich vermehren, was zu einer Gürtelrose führt. Die genaue Ursache für die Reaktivierung ist oft nicht feststellbar.
Eine direkte Ansteckung mit Gürtelrose ist nicht möglich. Die Erkrankung entsteht immer durch die Aktivierung des "schlummernden" Varizella-Zoster-Virus. Im Laufe des Lebens erkranken etwa drei von zehn Personen an Gürtelrose. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter und bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.
Risikofaktoren für eine Gürtelrose sind:
- Alter über 50 Jahre
- Geschwächtes Immunsystem (z.B. durch Krankheit oder Medikamente)
- Chronische Erkrankungen
Symptome und Diagnose
Vorzeichen einer Gürtelrose können leichtes Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit und Fieber sein. Nach etwa zwei bis drei Tagen treten die typischen Symptome auf:
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- Hautausschlag mit geröteter Haut
- Bläschenbildung, die jucken kann
- Starke Schmerzen im betroffenen Hautbereich
Die Symptome sind auf den Hautbereich beschränkt, der durch den betroffenen Nervenstrang versorgt wird. Eine Gürtelrose kann überall am Körper entstehen, auch im Gesicht, an den Augen und Ohren.
Besondere Formen der Gürtelrose sind:
- Zoster ophthalmicus (Gürtelrose am Auge): Symptome treten an Stirn, Nase und Augenregion auf.
- Zoster oticus (Gürtelrose am Ohr): Betroffen sind der Gehörgang und die Ohrmuschel, manchmal auch der Hals. Selten gibt es auch Fälle ohne Bläschen, jedoch mit starken Schmerzen.
Aufgrund der typischen Form des Ausschlages und der Beschwerden kann die Ärztin oder der Arzt meist eine eindeutige Diagnose stellen. In unklaren Fällen kann eine Laboruntersuchung der Hautveränderungen durchgeführt werden, um das Virus nachzuweisen.
Neurologische Komplikationen
In vielen Fällen heilt eine Gürtelrose ohne Probleme aus. Manchmal können aber auch teils schwere Komplikationen auftreten. Die häufigste Komplikation ist die Post-Zoster-Neuralgie (PZN).
Post-Zoster-Neuralgie (PZN)
Die Post-Zoster-Neuralgie ist die häufigste Komplikation einer Gürtelrose. Sie äußert sich durch Schmerzen, die länger als drei Monate nach Abheilung der Bläschen bestehen bleiben. Das Risiko für eine PZN steigt mit dem Alter deutlich an. In den meisten Fällen gehen die Schmerzen mit der Zeit zurück, aber sie können sehr belastend sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
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Symptome der PZN:
- Anhaltende brennende oder bohrende Schmerzen
- Plötzlich einschießende Schmerzen
- Heftige Schmerzen bei Berührung
- Missempfindungen wie Juckreiz oder Taubheitsgefühle
- Überempfindlichkeit der Haut
Ursachen der PZN:
Die genauen Ursachen der PZN sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Schmerzen durch eine Schädigung der Nerven durch das Virus verursacht werden. Die Nervenstrukturen können geschädigt werden und vernarben. Die Folge: Nach der Krankheitsphase kommt es zu einem gestörten Schmerzempfinden mit den Symptomen einer Post-Zoster-Neuralgie.
Therapie der PZN:
Die Therapie der PZN zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten:
- Schmerzmittel: Zur Linderung der Schmerzen können verschiedene Schmerzmittel eingesetzt werden.
- Antikonvulsiva: Medikamente gegen Krampfanfälle (Antiepileptika) wie Pregabalin oder Gabapentin können die Nervenzellen weniger erregbar machen und die Schmerzen reduzieren. Sie werden anfangs mit Schmerzmitteln kombiniert, da es etwas dauert, bis sie wirken. Dann können die Schmerzmittel wieder abgesetzt werden.
- Antidepressiva: Antidepressiva können verhindern, dass Schmerzsignale im Rückenmark weitergeleitet werden.
- Schmerzpflaster: Pflaster mit schmerzbetäubenden Wirkstoffen wie Lidocain oder Capsaicin können gezielt an den betroffenen Stellen eingesetzt werden. Studien deuten darauf hin, dass Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin (8-prozentig) die Nervenschmerzen verringern können.
- Nervenblockaden: In schweren Fällen können Nervenblockaden mit lokal angewendeten Betäubungsmitteln oder Steroiden durchgeführt werden, um bestimmte Nerven "abzuschalten". Diese Therapie wird ausschließlich von spezialisierten Schmerzärzten durchgeführt.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei der TENS werden mithilfe von Elektroden auf der Haut die Nerven mit Stromimpulsen angesprochen. Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit dieses Verfahrens fehlen allerdings noch.
