Die Medizin ist ein weitläufiges Feld, das sich in zahlreiche Spezialgebiete unterteilt. Zwei dieser Spezialgebiete, die oft miteinander verwechselt werden, sind die Neurologie und die Psychiatrie. Obwohl beide Fachbereiche sich mit Erkrankungen des Nervensystems befassen, unterscheiden sie sich in ihrem Fokus, ihren Diagnosemethoden und ihren Behandlungsansätzen. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen Neurologie und Psychiatrie und gibt einen Überblick über die jeweiligen Behandlungsschwerpunkte und diagnostischen Verfahren.
Was ist Neurologie?
Die Neurologie ist das medizinische Fachgebiet, das sich mit der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems befasst. Dies umfasst sowohl das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) als auch das periphere Nervensystem (Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks), einschließlich ihrer Blutgefäße und aller effektorischen Gewebe wie Muskeln. Neurologen sind Ärzte mit einer abgeschlossenen Facharztausbildung in der Neurologie, die sich auf die Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems spezialisiert haben. Der Begriff "Neurologe" stammt aus dem Griechischen, wobei "neuron" für Nerv und "logos" für Lehre steht.
Behandlungsschwerpunkte in der Neurologie
Das Nervensystem steuert alles, von einfachen motorischen Bewegungen bis hin zu komplexen kognitiven Prozessen. Die Neurologie hat die Aufgabe, Erkrankungen zu adressieren, deren Spektrum von genetisch bedingten Störungen bis hin zu erworbenen Bedingungen reicht. Zu den wichtigsten behandelten Krankheitsbildern gehören:
- Alzheimer-Krankheit und andere Demenzformen: Diese degenerativen Erkrankungen führen zu einem fortschreitenden Gedächtnisverlust und anderen kognitiven Beeinträchtigungen. Sie resultieren aus dem Absterben von Gehirnzellen und anderen pathologischen Veränderungen im Gehirn.
- Parkinson-Krankheit: Eine Bewegungsstörung, die durch Zittern, Steifheit und Schwierigkeiten bei der Bewegung und Koordination gekennzeichnet ist. Sie ist auf den Verlust von Nervenzellen zurückzuführen, die Dopamin produzieren.
- Multiple Sklerose: Eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift, die die Nervenzellen im Zentralnervensystem umgeben. Dies führt zu einer Vielzahl von Symptomen, darunter motorische und sensorische Beeinträchtigungen.
- Epilepsie: Eine Gruppe von Erkrankungen, die durch das Auftreten von wiederholten Anfällen charakterisiert sind. Diese Anfälle sind das Ergebnis von plötzlichen, abnormen elektrischen Aktivitäten im Gehirn.
- Schlaganfall: Tritt auf, wenn die Blutzufuhr zu einem Teil des Gehirns unterbrochen wird, was zu einem plötzlichen Verlust von Gehirnfunktionen führt. Es gibt zwei Haupttypen von Schlaganfällen: ischämische und hämorrhagische. Für die effiziente Behandlung von Schlaganfallpatienten sind spezielle Abteilungen in Krankenhäusern (Stroke Units) unerlässlich.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine fortschreitende neurodegenerative Krankheit, die die Nervenzellen betrifft, die für die Steuerung willkürlicher Muskelbewegungen verantwortlich sind.
- Migräne: Eine Form des Kopfschmerzes, die oft einseitig auftritt und von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm begleitet wird.
- Guillain-Barré-Syndrom: Eine seltene Störung, bei der das Immunsystem die Nervenzellen angreift, was zu Schwäche und oft zu Lähmungen führt.
Diagnostik in der Neurologie
Grundlage für die präzise Erkennung und Behandlung neurologischer Störungen ist eine moderne Diagnostik. Die wichtigsten diagnostischen Instrumente und Methoden, die in der Neurologie verwendet werden, sind:
- Computertomografie (CT): Diese bildgebende Methode verwendet Röntgenstrahlen, um detaillierte Querschnittbilder des Körpers zu erstellen, was besonders nützlich ist, um Probleme im Gehirn und in der Wirbelsäule zu diagnostizieren.
- Magnetresonanztomografie (MRT): MRT nutzt starke Magneten und Radiowellen, um detaillierte Bilder der Organe und Strukturen im Körper zu erzeugen, einschließlich des Gehirns und anderer Teile des Nervensystems.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Diese Methode zeichnet die elektrische Aktivität des Gehirns auf und wird häufig zur Diagnose von Epilepsie und anderen Gehirnstörungen verwendet.
