Neurologie oder Psychiatrie PJ: Unterschiede und Möglichkeiten im Praktischen Jahr

Das Praktische Jahr (PJ) ist ein entscheidender Abschnitt im Medizinstudium, in dem Studierende die Möglichkeit haben, theoretisches Wissen in praktischer Erfahrung umzusetzen. Innerhalb des PJs bieten die Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie unterschiedliche Schwerpunkte und Erfahrungen. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen einem PJ in Neurologie und Psychiatrie, beleuchtet die jeweiligen Ausbildungsinhalte, Karrieremöglichkeiten und gibt Einblicke in den Alltag von Ärzten in diesen Disziplinen.

Das Praktische Jahr: Eine Einführung

Das Praktische Jahr ist ein einjähriges Praktikum, das jeder Medizinstudent am Ende seines Studiums absolvieren muss. In diesem Teil des Medizinstudiums arbeiten die Studierenden aktiv mit Patienten in einer Klinik oder Praxis und erlernen das Handwerkszeug, um Patienten später selbstständig versorgen zu können. Die Studenten müssen im Rahmen des PJ einfache Tätigkeiten leisten, die auch schon aus der Famulatur bekannt sind, wie Blut abnehmen oder Verbände wechseln, und auch schon eigenständig Patienten versorgen.

Vergütung im PJ

Viele Kliniken bieten eine PJ-Vergütung an, um die Arbeit der Medizinstudenten im Praktikum zu würdigen. Die Höhe der Vergütung variiert von Klinik zu Klinik, wobei sich die maximale Aufwandsentschädigung am aktuellen BAföG-Höchstsatz orientiert. Im Wintersemester 2024/25 erhöht sich dieser Betrag auf 992 Euro. Laut dem PJ-Barometer des Marburger Bunds von 2023 erhält jedoch nur ein Bruchteil aller PJler diesen Höchstbetrag (2,44 Prozent). Der Großteil wird mit einem Betrag zwischen 301 und 649 Euro vergütet. Einige Kliniken bieten zusätzliche Leistungen wie ein Willkommenspaket, individuelle fachliche Betreuung, wöchentliche Fortbildungsprogramme, Freizeitausgleich für Dienste und Überstunden, günstige Unterkunft auf dem Klinikgelände, vergünstigtes Essen im Mitarbeiterrestaurant und kostenfreie Nutzung von Sportanlagen.

Neurologie im PJ

Die Neurologie befasst sich mit Erkrankungen des Nervensystems, einschließlich Gehirn, Rückenmark, peripheren Nerven und Muskeln. Ein PJ in der Neurologie bietet die Möglichkeit, ein breites Spektrum neurologischer Erkrankungen kennenzulernen und diagnostische sowie therapeutische Fähigkeiten zu entwickeln.

Ausbildungsinhalte

  • Patientenbetreuung: Eigenständige Betreuung von Patienten mit Unterstützung durch Assistenz- und Oberärzte, Anamnese und neurologische Untersuchung, Erarbeitung von Diagnostik- und Therapieplänen.
  • Visiten: Tägliche Visite mit Assistenz- und Oberarzt, wöchentliche Chefvisite, Präsentation und Besprechung mit Oberarzt am Nachmittag, Präsentation in der Frühbesprechung oder radiologischen Demo.
  • Dokumentation: Erstellen von Arztbriefen und Konsilanfragen.
  • Diagnostik: Liquorpunktionen, Einblicke in die Funktionsdiagnostik (EMG, Doppler, EEG, EVOP), Mitarbeit bei der Muskelbiopsie.
  • Behandlung: Fundierter Überblick über die Behandlung von ambulanten, stationären und intensiv-/überwachungspflichtigen neurologischen Patienten.
  • Fortbildungen: Tägliche neuroradiologische Bild-/Befunddemonstration, wöchentliche PJ-Fortbildung, wöchentliche Klinik-Fortbildung/Journal Club.

Ziele im PJ Neurologie

  • Sicherheit und Routine in der Patientenbetreuung, Visite und Patientenvorstellung.
  • Kenntnis über die Klinik und Therapie neurologischer Krankheitsbilder.
  • Einblicke in die neurologische Diagnostik und Behandlung von überwachungs- und intensivpflichtigen Patienten.
  • Kenntnisse in und eigenständige Durchführung von Liquorpunktionen.

Mögliche Tätigkeiten und Fertigkeiten

Im PJ Neurologie können Studierende folgende Tätigkeiten und Fertigkeiten erlernen:

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  • Neurologische Untersuchungstechniken: Untersuchung der Blutströmung in den zum Gehirn führenden Blutgefäßen mittels Ultraschall (extrakraniell und intrakraniell), Ableitung der Hirnströme mittels EEG.
  • Elektrophysiologische Diagnostik: Durchführung von Neurografien zur Untersuchung peripherer Nervenerkrankungen, Elektromyografie zur Ableitung der Muskelaktivität, Ableitung evozierter Potentiale (SSEP und VEP) zur Lokalisation von Schädigungen der Nervenbahnen.
  • Lumbalpunktion: Gewinnung von Nervenwasser (Liquor) zur Diagnosestellung von Entzündungen des Nervensystems.
  • Geriatrisches Assessment: Untersuchung älterer Patienten mit standardisierten Tests zur Abschätzung von Ressourcen und Einschränkungen.
  • Diagnostik von Demenzerkrankungen: Neurologische und psychiatrische Untersuchung, Schnittbildgebung des Gehirns, EEG-Ableitung, Nervenwasseruntersuchung, standardisierte Testverfahren.