Welcher Wirkstoff und welche Kombination geeignet ist, hängt von der Stärke der Schmerzen ab und davon, wie man die Medikamente verträgt. Deshalb ist es sehr wichtig, der Ärztin oder dem Arzt möglichst genau zu beschreiben, wie stark die Schmerzen sind, wie die Mittel wirken und ob es Nebenwirkungen gibt.
Weitere neurologische Komplikationen
Neben der Post-Zoster-Neuralgie kann die Gürtelrose auch weitere neurologische Komplikationen verursachen, insbesondere bei Beteiligung des Kopfes oder bei schwerer Einschränkung des Immunsystems.
- Zoster-assoziierte Vaskulopathie: Die VZV-Reaktivierung kann in einer Vaskulopathie resultieren, bei der zerebrale Gefäße vom VZV infiziert werden. Dies kann zu transitorischen ischämischen Attacken, zerebralen Aneurysmen, zervikalen arteriellen Dissektionen, Hirnblutungen, Rückenmarksinfarkten und peripheren Thrombosen führen. Zur Diagnose eignen sich bildgebende Verfahren wie zerebrales CT oder MRT und die Angiographie. Als sensitivste Methode zum Nachweis einer Zoster-assoziierten Vaskulopathie gilt der Nachweis von anti-VZV-IgG-Antikörpern im Liquor. Die Therapie umfasst orale Glukokortikoide und eine intravenöse Aciclovir-Gabe.
- Riesenzellarteriitis (RZA): Es gibt Hinweise darauf, dass eine VZV-Infektion den Ausbruch einer RZA triggern kann. Bei positivem Virusnachweis wird eine Therapie mit Glukokortikoiden und Aciclovir in Betracht gezogen, da die RZA der Temporalarterien unbehandelt zum irreversiblen Erblinden führen kann.
- Enzephalitis: In seltenen Fällen kann eine Meningoenzephalitis auftreten, insbesondere bei immunsupprimierten Patienten. Im Liquor zeigt sich eine Pleozytose, VZV-DNA ist im Liquor nachweisbar und in manchen Fällen auch anti-VZV-IgG-Antikörper. Die Therapie umfasst orale Glukokortikoide und Aciclovir intravenös.
- Motorische Radikulopathie: Motorische Defizite können etwa zwei Wochen nach den Hautläsionen auftreten. Eine VZV-assoziierte Myelitis wird als möglicher Auslöser vermutet. Der Nachweis von VZV-DNA im Liquor kann bei der Diagnose unterstützen. Die Therapie umfasst orale Glukokortikoide und intravenöse Aciclovir-Gabe.
- Zoster sine herpete (ZSH): Der ZSH ist definiert als unilateraler dermatomaler Schmerz ohne Hautläsionen bei virologischem und/oder serologischem Nachweis einer VZV-Infektion. Zur Diagnose wird der Nachweis von VZV-DNA im Liquor oder im peripheren Blut beschrieben und/oder der Nachweis von anti-VZV-IgG-Antikörpern im Liquor.
- Weitere Komplikationen: In schweren Fällen kann die Gürtelrose zur Erblindung führen. Auch eine Lähmung des Gesichtsnervs (Facialisparese) auf der betroffenen Seite ist möglich. Eine Sonderform dieser Art der Gürtelrose ist das Ramsay-Hunt-Syndrom. Bei schwerer Einschränkung des Immunsystems kann es in seltenen Fällen statt eines lokalisierten Ausbruchs zu einer Beteiligung des gesamten Körpers kommen (Zoster disseminatus). Hierbei können Organe befallen und beschädigt werden.
Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
Studien haben gezeigt, dass es bei Gürtelrose Patient*innen zu einem Anstieg des Risikos für Herzinfarkt und Schlaganfall kommt. Daten aus Asien weisen zudem auf ein um 13 % höheres Risiko für periphere Arterienerkrankung hin.
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Behandlung
Bei einer Gürtelrose ist eine ärztliche Behandlung notwendig, um längere Beschwerden und Komplikationen zu vermeiden. Meist verschreibt die Ärztin oder der Arzt Schmerzmittel und antivirale Medikamente. Die Behandlung mit antiviralen Medikamenten sollte früh, am besten innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten des Hautausschlages, begonnen werden. Zudem kann die Ärztin oder der Arzt über Möglichkeiten der Hautpflege beraten. Eine Gürtelrose bildet sich bei Menschen ohne ein erhöhtes Risiko für Komplikationen meist von selbst zurück.