- Lumbalpunktion (Spinaltap): Hierbei wird eine Probe der Zerebrospinalflüssigkeit entnommen, um auf Infektionen, Blutungen oder andere neurologische Zustände zu testen.
- Positronenemissionstomografie (PET): Diese nuklearmedizinische Bildgebungstechnik wird verwendet, um die zelluläre Funktion und den Metabolismus im Gehirn zu beobachten, was bei der Früherkennung von Krankheiten wie Alzheimer hilfreich sein kann.
- Elektromyografie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeit (NCV): Diese Tests messen die elektrische Aktivität in Muskeln und Nerven, um neuromuskuläre Erkrankungen wie ALS zu diagnostizieren.
- Duplexsonographie der hirnversorgenden Arterien: Eine Ultraschalltechnik, die verwendet wird, um den Blutfluss in den Arterien zu beurteilen und Störungen wie Verengungen oder Blockaden zu erkennen.
- Arteriogramm (Angiogramm): Ein Röntgenbild der Arterien und Venen, das verwendet wird, um Verengungen oder Blockierungen in den Blutgefäßen zu identifizieren, insbesondere im Gehirn und Rückenmark.
Facharztausbildung Neurologie
Die Facharztausbildung in der Neurologie in Deutschland ist eine umfassende, fünfjährige Weiterbildung, die tiefgehende Kenntnisse und Fähigkeiten in der Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen vermittelt. Innerhalb dieser Zeit erwerben angehende Fachärzte für Neurologie nicht nur spezifische neurologische Fachkenntnisse, sondern absolvieren auch verpflichtende Weiterbildungsabschnitte in verwandten Disziplinen wie der Psychiatrie. Die Ausbildung erfolgt an von den Landesärztekammern anerkannten Einrichtungen, zu denen Krankenhäuser und spezialisierte Kliniken mit entsprechender Weiterbildungsberechtigung zählen. Teile der Weiterbildung können auch in der ambulanten Versorgung in Praxen und MVZ absolviert werden. Diese Einrichtungen müssen über die nötige Infrastruktur und qualifiziertes Fachpersonal verfügen, um eine adäquate Ausbildung sicherzustellen. Die Befugnis zur Weiterbildung liegt bei qualifizierten Fachärzten, die in den jeweiligen Einrichtungen leitende Funktionen innehaben. Diese Fachärzte tragen die Verantwortung für die strukturierte Vermittlung der Fachkenntnisse, die für die neurologische Patientenversorgung erforderlich sind. Die Befugnis zur Weiterbildung wird formal von den Landesärztekammern erteilt und ist an die Qualifikation der Person und die Infrastruktur einer Einrichtung gebunden.
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Berufliche Perspektiven in der Neurologie
Die Neurologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das aufgrund der alternden Bevölkerung stetig wächst. Der steigende Anteil älterer Menschen führt zu einem erhöhten Bedarf an neurologischer Versorgung, da mit dem Alter häufig neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle, Demenz und Parkinson zunehmen. Dieser demographische Wandel erzeugt eine kontinuierliche Nachfrage nach spezialisierten Fachkräften sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Versorgung. Die Attraktivität des Berufs liegt unter anderem in den vielfältigen Spezialisierungsmöglichkeiten, die hervorragende Berufschancen bieten. Zu diesen Spezialisierungen zählen unter anderem Bereiche wie Schlaganfallmedizin, neuromuskuläre Erkrankungen, Epileptologie und Bewegungsstörungen. Jede dieser Subspezialitäten erfordert tiefgehendes Wissen über spezifische Störungen des Nervensystems und deren Behandlungsstrategien, was Neurologen ermöglicht, sich in einem oder mehreren dieser hochspezialisierten Felder zu etablieren. Die zunehmende Bedeutung der Neurologie wird durch den fortschreitenden medizinischen Fortschritt und die Entwicklung neuer Behandlungsansätze weiter gestärkt. Dies bietet Neurologen nicht nur die Möglichkeit, an der Spitze medizinischer Innovationen zu arbeiten, sondern auch eine führende Rolle in der Erforschung und Anwendung neuer Technologien und Therapien zu übernehmen, die das Potenzial haben, die Lebensqualität von Patienten signifikant zu verbessern. Insgesamt sind die beruflichen Perspektiven für Neurologen sehr positiv, mit einer stabilen Nachfrage nach Fachkenntnissen in einem Bereich, der direkt zur Behandlung und Pflege einer wachsenden Zahl von Patienten beiträgt.