Häufige neurologische Krankheitsbilder

Im PJ Neurologie begegnen Studierende häufig folgenden Krankheitsbildern:

  • Schlaganfall: Plötzlich einsetzende Durchblutungsstörung des Gehirns mit neurologischen Ausfällen.
  • Kopfschmerzen: Migräne, Spannungskopfschmerz.
  • Schwindel: Dreh- und Schwankschwindel unterschiedlicher Ursachen.
  • Parkinson-Erkrankung: Verlangsamung der Bewegungsabläufe, Steifigkeit, Zittern, mangelnde Stabilität.
  • Infektionserkrankungen des Nervensystems: Meningitis, Encephalitis, Gürtelrose, Neuroborreliose.
  • Rückenschmerzen: Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenosen.
  • Nervenkompressionssyndrome: Karpaltunnelsyndrom.
  • Polyneuropathien: Socken- oder strumpfförmige Taubheit der Beine.
  • Multiple Sklerose (MS): Schubförmige oder chronische Entzündung des zentralen Nervensystems.
  • Epilepsie: Krankhaft erhöhte Erregbarkeit von Nervenzellen im Gehirn.
  • Demenz: Verlust von erworbenen emotionalen und kognitiven Fähigkeiten.
  • Hirntumore: Gutartige oder bösartige Tumore des Gehirns.

Psychiatrie im PJ

Die Psychiatrie befasst sich mit der Diagnose, Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen. Ein PJ in der Psychiatrie bietet die Möglichkeit, ein breites Spektrum psychischer Störungen kennenzulernen und therapeutische Fähigkeiten zu entwickeln.

Ausbildungsinhalte

  • Patientenbetreuung: Einblick in das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen, abwechslungsreiches Arbeiten mit engmaschiger Supervision.
  • Diagnostik: Psychiatrische Exploration, psychopathologischer Befund, differentialdiagnostische Überlegungen.
  • Therapie: Kennenlernen verschiedener psychotherapeutischer Verfahren, medikamentöse Behandlung psychischer Erkrankungen.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Arbeit in einem multiprofessionellen Team.

Ziele im PJ Psychiatrie

  • Erwerb von Kenntnissen über die verschiedenen psychischen Erkrankungen und deren Behandlung.
  • Entwicklung von Fähigkeiten in der psychiatrischen Exploration und Diagnosestellung.
  • Erlernen von Grundlagen der psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung psychischer Erkrankungen.
  • Erfahrung in der interdisziplinären Zusammenarbeit im Behandlungsteam.

Mögliche Tätigkeiten und Fertigkeiten

Im PJ Psychiatrie können Studierende folgende Tätigkeiten und Fertigkeiten erlernen:

  • Psychiatrische Exploration: Erhebung der Krankheitsgeschichte und des aktuellen psychischen Zustands des Patienten.
  • Psychopathologischer Befund: Beschreibung der beobachteten und erfragten Symptome und Verhaltensweisen des Patienten.
  • Differentialdiagnostische Überlegungen: Abgrenzung verschiedener psychischer Erkrankungen anhand der Symptomatik.
  • Psychopharmakotherapie: Auswahl und Anwendung von Medikamenten zur Behandlung psychischer Erkrankungen.
  • Psychotherapie: Kennenlernen und Anwendung verschiedener psychotherapeutischer Verfahren wie Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und systemische Therapie.
  • Krisenintervention: Umgang mit akuten psychischen Krisen und Notfällen.
  • Sozialpsychiatrie: Einblick in die Versorgung psychisch kranker Menschen außerhalb des stationären Bereichs.

Häufige psychiatrische Krankheitsbilder

Im PJ Psychiatrie begegnen Studierende häufig folgenden Krankheitsbildern:

  • Depressionen: Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit.
  • Angststörungen: Panikstörung, generalisierte Angststörung, soziale Phobie, spezifische Phobien.
  • Zwangsstörungen: Zwangsgedanken und Zwangshandlungen.
  • Schizophrenie: Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und des Verhaltens.
  • Bipolare Störung: Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen.
  • Persönlichkeitsstörungen: Störungen des Erlebens und Verhaltens, die zu Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen führen.
  • Abhängigkeitserkrankungen: Sucht nach Alkohol, Drogen oder Medikamenten.
  • Essstörungen: Anorexie, Bulimie, Binge-Eating-Störung.
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Psychische Belastung nach traumatischen Erlebnissen.

