Neurologie für Migränebehandlung: Ein umfassender Überblick

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, meist einseitige, pulsierende oder hämmernde Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese können mehrere Stunden oder sogar Tage andauern und werden oft von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Weltweit ist etwa eine von sieben Personen von Migräne betroffen, wobei Frauen dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die höchste Prävalenz findet sich bei Erwachsenen im mittleren, produktiven Alter (35-45 Jahre).

Obwohl Migräne nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eine erfolgreiche Migränetherapie basiert auf der Mitarbeit des Patienten und einem guten Zusammenspiel von Prophylaxe und Akutbehandlung.

Diagnose und Abklärung

Die Diagnose einer Migräne wird hauptsächlich über die Anamnese gestellt. Dabei ist es wichtig, dem Arzt das Beschwerdebild so genau wie möglich zu schildern und alle notwendigen Unterlagen mitzubringen. Hilfreich ist das Führen eines Migränetagebuchs, in dem Schmerzdauer, -stärke, -charakter sowie individuelle Einflussfaktoren wie Schlafmangel, Stress oder ungeregelte Tagesabläufe dokumentiert werden.

Häufig werden apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Bei wiederkehrenden Kopf- und Gesichtsschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen, sollte zuerst eine fachärztliche Vorstellung in einer neurologischen Praxis erfolgen.

Akuttherapie der Migräneattacke

Ziel der Akuttherapie ist es, die Migräneattacke möglichst schnell und vollständig zu beenden. Je früher die Medikamente eingenommen werden, desto besser wirken sie.

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Medikamentöse Therapie

  • Analgetika und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken sind Analgetika wie Acetylsalicylsäure (ASS) und NSAR wie Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac wirksam.
  • Triptane: Triptane sind die am besten untersuchten Wirkstoffe zur akuten Migränebehandlung. Sie wirken ähnlich wie das körpereigene Serotonin, regulieren die Weite der Blutgefäße im Gehirn und stoppen die Freisetzung von entzündlichen Eiweißstoffen sowie die Weiterleitung von Schmerzimpulsen. Zu den Triptanen gehören Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan. Eletriptan und Rizatriptan haben die beste Wirksamkeit in der Gruppe der oralen Triptane. Die subkutane Gabe von Sumatriptan zeigt die beste Wirkung zur Behandlung einer Migräneattacke.
  • Lasmiditan: Seit März ist ein weiteres spezifisches Akut-Medikament, Lasmiditan, verfügbar. Es eignet sich beispielsweise für Patienten, die Triptane nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen.
  • Mutterkornalkaloide: Mutterkornalkaloide sind in der Therapie akuter Migräneattacken wirksam, aber weniger wirksam als Triptane und haben mehr Nebenwirkungen. Sie sollten daher nur noch bei Patienten angewendet werden, bei denen sie wirksam sind und vertragen werden.
  • Antiemetika: Migränemittel können mit Mitteln gegen Übelkeit (Wirkstoffe: Metoclopramid oder Domperidon) kombiniert werden. Diese Antiemetika schaffen die Voraussetzung dafür, dass das Migräne- bzw. Schmerzmittel im Körper bleibt, und regen die Magen-Darm-Tätigkeit an.

Wichtige Hinweise zur Akuttherapie

  • Triptane sollten nicht eingenommen werden, solange noch Aurasymptome bestehen.
  • Wenn die Wirkung der Akuttherapie nachlässt, kann eine zweite Dosis der Medikation genommen werden.
  • Patienten, bei denen Triptane nicht ausreichend wirksam sind, können diese mit nichtsteroidalen Antirheumatika kombinieren.
  • Bei häufigen Migräneattacken ist eine Aufklärung und Schulung notwendig, um einen chronischen Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln zu vermeiden.
  • Opioidanalgetika haben eine sehr begrenzte Wirksamkeit und ein hohes Potenzial, Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Medikamenten hervorzurufen. Sie haben darüber hinaus ein nicht unerhebliches Abhängigkeitspotenzial und sollten deswegen zur Therapie akuter Migräneattacken nicht verwendet werden.

Migräneprophylaxe

Bei Patienten mit häufigen oder langanhaltenden Migräneattacken sollte eine medikamentöse und nichtmedikamentöse Migräneprophylaxe eingeleitet werden.