Was ist Psychiatrie?
Das medizinische Fachgebiet der Psychiatrie umfasst per Definition das Wissen, die Erfahrung und die Befähigung zur Diagnostik, Behandlung und Prävention sowie Rehabilitation psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und Störungen - speziell unter Anwendung sozio- und psychotherapeutischer Verfahren. Vereinfacht ausgedrückt beschäftigt sich die Psychiatrie mit allen Gesundheitsstörungen und Auffälligkeiten, welche die Psyche eines Menschen betreffen, seien sie nun seelischen oder körperlichen Ursprungs. Neben der psychischen und der somatischen Dimension muss zudem noch die soziale Dimension mit einbezogen werden, da der Mensch in seiner individuellen Gegebenheit im Kontext eines sozialen Umfeldes steht. Im Laufe der Entwicklung des Faches Psychiatrie haben sich in Deutschland neben dem eigenen Fachgebiet, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und der Psychosomatik u. a.
Behandlungsschwerpunkte in der Psychiatrie
Ein Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie untersucht und behandelt krankhafte Veränderungen und Störungen der Gefühle, des Denkens, aber auch der Stimmungen, des Antriebs, des Gedächtnisses oder des Erlebens und Verhaltens. Dabei geht es einerseits um ein psychologisches Verständnis menschlichen Erlebens und Verhaltens, andererseits aber auch um eine somatische Betrachtung von ursächlich körperlichen Erkrankungen. Im Unterschied zum (nichtärztlichen) „psychologischen Psychotherapeuten“ kann der Psychiater als Arzt auch mögliche körperliche Ursachen von scheinbar psychischen Störungen oder Erkrankungen sowie die Wechselwirkungen von psychischen und körperlichen Faktoren erfassen. Zudem kann er bei Notwendigkeit und entsprechender Indikation auch Medikamente verordnen. Der Psychiater kann einen Patienten also medikamentös oder psychotherapeutisch behandeln, oder meist beides kombinieren, man spricht dann von der integrativen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung. Eine psychische Erkrankung wird als länger andauernde oder wiederholt auftretende erhebliche Abweichung im Erleben oder Verhalten definiert, welche die Bereiche des Denkens, Fühlens und Handelns betrifft. Neben der Abweichung von der Norm sind sowohl der persönliche Leidensdruck für den Betroffenen oder auch die Belastung für die Umwelt weitere Voraussetzungen für das Vorliegen einer psychischen Erkrankung. Psychische Erkrankungen werden immer mehr diagnostiziert und gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Fast jeder zweite Mensch entwickelt mindestens ein Mal in seinem Leben eine relevante psychische Störung. Psychischen Erkrankungen liegen meist mehrere Ursachen (multifaktoriell) zu Grunde. Neben genetischen Faktoren und körperlichen Erkrankungen können aktuelle Lebensereignisse und Lebenssituationen, zurückliegende belastende Ereignisse, seelische Konflikte und zwischenmenschliche Spannungen die Entwicklung einer psychischen Störung fördern.
Diagnostik in der Psychiatrie
Entsprechend der komplexen Entstehung (Genese) von psychischen Erkrankungen und Störungen sind Therapie und Rehabilitation mehrdimensional ausgerichtet - in Form eines vernetzten Systems ambulanter, stationärer, teilstationärer und weiterer übergreifender Versorgungseinrichtungen. Eine optimale Versorgung von Patienten mit psychischen Störungen erfordert die Koordination und Kooperation mit Gebieten wie der der Neurologie und ähnlichen Disziplinen, der psychosomatischen Medizin, der Allgemeinmedizin, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie der klinischen Psychologie. Psychische Erkrankungen werden mit Psychotherapie oder Arzneimitteln (Pharmakotherapie) bzw. häufig durch die Kombination beider Therapieverfahren behandelt. Welche Verfahren im Einzelfall zum Einsatz kommen, hängt von der jeweiligen Erkrankung bzw. Störung und auch von den Präferenzen des Betroffenen ab. Bei mittelschweren und schweren Erkrankungen kombiniert man meist Medikamente und Psychotherapie, bei leichteren Erkrankungen wird dagegen eher eine rein psychotherapeutische Beratung bzw. Im Sinne der Qualitätssicherung im Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie werden seit vielen Jahren von den Fachgesellschaften praxisbezogene Leitlinien erstellt. Psychiatrische Diagnosen werden heute aufgrund internationaler Übereinkünfte gestellt - zunächst ohne dass damit etwas über die Ursachen der Erkrankungen ausgesagt wird. Die Diagnosesysteme ordnen psychische Krankheiten nach ihren Symptomen, d.h. sie beschreiben lediglich ihr Erscheinungsbild und machen keine Aussage über die Ursache einer Erkrankung. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, engl.: International Statistical Classification of Diseases, Injuries and Causes of Death) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikations- und Verschlüsselungssystem. In Deutschland sind die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte und ärztlich geleiteten Einrichtungen dazu verpflichtet, Diagnosen nach ICD-10 zu verschlüsseln. Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM, engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (APA). Das DSM-IV ist ein Ersatz und/oder eine Ergänzung für die jeweiligen Passagen im ICD-10.
