Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern kann. Während manche Betroffene ein Gefühl des Karussellfahrens verspüren, leiden andere unter Schwindel auf Rolltreppen. Neben Kopf- und Rückenschmerzen gehört Schwindel zu den häufigsten Beschwerden, die Patienten dazu veranlassen, einen Arzt aufzusuchen. In der Hausarztpraxis klagt etwa jeder sechste Patient über Schwindel.
Einführung
Schwindel ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein sogenanntes multisensorisches Syndrom. Er entsteht durch eine gestörte Wahrnehmung verschiedener Sinne, den Verlust der räumlichen Körpersicherheit und damit verbundene Gleichgewichtsstörungen. In seiner vollen Ausprägung manifestiert sich Schwindel durch die Wahrnehmung von Scheinbewegungen, eine gestörte Funktion der Augenmuskulatur (Nystagmus), Fallneigung sowie begleitende vegetative Beschwerden wie Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen.
Ursachen von Schwindel
Schwindel ist ein Leitsymptom für viele Erkrankungen. Neurologische Störungen, Ohrerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch psychische Ursachen wie Angststörungen können hinter Schwindelgefühlen stecken. Plötzlich auftretende, häufige oder anhaltende Schwindelanfälle sollten unbedingt von einem Facharzt, einem Neurologen, Internisten und/oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt, abgeklärt werden.
Es gibt sehr viele Ursachen und verschiedene Formen von Schwindel. Neben Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, Gehirnerkrankungen wie Schlaganfällen oder Gehirntumoren oder Erkrankungen eines Gleichgewichtsnerven können auch Rückenmarkserkrankungen oder eine Polyneuropathie für die Schwindelentstehung verantwortlich sein. Psychische Ursachen führen beim phobischen Schwindel (Angstschwindel) zum Schwindelerlebnis oder zu Panikattacken. Internistische Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Schilddrüsenfehlfunktionen, Gefäßverschlüsse an den hirnzuführenden Arterien, zu niedriger oder sehr hoher Bluthochdruck oder Nierenleiden können ebenfalls Schwindel verursachen. Auch Medikamente können als Nebenwirkung Schwindel hervorrufen.
Symptome von Schwindel
Schwindel kann als Dreh-, Schwank- oder Liftschwindel bezeichnet werden. Lässt er sich nicht in dieser Form einordnen, spricht man von diffusem Schwindel. Wichtig ist auch, ob es sich um Attackenschwindel oder Dauerschwindel handelt. Das Sehen kann während des Schwindels verschwommen sein. Bei länger anhaltendem Schwindel können Übelkeit und Erbrechen hinzukommen. Manche Schwindelformen gehen mit einer Fallneigung oder Gangabweichung zu einer Seite oder in alle Richtungen einher. Einige Schwindelformen entwickeln sich plötzlich innerhalb von Minuten, andere allmählich über Tage und Wochen. Schließlich lassen sich manche Schwindelformen durch bestimmte Lagen oder Bewegungen provozieren oder verstärken, während andere davon unabhängig sind. Starker Schwindel geht oft mit Angst einher, die das Schwindelerlebnis weiter verstärken oder selbst zum Problem werden kann.
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Wichtige Schwindel-Erkrankungen
Nachfolgend werden die wichtigsten Schwindelformen besprochen:
1. Zentraler Schwindel oder beidseitige Erkrankung des Gleichgewichtsorgans (bilaterale Vestibulopathie)
Bei dieser Schwindelform handelt es sich um eine Erkrankung oder nachlassende Funktion beider Gleichgewichtsorgane. Dies ist bis zu einem gewissen Ausmaß im hohen Alter häufig anzutreffen und somit Teil des Alterungsprozesses. Der Schwindel tritt nicht in Ruhe, sondern nur bei Bewegungen des Kopfes oder beim Stehen oder Gehen auf. Im Liegen oder Sitzen besteht demgegenüber kein Schwindel. Dies lässt sich dadurch erklären, dass das Gehirn die Informationen des Sehens, der Lageempfindung aus den Muskeln und Gelenken und des Gleichgewichtsorgans nicht ausreichend schnell verarbeiten kann. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Informationen reicht in Ruhe aus, und es entsteht kein Schwindel. Eine ähnliche Problematik tritt auf, wenn nicht das Gleichgewichtsorgan, sondern das Gehirn insgesamt erkrankt ist, beispielsweise im Rahmen von Schlaganfällen, Mikroangiopathie (Schlaganfälle der kleinsten Gehirngefäße) oder Verminderung des Gehirnvolumens (Gehirnatrophie). Medikamente helfen hier nicht.