Die eingesetzten Medikamente (Aciclovir, Brivudin, Famciclovir, Valaciclovir) unterbrechen die Infektion und verkürzen so die Hautsymptome sowie die Dauer und Schwere möglicher Nervenschmerzen. Die Medikamente werden in Tablettenform eingenommen.
Die Wundschmerzen der Gürtelrose werden mit den bekannten Schmerzmedikamenten behandelt. Wenn Nervenschmerzen hinzukommen, sollten diese ebenfalls behandelt werden. Das erfordert zusätzlich Medikamente gegen Nervenschmerzen (z.B. mit krampflösenden Medikamenten (Antiepileptika), Schmerzmitteln, angstlösenden Medikamenten (Antidepressiva) oder schmerzbetäubenden Pflastern).
Während der Behandlung wird die Art und die Intensität der Schmerzen vom Arzt erfasst und der Therapieerfolg gemessen.
Prävention
Um einer Gürtelrose vorzubeugen, wird im Impfplan Österreich eine Impfung gegen Herpes zoster für Personen ab dem vollendeten 50. Lebensjahr empfohlen. Die Ständige Impfkommission des RKI (STIKO) empfiehlt die Impfung für alle Menschen über 60 Jahren sowie für Menschen ab 50 mit einem erhöhten Risiko für eine Gürtelrose.
Für einen vollständigen Impfschutz sind zwei Impfungen im Abstand von 2 bis 6 Monaten notwendig. Eine einzelne Impfung schützt nicht ausreichend gegen die Gürtelrose. Der empfohlene Impfstoff ist ein Totimpfstoff. Der Impfstoff ist sicher und führt nur bei wenigen Geimpften zu Impfreaktionen führen. Zu diesen Reaktionen gehören lokale Schmerzen an der Injektionsstelle, Fieber, Müdigkeit, Muskel- und Kopfschmerzen.
Der neue Impfstoff gegen Gürtelrose hat gegenüber der einzigen, bislang verfügbaren Vakzine - einer hochdosierten Variante des Lebendimpfstoffes gegen Windpocken für Kinder - entscheidende Vorteile: Er ist nicht kontraindiziert bei Immunschwäche und er zeigt bei allen Altersstufen ab 50 Jahren eine sehr gute Schutzwirkung.
Ansteckungsgefahr
Ansteckend ist die Flüssigkeit in den Bläschen des Hautausschlags. Wenn die Bläschen aufgekratzt werden oder aufplatzen, kann das Varizella-Zoster-Virus auf andere übertragen werden. Nur Menschen, die nicht an Feuchtblattern erkrankt waren und nicht gegen Feuchtblattern geimpft sind, können sich mit dem Varizella-Zoster-Virus anstecken.
Patientinnen und Patienten mit Gürtelrose können die Ansteckungsgefahr für andere verringern, indem sie den Ausschlag abdecken, z.B. mit Kleidung oder einer Mullbinde. Erst wenn die auftretenden Bläschen verschorft sind, besteht keine Infektionsgefahr mehr.
Auch bei Erkrankten mit Gürtelrose können andere Menschen sich mit Windpocken-Viren anstecken. Die Übertragung erfolgt durch Kontakt mit Viren aus den Hautveränderungen.
Die Gürtelrose ist hochansteckend für Menschen, die noch keine Windpocken hatten oder nicht dagegen geimpft sind.
Umgang mit der Erkrankung
Bei einer Gürtelrose schont man sich am besten und vermeidet Stress. Betroffene sollten je nach Leidensdruck auch nicht zögern, sich darüber hinaus Hilfe zu suchen. Die möglichen Nervenschmerzen sind eine große Belastung für viele Betroffene . Kleidung tragen, schlafen oder sich konzentrieren - all das wird zur Herausforderung. Im Umgang mit anderen Menschen müssen Betroffene viel Rücksicht auf den Schutz ihrer Mitmenschen nehmen - gerade im engen Umgang mit Angehörigen. Die Ansteckungsgefahr ist vor allem in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen ein Problem. Hier achtet man daher auf strenge Isolation Gürtelrose-Betroffener, um andere Menschen mit einem geschwächten Immunsystem zu schützen.
Chronische Schmerzen gehen oft mit Depressionen einher. Eine aktuelle Metaanalyse aus dem Jahr 2025 zeigte, dass 40 % der Schmerzpatientinnen und -patienten unter Depressionen oder Angstzuständen leiden.
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