Facharztausbildung Psychiatrie
Eine Facharztweiterbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten beinhaltet neben der medizinischen Grundausbildung und Absolvierung des Staatsexamens weitere fünf Ausbildungsjahre - vier Jahre entfallen auf die klinisch-psychiatrische und psychotherapeutische Weiterbildung, ein Jahr auf eine stationäre neurologische Weiterbildung.
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Psychologe vs. Psychiater
Die Berufsbezeichnung „Psychologe“ darf nur von Personen geführt werden, die über den Abschluss eines Hochschulstudiums in Psychologie verfügen. Die Psychologie ist eine eigenständige empirische Wissenschaft, während die Psychiatrie ein Teilgebiet der Medizin ist. Die Psychologie beschreibt und erklärt das Erleben und Verhalten des Menschen, seine Entwicklung im Laufe des Lebens sowie sämtliche dafür maßgeblichen inneren und äußeren Faktoren und Bedingungen. Während des Hauptstudiums werden Kenntnisse über die seelisch-körperliche Gesundheit und Krankheit sowie Grundlagen der wissenschaftlichen Psychotherapie vermittelt. Seit 1999 ist die Fachbezeichnung "Psychotherapie" gesetzlich geregelt und geschützt. Ärzte und Psychologen können eine entsprechende Weiterbildung nach Abschluss ihres Studiums absolvieren. Die Fachärzte für (Kinder- und Jugend)Psychiatrie und Psychotherapie bzw. der Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie erwerben die als Psychotherapeut notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen im Rahmen ihrer Facharzt-Weiterbildung nach Abschluss des Studiums. Der Psychologe erlangt dieses Wissen nach seinem Diplom nach entsprechendem Studium in Form einer mehrjährigen Weiterbildung. Anders als der Arzt darf er z.B. keine körperliche Untersuchung durchführen und keine Medikamente verordnen.
Psychiater und Psychotherapeuten
Psychiater sind Fachärztinnen für Psychiatrie (und Psychotherapie). Sie haben also nach dem Medizinstudium noch einige Jahre Weiterbildung in der Psychiatrie und Psychotherapie sowie eine Facharztprüfung absolviert. Niedergelassene Psychiater/innen in einer Praxis werden beim ersten Termin in der Regel eine ausführliche Anamnese machen, bei der die Biographie sowie die Krankengeschichte erhoben wird (wann haben welche Symptome begonnen und sich wie weiterentwickelt). Danach werden gegebenenfalls noch einige psychologische und/oder neurologische Tests gemacht, um andere Diagnosen auszuschließen. Sobald die Diagnose und Ursache klar ist, wird dies mit den Betroffenen besprochen und ein Behandlungsvorschlag gemacht. Ist eine medikamentöse Behandlung notwendig, wird das Medikament in der Regel zunächst langsam aufdosiert. Wenn - was nicht selten vorkommt - ein Antidepressivum bzw. stimmungsstabilisierendes Medikament nicht den erwünschten Erfolg zeigt, wird nach einigen Wochen ein neuer Versuch mit einem anderen Wirkstoff gestartet. Sind die Medikamente gut eingestellt, erfolgt üblicherweise ein Besuch einmal pro Monat oder pro Quartal. Bei diesem Termin werden in der Regel die Blutwerte kontrolliert, die Frühwarnsignale sowie die Höhen und Tiefen seit dem letzten Termin erfragt. Liegt ein Stimmungstagebuch vor, wird dies besprochen. Eine Gesprächstherapie findet hier jedoch in der Regel nicht statt. Psychiater/innen können jedoch auch als ärztliche Psychotherapeutinnen arbeiten. Dann erfolgt nach Antragstellung bei der Krankenkasse ebenfalls eine Gesprächstherapie mit Terminen von meist einmal pro Woche über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren.