Indikationen für die Migräneprophylaxe

  • 3 oder mehr Migräneattacken pro Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen
  • Migräneattacken, die länger als 48-72 Stunden anhalten
  • Attacken, die auf die empfohlene Akuttherapie nicht ansprechen
  • Patienten, die die Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht tolerieren können
  • Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an 10 Tagen oder mehr im Monat

Medikamentöse Prophylaxe

  • Betablocker: Propranolol und Metoprolol
  • Kalziumantagonisten: Flunarizin
  • Antikonvulsiva: Valproinsäure und Topiramat
  • Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin
  • Onabotulinumtoxin A (Botox®): Zugelassen zur Prophylaxe der chronischen Migräne. Es wird circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt.
  • CGRP-Antikörper: Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt. Sie sind gut verträglich und werden einmal im Monat selbst injiziert. CGRP-Antikörper eignen sich für Patienten, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben.

Nichtmedikamentöse Prophylaxe

  • Regelmäßiger aerober Ausdauersport
  • Verfahren der Verhaltenstherapie wie Entspannungsverfahren, kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedback
  • Akupunktur

Wichtige Hinweise zur Migräneprophylaxe

  • Bei der Auswahl der medikamentösen prophylaktischen Therapie müssen Begleiterkrankungen berücksichtigt und Nebenwirkungen antizipiert werden.
  • Nach Möglichkeit sollten medikamentöse und nichtmedikamentöse Verfahren zur Migräneprophylaxe kombiniert werden.
  • Der Nachweis der Wirksamkeit einer medikamentösen Migräneprophylaxe ist bei Kindern und Jugendlichen schwer zu führen. Zunächst sollten deshalb nichtmedikamentöse Verfahren eingesetzt werden.

Neuere Therapieformen

  • CGRP-Antikörper: Diese sind spezifisch für die Migräne entwickelt und der größte Vorteil ist die gute Verträglichkeit. Studien zeigen die Wirksamkeit gegenüber einem Placebo und den guten Effekt auf die Lebensqualität.
  • Lasmiditan: Ein spezifisches Akut-Medikament, das sich beispielsweise für Patienten eignet, die Triptane nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen.

Spezielle Kopfschmerzformen

  • Spannungskopfschmerzen: Diese werden von vielen Menschen als "normale" Kopfschmerzen bezeichnet. Ein Spannungskopfschmerz ist von leichter bis moderater Intensität, meist wie ein Ring um den Kopf, als Druck auf der Schädeldecke oder anhaltender Hinterkopfschmerz beschrieben. Sobald eine Häufung auftritt oder der Schmerz chronisch wird, sollte eine Vorstellung beim Arzt erfolgen.
  • Cluster-Kopfschmerz: Dieser besteht aus strikt halbseitigen Schmerzen um bzw. hinter einem Auge, der Stirn, der Schläfe bis in den Oberkiefer von stechendem, bohrendem bis ziehenden Charakter. Die Stärke ist schwer bis unerträglich. Zusätzlich zum Kopfschmerz können halbseitige Gesichtsschwitzen, Gesichtsrötung, Augentränen und/oder laufende/verstopfte Nase auftreten.

Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch

Dieser beschreibt einen chronischen, d.h. mindesten 15 Tage pro Monat auftretenden Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (an 10-15 Tagen pro Monat, seit ≥ 3 Monaten). Therapeutisch muss ein Medikamentenentzug erfolgen.

Depression und Migräne

Viele Migränepatienten haben ein höheres Risiko, zusätzlich an einer Depression oder Angststörung zu erkranken.

Schlaf und Migräne

Schlafdefizite gelten als unabhängiger, schmerzverstärkender Faktor - und erholsamer Schlaf als unterstützendes Therapeutikum in der Schmerztherapie.

Wichtige Verhaltensweisen

  • Auch als Migränepatient müssen nicht mit Schmerzen leben. Ein »Aushalten« ist kein Zeichen persönlicher Stärke, sondern erzeugt mehr Schmerz.
  • Eine erfolgreiche Migränetherapie basiert auch auf der Mitarbeit des Patienten. Je genauer Sie sich selbst kennen, desto besser kann das Zusammenspiel von Prophylaxe und akuter Behandlung wirken.
  • Es ist wichtig, eine Migräne rasch zu erkennen und zu behandeln.

Die Rolle des Patienten

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Angebots von Spezialambulanzen und Kopfschmerzzentren bildet eine umfassende Beratung über das Wesen der diagnostizierten Kopfschmerzerkrankung, deren Prognose und die verschiedenen medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten. Das Team von mind möchte Sie dabei unterstützen, selbst aktiv zu werden und Ihre Gesundheit in die Hand zu nehmen.

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Forschung

Die Forschung konzentriert sich auf die Rolle von Schlaf(entzug) für Schmerz sowie die Entwicklung von Surrogatmodellen und Biomarkern für die Wirkung und Vorhersagbarkeit von Migräneprophylaktika. Das Neuropeptid CGRP spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Migräneschmerzes.

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