2. Menière-Krankheit
Beim Morbus Menière kommt es zum Attackenschwindel. Aus heiterem Himmel entstehen z.T. sehr heftige Drehschwindelattacken mit Übelkeit, Erbrechen und Angstzuständen. Viele Patienten erleben vor einer Attacke ein Ohrdruckgefühl auf der betroffenen Seite. Die Attacken erreichen innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt und klingen innerhalb von 5 Minuten bis mehreren Stunden vollständig ab. Es entwickelt sich jedoch bei vielen Patienten zunehmend auch zwischen den Attacken eine Angst vor der nächsten Schwindelattacke. Verantwortlich für die Attacke ist ein Aufstau von Flüssigkeit (Endolymphe) im Gleichgewichtsorgan. Ist der Druck entsprechend hoch, kommt es zur Zerreißung einer Membran und zum Druckausgleich. Dies löst die Schwindelattacke aus. Während der Attacke kann das Hören auf der betroffenen Seite vermindert sein. Zunehmend kommt es zumeist zu einer fortschreitenden dauerhaften Hörminderung. Häufig entsteht auch ein Tinnitus. Etwa 20 % der Patienten sind bds. betroffen. Eine wissenschaftlich belegte Therapie, die den M. Menière aufhält oder sogar verbessert, gibt es nicht. Mehrere verschiedene Medikamente können die Symptome lindern. Weitere therapeutische Maßnahmen zielen auf das Ausschalten des Gleichgewichtsorgans im fortgeschrittenen Stadium durch Medikamente oder Operationen. Im Laufe der Jahre kommt es bei den meisten Patienten zu einer nachlassenden Attackenhäufigkeit und -intensität
3. Phobischer bzw. Seelischer Schwindel
Der phobische Schwindel ist in Deutschland die zweithäufigste Schwindelform. Er tritt häufig bei Angststörungen oder Panikattacken auf und ist auch mit der Depression assoziiert. 70 % sind über Monate und Jahre betroffen und in ihrer beruflichen Tätigkeit oder privaten Lebensqualität eingeschränkt. Die Patienten schildern häufig einen Schwankschwindel oder diffusen Schwindel, aber gleichzeitig auch ein Benommenheitsgefühl oder eine Leere im Kopf, eine Unsicherheit beim Gehen oder das Gefühl zu fallen. Vereinzelt wird auch Übelkeit und Erbrechen beschrieben. Assoziiert können Konzentrations- und Antriebsstörungen, Leistungsminderung und andere Symptome wie: Herzrasen, Übelkeit, Schweißausbrüche, Erstickungsangst und Luftnot, Gewichtsverlust und Appetitmangel, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und diffuse Angst angegeben werden. Bei vielen Patienten tritt der Schwindel in auslösenden Situationen auf, wie z.B. beim Autofahren, beim Überfahren von Brücken, bei Anwesenheit großer Menschenansammlungen im Kaufhaus oder Restaurant, bei gewissen Situationen wie Konferenzen oder in engen Räumen. Stress am Arbeitsplatz oder in der privaten Lebensführung kann den phobischen Schwindel verstärken. Im Verlauf kann es zu einer Ausweitung der auslösenden Situationen mit ausgesprochenem Vermeidungsverhalten kommen. Der phobische Schwindel kann aus einer anderen Schwindelerkrankung, wie z.B. einer abgelaufenen Entzündung des Gleichgewichtsnerven oder einem gutartigen Lagerungsschwindel, hervorgehen. Eine attackenartige Verschlechterung ist häufig. Schließlich kann der phobische Schwindel auch ohne erkennbare Auslöser auftreten. Der phobische Schwindel wird häufig erst spät erkannt und meistens noch später (nach Jahren) adäquat behandelt. Fehldiagnosen sind häufig. Zur Therapie werden Angst-lösende Medikamente in der Anfangsphase, eine Verhaltens-Psychotherapie und ein physiotherapeutisches Anti-Schwindeltraining angewendet. Die Prognose ist insgesamt eher günstig. Die Behandlung kann jedoch langwierig sein.