Psychologen und Psychotherapeuten
Psychologinnen haben mindestens 5 Jahre Psychologie an der Universität studiert. Während des Studiums wurden hier unter anderem Diagnostik und Grundlagen der Psychotherapie/Gesprächsführung gelernt. Psycholog/innen führen häufig die testpsychologische Diagnostik durch, geben Beratung oder führen therapeutische Gespräche. Psychotherapeut/innen sind Psycholog/innen und machen nach dem Studium noch eine drei- bis fünfjährige Zusatzausbildung zu Psychologischen Psychotherapeutinnen. Im Rahmen dieser Ausbildung müssen sie mindestens ein Jahr in der Psychiatrie arbeiten, ein halbes Jahr in der Psychosomatik, 600 Theoriestunden sowie 600 Einzelpsychotherapiestunden unter Supervision absolvieren. Supervision bedeutet, dass die Therapeutinnen regelmäßig mit einem erfahrenen Therapeuten den Verlauf und die Probleme der Therapie besprechen. Dadurch wird auch bei Therapeutinnen in Ausbildung eine qualifizierte Therapie gewährleistet. In der Therapieausbildung müssen die Therapeut*innen einen Schwerpunkt wählen: Kognitive Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch Fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse oder Systemische Therapie. Welche Therapieform für Sie die hilfreichste ist, kann in einem Erstgespräch ermittelt werden.
Neurologe vs. Psychiater
Neurologinnen befassen sich im Allgemeinen eher mit körperlichen Störungen des Nervensystems und weniger mit seelischen Erkrankungen. Es gibt auch Fachärztinnen, die sowohl Neurologinnen als auch Psychiaterinnen sind - sie können also sowohl körperliche als auch seelische Erkrankungen behandeln. Medikamente können nur von Ärztinnen oder Ärzten verschrieben werden, also von PsychiateiInnen oder Neurologinnen. Psychologinnen ohne ärztliche Ausbildung haben dazu bisher keine Berechtigung. Nicht selten werden Betroffene von zwei Fachleuten betreut, meist Psychiaterin und Psycholog*in. Es erfolgt dann auf der einen Seite die medikamentöse und auf der anderen Seite die psychotherapeutische Seite der Therapie.
Versorgungsprobleme in der neurologischen und psychiatrischen Versorgung
Eine Studie zeigt die Schwachstellen in der Versorgung von Menschen mit Multipler Sklerose, Demenz und Schizophrenie auf: Nach Erstdiagnose und Krankenhausaufenthalt dauert es teils sehr lange, bis die Patienten weiterbehandelt werden. Und: Die Versorgung variiert regional deutlich. Die Patientenversorgung in Deutschland orientiert sich nicht in erster Linie an therapeutischen Anforderungen. Stattdessen wird sie durch „strukturelle Unterschiede der regionalen Angebotskapazität“ bestimmt. Zu diesem Ergebnis kommen Autoren des IGES-Instituts, die die Versorgung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS), mit Demenz und mit Schizophrenie untersucht haben. In Auftrag gegeben wurde die Studie „Neurologische und psychiatrische Versorgung aus sektorenübergreifender Perspektive“ von den Berufsverbänden der Nervenärzte, der Neurologen und der Psychiater sowie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Grundlage der Untersuchung waren die Daten von 250 000 Versicherten der Barmer GEK aus den Jahren 2008 bis 2010. Die erste Erkenntnis der Autoren lautet: Fachärzte für Neurologie, Nervenheilkunde beziehungsweise Psychiatrie übernehmen zu einem Großteil die Versorgung der untersuchten Patientengruppen. 94 Prozent der MS-Patienten sowie 80 Prozent der Schizophreniepatienten werden ausschließlich oder unter Beteiligung dieser Fachärzte ambulant behandelt. Bei Demenzkranken sind es 57 Prozent. Jedoch nur bei einem von fünf Demenzkranken wird die Erstdiagnose von einem dieser Fachärzte gestellt. „Angesichts eines hohen Anteils unspezifischer Demenzdiagnosen erscheint die Beteiligung der Fachärzte hier ausbaufähig“, befinden die Autoren der IGES-Studie. Wie wichtig eine sektorenübergreifende Versorgung ist, zeigt sich insbesondere bei schwerwiegenden Erkrankungen. So umfasste die Behandlung von 86 Prozent der MS-Patienten mindestens drei der folgenden Versorgungsbereiche: Hausarzt, Facharzt, Arzneimittel, stationär, Pflege und Rehabilitation. Gleiches gilt für je drei von vier Schizophrenie- und Demenzpatienten. Leistungen aus mindestens vier dieser Versorgungsbereiche erhielten 40 Prozent der Demenz-, 36 Prozent der MS- und 27 Prozent der Schizophreniepatienten.