Unterschiede zwischen Neurologie und Psychiatrie im PJ

Obwohl sowohl die Neurologie als auch die Psychiatrie sich mit Erkrankungen des Nervensystems befassen, gibt es wesentliche Unterschiede in den Schwerpunkten und Herangehensweisen der beiden Fachgebiete.

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AspektNeurologiePsychiatrie
FokusErkrankungen des Nervensystems (Gehirn, Rückenmark, periphere Nerven, Muskeln) mit Schwerpunkt auf organischen UrsachenPsychische Erkrankungen mit Schwerpunkt auf psychischen, sozialen und biologischen Faktoren
DiagnostikBildgebende Verfahren (MRT, CT), elektrophysiologische Untersuchungen (EEG, EMG, Neurografie), LiquoruntersuchungPsychiatrische Exploration, psychopathologischer Befund, psychologische Testverfahren
TherapieMedikamentöse Behandlung, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, interventionelle Verfahren (z.B. Thrombolyse beim Schlaganfall), Operationen (z.B. bei Hirntumoren)Medikamentöse Behandlung, Psychotherapie (verschiedene Verfahren), Soziotherapie, Ergotherapie
PatientenbeziehungOftmals kürzere Behandlungsdauer, Fokus auf die Behandlung der organischen Ursache der ErkrankungOftmals längere Behandlungsdauer, Fokus auf die ganzheitliche Behandlung des Patienten unter Berücksichtigung seiner psychischen, sozialen und biologischen Faktoren
ArbeitsumfeldKlinik, Stroke Unit, Intensivstation, Ambulanz, FunktionsdiagnostikKlinik, Tagesklinik, Ambulanz, Beratungsstellen, sozialpsychiatrische Dienste
Berufliche PerspektivenFacharzt für Neurologie, Spezialisierung in bestimmten Bereichen (z.B. Schlaganfall, Multiple Sklerose, Bewegungsstörungen)Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Spezialisierung in bestimmten Bereichen (z.B. Suchtmedizin, Gerontopsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie), Niederlassung in eigener Praxis möglich

PJ-Erfahrungen und Tipps

  • Famulatur nutzen: Vor dem PJ ist es ratsam, eine Famulatur in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie zu absolvieren, um einen ersten Einblick zu gewinnen und herauszufinden, welcher Bereich besser zu den eigenen Interessen und Stärken passt.
  • PJ-Ranking beachten: Das PJ-Ranking für Baden-Württemberg und Deutschland kann bei der Wahl der geeigneten PJ-Stelle helfen, indem es objektive Kriterien wie PJ-Gehalt, Verpflegung, Examensvorbereitung und Mentoring berücksichtigt.
  • Eigene Interessen berücksichtigen: Die Wahl des PJ-Tertials sollte sich nach den eigenen Interessen und beruflichen Zielen richten. Wer sich für organische Erkrankungen des Nervensystems und diagnostische Verfahren interessiert, ist in der Neurologie gut aufgehoben. Wer sich für psychische Erkrankungen und therapeutische Ansätze interessiert, sollte ein PJ in der Psychiatrie wählen.
  • Austausch mit anderen Studierenden: Der Austausch mit anderen Studierenden, die bereits ein PJ in Neurologie oder Psychiatrie absolviert haben, kann wertvolle Einblicke und Tipps geben.
  • Offen sein und Fragen stellen: Während des PJs ist es wichtig, offen für neue Erfahrungen zu sein, Fragen zu stellen und aktiv am Stationsalltag teilzunehmen.
  • Mentoring nutzen: Viele Kliniken bieten ein Mentoringprogramm an, bei dem PJ-Studierende von erfahrenen Ärzten betreut werden. Dieses Angebot sollte genutzt werden, um von deren Wissen und Erfahrung zu profitieren.

Karrieremöglichkeiten nach dem PJ

Nach dem PJ stehen Absolventen verschiedene Karrieremöglichkeiten offen, abhängig von ihrer Facharztwahl.

Neurologie

  • Facharzt für Neurologie: Die Weiterbildungszeit beträgt in der Regel fünf Jahre.
  • Spezialisierung: Nach der Facharztausbildung können sich Neurologen in bestimmten Bereichen spezialisieren, z.B. Schlaganfall, Multiple Sklerose, Bewegungsstörungen, Epilepsie, neuromuskuläre Erkrankungen.
  • Tätigkeitsbereiche: Klinik, neurologische Rehabilitationseinrichtung, Ambulanz, Forschung.

Psychiatrie

  • Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie: Die Weiterbildungszeit beträgt in der Regel fünf Jahre.
  • Spezialisierung: Nach der Facharztausbildung können sich Psychiater in bestimmten Bereichen spezialisieren, z.B. Suchtmedizin, Gerontopsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, forensische Psychiatrie.
  • Tätigkeitsbereiche: Klinik, Tagesklinik, Ambulanz, Beratungsstellen, sozialpsychiatrische Dienste, eigene Praxis.

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