4. Seltene Schwindelformen
Neben den oben beschriebenen Schwindelformen gibt es noch weitere, seltenere Arten von Schwindel wie z.B. Schwindel als Form einer Migräne oder bei angeborenen und genetisch bedingten Erkrankungen. Bei Verdacht auf eine seltene Schwindelform sollte eine Untersuchung bei einem spezialisierten Neurologen stattfinden um die Diagnose zu stellen.
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Medikamente gegen Schwindel
Medikamente gegen Schwindel helfen häufig nur in geringem Ausmaß und meistens nur in der akuten Phase einer Schwindelattacke. Danach sollten sie abgesetzt werden, um nicht einer Neueichung des Gleichgewichtssystems im Wege zu stehen.
Fachärzte für Schwindel
Die genaue Diagnose des vorliegenden Schwindels zu erstellen, fällt in das Fachgebiet des Neurologen und des HNO-Arztes und beim phobischen Schwindel auch in den Bereich des Psychiaters. Schwindel bei Herzrhythmusstörungen sollte internistisch/kardiologisch abgeklärt werden.
Diagnostik von Schwindel
Immer notwendig ist die Untersuchung durch einen Neurologen oder HNO-Arzt und gegebenenfalls auch Kardiologen und Psychiater. Auf dem Gebiet der Neurologie sind die Ableitung eines EEGs, die Darstellung der Hörbahn (AEP), die Durchblutungsmessung im Gehirn mit dem Ultraschall, Provokationstests und die Durchführung einer Kernspintomographie des Kopfes notwendig. In den HNO-ärztlichen Bereich fällt die Untersuchung des Hörens und die Untersuchung der Gleichgewichtsorgane durch kalorische Stimulation (Spülung mit warmem und kaltem Wasser). Beide Fachdisziplinen können eine Elektronystagmographie (Aufzeichnung der Augenbewegung unter gewissen Provokationsbedingungen) durchführen. Ein EKG sollte stets abgeleitet werden und bei Rhythmusstörungen ein Kardiologe mit eingebunden werden. Nur in seltenen Ausnahmefällen ist ein Schwindel mit der Erkrankung der Halswirbelsäule in Zusammenhang zu sehen.
Behandlung von Schwindel
Die besten Behandlungsergebnisse sind durch Physiotherapie mit den Schwerpunkten Gleichgewichts- und Gangtraining auch unter Anwendung von spezifischen Lagerungsübungen zu erzielen. Spezifische Therapieformen sind bei einzelnen Schwindelarten möglich. Psychotherapie ist immer dann angezeigt, wenn der Schwindel psychiatrische Ursachen hat oder zu psychiatrischen Störung geführt hat. Hier sind häufig 25-50 Sitzungen Verhaltens-Psychotherapie notwendig, bzw. oft ausreichend.
Ursachen für Schwindel- und Gleichgewichtsprobleme im Innenohr
Die Ursachen für Schwindel- und Gleichgewichtsprobleme sind vielfältig und oft sehr komplex. In vielen Fällen haben die Störungen ihren Ursprung im Gleichgewichtsorgan, welches sich im Innenohr befindet. So können Gleichgewichtsstörungen auch mit einer Hörminderung einhergehen oder durch Entzündungen des Ohres ausgelöst werden.
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Schwindel lässt sich grob in drei Formen einteilen: peripher vestibulär (Ursache liegt im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs oder am Gleichgewichtsnerv), zentral-vestibulär (Ursache liegt im Bereich des Kleinhirns oder des Hirnstamms) oder psychogen.
Die häufigste peripher-vestibuläre Schwindelursache überhaupt ist der gutartige Lagerungsschwindel. Die Drehschwindelanfälle ereignen sich typischerweise durch Lageänderungen des Kopfes, etwa beim Hinlegen, Umdrehen oder beim Aufstehen aus dem Bett. Die Attacken halten meist einige Sekunden an und können von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Der Grund für den Schwindel sind Ohrsteinchen (sog. Otolithen), die sich in den Bogengängen des Innenohrs ablagern und damit zu Irritationen führen.
Der einseitigen Neuritis vestibularis liegen entzündliche Veränderungen am Gleichgewichtsnerv vor. Dies äußert sich durch einen akut einsetzenden Dauerdrehschwindel mit Fallneigung zur betroffenen Seite, sowie begleitender Übelkeit und Erbrechen. Bewegungsabhängiger Schwank- oder Drehschwindel ist eines der Hauptsymptome einer bilateralen Vestibulopathie. Hier sind das Gleichgewichtsorgan auf beiden Seiten und Teile der Gleichgewichtsnerven in ihrer Funktion gestört.