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Lange Wartezeiten
Probleme bei einer vertragsärztlichen Versorgung nach der Erstdiagnose zeigten sich vor allem bei Demenzkranken: Nur einer von vier Patienten wurde innerhalb von sechs Wochen nach der Erstdiagnose von einem Neurologen, einem Nervenarzt oder einem Psychiater behandelt. Bei Schizophrenen war es einer von drei, bei MS-Patienten jeder Zweite. Zahlreiche Patienten wurden in den ersten sechs Wochen nach ihrer Erstdiagnose weder von einem der genannten Fachärzte noch von einem Hausarzt oder in einem Krankenhaus betreut: 22 Prozent der Schizophrenie-, 16 Prozent der MS- und zwölf Prozent der Demenzpatienten. Die Zeit bis zum ersten Facharztkontakt nach Erstdiagnose sei dabei umso kürzer, je mehr niedergelassene Fachärzte in einer Region tätig seien, erklärt das IGES-Institut. Die Daten der Barmer GEK haben zudem ergeben, dass die Versorgung der Patienten in Deutschland regional sehr unterschiedlich ist. Besonders zeigt sich dies bei Multipler Sklerose: 21 Prozent der MS-Patienten wurden im Jahr 2010 mindestens einmal infolge ihrer MS-Erkrankung stationär behandelt. Am wenigsten Patienten waren es in Hamburg (13 Prozent), Schleswig-Holstein (16 Prozent) und Niedersachsen (17 Prozent) - am meisten in Brandenburg (27 Prozent), Thüringen (31 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (37 Prozent). Dabei wurden die Patienten umso seltener stationär behandelt, je mehr Neurologen, Nervenärzte und Psychiater in der Region niedergelassen waren beziehungsweise je höher ihr Anteil an den Behandlungsfällen war.
Probleme beim Übergang von stationär zu ambulant
Probleme gibt es auch beim Übergang aus dem stationären in den ambulanten Bereich. Etwa die Hälfte aller MS- und Schizophrenie-Patienten wurde vier Wochen nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem sie aufgrund dieser Erkrankungen behandelt wurden, nicht von einer der drei untersuchten Facharztgruppen behandelt. Weitere 15 Prozent der MS- und 21 Prozent der Schizophrenie-Patienten wurden in diesem Zeitraum auch nicht von ihrem Hausarzt betreut.
Kaum Anschluss-Rehas
Die Autoren der Studie haben auch untersucht, wie oft Patienten eine stationäre oder ambulante Anschlussrehabilitation erhalten haben. Das Ergebnis: Praktisch überhaupt nicht. Weniger als ein Prozent der MS-Patienten erhielten im Jahr 2010 eine stationäre Anschlussrehabilitation; bei Demenz- und Schizophreniepatienten lagen die Zahlen im Promillebereich. Bei der Behandlung der MS erscheine ein solch geringer Reha-Anteil unter therapeutischen Gesichtspunkten als kritisch, da die Rehabilitation als Bestandteil von multimodalen Komplexbehandlungen bei MS-Patienten zu einer relevanten Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit und Reduzierung der Pflegebedürftigkeit führen könne, heißt es in der Studie.
Die Rolle der Psychosomatik
Im Fachgebiet der Psychosomatik geht es um psychische Erkrankungen, die auch einen körperlichen Ausdruck bekommen. Dazu gehören chronische Schmerzen, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, kardiale Beschwerden, also des Herzens, aber auch der Lunge. Die Psychosomatiker müssen während der Ausbildung ein Jahr in einem somatischen Fachbereich lernen.
Zusammenarbeit und interdisziplinäre Versorgung
Eine optimale Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Störungen erfordert die Koordination und Kooperation mit Gebieten wie der Allgemeinmedizin, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie der klinischen Psychologie. In der Praxis verbinden sich die Dinge oft, und viele Kliniken leiten psychiatrische und psychosomatische Abteilungen gemeinsam.
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