Treten Drehschwindelattacken auf, die die mit einer Hörminderung und Ohrgeräuschen (Tinnitis) verbunden sind, ist an eine Menière-Krankheit zu denken.
Rezidivierende, Sekunden bis Minuten anhaltende Drehschwindelanfälle können auch Ausdruck einer Vestibularisparoxysmie sein. Ursache der Störung ist ein enger Gefäß-Nerv-Kontakt im Hirn, der mittels MRT nachgewiesen werden kann.
Die Rolle der MRT-Diagnostik bei Drehschwindel
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein wichtiges Instrument zur Abklärung von Drehschwindel. Sie hilft dabei, schwerwiegende Ursachen auszuschließen und gezielt zu behandeln. Mit modernsten MRT-Geräten können spezialisierte Radiologen zentrale Ursachen wie Schlaganfälle, Tumore oder entzündliche Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose) ausschließen. Auch Erkrankungen des Innenohrs wie Morbus Menière lassen sich mit einem speziellen Hydrops-MRT nachweisen.
Die MRT bietet hochauflösende Bilder zur Diagnosesicherung, schließt gefährliche Ursachen wie Hirntumoren oder Durchblutungsstörungen aus und unterstützt bei der Differenzierung ähnlicher Erkrankungen (z. B. vestibuläre Migräne vs. Morbus Menière).
Weitere Ursachen und Risikofaktoren für Schwindel
Schwindel kann auch durch eine Funktionsstörung oder Schädigung im Gleichgewichtszentrum des Gehirns („zentraler“ Schwindel) entstehen. Häufige, aber nicht notwendige Begleitsymptome bei Schädigungen im Hirnstamm oder Kleinhirn sind Sprech-, Schluck- oder Sehstörungen. Sie können auch mit Lähmungen verbunden sein. Eine andere Ursache kann eine Funktionsstörung oder Schädigung am Gleichgewichtsnerven oder im Gleichgewichtsorgan im Innenohr sein. Dies heißt auch „peripherer“ Schwindel.
Ein Tumor an Hör- und Gleichgewichtsnerven (Akustikusneurinom) kann Schwindel verursachen. Akustikusneurinome sind in der Regel gutartig und wachsen entlang der Nerven für Hören und Gleichgewicht. Sie entstehen aus der Nervenhülle (Schwannzellen). Diese Tumore wachsen langsam, führen aber im Lauf der Zeit zu einer Schädigung der Nerven mit einseitiger Hörstörung und Gleichgewichtsstörung. Auch in den Gleichgewichtszentren des Gehirns (etwa im Kleinhirn) kann ein Tumor entstehen, der das Gleichgewicht beeinträchtigt.
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Gehirns. Sie entsteht durch eine fehlerhafte Steuerung des Immunsystems. Der Entzündungsprozess schädigt Hirn- und Rückenmarksgewebe, was zu Schwindel führen kann. Entzündungsherde im Kleinhirn oder Hirnstamm verursachen häufig Schwindel und Störungen des Gleichgewichts.
Parkinson führt zu einer Verlangsamung der Bewegungsabläufe, Zittern und steifen Muskeln. Dies beeinträchtigt die Gang- und Standsicherheit, was diffusen Schwindel mit Störungen des Gleichgewichts auslöst. Dazu tragen auch starke Schwankungen des Blutdrucks bei, die bei Menschen mit Parkinson häufig sind.
Bei Polyneuropathie ist oft die Leitfähigkeit der Nerven in den Beinen gestört, was sich auf das Gleichgewicht auswirkt, wenn auch die Tiefensensibilität (Lageempfinden der Beine) beeinträchtigt ist. Dadurch entstehen Schwindelgefühl und Unsicherheit beim Gehen.
Probleme mit Herz und Kreislauf führen mitunter zu Schwindel oder dem Gefühl, dass einem kurz „schwarz vor Augen“ wird, aber nicht zu Drehschwindel. Ursache für eine dadurch verminderte Hirndurchblutung können Herzrhythmus-Störungen und Blutdruckabfall nach längerem Stehen sein. Sie tritt häufig auch beim Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen auf (orthostatischer Schwindel).
Zu niedrige Zuckerwerte bei Menschen mit Diabetes können zu Schwindel und Benommenheitsgefühl führen. Denn um funktionieren zu können, ist das Gehirn auf Zucker angewiesen. Zu hohe Zuckerwerte wiederum verändern die Fließeigenschaften des Blutes. Es wird „dick“. Damit können die Hirnzellen nicht mehr gut mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden.
Funktionsstörungen der Schilddrüse, insbesondere eine Unterfunktion, können Schwindel auslösen. Wenn Schilddrüsenhormone im Körper fehlen, werden Stoffwechselabläufe im Gehirn langsamer. Dies kann auch die Gleichgewichtszentren betreffen.
Kurz- oder Weitsichtigkeit ohne eine Brille mit passender Stärke kann Schwindel verursachen. Menschen mit einer Schädigung des Hirnstamms (etwa nach einem Schlaganfall) sehen mitunter Doppelbilder, bei denen die Seheindrücke beider Augen nicht zu einem Bild vereint werden. Das kann zu Schwindel führen und lässt sich durch sogenannte Prismen-Brillen ausgleichen.
Tinnitus (Ohrgeräusche) ist ein häufiges Begleitsymptom bei Erkrankungen des Innenohrs (wie Hörsturz, starke Hörminderung, Morbus Menière). Es kann mit Schwindel verbunden sein, muss es aber nicht.
Unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten können zu Schwindel führen. Vor allem Beruhigungs- und Schlafmittel sowie muskelentspannende Mittel wirken dämpfend und können schwindlig machen. Harntreibende Mittel (Diuretika) und Herz-Kreislauf-Medikamente zählen ebenfalls dazu.
Schwindel bei Infekten (etwa grippale Infekte, COVID) kann Folge einer gestörten Kreislaufregulation sein. Dadurch kommt es zu einer verminderten Durchblutung des Gehirns. Insbesondere bei Bettlägerigkeit kann Schwindel nach dem Aufstehen vorkommen. Starker Husten kann ebenfalls zu Schwindel und Ohnmachtsgefühl führen. Husten erhöht den Druck im Brustraum. Dies verlangsamt den Blutfluss zum Herzen.
Schwindel während der Periode kann unterschiedliche Ursachen haben. Der Blutverlust belastet den Organismus und führt oft zu allgemeiner körperlicher Schwäche und niedrigem Blutdruck. Auch die hormonelle Umstellung vor Beginn der Periode belastet manche Frauen besonders stark (PMS, prämenstruelles Syndrom).
Schwindel während der Schwangerschaft entsteht durch Veränderungen des mütterlichen Organismus. Die Zusammensetzung der Hormone im Körper verändert sich. Der Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen nimmt zu. Der Körper muss sich auf ein wachsendes Blutvolumen einstellen. Zu Beginn der Schwangerschaft bildet der Körper häufig noch nicht genügend rote Blutkörperchen für die Versorgung der Organe mit Sauerstoff. Eisenmangel kann zu Blutarmut führen, was ebenfalls Schwindel verursachen kann. In späteren Stadien drückt manchmal die wachsende Gebärmutter auf die Hohlvene (Vena cava-Syndrom). Das stört den Rücktransport des Blutes zum Herzen.
Schwindel während der Wechseljahre ist ebenfalls häufig anzutreffen. Der Körper ist durch Umstellungen im Hormonsystem belastet. Die Sexualhormone Östrogen sowie Progesteron geraten oft aus dem Gleichgewicht. Schlafmangel, Müdigkeit oder Erschöpfung belasten den Organismus. Das kann Schwankungen des Blutdrucks auslösen.
Schwindel bei Schlafmangel, Müdigkeit oder Infekten klingt in der Regel ab, sobald die Ursache beseitigt ist. Nach Infekten oder längerer Bettlägerigkeit kann es manchmal einige Tage dauern bis die Kreislaufregulation wieder funktioniert. Die Ursachen für Schwindel im Alter sind vielfältig und oft liegt eine Mischung von Auslösern vor.
Alkohol verursacht Schwindel, indem er die Kleinhirnfunktion und damit die Feinabstimmung der Körper- und Augenbewegungen beeinträchtigt. Am Tag danach verstärken Wassermangel im Körper (Dehydrierung), giftige Abbauprodukte des Alkohols, niedriger Blutzucker und schlechter Schlaf den Schwindel.
Risikofaktoren für Schwindel hängen von der Art des Schwindels ab. Höheres Lebensalter ist ein Risikofaktor für Gutartigen Lagerungsschwindel. Bestimmte anatomische Gegebenheiten im Innenohr begünstigen ebenfalls das Auftreten. Deshalb können auch junge Menschen daran erkranken. Solche Gegebenheiten können besonders weite oder enge Bogengänge sein. Für Vestibuläre Migräne, Morbus Menière und Episodische Ataxie Typ 2 spielt erbliche Veranlagung eine Rolle.
Behandlung und Prognose von Schwindel
Schwindel ist nicht immer heilbar, aber meist gut behandelbar. Die Behandlung von Schwindel richtet sich immer nach der Ursache. Deshalb ist es wichtig, die ausführliche Krankengeschichte zu erfragen. Eine sorgfältige körperliche Untersuchung hilft, eine exakte Diagnose zu stellen. Oft lässt sich bereits in der Hausarztpraxis eine Verdachtsdiagnose stellen und entscheiden, ob eine fachärztliche Untersuchung notwendig ist.
Tritt der Schwindel anfallsweise auf oder hält er an? Bei länger anhaltenden Beschwerden kann ein sorgfältig geführter Schwindelkalender eine große Hilfe bei der Diagnose sein. Zunächst prüft man die Gang- und Standsicherheit, erschwert durch Stehen auf einem Bein oder den Seiltänzergang. Der vestibulo-okuläre Reflex lässt sich über den Kopfimpulstests prüfen. Ferner nutzt man eine Brille mit lupenartigen Gläsern. Die Patientin oder der Patient kann durch diese „Frenzelbrille“ keine Objekte fixieren. Auch erscheinen die Augen stark vergrößert. Bei Kurz- oder Weitsichtigkeit und Augenkrankheiten wie Grauer Star ist manchmal eine sogenannte Video-Okulographie hilfreich. Dabei werden die Augenbewegungen dreidimensional aufgezeichnet.
Wenn die obigen Untersuchungen nichts ergeben haben, ist zur Klärung der Diagnose bildgebende Diagnostik erforderlich. Durch eine genetische Untersuchung weist man Erkrankungen wie die Episodische Ataxie Typ 2 nach oder andere Erkrankungen des Kleinhirns wie zum Beispiel das CANVAS-Syndrom, bei dem zusätzlich eine Polyneuropathie und eine bilaterale Vestibulopathie vorliegen.
Die Behandlung von Schwindel richtet sich immer nach der Ursache. Man behandelt medikamentös, physiotherapeutisch oder psychotherapeutisch. Die meisten Formen von Schwindel sprechen gut auf die jeweilige Therapie an. Sie haben eine gute Aussicht auf Heilung oder zumindest auf deutliche Besserung (Prognose). Spezielle Behandlungen gibt es beim Gutartigen Lagerungsschwindel in Form von sogenannten Befreiungsmanövern. Bei einer Neuritis vestibularis beginnt das Gehirn sofort, den Ausfall des Gleichgewichtsnerven auszugleichen. Bei Funktionellem Schwindel klärt man Betroffene zunächst darüber auf, dass es keine körperlichen Gründe für die Erkrankung gibt, um Ängste abzubauen. Danach ist auch ein intensives Gleichgewichts- und Gangtraining hilfreich. Zusätzlich kann man eine kognitive Verhaltenstherapie durchführen.
Bei einer Neuritis vestibularis können Medikamente akute Beschwerden wie Übelkeit oder Erbrechen lindern. Diese sollten Betroffene aber nur kurzzeitig nehmen. Die Mittel machen schläfrig und das verlangsamt die Heilungs- und Trainingsprozesse im Gehirn.
Viele Patienten mit Schwindel haben einen hohen Leidensdruck und sind im Alltag deutlich beeinträchtigt. Bei allen Schwindelursachen ist es daher wichtig, möglichst frühzeitig eine klare Diagnose zu stellen und mit der Behandlung zu beginnen. So lernen die Betroffenen, mit der Situation umzugehen. Bei länger anhaltenden Beschwerden ohne klare Diagnose kommt es häufig zu ängstlichem Vermeidungsverhalten. Die Betroffenen verzichten aus Angst vor dem Schwindel auf Sport, Bewegung und soziale Aktivitäten. In vielen Fällen ist systematisches Gleichgewichtstraining ein wichtiger Teil der Therapie.
Bei akutem Schwindel darf man kein Kraftfahrzeug führen. Die Dauer des Fahrverbots hängt von der Art der Erkrankung ab.
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